In meinem letzten Artikel Der peripersonale Raum – Verbindung von Feldenkrais und Polyvagal-Theorie habe ich beschrieben, wie eng der peripersonale Raum – also der unmittelbare Raum um unseren Körper – mit unserem Erleben von Sicherheit, Selbstwahrnehmung und Beziehungsfähigkeit verknüpft ist. Die Feldenkrais-Methode und die Polyvagal-Theorie zeigen auf unterschiedliche Weise, dass dieser Raum kein statischer Radius ist, sondern ein dynamisches Feld zwischen Ich und Welt: ein Raum, in dem sich Schutzbedürfnis und Kontaktfähigkeit, Distanz und Nähe, Regulierung und Resonanz aufeinander beziehen.
Corona und der peripersonale Raum
Spätestens seit der Corona-Pandemie hat der peripersonale Raum eine neue gesellschaftliche Dimension bekommen. Was früher Nähe bedeutete, wurde plötzlich zur Gefahr – und was als angemessene Distanz galt, verschob sich kollektiv. Der peripersonale Raum wurde nicht nur neu vermessen, sondern auch emotional aufgeladen: mit Unsicherheit, Misstrauen, Sehnsucht. Wie tief diese Veränderungen in unsere Körper eingeschrieben sind, zeigt sich bis heute – in vorsichtigerem Verhalten, in subtiler Berührungsangst oder in einem verstärkten Bedürfnis nach Rückzug.
Und genau hier schließt sich der Kreis zu einer anderen, grundlegenderen Frage: Wie entsteht eigentlich „Wir“? Wir entstehen nicht bloß aus gemeinsamen Meinungen oder Zielen, sondern aus gelebter Bezogenheit – aus verkörperter Ko-Regulation, aus feinen Abstimmungen im gemeinsamen Raum. Wenn aber dieser Raum verengt, gefährdet oder sogar verloren geht, dann rückt auch das „Wir“ in eine prekäre Schwebe.
In diesem Artikel möchte ich weiter erkunden, wie sich unser Verhältnis zu Nähe, Distanz und Miteinander verändert hat – und wie wir vielleicht Wege finden können, unsere Räume wieder gemeinsam zu bewohnen.
Der Raum entsteht durch Kontrolle – nicht durch Besitz
Dass der peripersonale Raum ein aktives, dynamisches Konstrukt ist, zeigen D’Angelo et al. (2018) auf beeindruckende Weise. In ihrer Studie untersuchten sie, wie sich unsere Körper- und Raumwahrnehmung verändert, wenn wir Kontrolle über eine virtuelle Hand übernehmen – und zwar ohne sie tatsächlich zu „fühlen“. Die Teilnehmer:innen steuerten über ein Tracking-System eine 3D-Hand auf einem Bildschirm. Mal bewegte sich die virtuelle Hand synchron zur realen Bewegung (also „wie ich will“), mal mit Verzögerung (also „versetzt“). Danach wurde gemessen, wie die Proband:innen ihren eigenen Unterarm wahrnahmen und wie weit sie glaubten, mit der Hand greifen zu können.
Wenn die virtuelle Hand sich synchron bewegte, veränderte sich beides – sowohl die Einschätzung der Armlänge als auch die Reichweite des Greifens. Interessanterweise war nicht das Gefühl entscheidend, dass diese Hand „zu mir gehört“ (body ownership), sondern das Gefühl von Kontrolle über die Bewegung – der sogenannte sense of agency. Unser Körperbild und unser peripersonaler Raum passen sich also nicht nur an das an, was wir spüren, sondern auch an das, was wir steuern. Der Körper beginnt dort, wo wir eingreifen können. Nähe wird zur Funktion der Handlungsmacht.
Was bedeutet das für die Zeit nach Corona? Vielleicht ist es nicht das passive Gefühl von Sicherheit, das Nähe ermöglicht, sondern die aktive Möglichkeit, in Beziehung zu handeln.
Ein Körper, viele Sinne – ein Raum
Bereits Holmes und Spence (2004) zeigten in ihrer vielzitierten Übersichtsarbeit, dass der peripersonale Raum kein Produkt eines einzelnen Sinnes ist. Vielmehr ist er eine multisensorische Repräsentation, die aus einem Zusammenspiel von Sehen, Tasten, Hören und Spüren entsteht – und dabei in körperzentrierten Koordinatensystemen organisiert ist. Im ventralen prämotorischen Kortex und parietalen Arealen etwa reagieren spezialisierte Nervenzellen auf Reize, die sich in die Nähe eines Körperteils bewegen – ein Mechanismus, der wahrscheinlich evolutiv zum Schutz vor Bedrohung dient.
Doch diese Repräsentation ist nicht starr. Sie ist formbar – durch Erfahrung, Kontext, Handlung. Wenn wir ein Werkzeug benutzen, vergrößert sich der peripersonale Raum bis zur Spitze des Werkzeugs. Wenn wir einen Arm im Spiegel sehen oder eine Gummihand gestreichelt wird, verlagert sich unsere körperliche Selbstwahrnehmung. Nähe ist also kein fixer Radius um unseren Körper, sondern ein Erlebnisraum, der sich je nach Sinneslage und Handlungserwartung neu organisiert.
In Pandemiezeiten, in denen unsere körperliche Selbstwahrnehmung teils visuell vermittelt, teils durch Vermeidung gesteuert war, könnten sich genau solche plastischen Prozesse dauerhaft eingeschrieben haben. Nähe als multisensorischer Aushandlungsraum ist formbar – und damit auch (wieder) verlernbar oder neu lernbar.
Mein Fuß beeinflusst meine Hand – multisensorisch gesehen
Eine besonders charmante Studie kommt von Schicke, Bauer und Röder (2009). Sie untersuchten, ob der peripersonale Raum nicht nur um die Hände, sondern auch um die Füße existiert – und ob diese Raumzonen miteinander interagieren. In zwei Experimenten maßen sie sogenannte Crossmodal Congruency Effects, also Effekte, bei denen visuelle Reize die taktile Wahrnehmung an anderen Körperstellen beeinflussen.
Im ersten Experiment zeigte sich: Sowohl um die Hände als auch um die Füße existiert ein eigener peripersonaler Raum. Visuelle Reize nahe am Fuß beeinflussten die Tastreizverarbeitung ebenso stark wie nahe der Hand. Im zweiten Experiment wurde es noch interessanter: Wenn der eigene Fuß sichtbar war (und nicht z. B. ein Fake-Foot), verstärkte sich die taktile Sensitivität an der Hand auf derselben Seite – obwohl diese gar nicht direkt betroffen war. Der peripersonale Raum ist also nicht nur lokal, sondern seitenspezifisch vernetzt – wie ein Körperschema mit mehreren Abteilungen, die miteinander telefonieren. Was lernen wir daraus? Nähe ist nicht nur zwischen Menschen relational, sondern auch innerhalb unseres Körpers. Der Körper „weiß“, wo seine Teile sind – und manchmal weiß ein Körperteil sogar, was der andere fühlt.
Nähe in der Vorstellung reicht aus
Fossataro et al. (2018) erzählen schließlich die vielleicht erstaunlichste Geschichte: Ein Patient mit schwerem propriozeptiven Ausfall – er spürte seine Armposition nicht – wurde gebeten, seinen Arm vors Gesicht zu bringen. Dabei wurde der sogenannte Hand-Blink-Reflex gemessen: Ein unwillkürlicher Lidschluss, der auf Bedrohung im peripersonalen Raum reagiert. Nun das Überraschende: Der Reflex trat nicht dann auf, wenn die Hand tatsächlich nah war, sondern wenn der Patient dachte, sie sei nah. Und er trat nicht auf, wenn die Hand nah war, aber der Patient glaubte, sie sei weit.
Mit anderen Worten: Der Körper reagierte auf die motorische Intention, nicht auf die tatsächliche Position. Selbst ohne sensorisches Feedback konnte das Gehirn eine Schutzreaktion auslösen – basierend auf dem, was es „tun wollte“. In einem durch Abstand geprägten kollektiven Trauma wie der Pandemie bedeutet das vielleicht: Wir verteidigen uns nicht nur gegen äußere Nähe – sondern auch gegen die Vorstellung von Nähe. Und umgekehrt: Auch die Absicht zur Verbindung reicht aus, um Nähe zu erleben – unabhängig davon, ob sie körperlich real ist.
Ein Raum, viele Funktionen
Diese Beobachtungen werden durch die theoretische Arbeit von de Vignemont und Iannetti (2015) sinnvoll erweitert. Die Autor:innen stellen die Frage, ob es überhaupt einen einzigen peripersonalen Raum gibt, oder ob es funktional unterschiedliche Räume sind, die jeweils spezialisierten Aufgaben dienen. Sie unterscheiden zwischen einem handlungsorientierten PPS (= peripersonal space) (z. B. zum Greifen) und einem schutzorientierten PPS (z. B. zur Abwehr von Bedrohung). Diese beiden Formen reagieren unterschiedlich auf Angst, Werkzeuge oder Bewegungsintentionen. Damit wird deutlich: Der peripersonale Raum ist kein einheitliches Konstrukt, sondern ein ganzes Ensemble körpernaher Repräsentationen, die sich je nach Zielrichtung und Kontext verändern können.
Fazit: Der peripersonale Raum als fühlender Handlungsraum
Die hier dargestellten Studien zeigen: Der peripersonale Raum ist kein biologischer Mindestabstand, sondern ein bewegliches, verkörpertes Beziehungssystem. Er entsteht im Wechselspiel von Handlung, Sinneseindruck und Intention. Er ist schutz- und handlungsfähig, kontextabhängig, plastisch. Nähe wird nicht nur erlebt, sondern erzeugt – durch Kontrolle, durch multisensorische Kohärenz, durch Interaktion der Körperteile und sogar durch Vorstellungskraft. Gerade in einer Zeit, in der Nähe als Bedrohung codiert wurde, ist es hilfreich, sich diese Plastizität bewusst zu machen. Wenn Nähe lernbar ist, ist auch Verbindung wiederherstellbar. Der peripersonale Raum ist nicht verloren – er wartet nur darauf, neu bewohnt zu werden.
Literatur:
- D'Angelo, M., di Pellegrino, G., Seriani, S., Gallina, P., & Frassinetti, F. (2018). The sense of agency shapes body schema and peripersonal space. Scientific reports, 8(1), 13847. https://doi.org/10.1038/s41598-018-32238-z
- Fossataro, C., Bruno, V., Gindri, P., & Garbarini, F. (2018). Defending the Body Without Sensing the Body Position: Physiological Evidence in a Brain-Damaged Patient With a Proprioceptive Deficit. Frontiers in psychology, 9, 2458. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.02458
- Holmes, N. P., & Spence, C. (2004). The body schema and the multisensory representation(s) of peripersonal space. Cognitive processing, 5(2), 94–105. https://doi.org/10.1007/s10339-004-0013-3
- Schicke, T., Bauer, F., & Röder, B. (2009). Interactions of different body parts in peripersonal space: how vision of the foot influences tactile perception at the hand. Experimental brain research, 192(4), 703–715. https://doi.org/10.1007/s00221-008-1587-2
- de Vignemont, F., & Iannetti, G. D. (2015). How many peripersonal spaces?. Neuropsychologia, 70, 327–334. https://doi.org/10.1016/j.neuropsychologia.2014.11.018
Bilder:
- Foto von Johannes Blenke auf Unsplash

