In meinem Blogbeitrag Stille und Einsamkeit betone ich die Bedeutung innerer Ruhe in unserer leistungsorientierten Gesellschaft. Ich beziehe mich auf Erling Kagge, der vorschlägt, Stille im Alltag zu finden, etwa zu Hause in der Badewanne. Ich ermutige dich dazu, dich bewusst mit der eigenen Einsamkeit auseinanderzusetzen, um authentisch zu leben und nicht nur zu funktionieren. Ich verweise immer gerne auf Blaise Pascal, der feststellte, dass menschliches Unglück daraus resultiert, nicht in Ruhe allein sein zu können. Ich fordere dich auf, dich selbst zu reflektieren und innere Freiheit zu erlangen, indem du Verantwortung für dein eigenes Denken und Fühlen übernimmst. Ich warne dich aber auch vor Ablenkungen und Fluchtmechanismen, die uns davon abhalten, uns selbst zu begegnen, und sehe in der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Einsamkeit einen Weg zu einem erfüllten Leben.

Einsamkeit ist ein universelles menschliches Gefühl, das nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die körperliche und psychische Gesundheit beeinflussen kann. Zwei bedeutende Studien von Cacioppo und Kollegen (2009, 2010) untersuchen die Mechanismen und Folgen von Einsamkeit sowie mögliche Strategien, um damit umzugehen. Dann fangen wir mal an.

Was ist Einsamkeit eigentlich?

Einsamkeit ist nicht mit sozialer Isolation gleichzusetzen. Während soziale Isolation das objektive Fehlen von sozialen Kontakten beschreibt, ist Einsamkeit ein subjektives Gefühl der sozialen Distanzierung oder des unerfüllten Bedürfnisses nach Verbindung. Menschen können sich einsam fühlen, selbst wenn sie von anderen umgeben sind, oder sich trotz wenig sozialer Interaktion nicht einsam fühlen. Diese Unterscheidung ist entscheidend, da Einsamkeit oft als innere Erfahrung verstanden werden muss, die nicht direkt mit der Anzahl der sozialen Kontakte korreliert. Das wäre erstmal eine Annäherung an eine Definition. Wie ließe sich jetzt Einsamkeit unterteilen?

Typen von Einsamkeit

Psychologen unterscheiden zwischen verschiedenen Arten von Einsamkeit:

  • Emotionale Einsamkeit: Das Fehlen einer tiefen, emotionalen Bindung zu einer anderen Person, oft nach dem Verlust eines Partners oder engen Freundes.
  • Soziale Einsamkeit: Das Fehlen eines sozialen Netzwerks, beispielsweise bei Menschen, die neu in eine Stadt gezogen sind oder aufgrund von gesellschaftlichen Umständen isoliert leben.
  • Situative Einsamkeit: Einsamkeit, die durch besondere Lebensumstände entsteht, wie etwa während der Pandemie oder nach einem beruflichen Wechsel.
  • Chronische Einsamkeit: Damit ist gemeint, wenn Einsamkeit über Jahre hinweg besteht und zur Gewohnheit wird, was sehr oft negative gesundheitliche Folgen mit sich bringt.

Ursachen und Entstehung von Einsamkeit

Laut den Studien von Cacioppo und Kollegen ist Einsamkeit ein evolutionär verankertes Alarmsystem. So wie Schmerz den Körper vor Verletzungen warnt, signalisiert Einsamkeit ein Defizit in sozialen Verbindungen, das für das Überleben unserer Spezies essenziell war.  Und ich wiederhole diesen Punkt gerne noch einmal. Einsamkeit stellt ein Defizit in sozialen Verbindungen dar. Lass diesen Satz mal auf dich wirken und spüre hinein, was in dir erscheint. Einsamkeit kann durch viele Faktoren ausgelöst werden, darunter:

  • Lebensveränderungen: Umzüge, Trennungen oder der Verlust eines geliebten Menschen können Gefühle der Isolation hervorrufen.
  • Gesellschaftliche Strukturen: Zunehmende Individualisierung und Urbanisierung können dazu führen, dass Menschen weniger soziale Interaktionen haben.
  • Persönliche Faktoren: Niedriges Selbstwertgefühl, soziale Ängste oder Introversion können soziale Interaktionen erschweren und zu Einsamkeit führen.
  • Digitale Kommunikation: Während soziale Medien neue Verbindungen ermöglichen, können sie paradoxerweise auch dazu führen, dass sich Menschen isolierter fühlen, da virtuelle Interaktionen reale menschliche Beziehungen nicht vollständig ersetzen.
  • Genetische Disposition: Studien zeigen, dass Einsamkeit teilweise vererbt werden kann und eine gewisse genetische Grundlage hat. Aber Vorsicht, dies wollen wir ja auf keinen Fall als Letzterklärung durchgehen, denn das würde eventuell bedeuten, das sich nichts ändern lässt und wir auch nicht die Motivation aufgreifen, etwas ändern zu wollen.

Auswirkungen von Einsamkeit

Einsamkeit hat gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Studien von Cacioppo zeigen, dass chronische Einsamkeit…

  • Psychische Gesundheit beeinträchtigt und das Risiko für Depressionen und Angststörungen erhöht.
  • Kognitive Fähigkeiten mindert und das Risiko für Alzheimer sowie kognitive Beeinträchtigungen steigert.
  • Physische Gesundheit belastet, indem sie Bluthochdruck, entzündliche Prozesse und Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördert.
  • Schlafqualität verschlechtert und zu weniger erholsamen Nächten führt.
  • Immunsystem schwächt, wodurch Betroffene anfälliger für Krankheiten werden.

Studien haben gezeigt, dass Einsamkeit die Produktion von Stresshormonen wie Cortisol steigert, was langfristig zu erhöhtem Blutdruck und anderen gesundheitlichen Problemen führen kann. Zudem führt das Gefühl der sozialen Isolation zu Veränderungen im Gehirn, die das Risiko für kognitive Erkrankungen erhöhen. Ok, das war jetzt sehr viel, eventuell auch schwer verdauliches. Doch ist mit Einsamkeit alles in Stein gemeißelt? Nein, es gibt Wege. Wege heraus aus der Einsamkeit. 

Wege aus der Einsamkeit

Während Einsamkeit negative Auswirkungen hat, gibt es effektive Strategien, um sie zu überwinden. Hier mal ein paar praktische Ansätze:

  1. Akzeptanz und Achtsamkeit

    Anstatt gegen das Gefühl der Einsamkeit anzukämpfen, kann es helfen, es zunächst zu akzeptieren und zu reflektieren. Meditation und Achtsamkeitsübungen können dabei unterstützen, Einsamkeit bewusster wahrzunehmen und gelassener damit umzugehen. Ich weiß, dies ist leichter gesagt als getan. Aus eigener Erfahrung möchte ich dich ermutigen, es auszuprobieren, nicht nur für ein paar Minuten, sondern regelmäßig über einen längeren Zeitraum. Versuche doch mal, mit einer 5-minütigen Meditation anzufangen. Setze dich dazu aufrecht hin und beobachte nur deinen Atem. Mehr nicht. Wenn Gedanken oder Gefühle kommen, nehme sie lediglich wahr, aber gebe dich ihnen nicht hin. Und dann komme wieder zurück zur Atmung. Immer wieder.

  2. Soziale Bindungen stärken

    Es ist wichtig, aktiv nach sozialen Kontakten zu suchen. Dazu gehören:

    - Beitritt zu Vereinen oder Interessengruppen (z.B. bin ich einem Sportverein und mache dort Krafttraining. Jedes Mal wenn ich dort bin, kommen interessante Gespräche mit Gleichgesinnten zustande)
    - Teilnahme an ehrenamtlichen Aktivitäten (z.B. Plogging. Kennst du das? In Nürnberg hatten wir das mal gemacht. Es ist eine Mischung aus Jogging und das Aufsammeln von Abfall. Hier kommen Gemeinschaftsgefühle auf. Hier kann Verbindung entstehen.)
    - Nutzung von Online-Plattformen für soziale Begegnungen (z.B. Gleichklang. Hier steht nicht nur das Dating im Vordergrund, sondern die zwischenmenschliche Verbindung. Ich kann diese Plattform sehr empfehlen. Es ist sozusagen das Gegenteil der konstanten hin-und-her-Wischerei auf den anderen Plattformen. Hier steht die Qualität vor der Quantität.)

  3. Sinnvolle Aktivitäten

    Hobbys und neue Interessen helfen, die eigene Zeit erfüllend zu gestalten. Dies kann das Erlernen eines Musikinstruments, das Schreiben, kreative Tätigkeiten oder auch gemeinschaftliche Sportarten sein. Was mir hier sofort einfällt, ist Primal Movement. Zusammen mit anderen draußen im Wald oder auf Wiese, sich wie ein Tier fortbewegen und miteinander spielen. Schon ausprobiert? Nein, dann mach mal und lass dich überraschen.

  4. Körperliche Bewegung

    Sport hat nachweislich positive Effekte auf die psychische Gesundheit. Durch Bewegung werden Endorphine freigesetzt, die das Wohlbefinden steigern. Ob das jetzt ein Waldspaziergang ist, Jogging, Plogging, Primal Movement, oder das Fitnessstudio, der Tanzverein, Leichtathletik, Schwimmen, Klettern oder Radfahren. Ich habe alles schon durch und jedes einzelne funktioniert. Wirklich! Es steht und fällt mit dem Tun!

  5. Therapeutische Unterstützung

    Für viele Menschen ist professionelle Hilfe in Form von Therapie oder Beratung eine effektive Möglichkeit, Einsamkeit zu bewältigen. Besonders kognitive Verhaltenstherapie hat sich als wirksam erwiesen. Aber nicht nur die, auch andere therapeutische Ansätze können helfen. Wichtig ist nach meiner Meinung das Gefühl, gesehen zu werden und ernst genommen zu werden.

  6. Gesellschaftliche Verantwortung

    Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Problem, das kollektive Lösungen erfordert. Städte und Gemeinden sollten Programme zur Förderung sozialer Interaktion entwickeln, um der zunehmenden Isolation entgegenzuwirken.

Das waren jetzt ein paar Anregungen. Das ist allerdings noch nicht alles. Vielleicht fällt dir etwas ein, was noch nicht hier steht. Probiere es aus und spüre, ob es den entscheidenden Unterschied macht, der den Unterschied macht. Schauen wir noch kurz in die Philosophie. Kennst du Sartre?

Was würde Sartre dazu sagen?

Sartre, so schreibt Heiner Hastedt (2011), betrachtet Einsamkeit als eine unüberwindliche menschliche Bedingung. Selbst in Liebe und Erotik bleibt der Mensch für ihn isoliert, da das Streben nach Verschmelzung mit einem anderen letztlich vergeblich ist. Ein zentraler Aspekt seiner Philosophie ist die Idee, dass die Existenz des "Anderen" die Freiheit des Individuums einschränkt – man kann sich nicht vollständig selbst erschaffen, da die Wahrnehmung durch andere eine objektivierende Wirkung hat. Das berühmte Zitat "Die Hölle, das sind die anderen" aus Geschlossene Gesellschaft verdeutlicht dieses Spannungsverhältnis: Die ständige Bewertung durch andere kann als eine Form der Gefangenschaft empfunden werden. Das heißt im Umkehrschluss, wenn ich mich nun von dieser Gefangenschaft befreie, könnte eventuell Einsamkeit entstehen. (Hier übrigens ein Artikel zu dem Thema: Die Hölle sind die anderen)

In seinem Roman Der Ekel beschreibt Sartre eine tiefgehende Einsamkeit, die eng mit seiner radikalen Freiheitsauffassung verbunden ist: Der Protagonist erkennt, dass er nur sich selbst besitzt und dass diese Erkenntnis mit Isolation einhergeht. Diese Einsamkeit ist der Preis der absoluten Autonomie.

Zusammenfassend lehrt Sartre, dass Einsamkeit nicht bloß eine soziale Gegebenheit ist, sondern eine existentielle Bedingung des Menschen. Sie ist unauflöslich mit der individuellen Freiheit verbunden, da der Mensch letztlich allein die Verantwortung für sein eigenes Leben trägt.

Fazit

Sartre zu lesen ist kein einfaches Unterfangen. Ja, in der Tat. Vielleicht steigt dadurch die Einsamkeit noch mehr, oder genau das Gegenteil, das Verständnis dafür steigt und es entsteht so etwas wie Selbstmitgefühl.

Einsamkeit ist mehr als nur ein unangenehmes Gefühl – sie kann ernsthafte gesundheitliche Konsequenzen haben. Die Forschung von Cacioppo hebt hervor, wie tief sie in unseren biologischen und sozialen Strukturen verwurzelt ist. Dennoch gibt es Wege, sie zu überwinden. Durch bewusste Strategien, den Aufbau sozialer Netzwerke und gesellschaftliches Engagement können wir Isolation verringern und mehr soziale Verbundenheit schaffen.

Literatur:

  • Cacioppo, J. T., Fowler, J. H., & Christakis, N. A. (2009). Alone in the crowd: the structure and spread of loneliness in a large social network. Journal of personality and social psychology, 97(6), 977–991. https://doi.org/10.1037/a0016076
  • Hawkley, L. C., & Cacioppo, J. T. (2010). Loneliness matters: a theoretical and empirical review of consequences and mechanisms. Annals of behavioral medicine : a publication of the Society of Behavioral Medicine, 40(2), 218–227. https://doi.org/10.1007/s12160-010-9210-8
  • Hastedt, Heiner (2011). Sartre. Ditzingen: Reclam

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