Im Artikel Gestalterhaltung benutzte ich die Metapher der "Brille", um unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt zu beschreiben. Diese Brille symbolisiert unsere Perspektiven, die beeinflussen, wie wir Ereignisse wahrnehmen und interpretieren. Eine negative Sichtweise kann Kraft rauben und zu Problemen wie Erschöpfung oder Depression führen. Dagegen kann eine positive und konstruktive Sichtweise als Ressource dienen und Herausforderungen in Chancen verwandeln. Nehmen wir dazu mal zwei Beispiele:

  • Beispiel negativer Sichtweise: Ein regnerischer Tag wird als Hindernis wahrgenommen, was negative Gefühle verstärkt und zu einer zunehmend pessimistischen Einstellung (ich male hier ein worst case Szenarium) führen kann. Diese Einstellung kann sich verfestigen und Stress oder gesundheitliche Probleme auslösen.
  • Positive Sichtweise und Gestalterhaltung: Die Perspektive auf stressige Situationen – als Bedrohung oder Herausforderung – prägt unser Handeln und Wohlbefinden. Eine Gestalterhaltung, die proaktives und bewusstes Handeln fördert, kann dabei helfen, die Brille zu wechseln. Kleine, gezielte Schritte können den Übergang zu einer positiveren Lebensweise erleichtern.

Die Übung, neue Sichtweisen auszuprobieren, unterstützt dabei, ein aktives und selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Schlüssel liegt im bewussten Wahrnehmen, Verstehen und Handeln.

Vorsicht vor zu schnellen Urteilen

Jetzt gilt es natürlich auch aufzupassen, denn nicht jeder Mensch kann immerzu und überall einfach mal so diese Brille aufsetzen. Ich finde Sophia Fritz bringt dies in ihrem Buch sehr gut auf den Punkt:

Lean in, toughen up, nimm es dir und hör auf zu heulen ist für viele Menschen kein realistischer Ratschlag. Der Slogan “Vor dem Gesetz sind wir alle gleich” ignoriert die Tatsache struktureller Ungleichheiten und bringt uns nicht weiter und schon gar nicht zusammen. Ist es nicht viel zu kurz gedacht, zu behaupten, dass die Opferrolle so wahnsinnig bequem sei? Ist es nicht paradox, Leidensdruck mit Bequemlichkeit gleichzusetzen, Komfort mit Hilflosigkeit und internalisierte misogyne Strukturen mit ewig währendem Druck zu verwechseln?” (Fritz, 2024, S. 132)

Ich stimme dem voll zu. Es sagt sich manchmal sehr leicht, “mach doch einfach”, oder “du musst einfach nur in die andere Richtung schauen”, oder “nicht rummeckern, sondern rankleckern”. Den Letzten mit Meckern und Kleckern habe ich persönlich schon sehr oft gehört. Was dabei untergeht ist genau das was Frau Fritz beschreibt, die Aberkennung bzw. die wirkliche Anerkennung und Würdigung des Leids. Die Opferrolle als Bequemlichkeit abzutun grenzt für mich eher an ein despektierliches Verhalten im Gegensatz zur liebevollen Anteilnahme, welche im Umkehrschluss Heilung ermöglicht und somit neue Wege ebnet.

Opferrolle und Macht aus feministischer Perspektive

Die feministische Perspektive auf Macht und die Opferrolle legt den Fokus auf die sozialen und kulturellen Mechanismen, die Machtbeziehungen strukturieren und legitimieren. Wenn ich jetzt von soziologischen und machtkritischen Ansätzen ausgehe, wird Macht nicht als individuelles Attribut verstanden, sondern als Beziehung, die in sozialen Praktiken und Diskursen verankert ist. Und genau dies bietet wichtige Ansatzpunkte, um die Opferrolle kritisch zu hinterfragen und deren Verbindung zu Machtstrukturen zu analysieren.

Macht als soziale Beziehung

Macht ist in jeder sozialen Beziehung präsent, wie Max Weber (1984) formuliert, und entfaltet sich über spezifische Quellen: körperliche Überlegenheit, Persönlichkeit, Besitz und Organisation. Diese Machtquellen werden durch ihre Wahrnehmung und die Reaktionen der Betroffenen wirksam. Im Kontext feministischer Analysen zeigt sich, dass patriarchale Machtverhältnisse oft durch die Wahrnehmung körperlicher Überlegenheit und durch manipulative Diskurse verstärkt werden. Frauen, die als schwächer wahrgenommen werden, können in vorauseilender Unterwerfung handeln, was diese Machtverhältnisse stabilisiert.

Die feministische Kritik an der Opferrolle

Die Opferrolle wird oft durch soziale Diskurse geformt, die bestimmte Gruppen als verletzlich, schwach oder hilfsbedürftig konstruieren. Michel Foucaults (1987) Konzept von Macht als sozialen Kräfteverhältnissen und Diskursen bietet eine Grundlage, diese Konstruktionen zu analysieren. Diskurse strukturieren soziale Praktiken, indem sie festlegen, was als legitim und illegitim gilt. Feministische Kritikerinnen hinterfragen, wie solche Diskurse Frauen in die Opferrolle drängen und gleichzeitig ihre Handlungsfähigkeit delegitimieren.

Beispielsweise können Diskurse über “weibliche Schutzbedürftigkeit” oder “natürliche Schwäche” Frauen in einer Machtposition als Subjekte einschränken. Diese Diskurse verschleiern oft die strukturellen Bedingungen, die diese Machtverhältnisse hervorbringen, und lenken die Aufmerksamkeit von der Systemkritik auf individuelle Verhaltensweisen. Und darin liegt die große Problematik begraben.

Wirkungsmechanismen der Macht und ihre Relevanz für Feminismus

Feministische Analysen verdeutlichen, dass die Wirkungsmechanismen von Macht, nämlich sanktionieren, kompensieren und manipulieren, zentrale Rollen bei der Aufrechterhaltung der Opferrolle spielen. Manipulation erweist sich dabei als besonders problematisch. Wenn die Unterwerfung als das eigene Interesse der Unterworfenen dargestellt wird, entsteht die Illusion von Freiwilligkeit. Ein Beispiel hierfür ist die Legitimation patriarchaler Strukturen durch Diskurse wie “Es ist zum Schutz der Frauen”, was vermeintliche Sicherheit über Autonomie stellt.

Subjektbildung und Widerstand

Die feministische Perspektive auf die Opferrolle erkennt an, dass Subjektbildung ein zentraler Prozess in Machtbeziehungen ist. Frauen werden durch machtförmige Diskurse nicht nur in die Opferrolle gedrängt, sondern auch in ihrer Identität geformt. Dies schafft jedoch auch Räume für Widerstand. Wenn Diskurse soziale Praktiken strukturieren, können alternative Diskurse und Handlungsstrategien Machtverhältnisse herausfordern.

Ein Ansatz ist die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Position innerhalb von Machtstrukturen und die Dekonstruktion der Opferrolle. Frauen können durch die Aneignung und Transformation von Diskursen und sozialen Praktiken ihre Subjektivität und Handlungsfähigkeit stärken. Hier wird der Übergang von einer passiven Opferrolle zu einer aktiven Gestalterrolle möglich. Und wenn ich Frauen schreibe, dann meine ich auch Frauen und dennoch möchte ich diese Gedankengänge auch auf Männer anwenden.

Fazit

Lasst uns die Bedeutung von Perspektiven und Handlungsfähigkeit betonen. Unsere Sichtweise prägt, wie wir Herausforderungen wahrnehmen und bewältigen. Eine positive, gestaltende Haltung kann Kraft spenden und uns befähigen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Gleichzeitig zeigt eine feministische Perspektive auf, dass soziale Machtverhältnisse die Opferrolle strukturieren. Der Schlüssel liegt darin, Machtmechanismen zu verstehen, alte Denkmuster zu durchbrechen und aktiv neue Wege der Selbstermächtigung zu gehen.

Literatur:

  • Fritz, Sophia (2024). Toxische Weiblichkeit. Berlin: Carl Hanser Verlag
  • Weber, Max (1984). Soziologische Grundbegriffe. Stuttgart: utb
  • Foucault, Michel (1987). Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Bilder:

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