Derzeit lese ich wieder mal vermehrt bell hooks und bin zutiefst beeindruckt von der Art und Weise, wie Sie über die Liebe und Entwicklung spricht. Da rattert es natürlich in meinem Kopfe. Hier versuche ich mal diese Gedanken wiederzugeben. Wusstest du eigentlich warum sie ihren Namen klein schreibt? Sie wollte damit die Aufmerksamkeit weg von ihrer Person lenken zugunsten einer größeren Aufmerksamkeit auf den Inhalt ihrer Texte.
Selbstaufopferung ist laut hooks (2023) ein Konzept, das in vielen Kulturen romantisiert wird, oft dargestellt durch das Bild der uneigennützigen Mutter oder der altruistischen Helferin. Doch diese idealisierte Vorstellung der Aufopferung birgt in der Realität nicht selten tiefgreifende Probleme. Mütter, die sich vollkommen für ihre Familie aufgeben, erwarten im Gegenzug oft Gehorsam, Dankbarkeit oder Verehrung. Diese Dynamik führt häufig zu Enttäuschung, Zorn und kontrollierendem Verhalten, wie es in der feministischen Literatur hervorgehoben wird. Solche Verhaltensmuster sind keine Geste der Liebe, sondern Ausdruck eines ungesunden Machtgefüges, das durch patriarchale Strukturen geprägt ist.
Die Aufopferung und ihre soziologischen Wurzeln
Ralf Dahrendorf (2010) beschreibt in seinem Werk “Homo Sociologicus” soziale Positionen als Orte in einem Netzwerk sozialer Beziehungen. Die Rolle der selbstaufopfernden Mutter entspricht einer solchen Position, die mit klaren Erwartungen verknüpft ist. Diese Erwartungen sind nicht nur äußerlich, sondern auch kulturell und historisch variabel.
In patriarchalen Gesellschaften wurde das Aufopferungsmodell instrumentalisiert, um Frauen in eine Rolle zu drängen, die Unterwerfung und Selbstaufgabe verlangt. Feministische Denkerinnen, insbesondere Schwarze Frauen, haben diese Dynamik analysiert und die zerstörerischen Konsequenzen beleuchtet. Sie zeigen auf, dass solche Rollenbilder oft als einzig mögliches Vorbild vermittelt werden – ein Problem, das durch die Massenmedien verstärkt wird.
Jüngere Generationen, vor allem junge Schwarze Frauen, erkennen die Fallstricke der Selbstaufopferung und lehnen diese bewusst ab. Doch die Alternative, die narzisstische Selbstinszenierung, bringt andere Herausforderungen mit sich. In beiden Modellen bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Wie können Menschen echte Selbstliebe entwickeln, die frei von destruktiven Mustern ist?
Der narzisstische Gegenpol
Das Modell der narzisstischen, egozentrischen Selbstdarstellung steht in scharfem Kontrast zur aufopferungsvollen Helferin. Die narzisstische Frau mag oberflächlich erfolgreich und selbstbewusst wirken, doch ihre Welt ist oft leer von echter Verbindung. Erving Goffman (2003) beschreibt in “Wir alle spielen Theater”, dass Menschen soziale Rollen interpretieren und ausfüllen, um Anerkennung zu erlangen. In der Rolle der Diva wird die Darstellung des Selbst zur zentralen Aufgabe, wobei die Erwartungen der Gesellschaft an Status und Erfolg überbetont werden.
Das Problem dabei ist, dass narzisstische Selbstdarstellung nicht auf echter Selbstliebe beruht. Sie zielt vielmehr darauf ab, Wertschätzung von außen zu erhalten, anstatt innere Sicherheit und Zufriedenheit zu finden. Solche Menschen sind oft unfähig, echte Liebe zu geben oder zu empfangen, da ihr Fokus auf Selbsterhaltung und Eigeninteresse liegt.
Ein Weg zur gesunden Selbstliebe
Um Selbstliebe zu entwickeln, müssen sowohl das Modell der Aufopferung als auch das der narzisstischen Selbstdarstellung überwunden werden. Gesunde Selbstliebe erfordert Sicherheit, physisch als auch emotional. Diese Sicherheit entsteht, wenn Menschen sich in einem stabilen sozialen Umfeld bewegen, das von gegenseitigem Vertrauen und Unterstützung geprägt ist. Hier kommt die Polyvagaltheorie (Dana, 2018) ins Spiel, die beschreibt, wie soziale Bindungen unser Nervensystem regulieren. Nur wenn wir uns sicher fühlen, können wir uns wirklich auf andere einlassen und authentisch lieben.
Vorbilder und soziale Rollen
Die Wahl gesunder Vorbilder spielt eine entscheidende Rolle. Ralf Dahrendorf (2010) betont, dass soziale Rollen nicht nur äußerlich sind, sondern durch individuelle Interpretation geprägt werden können. Ein gutes Vorbild zeigt, wie man Rollen auf eine Weise ausfüllen kann, die Selbstverwirklichung und Handlungsfähigkeit fördert. Solche Vorbilder leben vor, dass echte Liebe sowohl Selbstliebe als auch Fürsorge für andere umfasst.
Goffmans (2003) Ansatz, das soziale Leben als Theater zu betrachten, hilft zu verstehen, wie Menschen Rollen authentisch interpretieren können. Es geht nicht darum, Rollen perfekt zu spielen, sondern sie so zu gestalten, dass sie mit den eigenen Werten und Bedürfnissen im Einklang stehen. In einer sicheren Umgebung können Menschen experimentieren und ihre Rolle als liebendes und selbstliebendes Wesen gestalten.
Die Balance zwischen Individuum und Gesellschaft
Selbstliebe ist nicht isoliert von der Gesellschaft zu betrachten. Sie ist eingebettet in soziale Beziehungen und Strukturen. Die Anforderungen an soziale Rollen können Druck ausüben, aber auch Möglichkeiten schaffen, sich weiterzuentwickeln. Marshall Rosenberg (2005) sagt, dass Menschen, die sich selbst lieben, erkennen, dass sie nur dann andere authentisch lieben können, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse anerkennen und respektieren.
Die Transformation von Selbstaufopferung über Kontrolle und Narzissmus hin zu Selbstliebe erfordert Bewusstheit und Mut, alte Muster zu durchbrechen. Sie verlangt auch, neue, gesunde Vorbilder zu suchen und die eigenen Rollen in der Gesellschaft bewusst zu gestalten. Nur so können Menschen authentische Verbindungen eingehen und gleichzeitig ihre individuelle Integrität bewahren.
Fazit
Der Weg zur Selbstliebe ist ein Prozess, der von kulturellen und sozialen Faktoren beeinflusst wird. Er verlangt, dass Menschen sich mit den Rollen auseinandersetzen, die sie einnehmen, und diese kritisch hinterfragen. Es geht darum, Modelle der Aufopferung und des Narzissmus zu überwinden und einen authentischen Ausdruck von Liebe und Selbstliebe zu finden. Sicherheit und gesunde soziale Beziehungen bilden die Grundlage für diesen Prozess, während Vorbilder und kulturelle Narrative Orientierung bieten. Letztlich zeigt die Reise zur Selbstliebe, dass echte Liebe nur dort entstehen kann, wo Menschen sich selbst lieben, ohne dabei egoistisch oder selbstzerstörerisch zu sein.
Literatur:
- Dahrendorf, Ralf (2010). Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften
- Dana, Deb (2018). The Polyvagal Theory in Therapy. Engaging the rhythm of regulation. New York: W. W. Norton & Company, Inc.
- Goffman, Erving (2003). Wir alle spielen. Die Selbstdarstellung im Alltag. München: Piper Verlag GmbH
- hooks, bell (2023). Selbstliebe. Über Herkunft und Gerechtigkeit. Hamburg: Harper Collins
- Rosenberg, Marshall B. (2005). Nonviolent Communication: A language of life. Nonviolent Communication Guide. Encinitas: Puddle Dancer Press
Bilder:
- Foto von Chandan Chaurasia auf Unsplash