In einer Welt, die auf Handlung, Optimierung und Kontrolle ausgerichtet ist, wirkt der Gedanke, einfach nur präsent zu sein – ohne zu urteilen, ohne zu reagieren – fast subversiv. Und doch liegt in genau diesem Zustand ein tiefer Schlüssel zu echter Begegnung: mit anderen, mit sich selbst, mit dem Unbewussten. Der Psychoanalytiker Mark Epstein bringt in seinem Essay „On the Neglect of Evenly Suspended Attention“ zwei Welten zusammen, die selten nebeneinander gedacht werden: die klassische Psychoanalyse Sigmund Freuds und die kontemplativen Praktiken des Buddhismus. Was er dabei herausarbeitet, ist nicht weniger als ein radikaler Perspektivwechsel auf das Zuhören, das Begleiten und die therapeutische Haltung: Es geht nicht um Wissen. Es geht um Gegenwärtigkeit.
Freud und das Nicht-Wissen
Sigmund Freud war bekannt für seine Methode der freien Assoziation. Weniger bekannt ist, dass er dem Therapeuten ein ebenso anspruchsvolles Gegenstück abverlangte: die „gleichmäßig schwebende Aufmerksamkeit“.
Das bedeutet:
Keine Auswahl.
Keine Bewertung.
Keine Absicht.
Kein Erinnern und kein Verstehen.
Freud forderte: Der Analytiker solle nichts Besonderem Aufmerksamkeit schenken, sondern allem gleichermaßen. Nur so, glaubte er, könnten unbewusste Inhalte überhaupt sichtbar werden. Diese Haltung ist nicht passives Zuhören, sondern eine bewusst kultivierte geistige Verfügbarkeit, fast wie ein innerer leerer Raum, der das entstehen lässt, was gehört werden will.
Der stille Bruder: Buddhistische Achtsamkeit
Epstein vergleicht diese Aufmerksamkeit mit einem Kernprinzip der buddhistischen Meditation: „bare attention“, auch bekannt als choiceless awareness. Das meint:
- Dinge sehen, wie sie sind – nicht, wie man sie gerne hätte.
- Empfindungen, Gedanken und Impulse einfach registrieren – ohne Reaktion.
- Weder anhaften noch abwehren.
Die Parallele ist frappierend: Sowohl Freud als auch der Buddha betonen die Kraft der reinen Präsenz. Beide erkennen: Erst wenn das Wollen, Deuten und Erinnern still wird, kann etwas Tieferes auftauchen.
Zuhören als innere Haltung
Was Epstein deutlich macht: Diese Form der Aufmerksamkeit ist kein natürlicher Zustand. Sie ist eine Praxis. Sie widerspricht allem, was wir gelernt haben:
- zu analysieren,
- zu helfen,
- zu verstehen.
Stattdessen braucht es:
- Disziplin im Loslassen,
- Vertrauen ins Nicht-Wissen,
- Mut zur Unvollkommenheit.
Epstein schlägt sogar vor, dass Meditation eine Form innerer Hygiene für Therapeut:innen sein könnte – ein Training für jene Haltung, die Freud einst forderte und die seither in Vergessenheit geraten ist.
„Sich aushalten“ – die stille Revolution
In meinem Artikel Sich spüren, sich aushalten habe ich darüber geschrieben, wie schwer es uns fällt, einfach mit uns selbst zu sein. Ohne Ablenkung, ohne Produktivität, ohne Flucht. Was Epstein fordert, ist im Kern dasselbe: eine radikale Form der Selbst- und Fremdwahrnehmung, die auf Eingreifen verzichtet – und darin gerade ihre Kraft entfaltet.
Diese Haltung ist unbequem.
Sie ist manchmal schmerzhaft.
Und sie ist – darin liegt ihre Schönheit – frei.
Was bleibt?
Wenn ich mich nicht bemühe zu verstehen, sondern einfach lausche –
Wenn ich mich nicht schütze vor dem Ungewissen, sondern offen bleibe –
Wenn ich nicht auswähle, was wichtig ist, sondern allem Raum gebe –
…dann geschieht etwas. Nicht durch mein Tun, sondern durch mein Lassen.
In diesem Raum kann das Unbewusste sprechen.
In diesem Raum wird der andere sichtbar.
Und ich auch.
Literatur:
- Epstein, M. D. (1984). On the neglect of evenly suspended attention. Journal of Transpersonal Psychology, 16(2), 193–205.
Bilder:
- Foto von Dillon Shook auf Unsplash

