Im vorherigen Artikel Interozeption und Sucht wurde die Rolle der Interozeption bei Suchterkrankungen beleuchtet. Die aktuelle Forschung legt nahe, dass Craving nicht allein durch äußere Reize entsteht, sondern eng mit der Wahrnehmung und Verarbeitung innerer Körpersignale verknüpft ist. Die Insula spielt dabei eine zentrale Rolle, indem sie körperliche Zustände mit Emotionen, Motivation und Konsumverhalten verbindet. Daraus ergibt sich eine entscheidende Frage: Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die Behandlung von Suchterkrankungen? Im folgenden Artikel soll es genau darum gehen. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Übersichtsarbeit von Paulus, Stewart und Haase (2013), die Behandlungsansätze für interozeptive Dysfunktionen bei Suchterkrankungen zusammenfasst.
Interozeption bezeichnet die Aufnahme, Verarbeitung und Integration körperbezogener Signale im Zusammenspiel mit äußeren Reizen, wodurch motiviertes Verhalten beeinflusst wird (Craig, 2002). Da Interozeption motiviertes Verhalten beeinflusst, ist sie auch für Annäherungs- und Vermeidungsverhalten im Kontext von Suchterkrankungen von Bedeutung. Im Zentrum des Konzepts der Interozeption steht die Annahme, dass körperzustandsrelevante Signale eine reichhaltige und hoch organisierte Informationsquelle darstellen, die beeinflusst, wie sich ein Individuum motiviert verhält. Von besonderer Bedeutung ist dabei die enge Verbindung der Interozeption zur Homöostase (Craig, 2003). Daraus folgt, dass motiviertes Annäherungs- oder Vermeidungsverhalten gegenüber Reizen und Ressourcen der Umwelt darauf ausgerichtet ist, das innere Gleichgewicht des Organismus aufrechtzuerhalten. Nach dem heute verbreiteten Modell der Interozeption übernimmt die Insula eine hierarchisch organisierte Verarbeitung innerer Körpersignale. Somatosensorische Informationen gelangen zunächst in die posteriore Insula, wo sie repräsentiert werden. In der mittleren Insula werden diese Signale mit dem aktuellen inneren Körperzustand integriert, bevor sie in der anterioren Insula zu bewussten Gefühlszuständen weiterverarbeitet werden. Auf Grundlage einer Metaanalyse kommen Gu et al. (2013) zu dem Schluss, dass insbesondere die anteriore Insula eine zentrale und notwendige Rolle für das bewusste emotionale Erleben spielt. Dieses emotionale Erleben beeinflusst, wie innere Körperzustände wahrgenommen und bewertet werden, und bildet damit eine wichtige Grundlage für Motivation und Verhalten. Im Kontext von Suchterkrankungen gewinnt diese Funktion besondere Bedeutung: Werden belastende Körperzustände wie Stress, Anspannung oder Entzug intensiv erlebt, kann dies Craving verstärken und den Wunsch nach Substanzkonsum fördern. Interozeption beeinflusst somit nicht nur die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern auch die Anfälligkeit für suchtbezogenes Verhalten. Aus der zentralen Rolle der Interozeption für Craving und suchtbezogenes Verhalten ergibt sich die therapeutische Konsequenz, interozeptive Prozesse gezielt zu beeinflussen. Paulus, Stewart und Haase (2013) unterscheiden hierzu zwei grundlegende Behandlungsansätze: mindfulness und exercise. Schauen wir uns die beiden Ansätze mal näher an.
Starten wir mit der Achtsamkeit
Achtsamkeit ist ein selbstregulatorischer Prozess, der auf das bewusste, nicht wertende Erleben der aktuell wahrnehmbaren subjektiven Erfahrungen abzielt. Dazu zählen Körperempfindungen und andere Sinneseindrücke, Gedanken, Erwartungen, Vorstellungen, Erinnerungen und Gefühle. Achtsame Bewusstheit wird durch angeleitete Übungen der Achtsamkeitsmeditation gefördert, darunter die auf den Atem fokussierte Aufmerksamkeit sowie das systematische Wahrnehmen (Body-Scan) körperlicher Sinnesempfindungen. Da diese Übungen eine wiederholte Lenkung und Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit auf gegenwärtige Körperempfindungen erfordern, überrascht es nicht, dass Meditationstraining mit Verbesserungen der Aufmerksamkeitskontrolle einhergeht. So konnten Tang et al. (2007) in einer randomisiert-kontrollierten Studie zeigen, dass bereits fünf Tage eines Integrative Body–Mind Training (IBMT; jeweils 20 Minuten täglich) im Vergleich zu einem Entspannungstraining die exekutive Aufmerksamkeit und die Selbstregulation verbesserten. Darüber hinaus berichteten die Teilnehmenden über weniger negative Stimmung, zeigten eine geringere Cortisolreaktion auf Stress sowie eine verbesserte Immunreaktion. Die Autoren schließen daraus, dass bereits ein kurzes Achtsamkeitstraining kognitive Kontrollprozesse stärkt und die Stressregulation verbessert. Im Kontext von Suchterkrankungen könnte eine verbesserte Aufmerksamkeitssteuerung dazu beitragen, belastende interozeptive Signale, etwa Entzugssymptome oder Craving, bewusster wahrzunehmen, ohne unmittelbar automatisch mit Substanzkonsum darauf zu reagieren.
Neben den beobachtbaren Verbesserungen der Aufmerksamkeit sprechen auch neurobiologische Befunde dafür, dass Achtsamkeitstraining mit Veränderungen der Hirnfunktion einhergeht. Eine der ersten funktionellen MRT-Studien hierzu stammt von Brefczynski-Lewis et al. (2007). Die Autoren verglichen erfahrene Meditierende mit Meditationsanfängern während einer Konzentrationsmeditation, bei der die Aufmerksamkeit kontinuierlich auf den Atem oder ein visuelles Ziel gerichtet wurde. Dabei zeigte sich, dass insbesondere Hirnregionen aktiviert wurden, die für die Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit, die Überwachung von Konflikten sowie die Hemmung ablenkender Reize verantwortlich sind. Hierzu zählen unter anderem der anteriore cinguläre Cortex (ACC) und präfrontale Kortexareale. Zudem fanden die Autoren Hinweise darauf, dass sich die Aktivierung dieser Netzwerke mit zunehmender Meditationserfahrung verändert. Während Meditierende mit mittlerer Erfahrung eine stärkere Aktivierung aufwiesen, benötigten sehr erfahrene Meditierende für dieselbe Aufgabe weniger neuronale Aktivierung, was auf eine effizientere Verarbeitung und einen geringeren kognitiven Aufwand hindeutet. Die Ergebnisse sprechen somit für eine trainingsbedingte funktionelle Plastizität der an Aufmerksamkeit und Selbstregulation beteiligten Hirnnetzwerke. Weitere Hinweise auf die neurobiologischen Wirkmechanismen von Achtsamkeit liefern die Befunde von Allen et al. (2012). In einer randomisiert-kontrollierten Studie untersuchten die Autoren die Auswirkungen eines sechswöchigen Achtsamkeitstrainings auf kognitive Kontrollprozesse und die zugrunde liegenden Hirnaktivitäten. Insgesamt verbesserten zwar sowohl die Achtsamkeits- als auch die Kontrollgruppe ihre Leistung in einer Aufgabe zur Reaktionshemmung. Innerhalb der Achtsamkeitsgruppe zeigte sich jedoch ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Umfang der Meditationspraxis und den beobachteten Veränderungen: Teilnehmende mit einer höheren Übungsintensität wiesen eine bessere inhibitorische Kontrolle auf und zeigten während der Verarbeitung emotional belastender Reize eine stärkere Aktivierung des dorsalen anterioren cingulären Cortex (dACC), des medialen präfrontalen Cortex sowie der rechten anterioren Insula. Diese Befunde sprechen dafür, dass der Umfang der Achtsamkeitspraxis entscheidend dafür ist, in welchem Ausmaß neuronale Netzwerke der Selbstregulation und Interozeption angepasst werden.
Eine noch direktere Verbindung zwischen Achtsamkeit und Interozeption zeigen die Befunde von Farb et al. (2013). Die Autoren untersuchten mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT), ob ein achtwöchiges Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)-Programm die neuronale Verarbeitung interozeptiver Signale verändert. Während der Untersuchung richteten die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit gezielt auf ihre Atmung, sodass sich die Verarbeitung innerer Körpersignale mit der Verarbeitung visueller Reize vergleichen ließ. Im Vergleich zu einer Wartelistenkontrollgruppe zeigten die Teilnehmenden nach dem Achtsamkeitstraining eine stärkere Aktivierung der anterioren dysgranulären Insula – einem Hirnareal, das an der Integration interozeptiver Informationen mit dem situativen Kontext beteiligt ist. Gleichzeitig war die Aktivität des dorsomedialen präfrontalen Cortex (dmPFC) während der interozeptiven Aufmerksamkeit reduziert, und die funktionelle Konnektivität zwischen posteriorer Insula und dmPFC war verändert. Darüber hinaus hing die Intensität der Meditationspraxis mit einer stärkeren Aktivierung der posterioren Insula zusammen, die als primärer interozeptiver Cortex gilt.
Witkiewitz et al. (2013) beschreiben im Rahmen ihrer Übersichtsarbeit die Mindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP) als einen Behandlungsansatz, der Achtsamkeitsmeditation mit Strategien der Rückfallprävention verbindet. Ziel des Programms ist es, die sogenannte discriminative awareness zu fördern – also die Fähigkeit, körperliche Empfindungen, Emotionen und Craving differenziert wahrzunehmen, ohne automatisch auf sie zu reagieren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung einer akzeptierenden Haltung gegenüber unangenehmen inneren Zuständen. Anstatt belastende Körperempfindungen, Stress oder Suchtdruck reflexartig durch Substanzkonsum regulieren zu wollen, lernen Betroffene, diese Erfahrungen bewusst wahrzunehmen und auszuhalten. Nach Witkiewitz et al. kann dieser veränderte Umgang mit interozeptiven Signalen dazu beitragen, automatische Konsumreaktionen zu unterbrechen und einen größeren Handlungsspielraum für selbstreguliertes Verhalten zu schaffen. Damit stellt die Förderung von Akzeptanz und achtsamer Körperwahrnehmung einen zentralen Wirkmechanismus achtsamkeitsbasierter Rückfallprävention dar.
Ich versuche mal die Kernaussagen dieses Abschnitts zu verdichten:
- Achtsamkeit fördert die bewusste und nicht wertende Wahrnehmung innerer Erfahrungen, insbesondere von Körperempfindungen, Gedanken, Gefühlen.
- Bereits kurze Achtsamkeitstrainings verbessern Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Stressbewältigung und könnten dadurch helfen, belastende interozeptive Signale wahrzunehmen, ohne automatisch mit Substanzkonsum zu reagieren (Tang et al., 2007).
- Achtsamkeit verändert die Funktion des Gehirns: Insbesondere Hirnregionen, die für Aufmerksamkeit, Selbstkontrolle und Konfliktüberwachung verantwortlich sind (ACC, präfrontaler Cortex), arbeiten mit zunehmender Meditationserfahrung effizienter (Brefczynski-Lewis et al., 2007).
- Der Umfang der Meditationspraxis ist entscheidend: Mehr Übung geht mit einer stärkeren inhibitorischen Kontrolle sowie einer verstärkten Aktivierung der anterioren Insula und weiterer Netzwerke der Selbstregulation einher (Allen et al., 2012).
- Achtsamkeit verändert die Verarbeitung interozeptiver Signale: Nach einem MBSR-Training zeigen sich Veränderungen der Aktivität und Konnektivität der Insula sowie eine engere Kopplung zwischen interozeptiven und regulatorischen Hirnnetzwerken (Farb et al., 2013).
- Mindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP) nutzt diese Mechanismen therapeutisch: Durch die Förderung einer akzeptierenden Haltung gegenüber Craving und unangenehmen Körperzuständen lernen Betroffene, automatische Konsumreaktionen zu unterbrechen und stattdessen selbstreguliert zu handeln (Witkiewitz et al., 2013).
- Quintessenz: Achtsamkeitsbasierte Interventionen stärken Aufmerksamkeit, Selbstregulation und die Verarbeitung interozeptiver Signale. Dadurch können sie den automatischen Zusammenhang zwischen belastenden Körperzuständen und Substanzkonsum abschwächen und stellen damit einen vielversprechenden Behandlungsansatz bei Suchterkrankungen dar.
Schauen wir uns nun den anderen Ansatz an: exercise
Ein zweiter zentraler Behandlungsansatz, den Paulus, Stewart und Haase (2013) beschreiben, ist körperliche Aktivität (exercise). Die theoretische Grundlage hierfür liefert unter anderem das von Noakes et al. (2001) entwickelte Central-Governor-Modell. Dieses stellt die klassische Annahme infrage, dass körperliche Erschöpfung ausschließlich durch die Muskulatur entsteht. Stattdessen argumentieren die Autoren, dass das Gehirn kontinuierlich eingehende Signale aus dem Körper – etwa über Sauerstoffversorgung, Herz-Kreislauf-Belastung oder Stoffwechsel – integriert und die körperliche Leistungsfähigkeit so reguliert, dass eine Gefährdung der Homöostase verhindert wird. Körperliche Erschöpfung ist demnach nicht nur eine Folge peripherer Muskelprozesse, sondern das Ergebnis einer zentralen Verarbeitung interozeptiver Informationen, die den Organismus vor Überlastung schützt. Für die Interozeptionsforschung ist dieses Modell von besonderer Bedeutung, da es die Rolle afferenter Körpersignale für die Verhaltenssteuerung hervorhebt. Körperliche Aktivität stellt den Organismus fortlaufend vor die Aufgabe, Herzschlag, Atmung, Muskelspannung und weitere innere Signale zu verarbeiten und das Verhalten entsprechend anzupassen. Regelmäßiges Training könnte dadurch die Verarbeitung interozeptiver Informationen verbessern und die Fähigkeit stärken, körperliche Zustände präziser wahrzunehmen und zu regulieren. Im Kontext von Suchterkrankungen liefert dies eine theoretische Erklärung dafür, weshalb körperliche Aktivität nicht nur die körperliche Fitness verbessert, sondern auch zu einer besseren Regulation von Craving und anderen belastenden Körperzuständen beitragen könnte.
Einen ersten Hinweis auf die Bedeutung körperlicher Aktivität für die Interozeption liefert die Studie von Williamson et al. (1997). Die Autoren untersuchten mithilfe bildgebender Verfahren, ob die Insula während körperlicher Aktivität aktiviert wird. Hierzu verglichen sie aktives Radfahren mit passiv bewegten Beinen. Dabei zeigte sich, dass die linke Insula ausschließlich während der selbst ausgeführten Bewegung aktiviert wurde. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass körperliche Aktivität die neuronale Verarbeitung interozeptiver Signale anregt und die Insula aktiv an der Regulation körperlicher Zustände während der Belastung beteiligt ist. Diese Befunde unterstützen die Annahme, dass regelmäßige Bewegung die interozeptive Verarbeitung trainieren und dadurch die Wahrnehmung und Regulation innerer Körpersignale verbessern kann. Williamson et al. (1999) erweiterten diese Befunde, indem sie untersuchten, wie sich unterschiedliche Belastungsintensitäten auf die Aktivität der Insula auswirken. Mithilfe bildgebender Verfahren konnten sie zeigen, dass die Aktivierung der Insula mit zunehmender körperlicher Belastung anstieg. Besonders bedeutsam war, dass die regionale Hirndurchblutung der rechten Insula positiv mit der subjektiv wahrgenommenen Belastungsintensität (perceived exertion) sowie mit dem individuellen Blutdruckanstieg während des Trainings zusammenhing. Die Insula spiegelt demnach nicht nur objektive physiologische Veränderungen wider, sondern integriert auch die subjektive Wahrnehmung körperlicher Anstrengung. Diese Ergebnisse unterstreichen die zentrale Rolle der Insula bei der Verarbeitung interozeptiver Signale während körperlicher Aktivität und liefern eine neurobiologische Erklärung dafür, weshalb regelmäßiges Training die Wahrnehmung und Regulation innerer Körperzustände verbessern könnte.
Ein weiterer Mechanismus, über den körperliche Aktivität die Interozeption fördern könnte, wird im Modell des Body Prediction Error von Paulus et al. (2009) beschrieben. Dieses Modell geht davon aus, dass das Gehirn fortlaufend Vorhersagen über den zu erwartenden Körperzustand trifft und diese mit den tatsächlich eintreffenden interozeptiven Signalen vergleicht. Die Differenz zwischen erwarteter und erlebter körperlicher Belastung – der sogenannte Body Prediction Error – dient dazu, das Verhalten kontinuierlich anzupassen. So nutzt beispielsweise ein Ausdauersportler Signale wie eine zunehmende Atemfrequenz oder einen steigenden Herzschlag, um seine Belastung rechtzeitig an die bevorstehenden Anforderungen anzupassen. Körperliche Aktivität trainiert somit nicht nur die Wahrnehmung innerer Körpersignale, sondern auch deren fortlaufende Interpretation und Integration in die Verhaltenssteuerung. Im Kontext von Suchterkrankungen könnte eine präzisere Vorhersage und Bewertung interozeptiver Signale dazu beitragen, belastende Körperzustände realistischer einzuordnen und automatische Reaktionen auf Craving oder Stress zu reduzieren.
Einen umfassenden Überblick über die Rolle körperlicher Aktivität in der Behandlung von Suchterkrankungen geben Lynch et al. (2013). Die Autoren fassen klinische und tierexperimentelle Studien zusammen und kommen zu dem Schluss, dass regelmäßige körperliche Aktivität den Verlauf einer Suchterkrankung in verschiedenen Phasen positiv beeinflussen kann – von der Entstehung über den Entzug bis hin zur Rückfallprävention. Als zugrunde liegende Mechanismen diskutieren sie insbesondere Veränderungen dopaminerger und glutamaterger Signalwege im Belohnungssystem sowie eine erhöhte Expression des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF), der neuroplastische Prozesse fördert. Dadurch kann körperliche Aktivität drogeninduzierte Veränderungen in den neuronalen Belohnungsnetzwerken teilweise rückgängig machen und die Selbstregulation verbessern. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass die Wirksamkeit von Sport von verschiedenen Faktoren abhängt, darunter Art, Intensität und Zeitpunkt des Trainings sowie das Stadium der Suchterkrankung. Körperliche Aktivität sollte daher nicht als universelles Heilmittel verstanden werden, sondern als evidenzbasierte Ergänzung zu bestehenden Behandlungsansätzen. Einen weiteren klinischen Hinweis auf die Wirksamkeit körperlicher Aktivität bei Suchterkrankungen liefern Buchowski et al. (2011). In ihrer Pilotstudie absolvierten zwölf cannabisabhängige, bislang körperlich inaktive Erwachsene über einen Zeitraum von zwei Wochen insgesamt zehn überwachte Ausdauereinheiten auf dem Laufband (30 Minuten bei moderater Intensität). Während der Trainingsphase sank der tägliche Cannabiskonsum im Vergleich zur Ausgangswoche deutlich und blieb auch zwei Wochen nach Ende des Trainings unter dem Ausgangsniveau. Gleichzeitig verringerte sich das durch drogenbezogene Hinweisreize ausgelöste Craving in mehreren Dimensionen, darunter Zwanghaftigkeit, emotionale Reaktion, positive Konsumerwartungen und die Absicht zu konsumieren. Die Autoren schließen daraus, dass bereits ein kurzes Programm moderater körperlicher Aktivität Craving und Substanzkonsum reduzieren kann. Auch wenn die Studie aufgrund der kleinen Stichprobe als Pilotstudie zu interpretieren ist, liefert sie erste klinische Evidenz dafür, dass körperliche Aktivität eine sinnvolle Ergänzung in der Behandlung von Suchterkrankungen darstellen könnte.
Die Kernaussagen des Abschnitts lassen sich auf folgende Essenzen verdichten:
- Körperliche Aktivität trainiert die Interozeption: Nach dem Central-Governor-Modell von Noakes et al. (2001) verarbeitet das Gehirn kontinuierlich innere Körpersignale, um die Homöostase aufrechtzuerhalten und körperliche Leistung zu regulieren. Sport fordert und trainiert somit die Verarbeitung interozeptiver Informationen.
- Die Insula spielt eine zentrale Rolle während körperlicher Belastung: Williamson et al. (1997, 1999) zeigten, dass körperliche Aktivität die Insula aktiviert und ihre Aktivität mit der subjektiv empfundenen Anstrengung sowie physiologischen Veränderungen (z. B. Blutdruck) zunimmt. Die Insula integriert dabei objektive Körperzustände mit dem subjektiven Belastungsempfinden.
- Sport verbessert die Vorhersage und Bewertung innerer Körpersignale: Nach dem Body-Prediction-Error-Modell von Paulus et al. (2009) vergleicht das Gehirn kontinuierlich erwartete mit tatsächlichen Körperzuständen. Regelmäßige körperliche Aktivität könnte diesen Vorhersagemechanismus trainieren und dadurch die Regulation von Craving und Stress verbessern.
- Körperliche Aktivität beeinflusst zentrale neurobiologische Mechanismen der Sucht: Lynch et al. (2013) zeigen, dass Sport dopaminerge und glutamaterge Signalwege sowie neuroplastische Prozesse (u. a. über BDNF) moduliert und dadurch drogenbedingte Veränderungen im Belohnungssystem teilweise rückgängig machen kann.
- Erste klinische Studien belegen einen therapeutischen Nutzen: Buchowski et al. (2011) fanden, dass bereits ein zweiwöchiges moderates Ausdauertraining Cannabiskonsum und cue-induziertes Craving reduzieren kann. Körperliche Aktivität stellt damit eine vielversprechende ergänzende Intervention in der Behandlung von Suchterkrankungen dar.
- Quintessenz: Körperliche Aktivität wirkt nicht nur auf das Belohnungssystem, sondern trainiert gleichzeitig die Wahrnehmung, Verarbeitung und Regulation interozeptiver Signale. Dadurch kann sie die Selbstregulation stärken, Craving abschwächen und die Rückfallprävention bei Suchterkrankungen unterstützen.
Interozeptive Plastizität als gemeinsamer Wirkmechanismus von Achtsamkeit und körperlicher Aktivität
Die bisherigen Befunde lassen sich unter dem Konzept der interozeptiven Plastizität zusammenfassen. Paulus et al. (2013) schlagen vor, Suchterkrankungen als Folge einer gestörten Anpassung an sogenannte body prediction errors zu verstehen, also an die Differenz zwischen dem erwarteten und dem tatsächlich erlebten inneren Körperzustand. Dabei entsteht Verhalten nicht allein durch die Abweichung zwischen Erwartung und Erfahrung, sondern durch die Interpretation dieser Signale im Kontext früherer Erfahrungen und der Bedeutung äußerer Reize. So kann beispielsweise ein drogenbezogener Hinweisreiz eine verstärkte Insulaaktivierung auslösen und dadurch ein intensives Craving sowie suchtbezogenes Verhalten fördern. Achtsamkeit und körperliche Aktivität können als systematische Trainingsformen verstanden werden, die diese Verarbeitung interozeptiver Signale verändern. Während körperliche Aktivität die Fähigkeit verbessert, körperliche Vorhersagesignale wie Herzschlag, Atmung oder Belastung zu nutzen und die Reaktion der Insula zu regulieren, verändert Achtsamkeit die Bewertung und bewusste Wahrnehmung innerer Zustände. Beide Ansätze fördern somit eine präzisere Verarbeitung interozeptiver Informationen und können dazu beitragen, dass körperliche Zustände nicht mehr automatisch in suchtbezogenes Verhalten übersetzt werden. Interozeptive Plastizität stellt damit einen möglichen gemeinsamen Mechanismus dar, über den Achtsamkeit und Bewegung die Selbstregulation bei Suchterkrankungen verbessern können.
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