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Bewegung als Schlüssel zur Emotionsregulation

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Emotionen sind nicht nur innere Zustände, die im Kopf entstehen. Sie sind verkörpert, drücken sich durch Körperhaltung und Bewegung aus und können durch eben diese beeinflusst werden. Diese Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten für die Psychotherapie und körperbasierte Interventionsformen. Der vorliegende Artikel basiert auf den neurophysiologischen Erkenntnissen von Tal Shafir (2016) und zeigt, wie Bewegung, Körperhaltung und motorische Vorstellungskraft gezielt zur Regulation von Emotionen genutzt werden können.

Emotionen als verkörperte Prozesse

Die klassische Vorstellung, dass Emotionen rein kognitive Phänomene sind, wird durch die neurophysiologische Forschung zunehmend in Frage gestellt. Bereits William James (1884) und Charles Darwin (1872) vermuteten, dass Emotionen durch körperliche Veränderungen hervorgerufen werden. Damasio (1999) formulierte diese Annahmen in seinem Konzept der somatischen Marker neu: Emotionen entstehen durch interozeptive und propriozeptive Signale aus dem Körper, die das Gehirn interpretiert und als Gefühle erlebbar macht.

Bewegung als Mittel der Emotionsregulation

Shafir (2016) beschreibt verschiedene Mechanismen, durch die Bewegung Emotionen beeinflusst:

  1. Motorische Ausführung: Durch bestimmte Körperhaltungen und Bewegungen können spezifische Emotionen verstärkt oder abgeschwächt werden. Beispielsweise können aufrechte Haltungen mit erhobenem Kopf Selbstbewusstsein fördern (Carney et al., 2010), während zusammengekauerte Positionen Gefühle von Unsicherheit verstärken.
  2. Motorische Beobachtung: Durch das Beobachten von Bewegungen anderer Menschen werden emotionale Zustände gespiegelt. Dies geschieht durch das Spiegelneuronensystem, das eine unbewusste Simulation der beobachteten Bewegungen ermöglicht (Gallese & Sinigaglia, 2011).
  3. Motorische Vorstellung: Selbst wenn Bewegungen nur vorgestellt werden, können sie emotionale Reaktionen auslösen (Shafir et al., 2013). Studien zeigen, dass die mentale Vorstellung von Bewegung zu messbaren physiologischen Reaktionen wie Herzfrequenzveränderungen führt (Decety et al., 1991).

Anwendungen in der Therapie

Die Erkenntnisse über Bewegung und Emotionsregulation lassen sich gezielt in der Therapie nutzen:

Tanz- und Bewegungstherapie (DMT = Dance Movement Therapy): In der DMT werden Bewegungen bewusst eingesetzt, um emotionale Prozesse anzustoßen und zu regulieren (Koch, 2014). Die Untersuchung von Sabine C. Koch zeigt, dass Bewegung nicht nur Affekte beeinflusst, sondern auch Einstellungen formt. Durch dynamisches Körperfeedback – insbesondere durch Bewegungsrhythmen mit fließenden (indulgent) oder abrupten (fighting) Umkehrpunkten – können emotionale Zustände und Bewertungen verändert werden. Zentrale Ergebnisse ihrer Forschung sind:

  • Bewegungen mit fließenden Rhythmen fördern positive Emotionen wie Entspannung und Freude, während abrupte Rhythmen mit Anspannung und Aggression assoziiert sind.
  • Die Art und Weise, wie sich eine Person bewegt („Bewegungsqualität“), hat ebenso einen Einfluss auf Affekte und Einstellungen wie die Richtung der Bewegung („Bewegungsform“, z. B. Annäherung vs. Vermeidung).
  • Bewegung kann die Wahrnehmung neutraler Reize beeinflussen: Fließende Bewegungen führten zu positiveren Bewertungen valenzfreier Symbole.
  • Bewegungstherapeutische Ansätze, insbesondere Tanz- und Bewegungstherapie, können durch gezielte Bewegungsmuster die Emotionen und Einstellungen von Klienten beeinflussen.

Die Studie erweitert bisherige Forschung zum Körperfeedback, indem sie nicht nur statische Haltungen, sondern auch dynamische Bewegungen betrachtet. Dies hat weitreichende Implikationen für Therapie, soziale Interaktion und emotionale Selbstregulation.

Körperhaltung im therapeutischen Setting: Therapeut:innen können durch ihre eigene Körpersprache die emotionale Resonanz mit den Klient:innen beeinflussen (McGarry & Russo, 2011). McGarry & Russo untersuchen, wie das Spiegeln von Bewegungen (Mirroring) in der Tanz- und Bewegungstherapie (DMT) zur Förderung von Empathie beiträgt. Sie argumentieren, dass das Spiegelneuronensystem (MNS) eine zentrale Rolle spielt, indem es Bewegungen anderer nicht nur erkennt, sondern auch deren emotionale Absicht nachfühlt. Die Hauptpunkte der Studie sind:

  • Mirroring in der Therapie:
    Therapeuten imitieren Bewegungen oder Bewegungsqualitäten der Klienten, um eine tiefere emotionale Verbindung herzustellen.
  • Spiegelneuronen und Emotionserkennung:
    Das MNS verarbeitet Bewegungen und aktiviert emotionale Netzwerke (z. B. Amygdala), was Empathie verstärkt.
  • Körper-Emotion-Feedback:
    Ähnlich der Facial-Feedback-Hypothese kann das bewusste Einnehmen bestimmter Körperhaltungen oder Bewegungen emotionale Zustände beeinflussen.
  • Therapeutische Anwendung:
    Besonders hilfreich bei Klienten mit eingeschränkter Empathie (z. B. Autismus, dissoziale Störungen).

Die Autoren schlagen weitere Studien vor, um die neurophysiologischen Mechanismen hinter Mirroring in der DMT zu vertiefen. Bestimmte Körperhaltungen können gezielt als Intervention genutzt werden, um emotionale Zustände zu modulieren (Riskind, 1984).

Fazit

Emotionen sind nicht isolierte kognitive Zustände, sondern tief in den Körper eingebunden. Sie können durch Bewegung nicht nur ausgedrückt, sondern auch reguliert werden. Dies eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten, die sowohl in der körperorientierten Therapie als auch in klassischen psychotherapeutischen Verfahren Anwendung finden können.

Literatur:

  • Carney, D. R., Cuddy, A. J., & Yap, A. J. (2010). Power posing: brief nonverbal displays affect neuroendocrine levels and risk tolerance. Psychological science, 21(10), 1363–1368. https://doi.org/10.1177/0956797610383437
  • Damasio, A. R. (1999). The Feeling of What Happens: Body and Emotion in the Making of Consciousness. New York: Harcourt Brace
  • Darwin, C. R. (1872). The Expression of the Emotions in Man and Animals. London: John Murray
  • Decety, J., Jeannerod, M., Germain, M., and Pastene, J. (1991). Vegetative response during imagined movement is proportional to mental effort. Behav. Brain Res. 42, 1–5. doi: 10.1016/S0166-4328(05)80033-6
  • Gallese, V. & Sinigaglia, C. (2011). What is so special about embodied simulation?. Trends in cognitive sciences, 15(11), 512–519. https://doi.org/10.1016/j.tics.2011.09.003
  • Koch S. C. (2014). Rhythm is it: effects of dynamic body feedback on affect and attitudes. Frontiers in psychology, 5, 537. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00537
  • James, W. (1884). What Is an Emotion? Mind, 9, 188-205. http://dx.doi.org/10.1093/mind/os-IX.34.188
  • McGarry, L.M. & Russo, F.A. (2011). Mirroring in Dance/Movement Therapy: Potential mechanisms behind empathy enhancement. Arts in Psychotherapy, 38, 178-184.
  • Riskind, J. H. (1984). They stoop to conquer: guiding and self-regulatory functions  of physical posture after success and failure. J. Pers. Soc. Psychol. 47, 479–493. doi: 10.1037/0022-3514.47.3.479
  • Shafir, T., Taylor, S. F., Atkinson, A. P., Langenecker, S. A., & Zubieta, J. K. (2013). Emotion regulation through execution, observation, and imagery of emotional movements. Brain and cognition, 82(2), 219–227. https://doi.org/10.1016/j.bandc.2013.03.001
  • Shafir T. (2016). Using Movement to Regulate Emotion: Neurophysiological Findings and Their Application in Psychotherapy. Frontiers in psychology, 7, 1451. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2016.01451

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