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Aktiv werden – Wie Veränderung im Inneren beginnt

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Die Sonne geht auf. Der Mensch wacht auf. Eigentlich beginnt der Tag. Aber der Mensch weiß nicht so recht wohin – und er weiß auch nicht, was er mit sich anfangen soll. Etwas in ihm ist festgefahren. Er spürt: Es soll sich etwas ändern. Doch diese Veränderung kann nicht nur im Außen stattfinden. Sie braucht eine innere Bewegung. Eine Transformation, die aus dem Inneren heraus entsteht – manchmal auch, indem man etwas endlich lässt. Was braucht es also, um sein Leben aktiv zu gestalten? Um Veränderung nicht nur zu wollen, sondern zu ermöglichen?

Emotion und Motivation – der erste Impuls zur Veränderung

“Emotions stop at the skin; motivations get into practical relations with organisms environment. Emotional feelings are generated when our bodies and brains cope internally with pain and pleasure. Motivational feelings concern our actions and the systems of the brain involved in starting and maintaining coping behaviour. Feelings encompass our experiences both of emotion and of motivation: we feel happy, sad, or irritable; we feel hung ho to write a chapter, to plan a dinner, to travel to a meeting.” (Pribram, 2013, S. 295)

Veränderung beginnt selten mit Motivation. Viel öfter beginnt sie mit Gefühl. Mit einem Drücken im Bauch, einer Müdigkeit im Körper, einem diffusen „So geht es nicht weiter“. Emotionen zeigen uns, dass im Inneren etwas arbeitet – doch sie treiben uns noch nicht in die Welt. Erst wenn aus Emotion Motivation wird, entsteht Handlung. In meinem Artikel Bewegung, Emotion und der Glaube an sich selbst beschreibe ich genau diesen Übergang: Wie Bewegung, Körperwahrnehmung und Vertrauen miteinander verwoben sind. Wie der Körper Emotionen zu Informationen destilliert – und daraus ein Impuls entsteht, der Handlung möglich macht. Zuerst spüren. Dann verstehen. Dann handeln.

Selbstorganisation: Veränderung aus sich selbst heraus

“Self-organizing dynamic processes are inherently adaptive. Once conditions are propitious, the self-organising process tends to generate greater complexity.” (Pribram, 2013, S. 350)

Wenn die Bedingungen günstig sind, organisiert sich Leben selbst. Veränderung geschieht, manchmal wie von innen heraus. In Fraktales Feldenkrais beschreibe ich diesen Prozess mit dem Satz: „Reduktion ist Simplifikation der Komplexität zur Ermöglichung der Exploration des Essentiellen.“ Wenn wir reduzieren – Erwartungen, Druck, Lärm –, entsteht Raum. Und in diesem Raum beginnt das System „Mensch“ sich neu zu sortieren. Dynamisch. Organisch. Selbstständig. Veränderung ist also kein gewaltsamer Akt. Sie ist eine Einladung an das System, sich wieder selbst organisieren zu dürfen.

Lernen heißt Formen verändern

“…our brain processes become coordinate with our behaviour and our experience by trans-formations, that is, by changes in form. Changes in form are accomplished by modifying coordinate structures, such as those composing our memory, that form the relationship of our experience to our brain.” (Pribram, 2013, S. 402)

Veränderung ist Formveränderung. Nicht nur im Gehirn, auch im Körper, im Verhalten, im Denken, im Fühlen. Und genau das ist Lernen. Im Artikel Lernen ist das Verändern von Variablen schreibe ich: „Fortschritt bzw. Verbesserung entsteht durch eine konstante und stufenweise Veränderung von Variablen. Diesen Prozess nenne ich Lernen.“ Veränderung geschieht nicht in großen Sprüngen, sondern in kleinen Anpassungen. Ein anderer Atemzug. Eine ungewohnte Bewegung. Eine neue Perspektive. Das Gehirn formt sich durch Erfahrung. Und wir formen Erfahrung, indem wir uns bewegen, innerlich wie äußerlich.

Sicherheit entsteht durch Reduktion von Unsicherheit

“To bring our wellsprings of unconscious behaviour and experience into consciousness means making distinctions, categorising and becoming informed - in the sense of reducing uncertainty, the number of possible alternatives in making choices.” (Pribram, 2013, S. 479)

Veränderung ist unmöglich, wenn das Nervensystem sich bedroht fühlt. Wir brauchen Sicherheit, bevor wir uns bewegen können – im Innen wie im Außen. In meinem Artikel zur Polyvagal-Theorie (Was ist die Polyvagal Theorie?) erkläre ich genau das: Sicherheit entsteht, wenn Unklares klarer wird. Wenn wir unterscheiden können zwischen damals und heute, zwischen Gefahr und Erinnerung, zwischen Reiz und Reaktion. Sicherheit heißt: Weniger Möglichkeiten, die uns verunsichern und mehr Klarheit über das, was jetzt wirklich ist. Bewusstheit reduziert Chaos. Und Reduktion schafft Wahl.

Emotion ist der Treibstoff echter Veränderung

“To establish a memory, an ounce of emotion is worth a pound of repetition.” (Pribram, 2013, S. 488)

Bruce Ecker (2024) beschreibt es als Prediction Error: Der Moment, in dem eine emotionale Wahrheit nicht mehr zu der alten inneren Vorhersage passt und sich dadurch etwas umschreibt. Ohne Emotion keine Transformation. Ohne Berührung keine Umstrukturierung. Deshalb sind manche Erlebnisse lebensverändernd und andere völlig egal, selbst wenn wir sie hundertmal wiederholen. Das System lernt über Intensität, nicht über Drill. Über Bedeutung, nicht über Müssen. Über Berührung, nicht über Technik.

Ohne Embodiment geht gar nichts

“…not to be ignored is the fact that communication depends on being embodied in some sort of material medium an that embodiment demands a particular know-how, particular sets of transformations to accomplish the embodiment.” (Pribram, 2013, S. 497)

Veränderung braucht Verkörperung. Sonst bleibt sie Theorie, Kopfkino, noble Absicht. Erst wenn etwas in den Körper sickert, in Haltung, Bewegung, Atem, Stimme, wird es real. Wird es gelebt. Embodiment ist das Material, das Erfahrung formt. Es ist der Ort, an dem Veränderung Gestalt annimmt.

Fazit

Veränderung beginnt im Inneren. Sie beginnt mit Gefühl, mit Reduktion, mit Sicherheit, mit kleinen Formverschiebungen. Sie braucht Emotion und Embodiment. Vor allem aber braucht sie eines: Den Mut, aus dem Innen heraus aktiv zu werden. Manchmal, indem man etwas Neues tut. Manchmal, indem man etwas endlich lässt.

Literatur:

  • Ecker, B., Ticic, R., & Hulley, L. (2024). Unlocking the Emotional Brain: Memory Reconsolidation and the Psychotherapy of Transformational Change (2nd ed.). London: Routledge
  • Pribram, Karl H. (2013). The form within. My point of view. Westport: Prospecta Press

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