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Was der Körper über unser Erleben verrät

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Der Artikel von Weineck et al (2020) untersucht eine interessante Frage. Können wir unsere Angst beeinflussen, indem wir unsere Körperhaltung verändern und unsere Aufmerksamkeit bewusster auf den eigenen Körper richten? Und verändert sich dabei unsere Fähigkeit, innere Körpersignale wahrzunehmen? Haltung ist ja nicht die Vorstellung einer einzigen, für alle Menschen richtigen Körperhaltung im Mittelpunkt, sondern ein dynamisches Verständnis. Haltung entsteht aus dem Zusammenspiel von Nervensystem, Wahrnehmung, Emotion, Bewegung und Umwelt. Besonders relevant ist dabei die Überlegung, dass sich Haltung nicht unbedingt dadurch verändert, dass wir uns bewusst „gerade hinsetzen“, sondern indem wir unsere Wahrnehmung und Bewegungsorganisation erweitern.

Die wissenschaftliche Studie liefert dazu einen interessanten Beitrag. Sie zeigt, dass sowohl ausladende, sogenannte machtvolle Haltungen als auch neutralere Körperpositionen mit einer kurzfristigen Verringerung der Zustandsangst und einer Verbesserung der gemessenen interozeptiven Genauigkeit verbunden waren. Die machtvollen Haltungen waren den neutralen dabei nicht eindeutig überlegen. Die Ergebnisse legen daher nahe, dass nicht nur die äußere Form der Haltung, sondern möglicherweise auch die bewusste Aufmerksamkeit für den eigenen Körper und das Erleben einer ungewohnten Position wichtig sind.

Einleitung

Die Forschenden beginnen nicht mit der Frage, welche Körperhaltung die beste ist. Sie gehen vielmehr von einem psychologischen Problem aus – Angst – und entwickeln daraus eine Frage über den Zusammenhang von Körper, Aufmerksamkeit und innerer Wahrnehmung. Sie beginnen mit der psychischen Gesundheit von Studierenden. Sie verweisen auf frühere Untersuchungen, in denen Angstzustände und Angstsymptome unter Studierenden häufig vorkamen. In einzelnen der zitierten Studien wurden sehr hohe Prävalenzwerte berichtet: bis zu 81,7 Prozent für Zustandsangst und bis zu 85,6 Prozent für sogenannte Eigenschaftsangst. Diese Zahlen sind keine allgemeingültigen aktuellen Häufigkeitsangaben für alle Studierenden. Sie stammen aus früheren Untersuchungen, deren Ergebnisse von Stichprobe, Definition und Messmethode abhängen. Für die Einleitung erfüllen sie vor allem eine argumentative Funktion. Die Forschenden wollen zeigen, dass Angst im studentischen Alltag ein relevantes Problem ist. Sie beschreiben außerdem Zusammenhänge zwischen Angst und verschiedenen Lebensbereichen:

  • Leistung: Wer Angst erlebt, schätzt die eigene Leistung möglicherweise schlechter ein.
  • Selbstwertgefühl: Angst geht in den zitierten Studien mit geringerem Selbstwertgefühl einher.
  • Aufschieben: Angst kann mit Prokrastination verbunden sein; etwa, wenn eine Aufgabe bedrohlich wirkt und deshalb vermieden wird.
  • Stress und Depression: Angst tritt häufig gemeinsam mit erhöhtem Stress und depressiven Symptomen auf.
  • Psychosoziale Funktionsfähigkeit und Lebensqualität: Angst kann die Teilhabe am Alltag und das subjektive Wohlbefinden beeinträchtigen.
  • Schlaf: Schlafprobleme stehen ebenfalls mit Angst in Zusammenhang.

Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Zusammenhang und Ursache. Wenn Angst und Schlafprobleme gemeinsam auftreten, beweist das nicht, dass ausschließlich die Angst den Schlaf verschlechtert. Beide können sich gegenseitig beeinflussen oder durch weitere Faktoren entstehen. Aus diesen Befunden leiten die Forschenden einen praktischen Bedarf ab. Es werden Interventionen benötigt, die relativ einfach durchzuführen sind und Menschen helfen können, ihre Angst zu regulieren. Hier beginnt die Verbindung zu Körperhaltung. Die Forschenden fragen, ob es sinnvoll sein könnte, nicht ausschließlich mit Gedanken zu arbeiten, sondern den Körper gezielt in die Regulation einzubeziehen.

Der Embodiment-Ansatz: Emotionen sind nicht nur Gedanken

Die Forschenden beziehen sich auf den Embodiment-Ansatz. Vereinfacht besagt er, dass psychisches Erleben nicht unabhängig vom Körper entsteht. Emotionen werden nicht ausschließlich im Kopf erzeugt und anschließend vom Körper ausgedrückt. Körperliche Prozesse können ihrerseits beeinflussen, wie wir Situationen wahrnehmen, bewerten und emotional erleben. Dazu zählen unter anderem: die Körperhaltung, Bewegungen, die Mimik, die Stimme, die körperliche Aktivität und die Wahrnehmung innerer Körpersignale. Die Grundidee lautet: Die Beziehung zwischen Körper und Emotion verläuft in beide Richtungen. Wir kennen die eine Richtung aus dem Alltag. Wenn wir Angst haben, verändert sich häufig unser Körper. Wir halten vielleicht die Luft an, ziehen die Schultern nach vorn, spannen den Bauch an oder machen uns kleiner. Bei starker Anspannung kann die Atmung flacher werden, und der Herzschlag wird deutlicher spürbar. Der Embodiment-Ansatz fragt nun auch nach der Gegenrichtung. Wenn wir unsere Haltung oder Bewegung verändern, könnte sich dadurch auch unser emotionales Erleben verändern?

Erstes Beispiel: Stehen und Liegen. Eine der zitierten Untersuchungen fand vor einer anspruchsvollen Rechenaufgabe antizipatorische Angst, wenn sich die Versuchspersonen im Stehen befanden, nicht aber unter der untersuchten Liegebedingung. Das deutet darauf hin, dass die körperliche Ausgangssituation mit dem Erleben einer bevorstehenden Herausforderung zusammenhängen kann.

Zweites Beispiel: Aufrechte und zusammengesunkene Haltung. In einer Untersuchung zu einer belastenden Rede verwendeten Personen in aufrechter Haltung weniger angstbezogene Begriffe als Personen in einer zusammengesunkenen Haltung. Das ist ein Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Haltung und emotionaler Verarbeitung. Es ist allerdings nicht dasselbe wie der Nachweis, dass eine bestimmte Haltung Angst generell oder bei jedem Menschen verringert.

Drittes Beispiel: Haltung in Verbindung mit gedanklicher Neubewertung. Eine weitere Untersuchung, auf die sich die Einleitung bezieht, fand bessere Ergebnisse bei der Angstreduktion, wenn die Versuchspersonen eine aufrechte Position einnahmen, einen Atemzug nahmen und anschließend ihre negativen Gedanken neu bewerteten. Die Vergleichsgruppe veränderte ihre Gedanken, ohne zuvor die Körperhaltung einzubeziehen. Dieses Beispiel ist besonders interessant, weil die Haltung hier nicht als isoliertes Wundermittel erscheint. Sie wird vielmehr mit Atmung und kognitiver Neubewertung kombiniert.

Die praktische Idee ist also nicht unbedingt: „Setze dich aufrecht hin, dann verschwindet die Angst.“ Eher könnte eine veränderte Körperorganisation einen Zustand unterstützen, in dem eine Person ihre Gedanken und Gefühle anders bearbeiten kann. In der Einleitung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass frühere Untersuchungen zu Haltung und Angst keine einheitlichen Ergebnisse lieferten. Einige Studien fanden Vorteile einer aufrechten Haltung, andere fanden keine entsprechenden Effekte. Dafür kommen mehrere mögliche Gründe in Frage:

  1. Unterschiedliche Arten von Angst: Manche Studien untersuchten soziale Angst, andere die Angst vor einer bevorstehenden Aufgabe und wieder andere Angst in einem allgemeineren Sinn.
  2. Unterschiedliche Messzeitpunkte: Angst wurde teils während des Haltens einer Haltung, teils erst nach einer Aufgabe gemessen.
  3. Unterschiedliche Körperpositionen: Manche Untersuchungen veränderten die Haltung des ganzen Körpers, andere nur des Oberkörpers oder einzelner Körperbereiche.
  4. Unterschiedliche Vergleichsbedingungen: Eine aufrechte Haltung kann beispielsweise mit einer zusammengesunkenen Haltung verglichen werden. Ein solcher Vergleich zeigt jedoch nicht automatisch, ob die aufrechte Haltung tatsächlich hilfreich ist oder ob die zusammengesunkene Haltung das Erleben ungünstig beeinflusst.

Der letzte Punkt ist methodisch besonders wichtig. Wenn eine offene Haltung mit einer stark geschlossenen Haltung verglichen wird, lassen sich die Wirkungen der beiden Bedingungen nicht ohne Weiteres auseinanderhalten. Genau an dieser Stelle setzt die Studie von Weineck und Kollegen an. Sie vergleichen nicht nur eine machtvolle Haltung mit einer neutraleren, sondern fragen gezielt, ob die machtvolle Haltung einen zusätzlichen Nutzen bietet. Hier macht es kurz Sinn, auf Power Posing einzugehen.

Was bedeutet „Power Posing“?

Damit bezeichnen die Forschenden Körperpositionen, die räumlich ausladend und mit Dominanz oder Macht verbunden sind. Typische Merkmale sind:

  • Arme und Beine nehmen mehr Raum ein.
  • Der Körper wirkt offen statt zusammengezogen.
  • Kinn und Blick sind leicht nach oben ausgerichtet.
  • Die Haltung vermittelt eine expansive, präsente Position.

Die Hypothese dahinter lautet: Eine solche Haltung könnte kurzfristig die Zustandsangst reduzieren. Die Forschenden begründen diese Erwartung mit früheren Ergebnissen, denen zufolge machtvolle Positionen das momentane Selbstwertgefühl beziehungsweise das subjektive Gefühl von Macht beeinflussen können. Ein höheres Selbstwertgefühl wiederum steht in früheren Untersuchungen mit geringerer Angst in Zusammenhang. Auch die Verbindung von Haltung und bestimmten Emotionen spielt eine Rolle: Offene, ausladende Positionen wurden in früheren Arbeiten mit Stolz verbunden, während zusammengesunkene Haltungen mit Schuldgefühlen in Verbindung gebracht wurden. Daraus entsteht eine Frage. Wenn Körperpositionen mit bestimmten emotionalen Zuständen zusammenhängen, kann eine gezielte Veränderung der Position helfen, einen anderen emotionalen Zustand zu unterstützen? Die Forschenden wollen jedoch nicht einfach bestätigen, dass Power Posing funktioniert. Sie wollen untersuchen, ob es einer neutraleren Körperposition tatsächlich überlegen ist.

Warum kommt Interozeption ins Spiel?

An dieser Stelle wird die Verbindung zwischen Interozeption und Haltung besonders spannend. Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung und Verarbeitung von Signalen aus dem Inneren des Körpers. Dazu gehören beispielsweise: der Herzschlag, die Atmung, Hunger und Sättigung, innere Wärme oder Kälte, körperliche Anspannung, Übelkeit, bestimmte Empfindungen aus dem Bauchraum. Interozeption ist mehr als die Frage, ob jemand einen Herzschlag oder eine Muskelanspannung bemerkt. Es geht auch darum, wie solche Signale wahrgenommen, eingeordnet und in das eigene Erleben integriert werden. Die Forschenden beziehen sich auf frühere Untersuchungen, nach denen Menschen mit höherer interozeptiver Genauigkeit bestimmte Strategien der Emotionsregulation häufiger einsetzen. Dazu zählen etwa die Neubewertung einer Situation oder der Versuch, eine emotionale Reaktion zu beeinflussen.

Daraus ergibt sich die Überlegung, dass die Wahrnehmung innerer Körpersignale für die Regulation von Emotionen bedeutsam sein könnte. Man kann sich das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Zwei Menschen bemerken vor einem Vortrag, dass ihr Herz schneller schlägt. Die körperliche Reaktion allein erklärt noch nicht, wie sie die Situation erleben. Eine Person deutet den Herzschlag als bedrohliches Zeichen: „Ich verliere die Kontrolle.“ Eine andere Person erkennt: „Mein Körper mobilisiert gerade Energie, weil mir die Situation wichtig ist.” Die körperliche Empfindung ist ähnlich, die Interpretation jedoch unterschiedlich. Diese unterschiedliche Interpretation kann wiederum beeinflussen, wie die Person mit der Situation umgeht. Das Beispiel ist eine Veranschaulichung der theoretischen Idee und kein Ergebnis, das die Studie direkt untersucht hat. Es macht aber deutlich, warum die Wahrnehmung und Einordnung innerer Signale für die Emotionsregulation relevant sein können.

Weshalb sollte eine machtvolle Haltung die Interozeption verbessern?

Die Forschenden entwickeln dazu eine Hypothese über Aufmerksamkeit und Selbstfokus. Aus ihrer theoretischen Perspektive könnte ein Gefühl von Macht oder Kontrolle dazu beitragen, dass eine Person ihre Aufmerksamkeit stärker nach innen richten kann. Wer sich bedroht oder unterlegen fühlt, richtet die Aufmerksamkeit möglicherweise stärker auf die Außenwelt: Was tun andere? Droht Gefahr? Was wird von mir erwartet? Wie kann ich auf die Situation reagieren? In einem solchen Zustand bleibt möglicherweise weniger Aufmerksamkeit für die eigenen inneren Signale. Eine Person, die sich weniger bedroht fühlt, könnte dagegen eher in der Lage sein, ihre Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper zu lenken. Die Forschenden verweisen dazu auf frühere Untersuchungen, in denen eine Aktivierung des Machtgefühls mit einer verbesserten Leistung bei Aufgaben zur Interozeption verbunden war. Auch eine frühere Pilotstudie der Autorengruppe hatte Hinweise auf eine Verbesserung der interozeptiven Genauigkeit nach einer einzelnen Power-Posing-Einheit geliefert. Das führt zur zentralen Idee: Vielleicht beeinflusst Haltung nicht nur, wie wir uns fühlen, sondern auch, wie gut wir unseren Körper wahrnehmen. Und diese Körperwahrnehmung könnte wiederum für die Regulation von Angst wichtig sein. Allerdings ist die angenommene Erklärung über Machtgefühl und Aufmerksamkeit zunächst eine theoretische Begründung. Die aktuelle Studie kann nicht ohne Weiteres beweisen, dass genau dieser Mechanismus für die Ergebnisse verantwortlich ist.

Warum braucht es einen Vergleich mit neutralen Haltungen?

Die Forschenden sehen eine Lücke in der bisherigen Forschung: Es gab nur wenige Untersuchungen, die machtvolle Körperpositionen direkt mit neutraleren Positionen verglichen. Viele frühere Studien verwendeten eher geschlossene oder kontraktive Haltungen als Vergleich. Das kann problematisch sein, weil dann zwei verschiedene Effekte miteinander vermischt werden: ein möglicher positiver Effekt der ausladenden Haltung, und ein möglicher negativer Effekt der geschlossenen Haltung. Wenn Menschen sich nach einer ausladenden Haltung besser fühlen als nach einer zusammengesunkenen, weiß man deshalb noch nicht sicher, ob die ausladende Haltung besonders hilfreich ist oder ob die zusammengesunkene Position das Befinden beeinträchtigt. Ein Vergleich mit neutraleren Positionen ist deshalb methodisch sinnvoller, wenn die Frage lautet, ob die zusätzliche Machtausstrahlung einer Haltung einen eigenen Effekt hat. Die Forschenden vergleichen also zwei aktive Bedingungen:

  • Power Posing: ausladende, machtvoll wirkende Körperpositionen.
  • Neutrales Posing: ähnliche Grundpositionen, aber ohne die ausgeprägten Merkmale von Dominanz und Macht.

Beide Bedingungen beinhalten körperliche Veränderungen und die bewusste Aufmerksamkeit für bestimmte Körperbereiche. Dadurch können die Forschenden besser prüfen, ob die Machtkomponente einen zusätzlichen Effekt hat. Eine wichtige Einschränkung bleibt. Es gibt keine dritte Gruppe, die einfach ihre gewohnte Körperhaltung beibehält. Deshalb lässt sich nicht vollständig klären, welche Effekte auf die konkrete Haltung, auf die bewusste Körperaufmerksamkeit oder auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass überhaupt eine angeleitete Übung stattfindet.

Forschungsfragen und Hypothesen

Aus der bisherigen Argumentation leiten die Forschenden zwei Hauptfragen ab. Erste Frage: Was bewirkt eine einzelne Übungseinheit? Sie wollen untersuchen, ob eine einzelne Power-Posing-Einheit im Vergleich zu einer neutralen Position die interozeptiven Fähigkeiten verbessert und die momentane Angst – die state anxiety – reduziert. Die Hypothese lautet, dass Power Posing besser abschneidet als neutrales Posing.

Zweite Frage: Was bewirkt regelmäßiges Üben über zwei Wochen? Die Forschenden wollen prüfen, ob zweimal tägliches Power Posing über zwei Wochen die interozeptiven Fähigkeiten verbessert und die längerfristig erfasste Ängstlichkeit – die trait anxiety – reduziert. Auch hier erwarten sie einen stärkeren Effekt der machtvollen Haltungen als der neutralen Positionen.

Die Unterscheidung zwischen Zustands- und Eigenschaftsangst ist wichtig. Zustandsangst bezeichnet die Angst, die jemand in einer bestimmten Situation gerade erlebt. Eigenschaftsangst bezeichnet eine vergleichsweise stabile Neigung, Situationen häufiger als bedrohlich zu erleben und mit Angst zu reagieren. Eine kurze Übung könnte eher die momentane Angst beeinflussen als eine über längere Zeit bestehende Neigung zu Angst. Ob sich eine solche längerfristige Veränderung erreichen lässt, ist eine eigene Forschungsfrage. Damit ist die Einleitung abgeschlossen. Ihr Kern ist nicht die Behauptung, dass eine bestimmte Haltung Menschen grundsätzlich selbstbewusster macht. Sie entwickelt vielmehr eine prüfbare Hypothese über die Wechselwirkung von Körperposition, Aufmerksamkeit, innerer Körperwahrnehmung und Angst.

Die Studie im Überblick

Die Studie trägt den Titel Using bodily postures to reduce anxiety and improve interoception: A comparison between powerful and neutral poses. Sie wurde 2020 in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht. Es handelt sich um eine empirische Untersuchung mit zwei Übungsbedingungen, nicht um eine reine theoretische Arbeit. Die Forschenden rekrutierten 64 gesunde Studierende an der Universität Ulm. Nach Ausschlüssen nahmen 57 Personen an den ausgewerteten Gruppen teil: 29 Personen in der Power-Posing-Gruppe, 28 Personen in der Gruppe mit neutralen Haltungen. Die Stichprobe bestand somit aus einer relativ kleinen Gruppe gesunder Studierender. Die Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf alle Altersgruppen, auf Menschen mit diagnostizierten Angststörungen oder auf andere klinische Gruppen übertragen.

Die Untersuchung bestand aus zwei Teilen. Teil 1 bestand aus einer einzelnen Übungseinheit. Die Teilnehmenden führten entweder eine kurze Einheit mit machtvollen oder eine Einheit mit neutralen Haltungen durch. Vor und nach der Übung wurden unter anderem Angst und interozeptive Genauigkeit gemessen. Der zweite Teil bestand in einem regelmäßiges Üben über zwei Wochen. Die Teilnehmenden sollten ihre jeweilige Übung zwei Wochen lang zweimal täglich durchführen, einmal morgens und einmal abends. Die interozeptiven Fähigkeiten wurden zu mehreren Zeitpunkten erfasst, darunter nach einer und nach zwei Wochen. Die Übungen bestanden aus jeweils drei Haltungen. Jede Haltung wurde für 45 Sekunden eingenommen. Eine Audioanleitung führte durch die Übung. In beiden Bedingungen sollten die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit immer wieder auf drei sogenannte Ankerpunkte richten: die Füße, das Brustbein, das Kinn. Die neutralen Haltungen unterschieden sich von den machtvollen vor allem darin, dass die Arme weniger ausladend positioniert waren und der Kopf beziehungsweise Blick nicht so deutlich nach oben ausgerichtet wurde. Die Grundausrichtung des Körpers war ansonsten vergleichbar.

Die Forschenden untersuchten mehrere unterschiedliche Aspekte.

  1. Zustandsangst: Wie ängstlich fühlen sich die Personen in diesem Moment?
  2. Eigenschaftsangst: Wie stark ist die allgemeine Neigung, Angst zu erleben?
  3. Interozeptive Genauigkeit: Wie genau können die Personen ihren eigenen Herzschlag in einer Aufgabe einschätzen?
  4. Interozeptive Sensibilität: Wie sicher sind sich die Personen, dass ihre Wahrnehmung des Herzschlags korrekt ist? Zusätzlich wurde ein Fragebogen zur Wahrnehmung verschiedener Körpersignale eingesetzt.
  5. Interozeptive Awareness: In der Operationalisierung der Studie beschreibt dieser Begriff, wie gut die gemessene Genauigkeit und die subjektive Sicherheit miteinander übereinstimmen. Diese Unterscheidungen sind wichtig. Eine Person kann sich ihres Körpers sehr bewusst sein und gleichzeitig die eigenen Signale nur ungenau einschätzen. Umgekehrt kann eine Person eine Aufgabe relativ genau lösen, ohne besonders sicher zu sein, dass sie richtigliegt. Interozeption hat also mehrere Dimensionen. Sie einfach mit „viel Körpergefühl“ gleichzusetzen, wäre zu undifferenziert.

Was hat sich durch die Haltungen verändert? Die momentane Angst nahm in beiden Gruppen ab. Nach einer einzelnen Übungseinheit war die Zustandsangst in beiden Gruppen statistisch signifikant geringer. Das gilt sowohl für die Gruppe mit machtvollen Haltungen als auch für die Gruppe mit neutralen Haltungen. Entscheidend ist jedoch, dass die Forschenden keinen statistisch signifikanten Vorteil des Power Posings gegenüber dem neutralen Posing fanden. Was bedeutet das? Die Studie unterstützt die Annahme, dass die angeleiteten Haltungsübungen kurzfristig mit einer Verringerung der momentanen Angst verbunden waren. Sie zeigt aber nicht, dass eine machtvoll wirkende Haltung dafür notwendig oder besonders wirksam ist. Mögliche Erklärungen sind, dass beide Übungsformen die Aufmerksamkeit auf den Körper lenken, eine offene Körperorganisation fördern oder eine kurze Unterbrechung des gewohnten Verhaltens darstellen. Welche dieser Erklärungen zutrifft, wurde nicht abschließend geklärt.

Die Eigenschaftsangst veränderte sich nicht signifikant. Anders sah es bei der längerfristig erfassten Eigenschaftsangst aus. Nach zwei Wochen regelmäßiger Übungen fand sich keine statistisch signifikante Veränderung, die auf einen allgemeinen Rückgang der Eigenschaftsangst hindeutet. Auch hier war Power Posing nicht überlegen. Das ist eine wichtige Einschränkung für die praktische Interpretation. Eine kurze Haltungsübung kann möglicherweise helfen, sich in einem bestimmten Moment etwas weniger ängstlich zu fühlen. Daraus folgt aber nicht, dass sich eine stabile Neigung zu Angst durch dieselbe Übung innerhalb von zwei Wochen verändert. Die Forschenden nennen als mögliche Erklärung, dass zwei Wochen zu kurz sein könnten, um die Eigenschaftsangst messbar zu verändern. Außerdem fand die Datenerhebung während der Prüfungszeit statt, was die Angstwerte beeinflusst haben könnte. Diese Erklärungen sind plausibel, aber nicht bewiesen. Das Ergebnis bleibt: In dieser Studie ließ sich keine signifikante Reduktion der Eigenschaftsangst nachweisen.

Die Genauigkeit der Körperwahrnehmung verbesserte sich. Ein zentrales Ergebnis betrifft die interozeptive Genauigkeit. Die Forschenden verwendeten dazu eine Aufgabe, bei der die Teilnehmenden ihren Herzschlag in bestimmten Zeitintervallen still zählen sollten. Anschließend wurde ihre Schätzung mit der tatsächlich registrierten Herzfrequenz verglichen. Die Genauigkeit verbesserte sich im Verlauf der Studie. Nach einer einzelnen Übung zeigte sich zunächst eine signifikante Verbesserung in der Power-Posing-Gruppe. In der neutralen Gruppe war dieser kurzfristige Anstieg nicht statistisch signifikant. Nach zwei Wochen verbesserten sich die Werte jedoch in beiden Gruppen. Insgesamt fand sich ein signifikanter Zeiteffekt, aber kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Übungsbedingungen. Daraus ergibt sich eine differenzierte Schlussfolgerung. Eine einzelne machtvolle Haltungsübung war mit einer kurzfristigen Verbesserung der gemessenen Herzschlagwahrnehmung verbunden. Über zwei Wochen verbesserten sich die Werte in beiden Gruppen. Die Studie konnte nicht nachweisen, dass Power Posing insgesamt besser wirkt als neutrales Posing. Das Ergebnis passt zu der Vermutung, dass angeleitete Körperübungen und die damit verbundene Selbstaufmerksamkeit die interozeptive Genauigkeit beeinflussen können. Es beweist allerdings nicht, dass die Körperhaltung allein für die Verbesserung verantwortlich war. Die gezielte Aufmerksamkeit auf Füße, Brustbein und Kinn könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Das subjektive Körpergefühl veränderte sich nicht in gleicher Weise. Die Ergebnisse zu den weiteren Interozeptionsmaßen waren weniger eindeutig. Die subjektive Sicherheit bei der Einschätzung des Herzschlags und die im Fragebogen erfasste Wahrnehmung von Körpersignalen zeigten keine vergleichbare, statistisch signifikante Verbesserung über die Zeit. Auch die Übereinstimmung zwischen objektiver Genauigkeit und subjektiver Sicherheit veränderte sich nicht eindeutig zugunsten einer der beiden Gruppen. Das ist inhaltlich interessant. Die Personen wurden bei der konkreten Aufgabe, ihren Herzschlag einzuschätzen, genauer. Daraus folgt aber nicht, dass sie ihren Körper insgesamt stärker wahrnahmen oder sich ihrer Wahrnehmung sicherer waren. Eine verbesserte Leistung in einer bestimmten Interozeptionsaufgabe ist nicht gleichbedeutend mit einer umfassenden Verbesserung der Körperwahrnehmung. Die Studie misst einen eng umrissenen Ausschnitt der Interozeption, nicht die gesamte Fähigkeit, innere Empfindungen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen zu interpretieren.

Erklärung zu den Ergebnissen

Eine offene Haltung könnte weniger Bedrohung vermitteln. Beide Übungsbedingungen enthielten Elemente einer offenen Körperposition. Auch die neutralen Haltungen waren nicht identisch mit einer stark zusammengesunkenen oder kontraktiven Haltung. Die Forschenden vermuten, dass eine offene, nicht einschränkende Körperposition das Erleben von Bedrohung oder Anspannung beeinflussen könnte. Wenn die momentane Anspannung sinkt, könnte es leichter werden, die Aufmerksamkeit auf die eigenen Körpersignale zu richten. Das wäre eine Erklärung dafür, warum beide Gruppen von den Übungen profitiert haben könnten. Allerdings wurde in der Studie nicht direkt nachgewiesen, dass die Körperhaltung über eine Verringerung des Bedrohungserlebens auf die Interozeption wirkte. 

Die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper könnte entscheidend sein. Ein zweiter möglicher Mechanismus ist die Selbstaufmerksamkeit. Beide Gruppen wurden angewiesen, ihre Aufmerksamkeit wiederholt auf die Füße, das Brustbein und das Kinn zu richten. Sie sollten also nicht einfach nur eine Position einnehmen, sondern diese bewusst organisieren und wahrnehmen. Diese Anweisung könnte dazu beigetragen haben, dass die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit stärker auf den eigenen Körper richteten. Damit stellt sich eine interessante Frage: Lag die Verbesserung tatsächlich an der Haltung oder zumindest teilweise daran, dass die Menschen während der Übung bewusst auf ihren Körper achteten? Die Studie kann diese Möglichkeiten nicht sauber voneinander trennen. Dafür hätte es zusätzliche Vergleichsgruppen gebraucht – beispielsweise Personen, die ihre gewöhnliche Haltung beibehalten, ihre Aufmerksamkeit aber ebenfalls auf die drei Körperbereiche richten. Die Forschenden schlagen solche Vergleiche ausdrücklich für zukünftige Untersuchungen vor.

Wiederholung könnte die Wahrnehmung trainieren. Dass sich die interozeptive Genauigkeit in beiden Gruppen über zwei Wochen verbesserte, ist ebenfalls interessant. Es könnte darauf hindeuten, dass regelmäßige Übungen einen Trainingseffekt auf die Wahrnehmung innerer Körpersignale haben. Allerdings bleibt offen, was genau trainiert wurde: die Wahrnehmung innerer Signale, die Konzentration auf den eigenen Körper, die Fähigkeit, während einer Aufgabe aufmerksam zu bleiben, die Vertrautheit mit einer bestimmten Art der Messung oder eine Kombination dieser Faktoren. Der Artikel liefert Hinweise auf eine mögliche Verbesserung, aber keine abschließende Erklärung dafür, welcher Mechanismus dafür verantwortlich war.

Die Verbindung zu Haltung: Nicht die ideale Position, sondern die Fähigkeit zur Anpassung

In meinem Artikel Haltung entsteht stelle ich die Vorstellung infrage, dass es eine einzige, für alle Menschen richtige Haltung gibt. Ich betone stattdessen Bewegung, Variation und Anpassungsfähigkeit. Haltung verstehe ich dabei als ein fortlaufenden regulierten Prozess, an dem Nervensystem, Wahrnehmung, Emotion und Umwelt beteiligt sind. Die Ergebnisse der Studie sprechen nicht dafür, dass eine bestimmte äußere Form, beispielsweise eine möglichst dominante oder besonders aufrechte Haltung, grundsätzlich überlegen ist. Auch die neutralen Haltungen gingen mit einer kurzfristigen Verringerung der Zustandsangst einher. Über zwei Wochen verbesserte sich die interozeptive Genauigkeit in beiden Gruppen. Das legt zumindest die Möglichkeit nahe, dass die Wirkung einer Haltungsübung nicht allein in der sichtbaren Position liegt.

Eine statische Vorstellung von Haltung lautet. Ich muss meinen Rücken aufrichten, die Schultern zurücknehmen und diese Position halten. Ein dynamisches Verständnis fragt dagegen: Wie verteile ich mein Gewicht? Wie bewege ich mich in die Position hinein und wieder heraus? Wo halte ich unnötig Spannung? Wie verändert sich meine Atmung? Welche Bereiche meines Körpers nehme ich wahr? Kann ich meine Position verändern, ohne mich dabei zu kontrollieren oder zu bewerten? Welche Haltung unterstützt die Handlung, die ich gerade ausführen möchte? Das sind keine direkten Fragen aus dem Experiment, sondern eine praktische Übertragung der Forschungsergebnisse auf ein dynamisches Verständnis von Haltung. Die Studie zeigt nicht, dass eine solche Herangehensweise langfristig gesünder ist als eine andere. Sie liefert aber einen Anlass, Haltung nicht nur als sichtbare Körperform, sondern auch als eine körperliche Erfahrung zu betrachten.

Die Studie hat Power Posing mit neutralen Haltungen verglichen. Dabei war die neutrale Position keineswegs eine völlig unbeachtete Alltagshaltung. Auch hier mussten die Teilnehmenden eine vorgegebene Position einnehmen, ihre Ausrichtung kontrollieren und ihre Aufmerksamkeit bewusst zwischen verschiedenen Körperbereichen verschieben. Deshalb könnte die neutrale Bedingung bereits mehrere Bestandteile enthalten haben, die für die Wirkung wichtig waren: eine Veränderung der gewohnten Körperposition, eine gewisse Offenheit der Haltung, eine gezielte Aufmerksamkeitslenkung, eine Unterbrechung automatischer Bewegungsgewohnheiten. Das macht den Vergleich so aufschlussreich. Es ist möglich, dass nicht die besonders machtvolle Position entscheidend war, sondern die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Das bleibt eine Hypothese. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, die lediglich ihre gewöhnliche Haltung beibehielt. Deshalb kann sie nicht abschließend zeigen, welcher Anteil der Wirkung auf welche Komponente zurückzuführen ist.

Interozeption und Haltung: Wie Körperwahrnehmung und Bewegung zusammenhängen könnten

Um die Verbindung weiter zu durchdenken, lohnt es sich, zwischen drei Ebenen zu unterscheiden:

  • Ebene 1: Die körperliche Empfindung

    Auf dieser Ebene geht es um das, was im Körper geschieht und wahrgenommen werden kann. Beispiele: Der Herzschlag wird schneller. Die Atmung verändert sich. Die Schultern fühlen sich angespannt an. Der Bauch zieht sich zusammen. Die Beine fühlen sich unruhig an. Das Gewicht verlagert sich auf die Fußsohlen.

    Ein Teil dieser Signale fällt in den Bereich der Interozeption. Andere betreffen eher die Propriozeption, also die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des Körpers, oder die Wahrnehmung äußerer Berührungs- und Druckreize. Diese Unterscheidung ist wichtig. Wenn wir etwa spüren, wie unser Gewicht auf den Füßen verteilt ist, handelt es sich nicht ausschließlich um Interozeption. Die Wahrnehmung von Körperposition und Bewegung ist ebenfalls beteiligt. Bei einer Haltungsübung können verschiedene Wahrnehmungsformen gleichzeitig zusammenwirken.

  • Ebene 2: Die Aufmerksamkeit

    Körperliche Signale können vorhanden sein, ohne dass sie bewusst wahrgenommen werden. Wer gedanklich stark mit einem Problem beschäftigt ist, bemerkt vielleicht erst spät, dass der Atem angehalten wird oder die Schultern hochgezogen sind. Wird die Aufmerksamkeit gezielt auf bestimmte Körperbereiche gelenkt, können solche Empfindungen deutlicher werden. Das ist ein zentraler Bestandteil der Übung in der Studie: Die Teilnehmenden sollten die Aufmerksamkeit zwischen Füßen, Brustbein und Kinn verschieben. Diese Anweisung könnte die Selbstwahrnehmung unterstützen. Sie ist aber nicht dasselbe wie die Messung der Interozeption. Die Studie untersuchte die Genauigkeit der Herzschlagwahrnehmung mit einer gesonderten Aufgabe.

  • Ebene 3: Die Interpretation und die Handlung

    Eine Empfindung wird nicht immer gleich interpretiert. Ein schneller Herzschlag kann beispielsweise als Gefahr, Aufregung, Anstrengung oder Vorfreude verstanden werden. Welche Bedeutung wir ihm geben, hängt unter anderem vom Kontext, von bisherigen Erfahrungen und von unseren Erwartungen ab. Die Interpretation beeinflusst wiederum, was wir tun. Wenn eine Person den eigenen Herzschlag als Beweis dafür interpretiert, dass sie einer Situation nicht gewachsen ist, könnte sie versuchen, sich zurückzuziehen oder die Situation zu vermeiden. Wenn sie den Herzschlag dagegen als Zeichen von Aktivierung wahrnimmt, könnte sie eher bereit sein, in der Situation zu bleiben und zu handeln. Das ist eine vereinfachte Veranschaulichung. Nicht jede körperliche Empfindung lässt sich allein durch eine andere Interpretation verändern, und Angst ist keine bewusste Entscheidung.

Für die Verbindung von Haltung und Interozeption ergibt sich jedoch eine wichtige Möglichkeit. Eine Haltungsübung kann eine Gelegenheit schaffen, Empfindungen wahrzunehmen, ohne sofort auf sie reagieren zu müssen. Das kann helfen, die Beziehung zwischen Empfindung, Interpretation und Handlung bewusster zu erkunden. Die Studie belegt nicht, dass dieser Prozess die Ursache ihrer Ergebnisse war, aber er ist eine plausible praktische Anschlussfrage.

Haltung und emotionale Selbstwahrnehmung

In meinem Beitrag Feldenkrais und Haltung – emotionale Selbstwahrnehmung, stelle ich die Verbindung zwischen Haltung, Bewegung und Emotion in den Mittelpunkt. Dort betone ich, dass Haltung nicht losgelöst vom emotionalen Erleben betrachtet werden sollte. Eine Haltung kann Ausdruck eines Gefühls sein. Wenn jemand Angst erlebt, kann sich das in der Haltung zeigen. Der Körper wird möglicherweise kleiner, der Blick geht nach unten, die Atmung verändert sich oder die Muskulatur spannt sich an. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen bei Angst dieselbe Haltung einnehmen. Körperliche Reaktionen sind individuell und hängen vom Kontext ab. Eine Haltung kann das Gefühl möglicherweise mitbeeinflussen. Die Gegenrichtung ist ebenso interessant. Wenn wir unsere Haltung verändern, könnte sich dadurch auch das emotionale Erleben verändern. Genau diese Möglichkeit untersucht die Studie. Die Forschenden wollten herausfinden, ob eine gezielte Veränderung der Körperposition mit einer Verringerung der Angst verbunden ist. Die Ergebnisse unterstützen einen kurzfristigen Effekt der untersuchten Übungen auf die Zustandsangst, zeigen aber keinen besonderen Vorteil des Power Posings. Die Haltung muss nicht das Gefühl darstellen. Eine wichtige praktische Konsequenz ist, dass wir eine bestimmte Haltung nicht erzwingen müssen, um ein bestimmtes Gefühl zu erzeugen. Wer angespannt ist, muss sich nicht künstlich selbstbewusst aufrichten. Wer traurig ist, muss nicht lächeln. Und wer Angst hat, muss nicht versuchen, eine dominante Position einzunehmen. Eine mögliche Alternative ist, neugierig zu erkunden, welche kleinen Veränderungen im Körper möglich sind und wie sie sich anfühlen. Beispielsweise kann jemand bemerken, dass sich die Atmung verändert, wenn der Brustkorb etwas freier wird. Oder dass das Stehen angenehmer wird, wenn das Gewicht anders zwischen den Füßen verteilt ist. Dabei geht es nicht darum, das Gefühl wegzumachen. Es geht darum, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und wahrzunehmen, was eine Veränderung tatsächlich bewirkt. Das passt zu einem bewegungsorientierten Verständnis von Haltung, ist aber eine praktische Interpretation und kein unmittelbar getesteter Effekt der Studie.

Und jetzt praktisch

Die Studie liefert keine Grundlage für ein starres Haltungsprogramm. Sie bietet aber eine Anregung, mit Körperpositionen und Aufmerksamkeit zu experimentieren. Die folgende Anleitung ist eine kurze Übung zur Haltung und Körperwahrnehmun. Sie dauert ca. 3 Minuten. Länger ist natürlich auch möglich.

  • Schritt 1: Die Ausgangslage wahrnehmen

    Setze dich auf einen Stuhl oder stelle dich bequem hin. Versuche nicht, dich sofort aufzurichten oder zu korrigieren. Nimm zunächst wahr: Wie verteilen sich Gewicht und Druck? Wie fühlt sich der Kontakt der Füße mit dem Boden an? Wie bewegt sich der Brustkorb beim Atmen? Welche Bereiche fühlen sich angespannt oder mühelos an? Es gibt hier keine richtige oder falsche Antwort. Entscheidend ist zunächst, Unterschiede wahrzunehmen.

  • Schritt 2: Eine kleine Veränderung ausprobieren

    Verändere deine Position ein wenig. Du könntest zum Beispiel die Arme etwas freier hängen lassen, den Blick sanft nach vorn richten, das Gewicht leicht zwischen den Füßen verlagern, den Brustkorb etwas freier werden lassen, eine kleine Bewegung mit dem Becken oder dem Oberkörper ausprobieren. Wichtig ist, dass du dich nicht in eine Position zwingst. Die Veränderung soll bequem und gut kontrollierbar bleiben.

  • Schritt 3: Die Aufmerksamkeit verschieben

    Richte deine Aufmerksamkeit nacheinander auf drei Bereiche: Füße: Wie verteilt sich das Gewicht? Brustbein: Welche Bewegungen sind beim Atmen wahrnehmbar? Kinn und Kopf: Wie ist der Kopf ausgerichtet, und wie fühlt sich diese Ausrichtung an? Es geht nicht darum, die Position perfekt einzuhalten. Du kannst zwischen den Bereichen wechseln und kleine Anpassungen vornehmen.

  • Schritt 4: Die innere Reaktion beobachten

    Frage dich: Hat sich meine Atmung verändert? Ist eine Anspannung deutlicher oder weniger deutlich geworden? Fühlt sich die Position stabil, beweglich oder anstrengend an? Hat sich meine Stimmung verändert? Ist meine Aufmerksamkeit gerade stärker im Körper oder eher bei äußeren Anforderungen? Versuche, die Antworten nicht zu bewerten. Es kann sein, dass du eine Veränderung bemerkst. Es kann ebenso sein, dass sich wenig verändert. Beides ist eine sinnvolle Beobachtung.

  • Schritt 5: Eine neue Position finden

    Bewege dich anschließend ein wenig und finde eine Position, in der du dich für den Moment gut orientieren kannst. Du musst sie nicht festhalten. Nach einigen Sekunden kannst du sie wieder verändern. Die Idee ist, mehrere Möglichkeiten kennenzulernen, statt eine einzige Position als ideal festzulegen.

Was trainiert diese Übung? Die Übung verbindet drei Dinge: die Wahrnehmung des Körpers, die bewusste Veränderung der Position, die Beobachtung des eigenen Erlebens. Sie kann dir helfen, die eigene Körperwahrnehmung im Alltag bewusster zu erkunden. Ob sie bei einer bestimmten Person Angst reduziert oder die Interozeption verbessert, lässt sich daraus nicht vorhersagen. Wenn du die Übung ausprobierst, ist es deshalb sinnvoll, nicht nur nach einer Verbesserung zu suchen. Interessant ist auch, welche Unterschiede du wahrnehmen kannst und welche Positionen dir in einer bestimmten Situation mehr Bewegungsfreiheit geben.

Die Verbindung zu Stress: Muss ich meine Haltung korrigieren oder meine Möglichkeiten erweitern?

Für die Diskussion über Haltung und Stress ist eine Unterscheidung hilfreich. Stress entsteht nicht allein durch eine bestimmte Körperposition. Er kann durch äußere Belastungen, innere Bewertungen, körperliche Zustände und das Gefühl entstehen, mit einer Situation nicht angemessen umgehen zu können. Eine zusammengesunkene Haltung ist deshalb kein zuverlässiger Beweis für Stress. Ebenso wenig beweist eine aufrechte Haltung, dass jemand entspannt oder selbstsicher ist. Dennoch könnte die Beziehung zwischen Haltung, Aufmerksamkeit und innerer Wahrnehmung für den Umgang mit Stress relevant sein. Wenn Menschen angespannt sind, bemerken sie manchmal erst spät, wie stark sie die Muskeln anspannen, wie flach sie atmen oder wie wenig sie sich bewegen. Eine kurze Unterbrechung und bewusste Körperwahrnehmung kann eine Gelegenheit bieten, solche Reaktionen zu bemerken. Daraus folgt nicht, dass die Körperwahrnehmung jede Stressreaktion auflösen kann. Sie kann aber einen Zugang schaffen, um die eigene Reaktion genauer zu beobachten und gegebenenfalls eine andere Handlung auszuprobieren. Die Studie liefert dazu einen begrenzten empirischen Hinweis: Nach einer angeleiteten Haltungsübung nahm die momentane Angst in beiden untersuchten Gruppen ab. Die interozeptive Genauigkeit verbesserte sich ebenfalls im Verlauf der Übungen. Welche Bestandteile dafür verantwortlich waren, bleibt offen. Die praktische Bedeutung liegt daher weniger in einer bestimmten Körperposition als in der Möglichkeit, die eigene Körpererfahrung bewusst zu erkunden.

Mein Fazit

Ich würde die Studie nicht als Beleg dafür verstehen, dass eine machtvolle oder aufrechte Haltung grundsätzlich besser ist als eine andere. Dafür sind die Ergebnisse zu differenziert. Die Forschenden fanden vielmehr Hinweise darauf, dass angeleitete Haltungsübungen sowohl mit einer kurzfristigen Verringerung der Zustandsangst als auch mit Veränderungen der interozeptiven Genauigkeit verbunden sein können. Der besondere Nutzen machtvoller Haltungen gegenüber neutralen Positionen ließ sich dabei nicht nachweisen. Für die Verbindung mit einem dynamischen Verständnis von Haltung ergibt sich daraus eine interessante Perspektive. Haltung muss nicht als starres Ideal verstanden werden, das wir erreichen und anschließend möglichst lange bewahren sollen. Sie lässt sich auch als ein Prozess betrachten, in dem Wahrnehmung, Bewegung, Aufmerksamkeit und emotionales Erleben zusammenwirken. Die Frage wäre dann nicht nur: Wie sollte ich stehen oder sitzen? Sondern auch: Was nehme ich wahr, wenn ich meine Position verändere? Welche Möglichkeiten habe ich? Wie verändert sich meine Erfahrung, wenn ich meine Aufmerksamkeit anders ausrichte? Das ist eine andere Art, sich mit Haltung auseinanderzusetzen. Sie zielt nicht auf eine perfekte äußere Form, sondern auf ein differenzierteres Verhältnis zum eigenen Körper. Dabei sollten zwei Ebenen auseinandergehalten werden: Die Studie liefert begrenzte empirische Hinweise auf kurzfristige Veränderungen von Angst und interozeptiver Genauigkeit. Die weitergehende Idee, Haltung als dynamischen Prozess der Selbstorganisation zu verstehen, ist eine theoretische und praktische Einordnung. Nicht die perfekte Haltung ist das Ziel, sondern die Fähigkeit, den eigenen Körper wahrzunehmen, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren und herauszufinden, welche Veränderungen das eigene Erleben unterstützen. Das bedeutet nicht, dass jede Haltungsveränderung hilfreich ist oder dass Angst durch Körperarbeit allein verschwindet. Es bedeutet, dass die bewusste Erkundung von Haltung und Bewegung eine Möglichkeit sein kann, die Wahrnehmung des eigenen Körpers zu erweitern und den Umgang mit dem eigenen Erleben bewusster zu gestalten.

Zum Weiterlesen zur Dynamik der Haltung: Feldenkrais und Haltung – dynamische Stabilität: Stabilität nicht als starre Fixierung, sondern im Verhältnis zu Mobilität und Bewegungsorganisation.

Literatur:

  • Weineck, F., Schultchen, D., Hauke, G., Messner, M., & Pollatos, O. (2020). Using bodily postures to reduce anxiety and improve interoception: A comparison between powerful and neutral poses. PLOS ONE, 15(12), e0242578. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0242578

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