Emotionen sind keine bloßen Hirngespinste. Sie sind körperlich, spürbar, sichtbar und vor allem: beweglich. In meinem Artikel „Bewegung als Schlüssel zur Emotionsregulation“ habe ich bereits die zentrale Rolle des Körpers in emotionalen Prozessen beleuchtet. Nun möchte ich tiefer eintauchen und zeigen, wie spezifische Bewegungsqualitäten unsere Gefühle nicht nur ausdrücken, sondern auch beeinflussen können.
Die Wissenschaft des bewegten Fühlens
Die Studie von Shafir, Tsachor und Welch (2016) liefert faszinierende Einblicke in die Verbindung von Bewegung und Emotion. Die Forscher untersuchten, welche spezifischen Bewegungsmerkmale – nicht konkrete Bewegungen – mit Basisemotionen wie Wut, Angst, Freude und Traurigkeit assoziiert sind und diese verstärken können. Dabei nutzten sie die Laban Movement Analysis (LMA), ein umfassendes System zur qualitativen Bewegungsanalyse.
In der ersten Phase der Studie analysierten sechs LMA-Expert 40 Videoclips, in denen Schauspieler die genannten Emotionen durch Ganzkörperbewegungen ausdrückten. Sie identifizierten wiederkehrende Bewegungsmerkmale wie „Condense“, „Retreat“ oder „Jump“ und erstellten daraus sogenannte „Motifs“ – symbolisch notierte Bewegungsanleitungen.
In der zweiten Phase bewegten 80 Teilnehmer mit LMA-Kenntnissen insgesamt 1241 dieser Motifs und bewerteten, welche Emotion sie dabei empfanden und mit welcher Intensität. Die Datenanalyse ergab, dass jede Emotion durch eine eindeutige Kombination von Bewegungsmerkmalen vorhergesagt wurde und jedes Merkmal nur eine Emotion signifikant vorhersagte.
Bewegungsqualitäten und ihre emotionalen Entsprechungen
Die Studie zeigte, dass nicht die konkrete Bewegung, sondern deren qualitative Ausprägung entscheidend ist. So kann dieselbe Bewegung – etwa das Heben des Arms – je nach Ausführung unterschiedliche Emotionen hervorrufen. Hier einige Beispiele:
- Wut: „Strong“ (kräftig), „Sudden“ (plötzlich), „Direct“ (gerichtet), „Advance“ (nach vorne)
- Angst: „Bind“ (kontrolliert), „Retreat“ (zurückweichen), „Condense“ (zusammenziehen), „Enclose“ (einschließen), „Back“ (nach hinten)
- Freude: „Free“ (frei), „Light“ (leicht), „Jump“ (springen), „Spread“ (ausbreiten), „Rise“ (aufsteigen), „Up“ (nach oben), „Reinitiating“ (rhythmisch)
- Traurigkeit: „Passive“ (schwer), „Sink“ (absinken), „Head down“ (Kopf senken), „Arms to upper body“ (Arme an Körper führen)
Interessanterweise sagten viele Merkmale, die eine Emotion positiv vorhersagten, andere Emotionen negativ voraus. So sagte beispielsweise „Jump“ Freude positiv, aber Angst und Traurigkeit negativ vorher. Dies unterstreicht die Spezifität der gefundenen Muster.
Anwendungen in Therapie und Alltag
Wenn Du mit Emotionen arbeitest, dann steckt in diesen Erkenntnissen eine Schatztruhe. Du kannst bestimmte Bewegungsqualitäten nutzen, um Deine Stimmung aktiv zu beeinflussen. In der Arbeit mit anderen kannst Du Bewegungsimpulse gezielt setzen, um emotionale Prozesse zu unterstützen. In Deinem Alltag kannst Du erkennen, wie Deine Körperhaltung Deine Stimmung beeinflusst und umgekehrt.
Ein Beispiel: Du fühlst Dich bedrückt. Du merkst, Dein Blick ist nach unten gerichtet, Deine Schultern fallen ein, Deine Brust ist eng. Anstatt zu „denken, dass es bald besser wird“, kannst Du aufstehen, Dich aufrichten, die Arme ausbreiten und den Blick heben. Klingt zu einfach? Ist es nicht – aber es wirkt.
Kritische Betrachtung
Natürlich hat die Studie auch ihre Limitationen. Die Bewegungsmerkmale wurden aus gespielten, nicht spontanen Emotionsausdrücken professioneller Schauspieler abgeleitet. Zudem bestand die Stichprobe ausschließlich aus Personen mit Vorerfahrung in Laban Movement Analysis, was die Generalisierbarkeit auf Laien einschränkt. Auch kulturelle Unterschiede in Emotionsausdruck und -wahrnehmung wurden nur bedingt erfasst.
Fazit: Die Seele tanzt mit
Die Studie von Shafir et al. liefert einen bedeutenden Beitrag zur körperorientierten Emotionsregulation. Sie zeigt, dass Emotionen nicht nur durch Bewegungen ausgedrückt, sondern auch durch spezifische Bewegungsqualitäten ausgelöst oder verstärkt werden können. Dies eröffnet neue Wege für Therapie, Coaching und persönliche Entwicklung. Emotionen sind nicht einfach da. Sie bewegen Dich. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Und umgekehrt gilt: Du kannst Dich bewegen, um etwas in Dir zu bewegen. Bewegung ist ein Zugang zur emotionalen Selbstregulation, der radikal körperlich und gleichzeitig tief persönlich ist.
Literatur:
- Shafir, T., Tsachor, R. P., & Welch, K. B. (2016). Emotion Regulation through Movement: Unique Sets of Movement Characteristics are Associated with and Enhance Basic Emotions. Frontiers in psychology, 6, 2030. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.02030
Bilder:
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