Kennst du das? Du betrittst einen Raum und merkst sofort, dass irgendetwas anders ist. Die Stimmung ist angespannt. Jemand wirkt nervös, spricht schneller als gewöhnlich oder bewegt sich unruhig. Vielleicht kannst du gar nicht genau sagen, woran es liegt. Und doch verändert sich etwas in dir. Deine Atmung wird flacher, deine Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf das Geschehen und eine gewisse innere Unruhe macht sich breit. Interessanterweise muss dieser Stress gar nicht von dir selbst ausgehen. Wir sprechen häufig über Stress als etwas, das durch unsere eigenen Gedanken, Bewertungen oder äußeren Anforderungen entsteht. In meinem Artikel Die Kultur des Stresses habe ich bereits beschrieben, dass Stress nicht ausschließlich ein individuelles Problem ist, sondern immer auch im sozialen und gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden muss. In anderen Artikeln, etwa über Interozeption als Prädiktor von Emotionsregulation? oder Bewegung als Schlüssel zur Emotionsregulation, habe ich mich mit der Frage beschäftigt, wie eng unser körperliches Erleben und unsere psychische Verfassung miteinander verbunden sind.
Doch lässt sich diese Verbindung noch weiterdenken? Die Forscher Veronika Engert, Roman Linz und Joshua A. Grant (2019) beschäftigen sich in ihrem Artikel Embodied stress: The physiological resonance of psychosocial stress mit einem faszinierenden Phänomen: der physiologischen Resonanz von Stress. Ihre Arbeit beschreibt, wie Menschen auf die Stressreaktionen anderer nicht nur emotional oder gedanklich, sondern auch körperlich reagieren können. Dabei können sich beispielsweise Veränderungen des autonomen Nervensystems und der Stresshormonregulation zwischen Menschen widerspiegeln. Stress bekommt damit eine soziale Dimension, die weit über das hinausgeht, was wir gewöhnlich unter Ansteckung verstehen. Wir nehmen nicht einfach wahr, dass es einem anderen Menschen schlecht geht. Unser eigener Organismus kann auf dessen Zustand reagieren. Aus einer Embodiment-Perspektive eröffnet das eine spannende Frage. Wie sehr ist unser körperliches Erleben eigentlich mit dem Erleben anderer Menschen verbunden? Vielleicht erklärt sich dadurch auch, weshalb manche Begegnungen Kraft kosten, während andere uns zur Ruhe kommen lassen. Weshalb wir uns in bestimmten Beziehungen zunehmend angespannt fühlen und in anderen leichter atmen können. Und weshalb Selbstregulation manchmal eben nicht nur eine Frage dessen ist, was wir selbst tun, sondern auch davon abhängt, in welchem sozialen Umfeld wir uns bewegen. In diesem Artikel möchte ich die Erkenntnisse von Engert und Kollegen näher betrachten und der Frage nachgehen, wie Stress zwischen Menschen körperlich wirksam werden kann. Dabei interessiert mich insbesondere, was diese physiologische Resonanz für unser Verständnis von Embodiment, Selbstregulation und zwischenmenschlicher Beziehung bedeutet. Eine wichtige Präzisierung vorweg. Embodiment bedeutet in dieser Studie nicht primär, dass eine bestimmte Körperhaltung Stress verstärkt oder reduziert. Es geht vor allem darum, dass psychosozialer Stress eine körperlich messbare Resonanz zwischen Menschen auslösen kann. Wenn sich die Quintessenz der Studie in einem Satz sagen lässt, dann wäre es wahrscheinlich dieser hier: Stress ist nicht immer ausschließlich eine individuelle Reaktion auf die eigene Situation; Menschen können auch körperlich auf den Stress anderer reagieren, möglicherweise über Prozesse, die mit Empathie, sozialer Nähe und der Wahrnehmung anderer Menschen zusammenhängen.
Was bedeutet „Embodied Stress“?
Der Begriff embodied stress lässt sich als „verkörperter Stress“ übersetzen. Im Zentrum steht die Annahme, dass psychosozialer Stress nicht ausschließlich innerhalb einer einzelnen Person entsteht und bleibt. Er kann sich auch im Körper eines Menschen zeigen, der die stressige Situation gar nicht selbst erlebt. Stellen wir uns eine alltägliche Situation vor. Du sitzt in einem Besprechungsraum. Eine Kollegin muss eine wichtige Präsentation halten. Du selbst musst nichts vortragen, stehst unter keinem direkten Leistungsdruck und hast dich auf die Sitzung gut vorbereitet. Trotzdem bemerkst du, dass du zunehmend angespannt bist. Du hältst den Atem an, deine Schultern ziehen sich hoch, dein Herz schlägt schneller, und du wirst innerlich unruhig. Was ist passiert? Möglicherweise hast du die Anspannung deiner Kollegin wahrgenommen. Du hast ihre Mimik, ihre Stimme, ihre Bewegungen oder die Situation insgesamt als stressgeladen interpretiert. Diese Wahrnehmung könnte bei dir wiederum eine eigene Stressreaktion ausgelöst haben. Die zentrale Idee von Engert et al. (2019) ist, dass solche Reaktionen nicht nur auf der Ebene subjektiver Gefühle betrachtet werden sollten. Die Stressreaktion eines Menschen kann mit messbaren physiologischen Veränderungen bei einem anderen Menschen einhergehen. Die Autoren beschäftigen sich damit, wie sich diese körperliche Resonanz erklären lässt, unter welchen Bedingungen sie auftritt und welche Bedeutung sie für unsere Gesundheit haben könnte. Wichtig ist allerdings: Nicht jede Anspannung beim Beobachten eines anderen Menschen beweist bereits eine physiologische Stressübertragung. Um diese nachzuweisen, müssen die körperlichen Reaktionen der beteiligten Personen angemessen gemessen und miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Was wollten die Autoren herausfinden?
Die Arbeit ist ein wissenschaftlicher Review. Die Autoren führen also keine einzelne neue experimentelle Untersuchung durch, sondern sichten und diskutieren bestehende Forschungsergebnisse. Sie verbinden dabei drei Forschungsbereiche:
- Stressforschung: Wie reagiert der menschliche Organismus auf psychosoziale Belastungen?
- Empathieforschung: Wie nehmen wir die Gefühle und Zustände anderer Menschen wahr, und wie reagieren wir darauf?
- Physiologische Resonanz: Unter welchen Bedingungen spiegelt sich der Stress einer Person in körperlichen Reaktionen einer anderen Person wider?
Die übergeordnete Frage lautet: Kann die Begegnung mit dem Stress eines anderen Menschen bei uns selbst eine körperliche Stressreaktion auslösen, und welche Bedeutung könnte dieser Prozess für unser alltägliches Stresserleben haben? Diese Frage ist relevant, weil die klassische Betrachtung von Stress häufig bei der einzelnen Person ansetzt. Ein Mensch erlebt eine belastende Situation, bewertet sie als bedrohlich oder herausfordernd und reagiert körperlich darauf. Engert et al. erweitern diese Perspektive. Stress kann auch in sozialen Beziehungen entstehen oder verstärkt werden. Eine Person muss nicht selbst im Mittelpunkt eines belastenden Ereignisses stehen, um davon physiologisch beeinflusst zu werden. Das ist besonders interessant, wenn wir verstehen wollen, warum Menschen sich nach bestimmten Begegnungen erschöpft, angespannt oder unruhig fühlen, obwohl ihnen selbst scheinbar nichts Belastendes widerfahren ist. Die Autoren verstehen die physiologische Resonanz auf den Stress anderer als ein noch relativ junges Forschungsgebiet. Sie betonen zugleich, dass die Studien methodisch unterschiedlich vorgehen und dass deshalb nicht alle Ergebnisse unmittelbar miteinander vergleichbar sind.
Was passiert im Körper, wenn wir Stress erleben?
Um die Bedeutung der Studie zu verstehen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die biologischen Grundlagen. Stress ist zunächst keine Fehlfunktion. Die Stressreaktion ist ein Anpassungsmechanismus, der uns dabei hilft, auf Anforderungen, Herausforderungen und potenzielle Gefahren zu reagieren. Wenn wir eine Situation als relevant, herausfordernd oder bedrohlich wahrnehmen, werden verschiedene körperliche Regulationssysteme aktiviert. Zwei davon sind für die Arbeit besonders wichtig. Da wäre das sympathische Nervensystem. Das sympathische Nervensystem ist ein zentraler Bestandteil der schnellen körperlichen Aktivierung. In einer stressigen Situation können beispielsweise folgende Veränderungen auftreten: die Herzfrequenz steigt, die Atmung verändert sich, die Schweißproduktion nimmt zu, die Muskelaktivität und körperliche Bereitschaft verändern sich, die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf die aktuelle Situation. Diese Reaktionen unterstützen die unmittelbare Handlungsfähigkeit. Sie sind nicht grundsätzlich schädlich. Problematisch wird es eher dann, wenn Belastungen häufig auftreten, Erholungsphasen fehlen oder die körperliche Aktivierung über längere Zeit bestehen bleibt.
Ein weiteres zentrales Stresssystem ist die sogenannte HPA-Achse. Die Abkürzung steht für Hypothalamus-Pituitary-Adrenal Axis (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse). Sie beschreibt eine hormonelle Regulationskette, an der der Hypothalamus, die Hypophyse und die Nebennierenrinde beteiligt sind. Bei einer entsprechenden Stressreaktion kann unter anderem das Hormon Cortisol freigesetzt werden. Cortisol unterstützt verschiedene Anpassungsprozesse, beispielsweise die Bereitstellung von Energie. Dabei ist wichtig, dass Cortisol und die schnelle autonome Aktivierung nicht identisch sind. Sie können unterschiedliche zeitliche Verläufe zeigen und müssen nicht immer in gleicher Weise reagieren. Für die Untersuchung von Stress bedeutet das: Eine einzige Messgröße reicht nicht unbedingt aus, um die gesamte Stressreaktion eines Menschen zu erfassen. Engert et al. (2019) greifen diese Mehrdimensionalität auf. Sie betrachten die physiologische Stressreaktion als ein Zusammenspiel verschiedener Systeme und diskutieren, wie sich diese Reaktionen zwischen Menschen widerspiegeln können. Der entscheidende Übergang zur Embodiment-Perspektive besteht darin, dass die Stressreaktion nicht nur im Zusammenhang mit der eigenen Belastung untersucht wird, sondern auch im Zusammenhang mit dem Stress anderer Menschen.
Die zentrale Unterscheidung: Empathischer Stress und Stressresonanz
Eine der wichtigsten Unterscheidungen für das Verständnis der Arbeit betrifft die Frage, was genau zwischen zwei Menschen geschieht. Die Begriffe empathischer Stress, Stressansteckung und Stressresonanz werden in der Forschung teilweise unterschiedlich verwendet. Engert et al. (2019) diskutieren diese Begriffsvielfalt ausdrücklich. Für das Verständnis des Artikels sind insbesondere zwei Perspektiven hilfreich. Die erste Perspektive betrifft empathischen oder stellvertretenden Stress. Ein Mensch kann selbst Stress erleben, während er beobachtet, wie eine andere Person eine belastende Situation durchlebt. Du beobachtest, wie ein Kollege vor einer wichtigen Prüfung zunehmend nervös wird. Du fühlst mit ihm, machst dir Sorgen oder wirst selbst unruhig. Deine eigene Stressreaktion muss dabei nicht exakt der Reaktion deines Kollegen entsprechen. Du kannst angespannt sein, obwohl seine körperliche Aktivierung anders verläuft. Der entscheidende Punkt ist: Die Beobachtung einer belasteten Person kann selbst zum Auslöser einer Stressreaktion werden. In der Literatur wird hierfür unter anderem der Begriff vicarious stress verwendet, also stellvertretend erlebter Stress.
Die andere Perspektive betrifft die physiologische Stressresonanz. Von Stressresonanz spricht man in einem engeren Sinn, wenn die physiologischen Stressreaktionen zweier Menschen miteinander zusammenhängen. Beispielsweise wird eine Person einer standardisierten Stresssituation ausgesetzt, während eine andere Person diese Situation beobachtet. Forschende messen anschließend körperliche Stressindikatoren bei beiden Personen und untersuchen, ob deren Verläufe zusammenhängen. Das ist etwas anderes als lediglich festzustellen, dass die beobachtende Person angespannt ist. Bei einer physiologischen Resonanz geht es um den Zusammenhang zwischen den Reaktionen der beiden Personen. Vereinfacht dargestellt wäre es wie folgt: Person A erlebt eine Stresssituation. Person B beobachtet oder nimmt die Belastung von Person A wahr. Bei Person B tritt möglicherweise ebenfalls eine körperliche Stressreaktion auf. Forschende prüfen, ob und wie die physiologischen Reaktionen von A und B miteinander zusammenhängen. Ein solcher Zusammenhang kann beispielsweise anhand von Cortisol oder Indikatoren der autonomen Aktivität untersucht werden. Allerdings beweist eine zeitliche oder statistische Übereinstimmung allein noch nicht, dass die Stressreaktion von A unmittelbar diejenige von B verursacht hat. Auch gemeinsame Umweltbedingungen, die Art der Situation und die wechselseitige soziale Interaktion können eine Rolle spielen.
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig. Sie verhindert eine häufige Überinterpretation. Wenn du dich nach einem Gespräch mit einer gestressten Person unwohl fühlst, bedeutet das nicht automatisch, dass du exakt ihren Stress übernommen hast. Du könntest ihre Anspannung wahrgenommen und die Situation als belastend bewertet haben. Du könntest dich um sie sorgen oder selbst an eigene Schwierigkeiten erinnert worden sein. Dein Körper reagiert dann auf deine eigene Verarbeitung der Situation. Die Stressresonanz-Forschung fragt deshalb nicht nur, ob eine Person auf den Zustand einer anderen reagiert, sondern auch, wie sich diese Reaktion körperlich zeigt und in welchem Verhältnis sie zur Stressreaktion der anderen Person steht.
Wie kann Stress zwischen Menschen übertragen werden?
Ein wesentlicher Beitrag der Arbeit liegt darin, Stressresonanz als ein Phänomen zu diskutieren, das mehrere mögliche Übertragungswege umfasst. Es gibt nicht den einen, abschließend nachgewiesenen Mechanismus, der jede Form der Stressübertragung erklärt.
Stattdessen kommen unterschiedliche Prozesse infrage, die sich gegenseitig beeinflussen können.
- Wahrnehmung von Mimik, Stimme und Körperbewegungen
Menschen reagieren empfindlich auf soziale Signale. Wir nehmen beispielsweise wahr: eine angespannte Mimik, eine veränderte Stimme, hektische Bewegungen, eine starre oder unruhige Körperorganisation, Veränderungen im Blickkontakt, ein insgesamt angespanntes Verhalten. Solche Signale können uns Informationen über den Zustand eines anderen Menschen liefern. Wenn wir erkennen, dass jemand unter Druck steht, verändert das möglicherweise unsere eigene Einschätzung der Situation. Wir könnten beispielsweise eine Besprechung als bedrohlicher erleben, wenn wir bemerken, dass die anderen Teilnehmenden nervös werden. Diese Einschätzung kann wiederum eigene emotionale und körperliche Reaktionen auslösen. Hier ist eine wichtige Differenzierung erforderlich: Die Wahrnehmung eines angespannten Körpers und die tatsächliche physiologische Übertragung von Stress sind nicht dasselbe. Die sichtbaren Signale können ein Hinweis sein, über den wir eine Situation interpretieren. Ob daraus eine messbare Stressresonanz entsteht, ist eine empirische Frage. - Soziale Bewertung und Interpretation
Stress hängt nicht ausschließlich von den objektiven Eigenschaften einer Situation ab. Auch die Bedeutung, die wir ihr zuschreiben, spielt eine Rolle. Ein Teamleiter betritt den Raum, wirkt gereizt und spricht ungewöhnlich knapp. Niemand hat dir ausdrücklich mitgeteilt, dass es ein Problem gibt. Trotzdem beginnst du, die Situation anders zu bewerten. Vielleicht denkst du: Habe ich etwas falsch gemacht? Ist die Situation gefährlicher, als ich dachte? Muss ich mich auf einen Konflikt einstellen? Solche Bewertungen können die eigene Stressreaktion beeinflussen. Dabei wird nicht notwendigerweise ein biologischer Stresszustand direkt von einer Person auf eine andere übertragen. Die andere Person kann vielmehr Informationen liefern, anhand derer wir die Situation neu bewerten. Für die Stressforschung ist diese Unterscheidung wichtig. Die soziale Umgebung kann unsere körperliche Reaktion sowohl durch emotionale Resonanz als auch über unsere Einschätzung der Situation beeinflussen. - Empathie und emotionale Verbundenheit
Engert et al. (2019) diskutieren die mögliche Verbindung zwischen Empathie und physiologischer Stressresonanz. Empathie kann uns dabei helfen, den Zustand eines anderen Menschen wahrzunehmen und nachzuvollziehen. Wenn eine nahestehende Person leidet, kann uns das emotional berühren, auch wenn wir selbst nicht unmittelbar betroffen sind. Allerdings sind Empathie und Stressresonanz keine identischen Phänomene. Eine Person kann die Gefühle eines anderen gut verstehen, ohne dabei selbst eine starke körperliche Stressreaktion zu entwickeln. Umgekehrt kann jemand auf die Anspannung eines anderen reagieren, ohne dessen Gefühle besonders genau zu verstehen. Auch die Beziehung zwischen den beteiligten Menschen, die Situation und die Art der Beobachtung können bedeutsam sein. Die Autoren behandeln Empathie daher als einen möglichen Zusammenhang beziehungsweise Erklärungsansatz, nicht als universelle oder alleinige Ursache jeder Stressresonanz. - Körperliche Signale jenseits bewusster Kommunikation
Die Forschung diskutiert darüber hinaus, ob körperliche Signale, die nicht vollständig über bewusste Kommunikation vermittelt werden, zur Stressresonanz beitragen können. Dazu zählen beispielsweise chemische Signale, die mit emotionalen oder stressbezogenen Zuständen zusammenhängen könnten. Solche Mechanismen sind wissenschaftlich interessant, müssen aber von der Vorstellung getrennt werden, Stress werde wie eine unsichtbare Substanz unmittelbar von einem Körper in den anderen übertragen. Die präzise Frage lautet vielmehr, ob bestimmte Signale die Wahrnehmung, Verarbeitung oder physiologische Reaktion eines anderen Menschen beeinflussen können. Die übergreifende Botschaft lautet: Stressresonanz lässt sich am besten als Zusammenspiel sozialer Wahrnehmung, emotionaler Verarbeitung und körperlicher Regulation verstehen, nicht als ein einzelner, bereits abschließend geklärter Übertragungsmechanismus.
Warum die Studie für Embodiment so interessant ist
Embodiment bezeichnet in einem breiten wissenschaftlichen Sinn die Annahme, dass psychische Prozesse nicht unabhängig vom Körper betrachtet werden sollten. Wahrnehmung, Denken, Gefühle und Handlungen stehen in Wechselwirkung mit körperlichen Zuständen und sensomotorischen Prozessen. Die Arbeit von Engert et al. (2019) behandelt eine spezifische Form dieses Zusammenhangs: die körperliche Resonanz auf den Stress anderer Menschen. Das ist eine wichtige Perspektive, weil sie zwei scheinbar getrennte Ebenen miteinander verbindet:
- Die soziale und psychologische Ebene: Was nehmen wir bei anderen Menschen wahr? Wie interpretieren wir deren Verhalten? Was empfinden wir dabei?
- Die physiologische Ebene: Wie verändern sich unsere eigenen körperlichen Stressindikatoren in diesem Zusammenhang?
Die beiden Ebenen lassen sich analytisch unterscheiden, stehen aber in der Realität miteinander in Wechselwirkung. Ein Mensch kann die Anspannung einer anderen Person wahrnehmen, sie als relevant interpretieren und daraufhin selbst körperlich reagieren. Diese körperliche Reaktion kann wiederum beeinflussen, wie er die Situation erlebt und auf sie antwortet. Dadurch entsteht ein möglicher Rückkopplungsprozess zwischen Wahrnehmung, Bewertung, Körperreaktion und Verhalten. Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag. Stell dir vor, in einem Team herrscht hoher Zeitdruck. Eine Person spricht schneller, unterbricht andere häufiger und wirkt zunehmend angespannt. Die übrigen Teammitglieder nehmen diese Veränderungen wahr. Vielleicht beginnen sie, schneller zu sprechen, Fehler stärker zu befürchten und ihre Aufmerksamkeit auf mögliche Konflikte zu richten. Bei einigen können körperliche Anspannung und innere Unruhe zunehmen. Diese Veränderungen beeinflussen wiederum die Kommunikation im Team. Die Gespräche werden hektischer, Missverständnisse wahrscheinlicher und die Situation möglicherweise noch belastender. Ein solcher Ablauf ist als plausibles Beispiel für wechselseitige soziale und körperliche Rückkopplungen zu verstehen. Er ist nicht die Beschreibung eines einzelnen Experiments aus dem Review. Das Beispiel verdeutlicht jedoch, warum die Embodiment-Perspektive für die Stressforschung relevant ist: Körperliche Reaktionen sind nicht nur das Ergebnis dessen, was uns persönlich widerfährt. Sie können auch im Kontext sozialer Interaktionen entstehen und deren weiteren Verlauf mitprägen.
Was bedeutet das für Haltung, Körpersprache und Körperwahrnehmung?
Engert et al. (2019) untersuchen in ihrem Review die physiologische Resonanz von psychosozialem Stress. Die Arbeit belegt nicht, dass eine bestimmte Körperhaltung Stress verursacht oder reduziert. Die Autoren liefern damit keine direkte Evidenz dafür, dass aufrechte Haltung, zusammengesunkene Haltung oder bestimmte Bewegungsmuster die Stressreaktion verbessern oder verschlechtern. Die Verbindung zur Haltung lässt sich dennoch auf einer konzeptionellen Ebene herstellen.
Haltung kann als ein soziales Signal gesehen werden. Körperhaltung ist ein Teil unseres sichtbaren Verhaltens. Sie kann anderen Menschen Hinweise darauf geben, wie wir uns möglicherweise fühlen oder wie wir eine Situation erleben. Ein Mensch, der sich hektisch bewegt, die Schultern hochzieht und angespannt spricht, kann auf andere anders wirken als jemand, der sich ruhig bewegt und gleichmäßig spricht. Solche Beobachtungen können unsere Einschätzung einer sozialen Situation beeinflussen. Daraus lässt sich die Frage ableiten, ob sichtbare körperliche Ausdrucksformen dazu beitragen, dass Stress innerhalb einer Gruppe weitergegeben oder verstärkt wird. Diese Frage passt zur Perspektive von Engert et al. (2019). Sie ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Nachweis, dass bestimmte Haltungen unmittelbar bestimmte physiologische Stressreaktionen bei anderen auslösen.
Der Körperzustand und das damit subjektive Stresserleben sind zwei Dinge. Körperliche Aktivierung und subjektives Stresserleben sind eng miteinander verbunden, aber nicht identisch. Herzklopfen, flache Atmung oder Muskelanspannung können in unterschiedlichen Situationen auftreten. Wie ein Mensch diese Empfindungen interpretiert, kann beeinflussen, wie er die Situation erlebt. So könnte eine Person eine erhöhte körperliche Aktivierung als Zeichen dafür interpretieren, dass sie einer Situation nicht gewachsen ist. Eine andere Person könnte dieselbe Aktivierung eher als Vorbereitung auf eine herausfordernde Aufgabe verstehen. Das ist eine allgemeine theoretische Überlegung zur Wechselwirkung zwischen Körperzustand und psychischer Bewertung. Sie ist kein spezifisches Ergebnis des Reviews über Stressresonanz.
Die Körperhaltung kann als möglicher Ansatzpunkt für weitere Forschung dienen. Aus der Kombination beider Perspektiven ergeben sich interessante Forschungsfragen: Verändert sich die physiologische Stressresonanz, wenn Menschen unterschiedliche körperliche Ausdrucksformen bei anderen beobachten? Beeinflusst die eigene Körperhaltung, wie stark eine Person auf die Anspannung anderer reagiert? Hängen Körperwahrnehmung, soziale Sensibilität und physiologische Stressresonanz zusammen? Können körperbezogene Interventionen die Regulation der eigenen Stressreaktion unterstützen, auch wenn andere Menschen angespannt sind? Diese Fragen gehen über die konkrete Arbeit von Engert et al. hinaus. Sie wären mögliche Ansätze für weiterführende Forschung. Die Forschung zu verkörpertem Stress erweitert den Blick auf Stress, indem sie nicht nur individuelle Belastungen, sondern auch die körperliche Resonanz auf die Zustände anderer Menschen berücksichtigt. Daraus ergibt sich die weiterführende Frage, welche Rolle Körperwahrnehmung, körperlicher Ausdruck und Haltung in sozialen Stressprozessen spielen. Ob und wie bestimmte Haltungen diese Prozesse beeinflussen, muss jedoch durch entsprechende Untersuchungen geprüft werden.
Warum die Ergebnisse für den Umgang mit chronischem Stress relevant sein könnten
Die Autoren diskutieren auch mögliche gesundheitliche Konsequenzen einer längerfristigen Belastung durch den Stress anderer Menschen. Die Grundidee ist nachvollziehbar: Wenn jemand wiederholt nicht nur mit den eigenen Belastungen, sondern auch mit der Anspannung anderer konfrontiert ist, könnte dies zur gesamten Stressbelastung beitragen. Das ist insbesondere für Menschen interessant, deren Alltag von intensiven sozialen Kontakten geprägt ist. Menschen, die andere beruflich begleiten oder unterstützen, Beschäftigte in sozialen und medizinischen Berufen. Personen, die in einem dauerhaft angespannten Arbeitsumfeld tätig sind. Menschen, die sich intensiv um belastete Angehörige kümmern. Personen, die in Beziehungen leben, in denen Konflikte oder Sorgen häufig präsent sind. Dabei sollte nicht vorschnell behauptet werden, dass diese Menschen allein aufgrund ihrer sozialen Rolle zwangsläufig eine stärkere physiologische Stressbelastung entwickeln. Die tatsächlichen Auswirkungen können von zahlreichen Faktoren abhängen, beispielsweise von der Häufigkeit der Belastungen, der individuellen Stressregulation, der sozialen Unterstützung und den Möglichkeiten zur Erholung.
Akuter Stress ist nicht dasselbe wie chronische Belastung. Die Unterscheidung zwischen akutem und chronischem Stress ist entscheidend. Akuter Stress kann eine sinnvolle Anpassungsreaktion sein. Er mobilisiert Ressourcen und unterstützt die Bewältigung einer Herausforderung. Wenn Belastungen jedoch häufig auftreten und die Erholung dauerhaft zu kurz kommt, können die Regulationssysteme des Körpers zunehmend beansprucht werden. In der Stressforschung wird in diesem Zusammenhang unter anderem das Konzept der allostatischen Belastung diskutiert. Damit ist vereinfacht die kumulative Beanspruchung gemeint, die aus wiederholten oder anhaltenden Anpassungsprozessen entstehen kann. Engert et al. (2019) stellen die Frage, ob eine wiederkehrende physiologische Resonanz auf den Stress anderer Menschen unter bestimmten Bedingungen ebenfalls zur längerfristigen Stressbelastung beitragen könnte. Das ist eine wichtige Hypothese. Es ist jedoch nicht dasselbe wie der Nachweis, dass empathischer Stress zwangsläufig chronische Erkrankungen verursacht. Die Arbeit eröffnet einen Forschungsansatz für die Frage, wie soziale Umwelten und wiederkehrende Stressreaktionen miteinander verbunden sein könnten.
Soziale Nähe kann sowohl belasten als auch schützen. Eine weitere wichtige Überlegung lautet: Soziale Beziehungen sind nicht ausschließlich eine Quelle von Stress. Andere Menschen können uns belasten, aber sie können uns ebenso dabei helfen, Belastungen zu bewältigen. Eine Person kann auf die Anspannung eines anderen reagieren und dadurch selbst Stress erleben. Sie kann aber auch Trost, Sicherheit oder praktische Unterstützung bieten. Die soziale Umgebung kann somit sowohl mit Stressresonanz als auch mit Stressreduktion verbunden sein. Daraus folgt, dass es zu kurz greifen würde, soziale Sensibilität grundsätzlich als Problem darzustellen. Die Fähigkeit, auf andere Menschen zu reagieren, kann für Beziehungen und Zusammenarbeit wichtig sein. Entscheidend sind die Bedingungen, unter denen diese Reaktionen auftreten, und die Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen.
Was die Studie tatsächlich zeigt und was nicht
Engert et al. (2019) bündeln Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass:
- Menschen körperlich auf die Stressreaktionen anderer Menschen reagieren können.
- Diese Reaktionen über subjektive Gefühle hinausgehen können und sich in physiologischen Indikatoren untersuchen lassen.
- Empathie, soziale Nähe und die Wahrnehmung anderer Menschen mögliche relevante Faktoren darstellen.
- Stressresonanz ein eigenständiges und wissenschaftlich relevantes Forschungsgebiet ist.
- Wiederholte empathische Stressreaktionen eine mögliche Rolle für die längerfristige Stressbelastung spielen könnten.
Die Autoren machen zugleich deutlich, dass die vorhandene Forschung durch Unterschiede in den Definitionen, Messverfahren und Untersuchungsbedingungen erschwert wird. Die Studie zeigt nicht, dass:
- Stress immer von einer Person auf eine andere übertragen wird.
- empathische Menschen zwangsläufig mehr Stress erleben;
- eine physiologische Stressresonanz in jeder sozialen Situation auftritt;
- die Stressreaktion einer beobachtenden Person immer direkt durch die andere Person verursacht wird;
- eine bestimmte Körperhaltung die Stressresonanz reduziert;
- körperbezogene Übungen nachweislich verhindern, dass man den Stress anderer Menschen übernimmt;
- empathischer Stress automatisch zu chronischen Erkrankungen führt.
Diese Grenzen sind keine Schwäche, die man in einem Artikel verschweigen müsste. Sie verdeutlichen vielmehr, wo die Forschung steht und welche Fragen noch offen sind.
Was ist der wirklich große Punkt?
Ich würde hier drei Ebenen unterscheiden.
- Ebene 1: Die individuelle Stressreaktion ist nicht die ganze Geschichte
Stress entsteht nicht ausschließlich aus dem unmittelbaren Kontakt zwischen einer Person und einer belastenden Situation. Auch die soziale Umwelt kann relevant sein. Der Zustand anderer Menschen kann unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle und möglicherweise unsere physiologische Stressreaktion beeinflussen. - Ebene 2: Soziale Prozesse haben eine körperliche Dimension
Zwischenmenschliche Belastungen spielen sich nicht nur in Gedanken, Gesprächen und Gefühlen ab. Sie können auch mit messbaren körperlichen Reaktionen verbunden sein. Damit erweitert sich die Betrachtung von Stress: Die Frage ist nicht nur, was ein Mensch über eine Situation denkt, sondern auch, wie er körperlich auf die Situation und auf andere Menschen reagiert. Das ist der zentrale Embodiment-Bezug der Arbeit. - Ebene 3: Die soziale Umgebung könnte zur längerfristigen Stressbelastung beitragen
Wenn Menschen wiederholt mit der Anspannung anderer konfrontiert sind und selbst darauf reagieren, könnte dies ein zusätzlicher Bestandteil ihrer alltäglichen Stressbelastung sein. Die Autoren betrachten diesen Zusammenhang als gesundheitlich relevant und als Forschungsfeld, das weiter untersucht werden muss. Die Arbeit liefert damit eine Perspektive, die über die Vorstellung hinausgeht, Stress sei ausschließlich ein individuelles Problem.
Die große Idee ist nicht, dass wir den Stress anderer Menschen zwangsläufig übernehmen. Sie ist, dass unsere körperliche Stressregulation in soziale Beziehungen eingebettet ist und dass wir deshalb die zwischenmenschliche Dimension von Stress besser verstehen müssen.
Abgrenzung – Wie wir in Beziehung bleiben, ohne uns zu verlieren
Wenn unser Körper auf den Stress anderer Menschen reagieren kann, bekommt ein weiteres Thema eine besondere Bedeutung: die Abgrenzung. Denn so sehr wir auf soziale Resonanz angewiesen sind, so wichtig ist es, zwischen dem eigenen Erleben und dem Erleben anderer unterscheiden zu können. Wir dürfen mitfühlen, ohne mitzuleiden. Wir dürfen die Anspannung eines anderen Menschen wahrnehmen, ohne sie zu unserer eigenen machen zu müssen. Und wir dürfen für jemanden da sein, ohne die Verantwortung für dessen inneren Zustand zu übernehmen. In meinem Artikel Die verschiedenen Arten von Grenzen beschreibe ich Grenzen nicht als starre Mauern, sondern als bewegliche, semipermeable Übergänge. Sie schützen unseren inneren Raum und ermöglichen gleichzeitig Verbindung. Genau diese Unterscheidung ist im Zusammenhang mit Stressresonanz interessant. Denn Abgrenzung bedeutet nicht, die Gefühle und Zustände anderer Menschen von uns fernzuhalten. Sie bedeutet vielmehr, wahrzunehmen, was im Kontakt mit anderen geschieht, und dabei die eigene Orientierung nicht zu verlieren. Dabei können verschiedene Ebenen der Abgrenzung eine Rolle spielen. Die körperliche und peripersonale Grenze hilft uns, Nähe und Distanz zu regulieren. Die emotionale Grenze ermöglicht, die Gefühle anderer wahrzunehmen, ohne sie vollständig zu übernehmen. Die psychische Grenze unterstützt uns dabei, zwischen der eigenen Verantwortung und der Verantwortung anderer zu unterscheiden. Und die kognitive Grenze hilft uns, fremde Bewertungen und Erwartungen nicht automatisch zu unseren eigenen zu machen. Auch soziale Grenzen sind wichtig: Sie ermöglichen uns, Nein zu sagen, Bedürfnisse auszudrücken und die eigene Zeit und Energie zu schützen.
Was bedeutet das konkret? Stell dir vor, ein Mensch in deinem Umfeld ist dauerhaft angespannt, besorgt oder gereizt. Du bemerkst vielleicht, dass sich deine eigene Atmung verändert, deine Muskulatur anspannt oder du innerlich unruhig wirst. Anstatt diese Reaktion einfach zu übergehen oder dich vollständig auf den Zustand des anderen einzulassen, könntest du zunächst innehalten und dich fragen: Was nehme ich gerade wahr? Was geschieht in meinem Körper? Was davon gehört zu meinem eigenen Erleben und was nehme ich im Kontakt mit dem anderen wahr? Und was brauche ich gerade, um bei mir zu bleiben? Das ist keine Aufforderung zur emotionalen Distanz. Im Gegenteil: Eine bewusste Abgrenzung kann die Voraussetzung dafür sein, überhaupt in einen echten Kontakt zu treten. Denn wenn wir uns im Erleben anderer verlieren, geht uns häufig auch die Fähigkeit verloren, ihnen wirklich zu begegnen. Wir reagieren dann möglicherweise aus eigener Anspannung, übernehmen Verantwortung, die nicht unsere ist, oder versuchen, den anderen zu regulieren, um selbst wieder zur Ruhe zu kommen. Gesunde Abgrenzung bedeutet deshalb, durchlässig zu bleiben, ohne grenzenlos zu werden. Wir können Resonanz zulassen und gleichzeitig unsere eigene innere Orientierung bewahren. Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Fähigkeit der Selbstregulation: nicht alles abwehren zu müssen, was von außen auf uns einwirkt, sondern unterscheiden zu lernen, was wir an uns heranlassen möchten und was nicht. Wie bei einer Seifenblase geht es um eine bewegliche Grenze, die Verbindung ermöglicht und zugleich unseren eigenen Raum schützt. Abgrenzung ist damit nicht das Gegenteil von Empathie oder Verbundenheit. Sie ist vielmehr eine wichtige Voraussetzung dafür, dass beides möglich bleibt.
Fazit
Stress ist mehr als eine individuelle Reaktion auf eine belastende Situation. Er ist ein psychophysiologischer Prozess, der nicht nur unsere Gedanken und Gefühle, sondern auch unsere körperlichen Regulationssysteme betrifft. Die Arbeit von Engert, Linz und Grant (2019) erweitert diese Perspektive um eine wichtige soziale Dimension. Wir können auf den Stress anderer Menschen reagieren, auch wenn wir selbst gar nicht unmittelbar von der belastenden Situation betroffen sind. Die körperliche Stressreaktion eines Menschen kann dabei mit derjenigen anderer Menschen in Beziehung stehen. Damit wird deutlich, dass Stress nicht ausschließlich innerhalb eines einzelnen Organismus betrachtet werden kann. Unsere Wahrnehmung, unsere emotionale Verarbeitung und unsere körperliche Regulation sind in soziale Beziehungen eingebettet. Wir nehmen die Anspannung anderer Menschen wahr, interpretieren ihre Signale und reagieren möglicherweise selbst mit körperlicher Aktivierung. Diese Prozesse können sich gegenseitig beeinflussen und im sozialen Miteinander verstärken oder abschwächen. Genau hier liegt für mich die besondere Bedeutung der Embodiment-Perspektive. Sie ermöglicht es, psychische, körperliche und soziale Prozesse nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern als miteinander verbundene Aspekte menschlichen Erlebens zu verstehen. Unser Körper reagiert nicht nur auf das, was uns persönlich widerfährt. Er steht auch in einer fortlaufenden Wechselwirkung mit unserer Umwelt und den Menschen, mit denen wir in Beziehung sind. Vielleicht sollten wir Stress weniger als etwas betrachten, das ausschließlich in uns entsteht, sondern stärker als einen Prozess verstehen, der sich im Zusammenspiel zwischen Körper, Psyche und sozialer Umwelt entfaltet. Stress geht unter die Haut. Und manchmal beginnt er nicht einmal bei uns selbst.
Literatur:
- Engert, V., Linz, R., & Grant, J. A. (2019). Embodied stress: The physiological resonance of psychosocial stress. Psychoneuroendocrinology, 105, 138–146. https://doi.org/10.1016/j.psyneuen.2018.12.221
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