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Freiheit, Selbstwert und die Kunst innerer Verbindung

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Was passiert, wenn Freiheit zur Überforderung wird? Wenn alles möglich scheint, aber nichts mehr greifbar ist? In einer Welt der offenen Optionen und ständigen Vergleiche verlieren viele Menschen nicht nur die Orientierung, sondern auch das Gefühl für ihr eigenes Sein. Doch was fehlt uns dann wirklich? Nicht mehr Leistung. Nicht mehr Kontrolle. Sondern: Verbindung. Mit uns selbst, mit anderen, mit dem, was uns Halt gibt.

Der Philosoph Wilhelm Schmid und der Neurobiologe Daniel Siegel beschreiben aus unterschiedlichen Blickwinkeln, was ein gelingendes Leben im Inneren zusammenhält: Form, Resonanz und Selbstverbindung. Auch die aktuelle Wellbeing-Forschung zeigt: Wohlbefinden ist kein Zustand, den man erreicht, sondern ein lebendiger Prozess, der dort wächst, wo Struktur und Freiheit sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig stützen.

In diesem Artikel gehen wir der Frage nach, was unser Selbstwertgefühl wirklich nährt, warum Gefühle wie Neid mehr über uns selbst sagen als über andere und wie wir mithilfe von Achtsamkeit und innerer Klarheit einen Weg zurück zu uns selbst finden können. Nicht, um besser zu funktionieren. Sondern um wieder bei uns anzukommen, inmitten all der Möglichkeiten.

Die Bedeutung von Form: Freiheit braucht Grenzen

“Erziehung ist Formgebung, Bildung in diesem Sinne. Freiheit braucht Formen, Formen aber brauchen Grenzen: Sie bilden den äußeren Rahmen, in dem ein sinnerfülltes Leben mit sich und Anderen möglich wird. (…) Wo aber kein Rahmen geschaffen wird, kann nichts mehr so recht wirklich werden, es droht die ontologische Paralyse, die Auflösung jeglicher Wirklichkeit im Meer der Möglichkeiten. Dann können Überforderung und Desorientierung irgendwann dazu führen, nicht mehr leben zu wollen, während sich für diejenigen, die sich auf die Realisierung ausgewählter Möglichkeiten, somit aufs Lebenkönnen verstehen, die Frage des Lebenswillens nicht mehr stellt” (Schmid, 2013, S. 71).

Wilhelm Schmid spricht hier eine der großen Paradoxien des modernen Menschen an: In einer Welt scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten verliert der Mensch nicht nur die Orientierung, sondern auch das Gefühl für das eigene Dasein. Ohne Struktur und ohne innere Koordination droht, so seine These, das psychische und existenzielle Auseinanderfallen.

Daniel J. Siegel (2007) liefert dafür eine neuropsychologische Erklärung: Im Kapitel zur „neuronalen integrierten Selbstregulation“ beschreibt er, dass Integration, also die bewusste Verbindung unterschiedlicher mentaler Zustände, der Schlüssel zu Wohlbefinden ist. Achtsamkeit ist dabei kein esoterisches Tool, sondern ein neurobiologischer Prozess, der die Balance zwischen Chaos und Starrheit schafft. In einer Welt ohne Form tendiert der Geist zu Dysregulation: Entweder in überforderndes Chaos (Paralyse, innere Zersplitterung) oder in rigide Abwehrmechanismen (Isolation, Rückzug).

Schmids „ontologische Paralyse“ entspricht aus Sicht Siegels einer fehlenden Integration, einem inneren „Nicht-zusammenpassen“, eine Erfahrung, die bei Menschen in Therapien oft als diffuse Leere oder „Ichlosigkeit“ beschrieben wird.

Was könntest du nun tun? Achtsames Gewahrsein, wie es Siegel beschreibt, ist ein Weg, innere Strukturen wieder aufzubauen, durch Selbstbeobachtung, liebevolle Selbstzuwendung und intentionale Beziehungsgestaltung. Der Mensch wird wieder in sich bewohnbar, bekommt „Form“, ohne starr zu sein.

Neid als Ausdruck von Entfremdung

„Mit seinem Neid zeigt ein Mensch zuverlässig an, dass er das Gefühl für den eigenen Wert nicht hinreichend aus sich selbst bezieht (...). Neid ist im Grund immer Lebensneid, sein Nährboden ist die ontologische Kluft zwischen den Seinsebenen von Wirklichkeit und Möglichkeit." (Schmid, 2013, S. 91)

Hier beschreibt Schmid, dass Neid weniger auf das Objekt selbst gerichtet ist als auf das erlebte Defizit im eigenen Sein. Es geht nicht nur darum, was der andere hat, sondern dass man selbst nicht in der Lage ist, zu leben. Diese Beschreibung trifft genau den Punkt, den Siegel mit Selbstverbindung (self-connection) und Einstimmung bezeichnet.

In "Das achtsame Gehirn" argumentiert Siegel, dass Menschen, die sich nicht selbst spüren oder deren Selbstwahrnehmung verzerrt ist, häufiger in soziale Vergleichsprozesse verstrickt sind, denn das Bedürfnis nach Resonanz ist ungestillt. Fehlt die innere Einstimmung, sucht das Gehirn Ersatz im Außen und wird dabei abhängig von Rückmeldung, Konkurrenz oder Vergleich. Das erzeugt genau jene „ontologische Kluft“, die Schmid beschreibt: ein Schmerz zwischen dem, was sein könnte, und dem, was ist.

Siegel schlägt vor, durch Achtsamkeit, Mitgefühl und Interozeption (das bewusste Wahrnehmen innerer Körperzustände) ein kohärenteres Selbst zu fördern. So entsteht weniger das Bedürfnis, den Selbstwert durch Abwertung anderer zu regulieren, weil das eigene Erleben „stimmig“ wird. In seinen Worten: „Achtsamkeit ist ein Weg, sich selbst zum besten Freund zu werden“ (S. 13).

Interdisziplinär: Philosophie trifft Neurobiologie

Im Folgenden verbinde ich die beiden Zitate Wilhelm Schmids mit Erkenntnissen aus dem wissenschaftlichen Artikel „The Complex Construct of Wellbeing and the Role of Vagal Function“ von Wilkie, Fisher & Kemp (2022). Dabei entsteht ein interdisziplinäres Verständnis der Themen Freiheit, Struktur, Selbstwert und sozialer Vergleich.

„Freiheit braucht Formen (...), sonst droht die ontologische Paralyse“ (Schmid, 2013, S. 71)

Schmid warnt davor, dass fehlende Grenzen und Strukturen zu einer existenziellen Lähmung führen können. Diese philosophische Diagnose findet eine spannende Parallele im Konzept der Selbstverbindung im GENIAL-Modell (Wilkie et al., 2022):

„Self-connection is rooted in the awareness of oneself, and the acceptance and alignment of behavior based on that awareness.“

Fehlt diese Verbindung zu sich selbst, also Klarheit über das, was ich will, was mir entspricht, was mir Halt gibt – dann wird Freiheit zur Last. Dann verliert das Subjekt die Fähigkeit, sich zu orientieren und zu handeln. Die Forschung zeigt: Ein erhöhter Vagaltonus (u.a. über HRV messbar) unterstützt die Selbstregulation, eine Form neurobiologischer „Rahmensetzung“.

Schmid beschreibt die psychologische Gefahr eines entgrenzten Lebensraums, Wilkie et al. liefern den biologischen Mechanismus, der diese Desorientierung abfedern kann: vagale Regulation als Grundlage für Klarheit, Sicherheit und Struktur.

„Neid ist Lebensneid (...), genährt durch die Kluft zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit“ (Schmid, 2013, S. 91)

Schmid erkennt im Neid ein existenzielles Gefühl, das aus dem Erleben von Mangel und Verengung erwächst. Auch hier liefert die neurowissenschaftlich fundierte Wellbeing-Forschung eine tiefere Erklärung:

„We suggest the word 'connection' which encapsulates (1) self-connection, (2) social-connection and (3) nature-connection.“

Fehlt diese Verbindung, sucht der Mensch sie im Vergleich: Was haben die anderen, was mir fehlt? Neid wird damit zum Symptom eines Verlusts an Selbstverbindung. Ein gesunder Vagusnerv hilft, diese Vergleiche zu relativieren, das Selbstgefühl zu stabilisieren und Mitgefühl zu fördern (statt Missgunst).

Was Schmid als schmerzhafte „Kluft“ beschreibt, bezeichnen Wilkie et al. als „Verlust der Verbindung“, beides benennt dieselbe Entfremdung, einmal philosophisch, einmal biologisch fundiert.

Schluss

Wilhelm Schmid beschreibt philosophisch, wie ein Mangel an innerer Struktur und Resonanz in Überforderung, Selbstwertzweifel und destruktive Vergleiche münden kann. Daniel Siegel liefert den neuropsychologischen Schlüssel zur Integration: Achtsamkeit, Selbstwahrnehmung und Resonanz. Die Wellbeing-Forschung zeigt schließlich, dass vagale Regulation die biologische Grundlage für Kohärenz und Verbundenheit bildet.

Neid und Paralyse entstehen dort, wo Verbindung fehlt. Die Antwort ist keine äußere Leistung, sondern innere Rückverbindung. Sie beginnt mit der Frage: Was stimmt für mich und wie kann ich mich daran orientieren, ganz leise, ganz echt, inmitten all der Optionen?

Literatur:

  • Schmid, Wilhelm (2013). Dem Leben Sinn geben. Berlin: Suhrkamp
  • Siegel, Daniel (2007). Das achtsame Gehirn. Freiamt im Schwarzwald: Arbor Verlag
  • Wilkie L., Fisher Z. and Kemp A.H. (2022) The Complex Construct of Wellbeing and the Role of Vagal Function. Front. Integr. Neurosci. 16:925664. doi: 10.3389/fnint.2022.925664 

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