Stress wird häufig als persönliches Problem betrachtet, als Folge eines vollen Terminkalenders, hoher Anforderungen oder mangelnder Belastbarkeit. Doch was, wenn die eigentliche Ursache viel tiefer liegt? Was, wenn nicht wir allein den Stress erzeugen, sondern eine Kultur, die bestimmte Verhaltensweisen belohnt und andere unterdrückt? Genau dieser Frage widmet sich Gabor Maté (2022) in einem Kapitel seines Buches The Myth of Normal. Darin zeigt er, dass chronischer Stress nicht nur aus individuellen Lebensumständen entsteht, sondern das Ergebnis einer Gesellschaft ist, die Menschen dazu formt, sich von ihrem authentischen Selbst zu entfremden. Von klein auf lernen wir, Erwartungen zu erfüllen, Leistung über unsere Bedürfnisse zu stellen und Anerkennung im Außen zu suchen. Eigenschaften, die in unserer Kultur als Erfolg gelten, können langfristig genau das fördern, was uns krank macht. Matés zentrale These lautet: Chronischer Stress ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck einer Kultur, die Persönlichkeiten hervorbringt, die sich selbst übergehen. Wie dieser Prozess entsteht und und welche drei charakteristischen Muster unsere Gesellschaft dabei hervorbringt, schauen wir uns in diesem Artikel genauer an.
Mate beschreibt im Kapitel “A Template for Distress: How Culture Builds Our Character”, dass wir glauben, unsere Persönlichkeit sei etwas Individuelles. Tatsächlich wird sie jedoch stark durch Familie, Schule, Wirtschaft und Gesellschaft geformt. Er benutzt das Beispiel eines Ameisenstaates: Genetisch sind alle Ameisen nahezu gleich. Erst die Bedürfnisse der Kolonie entscheiden darüber, welche Ameise Königin, Arbeiterin oder Soldat wird. Genauso entstehen auch beim Menschen bestimmte Charaktereigenschaften nicht zufällig, sondern weil sie in unserer Kultur belohnt werden. Die moderne westliche Kultur, geprägt von Konsum, Leistung und Wettbewerb, fördert genau jene Eigenschaften, die wirtschaftlich nützlich sind. Der Preis dafür ist jedoch häufig chronischer Stress, Selbstentfremdung, Angst, Depression, Burnout, Suchterkrankungen und körperliche Erkrankungen. Mate nennt diese kulturell erzeugten Eigenschaften den sozialen Charakter, ein Begriff des Psychoanalytikers Erich Fromm. Die Gesellschaft bringt Menschen hervor, die perfekt in das System passen, selbst wenn dieses System ihrer Gesundheit schadet. Schauen wir uns die drei Charaktereigenschaften (Traits) näher an.
Trennung vom eigenen Selbst (Separation from Self)
Dies ist laut Mate die wichtigste Grundlage allen chronischen Stresses. Kinder kommen mit natürlichen Bedürfnissen auf die Welt: Nähe, Sicherheit, Spiel, Ausdruck von Gefühlen, Authentizität. Doch sehr früh lernen sie, dass sie so wie sie wirklich sind, nicht vollständig angenommen werden. Also beginnen sie, sich anzupassen. Sie entwickeln Eigenschaften wie immer zu nett sein, zu funktionieren, Gefühle zu unterdrücken, Bedürfnisse zu ignorieren. Mit der Zeit wird diese Anpassung zur Persönlichkeit. Das Problem dabei ist, wie einer meiner Ausbilder in der Mind-Body-Medizin sagte, dass die Menschen den Kontakt zu ihrem Körper verlieren und somit den Kontakt zu sich selbst. Dieser Mensch fragt nicht mehr, was er brauche, sondern, was andere von ihm erwarten. Mate beschreibt genau diesen Mechanismus als Wurzel vieler Krankheiten. Der Workaholic arbeitet nicht, weil er Arbeit liebt. Er arbeitet, weil er Anerkennung braucht. Die Perfektionistin leistet nicht aus Freude. Sie leistet aus Angst, nicht genug zu sein. Der People Pleaser hilft nicht aus Mitgefühl. Er hilft, weil Ablehnung unerträglich erscheint. Diese Menschen funktionieren hervorragend. Doch ihr Nervensystem befindet sich dauerhaft im Stressmodus.
Konsumhunger (Consumption Hunger)
Hat der Mensch den Kontakt zu sich selbst verloren, entsteht eine innere Leere. Diese Leere versucht unsere Kultur ständig zu füllen. Nicht mit Beziehungen. Nicht mit Sinn. Nicht mit Ruhe. Sondern mit Konsum. Mate beschreibt, dass die Werbung uns keine Produkte verkauft, sondern Identitäten. Botschaften, die auf etwas hindeuten, wie etwa “Dann bist du attraktiv”, “Dann bist du erfolgreich”, “Dann gehörst du dazu”, werden zu einem Leitbild, oder zu einem ewige Versprechen. Es löst sich leider nie ein. Dadurch entsteht ein künstlicher Mangel. Wir glauben ständig, dass noch etwas fehlt, etwas noch besser werden kann. Das Nervensystem bleibt dauerhaft angespannt. Der Mensch wird süchtig nach Arbeit, Besitz, Status, Likes, Social Media, Erfolg, Alkohol, Shopping, etc. Nicht weil diese Dinge böse wären, sondern weil sie den eigentlichen Schmerz kurzfristig überdecken. Die eigentliche Sehnsucht nach Verbundenheit, Sicherheit und Authentizität bleibt jedoch unerfüllt.
Hypnotische Passivität (Hypnotic Passivity)
Der dritte Charakterzug ist besonders spannend. Mate beschreibt, dass die meisten Menschen gar nicht mehr merken, wie sehr sie an ein krankes System angepasst sind. Sie akzeptieren Zustände, die eigentlich ungesund sind. Zustände wie Dauerstress, Burnout, Überstunden, Umweltzerstörung, permanente Erreichbarkeit, Konkurrenz und Einsamkeit. Das tun sie nicht weil sie diese Dinge gut finden, sondern weil sie gelernt haben, dass es eben so ist. Schon als Kinder lernen wir still zu sitzen, zu gehorchen, Erwartungen zu erfüllen, Gefühle zu kontrollieren. Unsere natürliche Neugier wird schrittweise ersetzt durch Anpassung. Mate zitiert Noam Chomsky: Kinder fragen ständig “Warum?" Doch Schule und Gesellschaft lehren sie irgendwann: Mach einfach. Dadurch verlieren viele Menschen den Mut, Grenzen zu setzen, Autoritäten zu hinterfragen und den eigenen Weg zu gehen. Die Folge ist, dass sie funktionieren, selbst wenn das System sie krank macht.
Gegen die Natur
Mate macht deutlich, dass Stress nicht nur durch einen vollen Terminkalender entsteht. Stress entsteht, wenn wir dauerhaft gegen unsere eigene Natur leben. Die Kultur fördert genau das. Sie belohnt Menschen, die ihre Bedürfnisse ignorieren, immer leisten, ständig konsumieren, sich anpassen und niemals aus der Reihe tanzen. Genau diese Eigenschaften führen langfristig zu einer chronischen Aktivierung des Stresssystems. Der Körper unterscheidet dabei nicht zwischen einer äußeren Gefahr und dem dauerhaften Verrat an den eigenen Bedürfnissen.
Entfremdung
Für Mate ist die eigentliche Krankheit unserer Zeit nicht Stress allein. Die tiefere Ursache ist eine Kultur, die Menschen von sich selbst entfremdet. Diese Entfremdung zeigt sich in diesen drei zentralen Mustern:
- Trennung vom eigenen Selbst – Wir orientieren uns an Erwartungen statt an unseren eigenen Bedürfnissen.
- Konsumhunger – Wir versuchen die entstandene innere Leere durch Besitz, Leistung und Erfolg zu füllen.
- Hypnotische Passivität – Wir akzeptieren ein ungesundes System als normal und hinterfragen es kaum noch.
Diese drei Muster verstärken sich gegenseitig. Wer den Kontakt zu sich selbst verliert, sucht Erfüllung im Außen. Und je mehr die Kultur dieses Verhalten belohnt, desto schwerer fällt es, aus dem Kreislauf auszusteigen. Aus Sicht von Gabor Maté ist genau das ein zentraler Grund dafür, warum chronischer Stress heute nicht die Ausnahme, sondern für viele Menschen zum Normalzustand geworden ist.
Der erste Schritt zurück zu sich selbst
Maté macht aber auch Hoffnung. Charakter ist aus seiner Sicht kein starres Persönlichkeitsmerkmal, sondern das Ergebnis von Erfahrungen und Anpassung. Was erlernt wurde, kann deshalb auch wieder verändert werden. Der erste Schritt besteht darin, die eigenen Stressmuster überhaupt wahrzunehmen. Handle ich aus Überzeugung oder aus Angst vor Ablehnung? Sage ich Ja, obwohl ich Nein meine? Suche ich Anerkennung im Außen, obwohl ich mich eigentlich nach Ruhe, Nähe oder Verbundenheit sehne? Je bewusster wir diese Fragen stellen, desto eher können wir den Kontakt zu uns selbst wiederfinden. Chronischer Stress verschwindet dadurch nicht von heute auf morgen. Doch Veränderung beginnt dort, wo wir erkennen, dass wir nicht gegen unsere Natur leben müssen.
Literatur:
- Maté, Gabor (2022). The myth of normal. Illness, health and healing in a toxic culture. London: Penguin
Bilder:
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