Angst, Orientierung und der peripersonale Raum

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Bereits hier Der peripersonale Raum  und hier Der peripersonale Raum – Verbindung von Feldenkrais und Polyvagal-Theorie schrieb ich über den peripersonalen Raum (kurz: PPR). Heute möchte ich näher auf die Verbindung von der Orientierungsfunktion, Angst und diesem PPR eingehen. Bevor ich da einsteige, noch einmal kurz eine Annäherung an den PPR. Der PPR ist der Nahbereich, der mich umgibt, also ca. eine ausgestreckte Armlänge. Nach Coello und Kollegen 2012) ist der PPR der private Bereich in sozialen Interaktionen, enthält Objekte, mit denen ich im Hier und Jetzt interagieren kann und auch Gefahren, auf die ich achten darf, um meine Integrität zu wahren. Also, wenn mir jemand zu nahe kommt, somit in meinen PPR eintritt, dann könnte damit mein Sicherheitsbedürfnis verletzt werden. Und damit wird eine ganze Kaskade losgetreten.

Roelofs (2017) beschreibt, dass Tiere und Menschen verschiedene defensive Modi aktivieren, je nach Bedrohungsniveau und Situation. Diese werden von evolutionären Mechanismen gesteuert, die helfen sollen, das Überleben zu sichern. Diese Modi können in einer groben Abfolge gesehen werden: Orientierung —> Freeze (Erstarren) —> Fight oder Flight (Kampf oder Flucht) —> Tonische Immobilität (als letztes Stadium, wenn alles andere versagt).

Was ist die Orientierungsfunktion?

Orientierung ist der allererste Teil der Reaktion auf einen unbekannten Reiz oder eine potentielle Bedrohung. Sie tritt sofort ein, wenn etwas wahrgenommen wird, das Aufmerksamkeit verlangt. Der Körper und das Nervensystem richten die Aufmerksamkeit auf den Reiz, um ihn zu bewerten. Das ist keine reine Bewegungslosigkeit, sondern ein Zustand aufmerksamer Wahrnehmung, oft begleitet von verminderten Bewegungen. Orientierung ist also nicht primär ein defensiver Modus im engeren Sinne, sondern der Moment, in dem dein System versucht herauszufinden, was das ist und wie gefährlich es ist.

Freeze, das aktive Stoppen

Nach der Orientierungsreaktion, wenn der Reiz als potentiell bedrohlich eingestuft wird, kommt typischerweise das Freeze. Aufmerksame Bewegungs-Hemmung bedeutet nach  Roelofs folgendes. Du bewegst dich kaum, aber bist wach und beobachtest. Dabei ist der Parasympathische Ast dominanter, d.h. die Herzrate sinkt (der medizinische Begriff dafür wäre Bradykardie), was die Wahrnehmung verbessert. Diese Reaktion bereitet auf Aktion vor. Freeze ist kein passives Erstarren, sondern ein Vorbereitungszustand für mögliche weitere Reaktionen. Orientierung und Freeze können äußerlich ähnlich aussehen (beide beinhalten Bewegungslosigkeit), aber sie unterscheiden sich funktional. Orientierung dient der Reizerkennung sowie der Reizbewertung. Es werden erstmal Informationen gesammelt. Das funktioniert sehr sehr schnell. Freeze hingegen bereitet auf die Handlung vor, erhöht die Wahrnehmung. Es kommt schließlich zu einem Entschluss. Beide beinhalten stilles Körperverhalten, aber Freeze ist stärker auf spätere Aktion ausgerichtet, während Orientierung einfach ein erster Wahrnehmungs-Check ist.

Karin Roelofs unterscheidet zwischen zwei Arten von Freeze-Reaktionen, was ihre Position von vielen klassischen Modellen (z.B. Walter Cannon) abhebt. In vielen klinischen oder traumabezogenen Modellen gilt Freeze als Folge gescheiterter Fight- oder Flight-Reaktionen, eine Art motorischer Shutdown oder tonische Immobilität. Roelofs hingegen beschreibt das „Freeze for action“ als aktiven, vorbereitenden Zustand, der vor Fight oder Flight auftritt. Dabei hemmt das Nervensystem kurzfristig die Bewegung, erhöht die Wahrnehmung und bereitet auf gezielte Handlung vor. Erst wenn Kampf oder Flucht unmöglich sind, kann die tonische Immobilität eintreten. Der Unterschied liegt also darin, dass viele Modelle Freeze als passives Versagen sehen, Roelofs ihn aber als adaptive, evolutionär erhaltene Orientierungs- und Handlungsvorbereitungsfunktion versteht.

Fight oder Flight

Wenn die Bedrohung als konkret und handlungsrelevant bewertet wird, schaltet das Nervensystem von Freeze um auf Flight (Flucht). Hier dominiert der Sympathikus und der Körper mobilisiert Energie zum Weglaufen. Oder es kommt zu einem Fight (Kampf). Hier dominiert auch der Sympathikus und der Körper mobilisiert Energie zum Widerstand. Beide sind aktive Verteidigungsmodi und stehen im Gegensatz zum Freeze, der den aktiven motorischen Output temporär hemmt.

Tonische Immobilität, der letzte Ausweg

Tonische Immobilität ist ein Zustand, der nach Fight/Flight/Freeze eintreten kann, wenn alle anderen Strategien versagt haben oder die Bedrohung physisch sehr nahe ist, z.B. bei einer direkten körperlichen Kontaktphase). Es handelt sich hier um eine extreme Immobilität, meist völliges Erstarren. Oft ist dies begleitet von starker parasympathischer Aktivität oder widersprüchlichen Herzfrequenzmustern. Dabei werden die körperlichen Durchblutungs- und Reaktionssysteme heruntergefahren. Die Tonische Immobilität gilt als eine Art Totstell-Reflex. Wenn Flucht und Kampf nicht funktionieren und Freeze nicht mehr hilfreich ist, kann das System gewissermaßen zusammenbrechen oder in einen letzten Überlebensmodus treten.

Bezug zum Peripersonalen Raum

Während Roelofs (2017) selbst den Begriff des peripersonalen Raums (PPR) nicht im Zentrum hat, lässt sich ihre Beschreibung der defensiven Mechanismen gut mit neueren Konzepten des PPR verbinden. Der peripersonale Raum ist nicht einfach ein statisches Bubble, sondern ein funktionales, multisensorisches und dynamisches Feld um den Körper, in dem Wahrnehmung, Handlungsvorbereitung und Verteidigungsverhalten eng miteinander verknüpft sind. PPR wird neurophysiologisch und verhaltensbiologisch anders verarbeitet als weiter entfernter Raum. Es ist multisensorisch organisiert – visuell, taktil, auditiv – und steht direkt in Beziehung zu körperzentrierter Interaktion und motorischer Vorbereitung. Spezialisierte neuronale Populationen in parietalen und prämotorischen Regionen kodieren diese nahe Umgebung und verarbeiten Reize abhängig von ihrer Distanz und Relevanz.

Drei Funktionen des PPR

Die Literatur (de Vignemont & Farnè, 2024) beschreibt PPR‑Mechanismen mit drei Hauptfunktionen:

  1. Defensiv – Reagieren auf Bedrohungen in der Nähe des Körpers.
  2. Navigierend – Hindernissen ausweichen.
  3. Appetitiv/handlungsbezogen – zielgerichtete Interaktionen mit Objekten planen und ausführen.

Diese Funktionen sind nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich bedeutend. PPR‑Mechanismen greifen besonders dann, wenn andere antizipatorische Strategien nicht ausreichen, also in unvorhersehbaren oder abrupten Situationen. PPR wird demnach als eine Art Plan B verstanden, nicht primär zur frühzeitigen Vermeidung, sondern als schneller Notfallmechanismus, wenn Vorhersage‑ und vorausschauende Systeme versagen.

PPR und defensive Reaktionen

Wenn ein Objekt oder eine Person den peripersonalen Raum betritt, aktiviert das Nervensystem typischerweise folgende Prozesse. Es erhöht die Aufmerksamkeit auf den Reiz, da seine Nähe eine potentielle Gefahr signalisiert. Es kommt weiterhin zu einer sensorischen Aktualisierung der relevanten Signale (visuell, taktil, auditiv). Schließlich folgt eine Aktivierung defensiver Reaktionsmechanismen, abhängig von der Bewertung von Risiko und Nähe. Diese PPR‑Mechanismen korrespondieren sowohl mit vorbereitenden motorischen Signalen als auch mit Abwehrreaktionen, und sie können die neuronale Aktivität der Amygdala und des ventrolateralen periaquäduktalen Graus (vlPAG) modulieren, die zentrale Steuerungsrollen in Freeze‑Reaktionen und defensiver Vorbereitung spielen. In solchen Momenten geht es nicht einfach darum, nicht wegzulaufen, sondern darum, die Wahrnehmung zu schärfen, Handlungen vorzubereiten und das System für schnelle Entscheidung zu optimieren, gerade wenn Vorhersagen und antizipatorische Strategien nicht greifen.

Warum PPR oft zu spät ausgelöst wird

Ein zentrales Thema aus de Vignemont & Farnè (2024) ist die Frage, warum PPR‑Mechanismen typischerweise erst sehr kurz vor körperlicher Nähe aktiviert werden („last second“), statt bereits in größeren Entfernungen. Zwei Erklärungen werden dafür diskutiert:

  • Kognitive und energetische Kosten: PPR‑Mechanismen sind per Definition ressourcenintensiv und auf sehr nahe Umgebung spezialisiert. Eine Aktivierung in weiter Entfernung wäre energetisch und verhaltensökonomisch ineffizient, da andere, vorausschauende Mechanismen (z. B. visuelle Antizipation) für strategische Entscheidungen bei großer Distanz besser geeignet sind.
  • Unvorhersehbarkeit und direkte Relevanz: PPR‑Mechanismen sind als letzte instinktive Absicherung nützlich, wenn Umweltveränderungen plötzlich oder unberechenbar auftreten. Sie sind darauf ausgelegt, unmittelbare, nicht antizipierbare Ereignisse zu verarbeiten und die Handlungsfähigkeit im allerletzten Moment zu sichern.

So lässt sich PPR nicht einfach als früher Alarmmechanismus verstehen, sondern eher als dynamisches, kontextabhängiges System, das in Situationen greift, in denen die üblichen vorausschauenden Strategien versagen oder nicht ausreichen, etwa wenn ein Objekt blitzschnell in Nähe des Körpers auftaucht oder der Bewegungsverlauf einer Person abrupt ändert.

PPR, Orientierungsfunktion und Freeze

Die Orientierung im PPR wird aktiviert, sobald ein Reiz die unmittelbare Nähe signalisiert. Freeze‑Mechanismen werden als schnelle, vorbereitende Reaktionen eingebettet in diesem Raum aktiviert, noch bevor aktive Flucht oder Kampf eingeleitet werden. Der PPR fungiert somit als multisensorische, zeitlich präzise Schwelle, die nicht nur Aufmerksamkeit und Wahrnehmung moduliert, sondern auch die Bereitschaft für schnelle, adaptive defensive Reaktionen steigert, also eine Brücke zwischen Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Handlungsvorbereitung.

Angst als treibende Kraft hinter PPR und Freeze

Die Studien von Roelofs (2017) und de Vignemont & Farnè (2024) verdeutlichen, dass Angst ein zentraler Faktor für defensive Reaktionen im PPR ist. Bei der Annäherung eines Objekts oder einer Person an den PPR aktiviert das Nervensystem die Amygdala, die als Frühwarnsystem fungiert und das Risiko einer Bedrohung signalisiert. Diese Angstreaktion moduliert sowohl die Wahrnehmung als auch die motorische Vorbereitung. Sie löst das Freeze for action aus, das den Körper kurzzeitig hemmt, die Aufmerksamkeit erhöht und die Handlungsbereitschaft optimiert, noch bevor ein aktiver Kampf oder eine Flucht eingeleitet wird. Gleichzeitig erklärt die PPS-Forschung, warum diese Mechanismen besonders kurzfristig und räumlich präzise greifen. Angst wird also in Situationen aktiviert, in denen unmittelbare Gefahr droht und vorausschauende Strategien nicht ausreichen. PPR fungiert somit als zeitlich und räumlich geschärfte Schwelle, die Angst, Wahrnehmung und Handlungsvorbereitung integriert, und stellt damit die Brücke zwischen der emotionalen Bewertung von Bedrohung und der neurobiologischen Umsetzung defensiver Reaktionen dar.

Abschließend

Aus körperpsychotherapeutischer Sicht ergibt sich aus den beschriebenen Mechanismen eine direkte Arbeitsmöglichkeit über das Körpererleben. Die Abfolge von Orientierung, Freeze, Fight/Flight und tonischer Immobilität kann therapeutisch über achtsames Wahrnehmen von Körpersignalen erforscht werden. Der peripersonale Raum wird dabei zum experimentellen Feld, in dem Klient:innen lernen können, ihre Grenzen wahrzunehmen und körperlich zu markieren, ohne dass sofort Kampf oder Flucht notwendig werden. In einem sicherem Setting können kleine Annäherungs- und Distanzübungen helfen, das Erleben von Alarm, Hemmung und Aktivierung bewusst zu machen, und den Klient:innen zu ermöglichen, eigene regulatorische Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Ziel ist, die interozeptive Wahrnehmung zu stärken, also das Gefühl für die eigenen Körperreaktionen und gleichzeitig die Fähigkeit, defensive Muster zu modulieren, anstatt automatisch in Erstarren oder Rückzug zu gehen.

Aus der Perspektive der Polyvagal-Theorie lassen sich die PPR-Mechanismen als Ausdruck unterschiedlicher vagal-gesteuerter Zustände interpretieren. Das Freeze for action entspricht dem ventral-vagalen „sozialen Engagement-System“, das aufmerksam, aber noch handlungsbereit hält, während Fight/Flight die sympathische Aktivierung widerspiegelt und tonische Immobilität die dorsal-vagale Immobilität. Therapeutisch ließe sich damit arbeiten, indem man Klient:innen hilft, ihre vagale Regulation wahrzunehmen und zu beeinflussen, etwa über Atmung, Haltung, Stimme und Blickkontakt, um aus einem Zustand der Alarmbereitschaft in sicheres soziales Engagement zurückzukehren. Übungen könnten z. B. langsame, bewusste Bewegungen im Nahbereich, sanfte körperliche Interaktion oder Atemfokus sein, die zeigen, wie sich Erregung, Entspannung und Handlungsbereitschaft gegenseitig modulieren lassen.

Zusammengefasst ergibt sich aus der Verbindung von Roelofs, PPR-Forschung und Polyvagal-Theorie ein Ansatz, bei dem Angst, Körperwahrnehmung und soziale Nähe explorativ und sicher erlebt werden können. Die Arbeit zielt darauf, die innere Alarmkaskade bewusst zu machen, sie regulierbar zu machen und die Handlungsfähigkeit im PPR zu erweitern, also körperlich spürbare Selbstbestimmung, statt automatisch defensive Muster abzuspulen.

Literatur:

  • Coello, Y., Bourgeois, J., & Iachini, T. (2012). Embodied perception of reachable space: how do we manage threatening objects?. Cognitive processing, 13 Suppl 1, S131–S135. https://doi.org/10.1007/s10339-012-0470-z
  • Roelofs K. (2017). Freeze for action: neurobiological mechanisms in animal and human freezing. Philosophical transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological sciences, 372(1718), 20160206. https://doi.org/10.1098/rstb.2016.0206
  • de Vignemont, F., & Farnè, A. (2024). Peripersonal space: why so last-second?. Philosophical transactions of the Royal Society of London. Series B, Biological sciences, 379(1911), 20230159. https://doi.org/10.1098/rstb.2023.0159

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