Das ist mal eine wirklich spannende Frage und gleichzeitig die zentrale Frage der Studie von Schuette, Zucker & Smoski (2021) war, ob verschiedene Formen von Interozeption die Emotionsregulation vorhersagen können. Interozeption, also die Wahrnehmung innerer Körpersignale wie Herzschlag, Atmung oder Muskelspannung, scheint eine wichtige Voraussetzung für gelingende Emotionsregulation zu sein. Wer Zugang zu diesen Signalen hat, kann emotionale Reaktionen früher bemerken, besser einordnen und gezielter regulieren.
Die Wissenschaftler unterschieden in ihrer Studie zwei Dinge:
- Interoceptive accuracy = objektiv messbare Genauigkeit der Körperwahrnehmung (hier: Herzschlagwahrnehmungstest)
- Interoceptive sensibility = subjektive Einschätzung bzw. Aufmerksamkeit gegenüber Körperempfindungen (Fragebögen wie MAIA: „Ich bemerke Veränderungen in meinem Körper“, „Ich höre auf meinen Körper“ usw.) (MAIA = Multidimensional Assessment of Interoceptive Awareness)
Das Ergebnis war ziemlich interessant. Die objektive Interozeptionsleistung (accuracy) sagte Emotionsregulation NICHT vorher. Aber die subjektive Körperwahrnehmung (sensibility) sagte Emotionsregulation dagegen teilweise vorher. Genauer gesagt, die MAIA-Subskalen „Noticing“ und besonders „Body Listening“ standen im Zusammenhang mit besserer Emotionsidentifikation, besserer Emotionsregulation und mehr adaptiven Bewältigungsstrategien. Menschen, die bewusster auf ihren Körper hörten, konnten also ihre Gefühle besser erkennen und regulieren. Aber die Fähigkeit, den Herzschlag objektiv korrekt zu zählen, brachte statistisch kaum zusätzliche Vorhersagekraft. Das ist theoretisch wichtig, weil ältere Interozeptionsmodelle oft annahmen, dass je genauer du deine Körpersignale misst, desto besser regulierst du Emotionen. Hier liegt ein zentraler Punkt: Messen ist nicht dasselbe wie Spüren. Die Vorstellung, dass mehr Präzision automatisch zu besserer Selbstregulation führt, greift offenbar zu kurz. Entscheidend scheint weniger die biologische Genauigkeit der Wahrnehmung zu sein als die Art und Weise, wie Menschen ihre Körpersignale erleben, verstehen und in ihr emotionales Erleben integrieren.
Verbindung zum Konstruktivismus
Das passt gut zu neueren konstruktivistischen und prädiktiven Emotionsmodellen (Lisa Feldman Barrett, Seth, Garfinkel usw.), in denen Interozeption nicht einfach „Messung“, sondern Interpretation körperlicher Signale ist. Lisa Feldman Barrett entwickelte die „Theory of Constructed Emotion“. Emotionen sind keine festen biologischen Programme, sondern Konstruktionen des Gehirns auf Basis von Körperzuständen, Vorhersagen, Kontext und Bedeutung. Interozeption ist bei ihr zentral, aber nicht die Genauigkeit allein zählt, sondern Interpretation und Konzeptualisierung. Anil Seth ist bekannt für predictive processing und „controlled hallucination“. Aus seiner Sicht konstruiert das Gehirn das Selbst durch Vorhersagen über Körpersignale. Nicht die rohen Signale bestimmen Erleben, sondern deren Interpretation im Kontext. Sarah Garfinkel differenziert stark zwischen interoceptive accuracy, sensibility und awareness. Genau diese Differenzierung war wichtig für Studien wie Schuette et al. Sie zeigt dabei, dass subjektive Körperbeziehung psychologisch bedeutsamer sein kann als reine Genauigkeit.
Die Bewertung kommt noch hinzu
Besonders interessant ist eine neuere Übersichtsarbeit zu interozeptiver Regulation. Dort wird die Studie direkt als Beleg dafür angeführt, dass das bewusste Wahrnehmen von Körpersignalen mit Emotionsidentifikation, Emotionsregulation und adaptiven Copingstilen verbunden ist. Die Studie „The Role of Interoceptive Attention and Appraisal in Interoceptive Regulation“ von Joshi et al. (2021) ist ein Mini-Review des damaligen Forschungsstands zu Interozeption, Aufmerksamkeit auf Körperempfindungen und deren Bedeutung für psychische Gesundheit. Die Autor:innen argumentieren, dass für psychische Gesundheit nicht nur wichtig ist, wie genau wir Körpersignale wahrnehmen, sondern vor allem, worauf wir im Körper achten (interozeptive Aufmerksamkeit) und wie wir diese Signale bewerten und interpretieren (Appraisal). Diese beiden Prozesse bestimmen wesentlich, ob wir Körperempfindungen regulieren können oder ob sie zu Angst, Stress, Vermeidung oder anderen psychischen Problemen führen.
Früher dachte man häufig, dass eine gute Interozeption ist eine möglichst präzise Herzschlagmessung. Neuere Arbeiten differenzieren dies stärker in objektive Genauigkeit, subjektive Sensibilität und metakognitive Einordnung. Und dabei zeigt sich oft, dass die subjektive Beziehung zum Körper ist psychologisch relevanter ist als reine Messgenauigkeit (Ventura-Bort et al., 2021).
Eine ältere Idee
Die Idee, dass nicht bloß die „Messgenauigkeit“ körperlicher Signale entscheidend ist, sondern die Beziehung zum eigenen Körper, zieht sich durch mehrere wichtige psychologische und philosophische Strömungen. Maurice Merleau-Ponty prägte die Idee, dass der Körper nicht einfach ein Objekt ist, das wir besitzen, sondern das Medium, durch das wir Welt erleben. Er spricht vom gelebten Leib, von verkörperter Wahrnehmung. Für ihn entsteht emotionale Orientierung nicht durch analytisches Messen, sondern durch ein leibliches In-der-Welt-Sein. Auch Thomas Fuchs beschreibt den Körper als Resonanzraum, als ein affektives Beziehungssystem und sieht ihn als die Grundlage von Selbstgefühl und Selbstregulation. Emotionen entstehen für ihn nicht isoliert im Gehirn, sondern im verkörperten Kontakt mit Umwelt und anderen Menschen. Fuchs kritisiert stark die rein mechanistische Sicht auf Interozeption. Antonio Damasio argumentiert ebenso, dass Gefühle auf Körperzuständen beruhen und dass das Selbst aus verkörperten Regulationsprozessen entsteht. Für Damasio ist gute emotionale Orientierung nicht bloße Körpersignal-Erkennung, sondern Integration körperlicher Zustände in Bewusstsein und Entscheidung.
Vielleicht erhält damit ein alter Gedanke eine neue Bedeutung: mens sana in corpore sano. Nicht im Sinne eines mechanischen Zusammenhangs zwischen Körper und Geist, sondern als Hinweis darauf, dass psychische Gesundheit immer auch eine verkörperte Gesundheit ist.
Literatur:
- Joshi V., Graziani P & Del-Monte J (2021). The Role of Interoceptive Attention and Appraisal in Interoceptive Regulation. Front. Psychol. 12:714641. doi: 10.3389/fpsyg.2021.714641
- Schuette, S. A., Zucker, N. L., & Smoski, M. J. (2021). Do interoceptive accuracy and interoceptive sensibility predict emotion regulation?. Psychological research, 85(5), 1894–1908. https://doi.org/10.1007/s00426-020-01369-2
- Ventura-Bort C, Wendt J. & Weymar M. (2021). The Role of Interoceptive Sensibility and Emotional Conceptualization for the Experience of Emotions. Front. Psychol. 12:712418. doi: 10.3389/fpsyg.2021.712418
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