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Entscheiden – zwischen Bauch, Kopf und Intuition

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Entscheidungen prägen unser Leben – oft mehr, als wir wahrhaben wollen. In meinem Artikel „Entscheidung und Konsequenz“ habe ich beschrieben, wie sehr uns die Angst vor den Folgen lähmt. Wir schieben Entscheidungen auf, wälzen Verantwortung ab oder bleiben im inneren Unentschieden – aus Angst vor Irrtum, Verlust oder Reue.

Doch bevor wir überhaupt Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen können, stellt sich eine andere Frage: Wie treffen wir eigentlich Entscheidungen? Was läuft dabei in unserem Inneren ab? Welche Rolle spielen Erfahrung, Emotion und Verstand? Und wann ist es besser, nicht zu lange nachzudenken?

Dieser Artikel beleuchtet genau das: die inneren Mechanismen des Entscheidens. Er unterscheidet verschiedene Entscheidungstypen – von automatisierten Routinen über emotionale Schnellschüsse bis hin zur aufgeschobenen Intuition. Er greift dabei auf Erkenntnisse aus der Neurobiologie, der Kognitionspsychologie und der Entscheidungsforschung zurück. Mit dabei: Konzepte wie Unconscious Thought Theory, Heuristikmodelle und emotionale Konditionierungen.

Ziel ist es nicht, die „perfekte“ Entscheidung zu finden. Sondern zu verstehen, unter welchen Bedingungen welche Form von Entscheidung hilfreich oder riskant ist. Denn Entscheidungskompetenz ist kein Talent, sondern ein Zusammenspiel von Wahrnehmung, Selbstkontakt, Kontextsensibilität – und manchmal: Loslassen.

Wie entscheide ich am besten? Was heißt das jetzt genau? Was bedeutet “am besten”? Geht es um große Dinge, wie eine Firmengründung oder eine Hochzeit? Oder welchen Kaffee ich morgens um 8 Uhr genieße? Nach Gerhard Roth gibt es fünf Haupttypen von Entscheidungen.

Automatisierte Entscheidungen

Sie betreffen die meisten Entscheidungen unseres Lebens und finden meist völlig unbewusst statt, z.B. das Aufstehen, das Frühstücken, das Fahren zur Arbeit. Die Voraussetzungen dafür sind Vertrautheit, Übung und Komplexitätsreduktion. Vertrauen in einer Situation erleichtert automatisierte Entscheidungen, genau dann wenn diese immer wieder eingeübt werden und die Situation dafür nicht zu komplex ist.

Auch in der psychologischen Entscheidungsforschung spricht man in solchen Fällen von „einfachen Heuristiken“: Faustregeln, die sich als überraschend effektiv erwiesen haben, wenn Zeit und Informationen begrenzt sind. Eine bekannte Regel ist die Rekognitionsheuristik – sie besagt, dass Wiedererkennen bereits ein valider Hinweis sein kann. Wenn wir zwei Alternativen vor uns haben und nur eine davon kennen, wählen wir häufig die bekannte – ein Prinzip, das auch in automatisierten Entscheidungen wirksam wird (Pachur & Hertwig, 2006).

Experten zählen unter anderem dazu, welche ein schnell verfügbares Wissen ohne größeres Nachdenken zur Problemlösung aktivieren können. Ist dies nun alles gut? Ja, denn das Gehirn trachtet danach, Entscheidungsprozesse zu standardisieren, um Energie zu sparen. Eine weitere Form sind die Bauchentscheidungen. Hier gibt es laut Roth zwei.

Bauchentscheidungen I

Mensch, hör doch auf deinen Bauch. Damit sollen spontan affektive Entscheidungen unter Zeitdruck gemeint sein. Sie sind schnell, ähnlich den automatisierten Entscheidungen, dennoch besteht hier der Unterschied darin, dass es sich um hoch emotionale Situationen handelt. Schnelles Entscheiden ist z.B. im Straßenverkehr, bei einem Termin, an einer Kasse, notwendig.

Die psychologische Forschung spricht hier von affektiven Heuristiken – emotional gefärbten Kurzschlussurteilen, die unter Unsicherheit funktionieren. Laut Studien von Pachur und Spaar (2015) nutzen wir affektbasierte Entscheidungen besonders dann, wenn wir mit der Entscheidungsdomäne vertraut sind – Erfahrung erhöht also die intuitive Präzision. Anders wiederum die folgenden Bauchentscheidungen.

Bauchentscheidungen II

Hier fehlt nun der Zeitdruck. Hier hören wir ganz auf unser Herz und denken nicht notwendigerweise über die Konsequenzen nach. Es ist ein wenig wie ein Antirationalismus. Ganz anders die reinen Kopfentscheidungen.

Reflektierte Entscheidungen

Hier entscheiden weder spontan affektiv oder rein emotional, sondern überlegt. Wir schauen uns Alternativen und deren Konsequenzen näher an. Das geht zurück auf das Rational-Choice-Modell in der Ökonomie und Soziologie. Zwischen Vor- und Nachteilen wird ganz genau abgewogen. Gefühle sind störendes Beiwerk. In der psychologischen Realität sind jedoch rein rationale Entscheidungen kaum möglich. Vor allem dann, wenn viele Informationen zu berücksichtigen sind, stößt das Arbeitsgedächtnis an seine Grenzen. 

Pachur (2022) zeigt, dass Menschen bei zunehmender Komplexität nicht alle Informationen durchrechnen, sondern auf einfache, nicht-kompensatorische Regeln zurückgreifen – also solche, bei denen einzelne negative Eigenschaften nicht mehr durch positive kompensiert werden können.

Auch Dijksterhuis et al. (2006) fanden, dass bei komplexen Entscheidungen bewusstes Nachdenken oft zu schlechteren Entscheidungen führt – schlicht, weil das Bewusstsein nur begrenzt Informationen gleichzeitig verarbeiten kann. Der Effekt, dass unbewusste Verarbeitung bei komplexen Entscheidungen zu besseren Ergebnissen führt, wird als „Deliberation-without-attention“ bezeichnet.

Und bei diesen Mischformen sind Emotionen mit im Boot

Diese Emotionen sind als emotionale Konditionierungen präsent, in dem sie im Hintergrund die Richtung vorgeben. Diese Konditionierungen wurden uns in einem Alter zuteil, in dem wir noch kein deklaratives Gedächtnis hatten, unsere emotionalen Zentren, wie z.B. die Amygdala, sind schon voll funktionsfähig. D.h. über den Lauf eines Lebens sammelt sich ein Schatz an Erfahrungen an, die uns nicht mehr bewusstseinsmäßig zugänglich sind. Diese Emotionen haben somit eine Funktion, nämlich, hin oder weg.

Emotionen sind also als emotionale Konditionierungen präsent – sie geben im Hintergrund die Richtung vor. Diese unbewussten Bewertungsprozesse begleiten uns ein Leben lang. Die Forschung bestätigt mittlerweile: Emotionen sind keine Störfaktoren, sondern liefern zentrale Hinweise über Relevanz und persönliche Bedeutung. Studien zeigen, dass antizipierte Emotionen wie Bedauern, Stolz oder Schuld eine entscheidende Rolle spielen (Pfister et al., 2017, S. 307). Wir entscheiden oft so, dass wir unangenehme Gefühle in der Zukunft vermeiden.

Auch Pachur, Suter und Hertwig (2017) verdeutlichen, dass emotionale Gewichtung – wie etwa Verlustaversion – eng mit der Anwendung einfacher Entscheidungsheuristiken verknüpft ist. Das bedeutet: Unser Umgang mit Risiko und Gefühl beeinflusst, wie wir entscheiden – ob intuitiv, rational oder hybrid.

Laut Roth ist ein vernünftiger Mensch der, der zwischen rationalen und emotionalen Motiven einen Kompromiss finden kann. Und somit kommen wir zu den aufgeschobenen intuitiven Entscheidungen.

Aufgeschobene intuitive Entscheidungen

Was damit nicht gemeint ist, ist “Hör auf deinen Bauch”, sondern “Hör auf deine Intuition”. Die Situationen sind komplex und so ist es hilfreich ein wenig länger darüber nachzudenken. Und dann aber auch das Denken sein zu lassen, und zu warten. Auf was? Auf eine intuitive Entscheidung, aus heiterem Himmel, aus dem Nichts, oder beim Frühstücken. Ob uns jetzt etwas einfällt oder nicht, wird nicht vom Zufall bestimmt, sondern von vor- und unbewussten Prozessen.

Pachur et al. (2013) zeigten in einer Studie mit Zollbeamten, dass erfahrene Experten in hochkomplexen Alltagssituationen häufig auf einfache, aber effektive Heuristiken zurückgreifen – ein Beispiel für aufgeschobene intuitive Entscheidungen, die auf tiefem Erfahrungswissen beruhen. Laien hingegen tendieren zur Nutzung aufwändigerer, oft ineffizienter Kompensationsstrategien. Intuition funktioniert umso besser, je mehr Erfahrung wir in einem Bereich gesammelt haben (Pfister et al., 2017, S. 351–352).

Auch Dijksterhuis et al. (2006) zeigten in mehreren Studien, dass unbewusste Gedankenprozesse – z. B. wenn man eine Entscheidung „liegen lässt“ – bei komplexen Problemen oft zu besseren Ergebnissen führen als bewusstes Grübeln. Insbesondere bei multifaktoriellen Entscheidungen (z. B. Autokauf, Wohnungsauswahl) waren Teilnehmer, die sich nach einer Ablenkung intuitiv entschieden, im Nachhinein zufriedener mit ihrer Wahl. Die Autoren sprechen von der „Unconscious Thought Theory“ (UTT) und empfehlen: einfache Probleme bewusst, komplexe unbewusst lösen. Bewusstes Denken hilft bei einfachen Entscheidungen – bei komplexen aber hilft oft das Unbewusste (Dijksterhuis et al., 2006).

Und nun?

Automatisierte Entscheidungen sind bei Schnelligkeit, Sparsamkeit und Risikominimierung gefragt. Da sie auf einer langen Erfahrung aufbauen, können sie ritualisiert eingesetzt werden. Spontan affektive Bauchentscheidungen unterliegen einer Tendenz falsch zu sein, da wir einen eingeschränkten, schemenhaften Wahrnehmungsfokus haben, der limbisch gesteuert wird. Emotionale Bauchentscheidungen ohne Zeitdruck sind tendenziell auch falsch, da der erste Eindruck meist täuschen kann, der erste Drang nur ein Drang ist und der erste Gedanke manchmal sehr irreführend sein kann. Was hier definitiv fehlt ist die Detailverarbeitung, der mit dem zweiten Eindruck, dem zweiten Gedanken kommt. Reflektierte Entscheidungen haben auch Nachteile. Sie sind zeitaufwendig und kosten viel Energie. Wenn die Komplexität einer Situation ansteigt, führen diese selten zu guten Ergebnissen. Das hat mit der Beschränkung unserer Arbeitsgedächtnisses zu tun, unser Arbeitsspeicher sozusagen (Dijksterhuis et al., 2006). 

Damit Komplexes nicht perplex wird

Aufgeschobene intuitive Entscheidungen erzielen die besten Ergebniss, wenn die Situationen komplex sind. Ein wichtiger Punkt ist hierbei, dem Nachdenken nur eine begrenzte Zeit zu opfern, d.h. sich nicht der Rumination hingeben und zu viele nebensächliche Dinge beachten. Dann ziemt sich ein Liegenlassen, also eine Nacht drüber schlafen, oder auch mehrere Nächte. Schließlich folgt dann eine spontane Entscheidung, die die rationalen und emotionalen Netzwerke mit ins Boot holt. 

Wenn Verstand, Gefühl und Intuition übereinstimmen – wenn der Körper nicht protestiert, das Herz zustimmt und der Kopf versteht – dann sind wir vielleicht bei der Entscheidung angekommen, die wir wirklich meinen.

Wenn der Körper mitredet: Entscheidungen im somatischen Dialog

All die beschriebenen Entscheidungstypen – ob automatisiert, emotional oder intuitiv – haben eines gemeinsam: Sie geschehen in uns. Doch was heißt das eigentlich? Meist meinen wir damit Gedanken und Gefühle. Doch in der körperorientierten Psychotherapie – und insbesondere in der somatischen Arbeit nach Susan Aposhyan – rückt ein anderer innerer Mitspieler ins Zentrum: der Körper selbst. Aposhyan bezeichnet den bewussten Kontakt mit dem eigenen Körper als somatischen Dialog – ein innerer Prozess, in dem der Körper nicht bloß Reizempfänger ist, sondern aktiver Mitgestalter von Erkenntnis und Entscheidung. Dabei geht es nicht darum, den Körper als „Symptomträger“ zu analysieren, sondern ihn als Resonanzraum ernst zu nehmen, in dem Erfahrung, Intuition und implizites Wissen gespeichert sind.

„Somatic awareness is not only perception of the body; it is perception by the body“ (Aposhyan, 2004, S. 25). Im somatischen Dialog lauschen wir dem, was sich körperlich zeigt, wenn wir an eine Entscheidung denken: ein Engegefühl in der Brust, ein Kribbeln im Bauch, ein Drang zu fliehen, ein Aufatmen, ein leichtes Ziehen im Nacken. Diese subtilen Empfindungen sind keine Nebensache – sie sind Sprache. Und wir können lernen, ihnen zuzuhören.

Aposhyan schlägt vier Schritte vor, um diesen Dialog zu führen:

  1. Somatic Awareness – achtsames Spüren von Empfindungen im Körper
  2. Resonance – bemerken, was in mir emotional oder mental mitschwingt
  3. Articulation – Ausdruck durch Bewegung, Stimme, innere Worte
  4. Integration – Einordnung des Erlebten in den persönlichen Prozess

So kann aus einer diffusen Entscheidungsfrage ein leibliches Spürbild entstehen. Was fühlt sich weit an? Was zieht sich zusammen? Welche Option lässt mich freier atmen? Wo spüre ich Widerstand – und ist dieser Widerstand ein „Nein“ oder ein „Noch-nicht“?

„When we ask the body, we are asking a wise part of ourselves. The answer may not be in words, but it is real“ (Aposhyan, 2004, S. 212). Der somatische Dialog hilft insbesondere dort, wo Kopf und Gefühl uneins sind – und wo weder Reflex noch Rumination weiterhelfen. In Verbindung mit den oben beschriebenen aufgeschobenen intuitiven Entscheidungen eröffnet sich hier ein dritter Weg: Warten, Spüren, Einladen, bis sich eine Entscheidung verkörpert zeigt. Dabei entscheiden nicht nur Kopf oder Bauch, sondern das gesamte Selbst.

Wenn Verstand, Gefühl und Körper resonant „Ja“ sagen – wenn sich eine Option ruhig, stimmig, kraftvoll anfühlt – dann sind wir der Entscheidung näher, die wirklich zu uns passt.

Somatische Übung zur Entscheidungsfindung

Die Übung ist einfach gehalten, aber tief wirksam. Am besten im Sitzen oder Liegen, in ruhiger Umgebung. Und nun lade ich dich ein, dein Ja oder dein Nein zu spüren.

Literatur:

  • Aposhyan, S. (2004). Body-mind psychotherapy: Principles, techniques, and practical applications. W. W. Norton & Company.
  • Dijksterhuis, A., Bos, M. W., Nordgren, L. F., & van Baaren, R. B. (2006). On making the right choice: The deliberation-without-attention effect. Science, 311(5763), 1005–1007. https://doi.org/10.1126/science.1121629
  • Pachur, T., & Hertwig, R. (2006). On the psychology of the recognition heuristic: Retrieval primacy as a key determinant of its use. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 32(5), 983–1002. https://doi.org/10.1037/0278-7393.32.5.983
  • Pachur, T., & Spaar, M. (2015). Domain knowledge and intuitive judgment: Finding the needle in the haystack? Journal of Behavioral Decision Making, 28(5), 476–491. https://doi.org/10.1002/bdm.1861
  • Pachur, T. (2022). Die Psychologie adaptiver Entscheidungsstrategien. In D. Betsch & T. Jekel (Hrsg.), Entscheidungspsychologie (S. 77–103). Springer.
  • Pfister, H.-R., Jungermann, H., & Fischer, K. (2017). Die Psychologie der Entscheidung (4. Aufl.). Springer VS.
  • Roth, Gerhard; Grün, Klaus-Jürgen & Friedman, Michel (2010). Kopf oder Bauch? Zur Biologie der Entscheidung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

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