In den ersten beiden Teilen meiner Reihe habe ich beschrieben, dass “Bei sich sein” kein rein innerer Zustand ist, den man irgendwo in sich entdecken müsste. Es ist vielmehr eine körperliche Orientierung, ein Ankommen im eigenen Zentrum, das wir spüren, wenn Atem, Haltung und Aufmerksamkeit zusammenarbeiten. In Teil 1 (Bei sich sein (erster Teil) – Zentrieren) ging es um die Fähigkeit, sich aus dem eigenen Körper heraus zu organisieren, ein inneres Sammeln, ein Heimkommen ins Zentrum der eigenen Achse. In Teil 2 (Bei sich sein (zweiter Teil) – Aufrichtung) haben wir gesehen, wie sehr die Qualität unserer Haltung bestimmt, wie wir uns innerlich erleben: Ob wir aufrecht und verbunden sind oder abgesackt, angespannt, verschlossen. Beide Teile betonen: Bei sich sein ist etwas, das wir tun, mit unserem Atem, unserer Muskulatur, unserer Aufmerksamkeit, unseren Entscheidungen.
Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell, dass dieses „Bei sich sein“ nie losgelöst von der Welt entsteht. Manchmal verlieren wir uns nicht, weil wir nicht atmen oder uns schlecht ausrichten, sondern weil Menschen, Beziehungen und Situationen uns aus unserem Kern ziehen, oder weil wir zu stark verschmelzen und uns selbst vergessen. „Bei sich sein“ ist also immer beides: ein körperliches Geschehen und ein soziales Ereignis. Dieser Gedanke wird besonders deutlich, wenn wir einen Blick auf eine moderne Theorie des Selbst werfen, auf die Arbeit der Philosophin und Kognitionswissenschaftlerin Miriam Kyselo. Sie stellt eine einfache, aber weitreichende Frage: Wie kann es sein, dass wir uns als ein Ich erleben und trotzdem zutiefst durch andere geprägt sind? Und sie zeigt, warum „Bei sich sein“ ohne soziale Einbettung gar nicht möglich wäre.
Wie entsteht ein Selbst? Ein Blick in die moderne Forschung
Bevor wir uns Kyselos Modell anschauen, lohnt sich ein kurzer Einstieg in die Grundlagen. Viele Menschen stellen sich das Selbst wie einen inneren Kern vor, eine Art seelischer Mittelpunkt, der irgendwo tief in uns sitzt. Andere wiederum glauben, das Selbst sei nur eine Erfindung: ein Produkt unserer Geschichten, Rollen und Erwartungen. Die moderne Forschung zeigt: Beides stimmt und beides stimmt nicht. Denn das Selbst ist nicht einfach nur Körper (reines Embodiment) und nicht nur Psyche (eine innere Stimme) und nicht nur Sozialisation (ein Produkt der Gesellschaft). Das Selbst ist ein Prozess. Es entsteht ständig neu, zwischen Körper, Gehirn, Beziehung, Handlung und Welt. Doch wie genau kann man sich das vorstellen? Hier kommt Miriam Kyselo ins Spiel.
Miriam Kyselo: Das Selbst entsteht im Wechselspiel von Abgrenzung und Verbindung
Kyselo beschreibt das Selbst als eine dynamische Balance zwischen zwei Kräften, die wir alle kennen: dem Bedürfnis, ganz bei uns zu sein und dem Bedürfnis, verbunden mit anderen zu sein. Sie nennt diese beiden Kräfte:
- Distinction – Abgrenzung: Das ist die Fähigkeit, ein eigenes Inneres zu haben: „Das bin ich.“ „Das will ich.“ „Das fühlt sich für mich stimmig an.“ Ohne Distinction verlieren wir unsere Mitte: wir passen uns an, verschmelzen, verlieren Orientierung.
- Participation – Verbundenheit: Das ist unser natürliches Bedürfnis, in Beziehung zu treten, Resonanz zu erleben, Teil von etwas zu sein. Ohne Participation vereinsamen wir oder verhärten emotional.
Diese beiden Kräfte stehen nicht im Widerspruch. Sie sind wie zwei Beine, auf denen das Selbst steht. Distinction ohne Participation führt zu Isolation. Participation ohne Distinction führt zu Selbstverlust. „Bei sich sein“ bedeutet also laut Kyselo NICHT Rückzug ins Innere, sondern die Fähigkeit, beides gleichzeitig halten zu können: eine klare innere Linie und offenen Kontakt zur Welt.
Warum sind Distinction und Participation so wichtig?
Um das erfahrbar zu machen, hier ein paar Alltagssituationen. Wenn Abgrenzung fehlt (zu wenig Distinction):
- Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst.
- Du passt dich an, bis du dich leer fühlst.
- Du übernimmst die Stimmung der anderen.
- Du verlierst dich in Erwartungen.
Hier bist du „bei anderen“, aber nicht mehr bei dir. Wenn Verbindung fehlt (zu wenig Participation):
- Du ziehst dich zurück, um dich zu schützen.
- Du wirst hart, kontrolliert, unnahbar.
- Du bist zwar „bei dir“, aber ohne Resonanz.
Hier bist du „in dir“, aber ohne Beziehung. Die Kunst besteht darin, beide Pole zu regulieren. Das Selbst ist laut Kyselo genau diese Regulierung. Ein fortlaufender Balanceakt zwischen Nähe und Distanz.
Was bedeutet das für „Bei sich sein“?
Plötzlich wird klar, Zentrierung (Teil 1) ist Distinction: ein innerer Ort. Aufrichtung (Teil 2) ist Distinction + Participation: eine Haltung, mit der du dich der Welt öffnest, ohne dich zu verlieren. Und das, was wir therapeutisch oder spirituell oft „Ankommen“ nennen, ist genau dieser Moment, in dem Distinction und Participation gleichzeitig stimmen:
- Ich bin bei mir.
- Und ich bin in Kontakt.
- Ohne mich zu verlieren.
- Ohne mich zu verhärten.
Kyselos Modell einfach erklärt: Das Selbst als „soziale Autonomie“
Kyselo sagt: Das Selbst ist ein sozialer Organismus. Es lebt davon, sich abzugrenzen und gleichzeitig zu verbinden. Der Körper spielt dabei eine wichtige Rolle, nicht als Grenze, sondern als Durchgangsort. Er vermittelt zwischen: inneren Impulsen und äußeren Signalen, Beziehung, Handlung und Resonanz. Man könnte sagen, der Körper ist der Ort, an dem Distinction und Participation reguliert werden. Wenn der Körper angespannt, erschöpft, dissoziiert oder überflutet ist, gerät auch diese Balance aus dem Gleichgewicht. Darum ist es so wichtig, „bei sich sein“ als körperlichen Prozess zu verstehen.
Warum das für Therapie und Alltag so hilfreich ist
Wenn wir Kyselos Modell mit somatischen Zugängen verbinden (Atem, Haltung, Bewegung, Bodenkontakt), wird etwas sehr Konkretes sichtbar:
- Atemarbeit stärkt Distinction (innere Orientierung, Ruhe, Selbstgefühl)
- Aufrichtung fördert Participation (Kontakt mit der Welt, Resonanzfähigkeit)
- Bewegung moduliert die Beziehung zwischen beidem (ich kann mich annähern und entfernen)
- Beziehungsarbeit (therapeutisch oder privat) formt kontinuierlich das Selbstgefühl (Anerkennung, Spiegelung, Bindung)
„Bei sich sein“ ist also kein Zustand, sondern ein Beziehungsgewebe, das wir durch Körper, Atem, Kontakt und Selbstwahrnehmung immer wieder neu weben.
Schlussgedanke
Wenn man Kyselo, die Embodiment-Forschung und meine ersten beiden Blog-Teile zusammennimmt, entsteht ein sehr schönes Bild. Bei sich sein heißt, in einer lebendigen Beziehung zu sich selbst und zur Welt zu stehen, getragen vom Körper, gehalten von Verbindung, geschützt durch Abgrenzung. Es ist ein Weg, der nie fertig ist, aber mit jedem Atemzug, jeder Aufrichtung, jeder Begegnung entsteht.
Literatur:
- Kyselo M. (2014). The body social: an enactive approach to the self. Frontiers in psychology, 5, 986. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2014.00986
Bilder:
- Foto von Roxana Zerni auf Unsplash

