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Ich tue, also bin ich?

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Was macht eine Handlung zu meiner Handlung? Reicht es, sie selbst auszuwählen, oder muss ich mich dabei auch stimmig erleben? Diese Fragen stehen im Zentrum einer faszinierenden Studie von Dorit Wenke, Florian Waszak und Patrick Haggard (2009), die ich hier gerne teilen möchte. Nicht nur, weil sie einen neuen Blick auf das Thema Willensfreiheit erlaubt. Sondern auch, weil sie überraschende Verbindungen zur Embodimentforschung und zur Feldenkrais-Arbeit eröffnet, also zu dem, wie wir verkörpert wahrnehmen, entscheiden und handeln.

Die Studie untersucht, wie sich unser subjektives Handlungserleben verändert, je nachdem, wie sehr eine Handlung von uns selbst oder von außen bestimmt ist. Im Fokus steht dabei das Phänomen des sogenannten temporal binding: Je stärker ich eine Handlung als meine eigene erlebe, desto näher rücken in meiner Wahrnehmung Handlung und Effekt zeitlich zusammen. Dieses Erleben, „Ich habe das verursacht“, ist ein Kernbestandteil unseres Selbstgefühls. Es entscheidet mit darüber, ob ich mich als handelndes Subjekt erlebe oder als jemand, dem Dinge einfach widerfahren.

Was die Studie so spannend macht: Sie fragt nicht einfach, ob wir eine Handlung freiwillig oder unfreiwillig ausgeführt haben. Sondern sie differenziert: Was wurde entschieden, was ich tue oder wann ich es tue? Und woher kam die Entscheidung, von innen oder außen? Daraus entstehen vier Konstellationen: komplett intern, komplett extern oder gemischte Varianten. Die Versuchspersonen drückten je nach Bedingung eine Taste, lösten damit einen Ton aus und gaben anschließend an, wann sie Handlung bzw. Ton subjektiv wahrgenommen hatten. Ein klassisches Libet-Setting, aber mit einer klugen, neuen Fragestellung.

Das Ergebnis überrascht: Temporal binding trat in allen Bedingungen auf, unabhängig davon, ob die Handlung freiwillig oder fremdbestimmt war. Entscheidend war nicht die „Freiheit“ an sich, sondern die Kohärenz. War die Handlung vollständig intern oder vollständig extern gesteuert, erlebten die Teilnehmer:innen sie als stimmiger, die zeitliche Nähe von Handlung und Effekt war ausgeprägter. In den gemischten Bedingungen hingegen, wenn z. B. die Handlung frei, aber das Timing vorgegeben war – schwächte sich dieses Erleben deutlich ab.

Was heißt das? Nicht die Autonomie allein macht eine Handlung zu meiner. Sondern die Einheitlichkeit der Steuerung. Es ist das Gefühl: Da war eine klare Linie. Ich war entweder ganz in der Entscheidung, oder ganz geführt. In beiden Fällen entsteht ein innerer Zusammenhang. Was das Erleben schwächt, ist nicht das Fremdbestimmtsein, sondern die Zerrissenheit zwischen Entscheidungsebenen.

Das wirft ein neues Licht auf das Thema Willensfreiheit. Vielleicht erleben wir uns dann am stärksten als Subjekt, wenn wir ganz in einer Logik, einer Richtung, einem Rhythmus handeln, ob dieser nun aus uns selbst oder aus einer äußeren Struktur kommt. Es erinnert an das, was Moshe Feldenkrais einmal sagte: „Nur wenn ich weiß, was ich tue, kann ich tun, was ich will.“ Ich würde hinzufügen: Und nur, wenn ich in einer Spur bleibe, kann ich meine Handlung als „ganz“ erleben.

Hier berührt die Studie die Embodimentforschung auf eine tiefere Weise. Philosoph:innen wie Merleau-Ponty oder Francisco Varela betonen seit Jahrzehnten, dass wir nicht als isolierte Köpfe durch die Welt gehen, sondern als verkörperte Wesen, eingebettet in Zeit, Raum, Bewegung. Was ich tue, wie ich mich dabei fühle, und ob ich mich dabei als ich selbst erlebe, hängt von der Verkörperung meines Handelns ab. Die Studie von Wenke und Kolleg:innen ergänzt diese Perspektive um einen neuropsychologischen Baustein: Handlungserleben entsteht dort, wo Kohärenz ist, in mir, durch mich, mit mir.

In der Feldenkrais-Arbeit zeigt sich das ganz praktisch: Wenn ich versuche, etwas „richtig“ zu machen, aber innerlich geteilt bin – ein Teil will, der andere zögert –, dann wirkt selbst die eleganteste Bewegung unverbunden. Erst wenn ich mit dem ganzen Selbst handele, wenn Absicht, Ausführung und Wahrnehmung zusammenfließen, entsteht dieses schwer zu beschreibende Gefühl von Stimmigkeit. Ein Gefühl von: Ja, das bin ich. So will ich handeln.

Vielleicht liegt genau hier ein Schlüssel für körpertherapeutische Prozesse. In einer Welt, die oft zersplittert, multitaskinggetrieben und außenorientiert ist, brauchen wir Erfahrungsräume, in denen Handlung wieder aus einer Quelle entsteht. Räume, in denen wir wieder spüren können, was es heißt, mit uns selbst in einer Linie zu sein, nicht unbedingt „frei“, aber kohärent, stimmig, echt.

Und vielleicht entsteht so auch ein neues Verständnis von Freiheit: nicht als Abwesenheit von Struktur, sondern als Möglichkeit, ganz in der eigenen Spur zu gehen, oder sich bewusst einer äußeren Führung anzuvertrauen. Solange ich weiß, woher meine Handlung kommt und sie sich stimmig anfühlt, ist sie vielleicht wirklich meine.

Literatur:

  • Wenke, D., Waszak, F., & Haggard, P. (2009). Action selection and action awareness. Psychological research, 73(4), 602–612. https://doi.org/10.1007/s00426-009-0240-4

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