7. April 2024

Elsa Gindler und Moshé Feldenkrais

Entwicklung kann als Weg zur eigenen Reife verstanden werden, aber auch als Perfektionierung einer einzelnen Fähigkeit. Harmonie, als Ergebnis eines fortlaufenden Prozesses der Vereinigung zwischen Körper und Geist, war für Elsa Gindler sehr wichtig, um in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft ein ausgeglichenes Leben zu führen. Elsa Gindler wird oft auch mit Moshé Feldenkrais in Verbindung gebracht. Im folgenden möchte ich auf Elsa Gindlers Leben und ihre Arbeit eingehen und einen sehr kurzen Überblick geben.

Wer war Elsa Gindler?

1939 formulierte Heinrich Jacoby folgende Sätze über Elsa Gindler:

“… Hier war der Versuch einer Erziehung von der Seite des Körpers her, bei dem die bewusste Auseinandersetzung mit den in jedem Menschen latenten, ordnenden Tendenzen des Organismus zur Grundlage aller Arbeit gemacht wurde. Anstatt den Körper nach ästhetischen, formalen, optisch bestimmten Vorbildern und “Idealen”, mit durch Kommandos oder Rhythmen “geordneten” Bewegungsübungen verbessern zu wollen, stand hier im Mittelpunkt aller pädagogischen Bemühungen das Sich-Erarbeiten einer wachen Beziehung zu den ordnenden und regenerierenden Prozessen des eigenen Körpers aufgrund bewussten Zustandsempfindens. …” (Ludwig, 2022, S. 54)

Elsa Gindler, als junger Mensch sehr krank, von den Ärzten aufgegeben, von den Eltern finanziell nicht unterstützt, trotzdem unermüdlich im Forschen und Suchen nach Gesetzmäßigkeiten und leibseelischen Zusammenhängen, schaffte es ihre eigene Methode zu gründen. Suchend nach einer erfüllenden Tätigkeit, mit einer hohen Wachheit und Empfindsamkeit für die Natur und den Menschen, ging sie voll und ganz, ihrem ursprünglichen Bedürfnis entsprechend, dem Erkunden und verantwortlichen Gestalten des Lebens nach. Angestoßen durch ein Buch “Harmonische Gymnastik” von Frau Kallmeyer und regen Gesprächen mit den Atemlehrerinnen Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, suchte sie bei einem durchgebildeten Körper immer auch schöne Bewegungen. Sie hatte doch ein sehr ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Eine bestimmte Art zu fragen, nämlich nach den in unserer Struktur bedingten Möglichkeiten des Sich-Bewusst-Erfahrens, war ihr ständiger Wegbegleiter, welchen sie auch an ihre Schüler weiterreichte.

Elsa Gindler ́s Körperarbeit

Elsa Gindlers (1885 – 1961) Arbeit handelt nicht vom Erlernen bestimmter Bewegungen, sondern von dem Erreichen einer bestimmten Konzentration und der dazugehörigen Erforschung der Bewegungen. Durch die Konzentration können wir es schaffen mit Körper und Seele in Übereinstimmung zu funktionieren. Das macht das Bewusstsein in dieser Arbeit so wichtig. Sie spricht davon, uns komplett zu benutzen, unsere Gefühle, unseren Geist, unseren Körper. Dies dient dann dazu die Intelligenz eines Menschen zu erhöhen. Durch das Erforschen kommen immer neue Bewegungen zustande. Ich lerne, wie ich mich besser bewegen kann. Ich lerne mich näher kennen, ich werde Meister meiner eigenen Bewegungen. Mit leichten und einfachen Bewegungen gilt es an das Ziel zu kommen.

Das Ziel kann bei Elsa Gindlers Arbeit als ein Klarkommen mit den Anforderungen der Gesellschaft verstanden werden. Es soll darum gehen, den Menschen so zu schulen, das er alltägliche Dinge mit Leichtigkeit ausübt. Als Babys und Kleinkinder besitzen Menschen noch die Fähigkeit sich leicht zu bewegen. Der Wechsel von Spannung und Entspannung scheint noch ganz natürlicher Art zu sein, doch dann wird der Mensch älter und immer mehr Spannungen bauen sich auf. Es wird sich nicht mehr richtig Zeit genommen für alltägliche Tätigkeiten, wie das Zähneputzen, das Binden der Schuhe, etc. Alles muss schnell gehen. Diese Hast wirkt sich nicht nur auf den Körper aus, sondern auf den ganzen Menschen, sein Gemüt, sein Fühlen, sein Denken. Kleinkinder besitzen noch die Fähigkeit schöpferisch auf die Umwelt zu reagieren. Doch jedes Kind hat auch Vorbilder, Eltern, welche es nach ihren Gutdünken erziehen möchten und hier wird der natürliche Fluss der Entwicklung unterbrochen. Doch mit bewusster Beschäftigung von Bewegungen kann der Mensch wieder zu sich finden. Es ist das “Wie” der Bewegung, welches entscheidend ist, nicht die Bewegung in ihrer Quantität an sich. Beim Deutschen Gymnastikbund sagte sie einst, das es an der Zeit wäre, die Laufleistung nicht mehr an Zeit und Distanz zu messen, sondern an der individuellen Verfassung des Menschen beim Beenden des Laufes.

Atmung, Entspannung und Spannung

Ihre Arbeitsweise der Gymnastik bedient sich dreier Medien, der Atmung, der Entspannung und der Spannung. Erfolgreiche, oder in anderen Worten ausgedrückt, gut organisierte Menschen besitzen eine wunderbare Zusammenarbeit des Aktiv- und des Passivseins, welchen die Atmung als Grundlage dient.

Die Atmung, in ihr Vollkommenheit, in ihren 4 Phasen (Einatmung, Ruhe, Ausatmung, Ruhe) ausgeführt, sind von enormer Wichtigkeit. In den Pausen soll man nie den Atem anhalten, sondern sich lebendig auf den nächsten Schritt einlassen. Die Entspannung lässt sich am leichtesten zusammen mit der Schwerkraft erlernen. Wir lernen zu fühlen, welche Auswirkungen diese Schwerkraft auf all unsere Glieder hat. Aus diesem Grunde hilft ein Korrigieren von außen wenig, denn der Mensch als Ganzes darf sich einem Lernprozess hingeben, um zu wachsen.

Wenn nun die Atmung und die Entspannung in Harmonie miteinander sind, kann ein Mensch sich erst auf Spannung einlassen. Denn nur wer entspannt ist, kann auch anspannen. Man könnte auch sagen, denn nur wer ruhig ist, kann auch aktiv werden. Mit Ruhe ist hier nicht das Adjektiv “schlaff” bei der Körperhaltung oder das Adjektiv “bequem” bei der Geisteshaltung gemeint, sondern ein entspanntes Bei-Sich-Sein, ein Bereitsein, wenn die Situation es erfordert. Dieses Bereitsein hat natürlich auch mit Regeneration zu tun, wenn genau diese Regeneration gebraucht wird. Wir sprechen hier vom Schlaf. Im Schlafe sollen wir schlafen und uns nicht mit den Spannungen des Tages in der Nacht herumwälzen. Denn nur wer sich richtig regeneriert, kann auch entspannt sein und nur wer ruhig ist kann auch anspannen.

Fazit

Viele Wege führen nach Rom. Elsa Gindler hat durch ihren beständigen Forschergeist ihre Methode immer mehr verfeinert und hier dabei den ganzen Menschen ins Blickfeld genommen. Es ging ihr nicht primär um die Bewegungen an sich, sondern um die Arbeit mit dem Menschen. Es ging ihr darum den Menschen zu befähigen, die Aufgaben des Lebens mit mehr Leichtigkeit anzugehen und zu meistern. Die Arbeit Elsa Gindlers hat gewiss mehrere Parallelen mit der Arbeit von Moshé Feldenkrais. Für Moshé Feldenkrais war Bewegung Mittel zum Zweck. Ihm ging es nicht um den flexiblen Körper, sondern um den flexiblen Geist. Primär ging es um die Menschwerdung, um die Reifung hin zu einem selbstverantwortlichen und proaktiven Menschen, der situationsgerecht angemessen handeln kann.

Literatur:

  • Johnson, Don Hanlon (1995). Bone, Breath, and Gesture: Practices of Embodiment Volume 1. Berkeley: North Atlantic Books
  • Ludwig, Sophie (2002). Elsa Gindler – von ihrem Leben und Wirken. Hamburg: Christians Verlag

Bilder

  • Elsa Gindler: Mit freundlicher Genehmigung der Heinrich Jacoby – Elsa Gindler – Stiftung, Teplitzer Str. 9, 14193 Berlin

7. April 2024

Der vertrauensvolle Gorilla

Selbstvertrauen, eine nicht unerhebliche Sache, wenn nicht sogar eine der wichtigsten Sachen im Leben. Es mag viel über Kontrolle laufen, also über den Kopf, doch der Bauch ist dabei ausgeschaltet, der Körper nicht dabei, leider. Schwieriger wird es noch, wenn einst das Urvertrauen in der frühen Kindheit nicht aufgebaut werden konnte. So tut sich dann der ein oder andere erwachsene Mensch schwer, Vertrauen in das Leben, in andere Menschen, in sich selbst, und in die Zukunft zu finden.

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7. April 2024

Bloßes Zeitvergehen

Die kürzeste, schönste und fremdartigste Erregtheit des Tages? Ich gehe weiter und spreche den Satz leise vor mich hin und merke dabei, daß er mir mehr als andere gefällt. Ich bleibe stehen, hole mein Notizbuch heraus und notiere den Satz. Und während ich ihn niederschreibe, kehrt die den Amselblicken verdankte Erregung zurück, und ich spüre, der Traum des Schreibens ruht auf einer Beleihung dessen, was ich sehe und höre und unablässig verwandle, auf einem offensiven und zugleich heimlichen Pakt mit allem, was sich ringsum ereignet, einem Pakt, der nichts als die Erwartung verlangt, daß wir überall auf Bilder und Eingebungen hoffen dürfen, die unserer Bedürftigkeit antworten und uns für die Dauer der Antwort von dieser Bedürftigkeit befreien.

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