Atmen ist mehr als ein physiologischer Vorgang. Es ist eine Brücke zur Welt, ein Raum, den wir betreten können, um wahrzunehmen, zuzuhören und uns mit anderen und uns selbst zu verbinden. Erich Fromm beschreibt das Zuhören als eine Kunst, die Empathie, Konzentration und Liebe voraussetzt. Doch was bedeutet das in Bezug auf das bewusste Atmen? Wie kann das Atmen das Zuhören unterstützen? Oder, wie könnte das Zuhören das Atmen unterstützen? Und wie könnte aus diesem Prozess Liebe entstehen?
Atmen als Grundlage des Zuhörens
Fromm (2005) betont, dass echtes Zuhören absolute Konzentration erfordert. "Die Grundregel für das Zuhören ist die vollkommene Konzentration des Zuhörers", schreibt er. Um wirklich zuzuhören, müssen wir unsere Gedanken zur Ruhe bringen und uns dem anderen ganz widmen. Genau hier setzt das bewusste Atmen an: Es ist eine einfache, aber kraftvolle Methode, um unsere Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Moment zu lenken.
Wenn wir bewusst atmen, verschieben wir den Fokus von unseren inneren Monologen auf das Hier und Jetzt. Fromm weist darauf hin, dass Zuhören nicht nur ein intellektueller Akt ist, sondern ein emotionaler und körperlicher Zustand, der von innerer Freiheit und Offenheit geprägt ist. Das Atmen hilft uns, diesen Zustand zu erreichen, indem es uns erdet und unsere Präsenz intensiviert.
Die Verbindung zwischen Zuhören und Liebe
Fromm erklärt, dass echtes Zuhören untrennbar mit Liebe verbunden ist. "Verstehen und Lieben sind untrennbar", sagt er. Liebe in seinem Sinne ist nicht nur eine romantische Gefühlsregung, sondern die tiefe Fähigkeit, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, ihn in seiner Ganzheit zu erfassen und anzunehmen.
Atmen kann dabei helfen, diesen Zustand der Offenheit und Empathie zu fördern. Wer bewusst atmet, gibt sich selbst Raum, um zuzuhören, ohne sofort zu reagieren oder zu urteilen. Das Zuhören wird zu einem Akt der Hingabe, der sich in einer liebevollen Beziehung zum anderen ausdrückt.
Die Herausforderungen: Warum ist es schwer, zuzuhören?
Na ja, es gibt verschiedene Hindernisse, die das Zuhören erschweren: innere Ablenkungen, Angst, Ungeduld und der Drang, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Hindernisse sind oft unbewusst und tief in unserer Gesellschaft verankert, die auf Leistung, Geschwindigkeit und Oberflächlichkeit ausgerichtet ist, zu einem gewissen Grad.
Das Atmen kann helfen, diese Barrieren zu durchbrechen. Wenn wir merken, dass wir gedanklich abschweifen oder bereits eine Antwort formulieren, können wir bewusst ein- und ausatmen. Dieser einfache Akt unterbricht unsere automatische Reaktion und lässt uns in den Moment zurückkehren.
Wie können wir besser zuhören?
Fromm nennt einige wesentliche Voraussetzungen für gutes Zuhören:
- Innere Ruhe – Frei von Angst und Ablenkungen zu sein.
- Empathie – Die Fähigkeit, die Erfahrung des anderen nachzufühlen.
- Freie Vorstellungskraft – Das Gesagte lebendig und bildhaft erfassen zu können.
Das bewusste Atmen kann helfen, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Eine einfache Übung ist es, einige Atemzüge lang nur auf das Atmen zu achten, bevor man auf das Gesagte reagiert. Das schafft einen Raum, in dem echte Begegnung stattfinden kann.
Fazit: Atmen, Zuhören, Lieben
Atmen und Zuhören sind nicht nur Werkzeuge zur Kommunikation, sondern auch ein Weg zur Liebe, wie Fromm sie versteht. Wer bewusst atmet, schafft sich einen Raum, um wirklich zuzuhören. Und wer zuhört, öffnet sich für das, was den anderen bewegt. In diesem Prozess entsteht eine Verbindung, die auf echtem Verstehen und Liebe basiert.
Anbei findest du eine Audio (13 Minuten). Wenn du magst, mache gerne mal diese Meditation bevor du mit jemanden in den Kontakt gehst und beobachte, was eventuell danach anders ist.
Literatur:
- Fromm, Erich (2005). Von der Kunst des Zuhörens. Therapeutische Aspekte der Psychoanalyse. Berlin: Ullstein Verlag
Bilder:
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