In diesem Artikel, welcher als der erste in dieser Kategorie fungieren soll, möchte ich näher auf die Interozeption eingehen. In manchen Artikeln über die Polyvagaltheorie, z.B. Was bedeutet Neurozeption? schrieb ich bereits über die Interozeption. Hier ein kurzer Abriß des vorher erwähnten Artikels. Die Polyvagaltheorie beschreibt drei Zustände des vegetativen Nervensystems: Ventraler Vagus (Sicherheit & Verbindung), Sympathikus (Kampf oder Flucht), Dorsaler Vagus (Shutdown). Neurozeption ist der unbewusste Prozess, mit dem das Nervensystem ständig prüft, ob wir sicher oder bedroht sind. Diese Einschätzung entsteht aus drei Wahrnehmungsbereichen: Propriozeption, Exterozeption und Interozeption. Propriozeption ist die Wahrnehmung von Körperposition, Bewegung und Spannung, also das innere Gespür für Muskeln, Gelenke und Gleichgewicht. Exterozeption ist die Wahrnehmung äußerer Reize über die Sinne wie Sehen, Hören und Tasten, besonders wichtig für das Erkennen von Gefahren in der Umwelt. Interozeption ist die Wahrnehmung innerer Körperzustände wie Herzschlag, Atmung, Hunger, Temperatur, Druck oder Schmerz. Sie bildet die Grundlage unseres emotionalen Erlebens. Emotionen werden zuerst im Körper spürbar und erst danach gedanklich als Gefühl benannt. Wie wir unseren Körper von innen wahrnehmen, beeinflusst unser Sicherheitsgefühl, unsere Selbstregulation und unseren autonomen Zustand. Interozeption ist damit der direkte Zugang zwischen Körper, Emotion und Nervensystem.
So schreibt auch Siegel (2012) über einen Patienten, der keinen Zugang zu seinen Gefühlen hatte, der mittels dem Körper entscheidende Fortschritte machte. Über den Bodyscan näherten sie sich dem Spüren des Körpers am Boden an. Den Bodyscan erweiterten sie dann schließlich nach innen, also das Erspüren von Herzschlag, Atem, Hunger, Temperatur, Druck, Schmerz usw. Diese Innenwahrnehmung wird vorwiegend über die rechte Gehirnhälfte gesteuert. Kurz dazu ein paar Worte. Die linke Hemisphäre ist zuständig für sprachliche Funktionen, logische Analysen, Rechnen, Detailwissen und sequenzielle Verarbeitung. Die rechte Hemisphäre dagegen ist spezialisiert auf das Verständnis von Zusammenhängen, ganzheitliches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen, Intuition, Emotionen und bildhafte Vorstellungen.
Geuter und Schrauth (2001) sprechen körperpsychotherapeutisch von der Vorstellung, dass die therapeutische Arbeit auf drei verschiedenen Ebenen erfolgt: der vegetativen, der muskulär-motorischen und der psychischen oder kognitiven Ebene. Diese Ebenen des Erleben sind zwar voneinander unterscheidbar, aber immer miteinander verbunden. Das Leben mit all ihren Prozessen spielt sich auf allen drei Ebenen ab und so ist es auch mit den Emotionen. Diese werden auf allen drei Ebenen erfahren und ausgedrückt. Körperpsychotherapeutisch liegt der Fokus beim Erleben. Wenn wir hier von vegetativ sprechen, so meinen wir damit die Interozeption, also die körperliche Innenwahrnehmung von Empfindungen. Wenn wir von muskulär-motorisch sprechen, so sprechen wir von Impulsen, Reflexen und Bewegungsmustern, welche allesamt Handlungsmuster darstellen. Wenn wir von der psychischen bzw. kognitiven Ebene sprechen, so sprechen wir über Gedanken aber auch Bildern. Laut Geuter (2015) nehmen wir Emotionen über Gedanken, Phantasien und Bilder, sowie Propriozeptionen und Interozeptionen wahr. Diese Emotionen werden kognitiv über die Sprache vermittelt und zeigen sich muskulär in Gestik und Mimik und vegetativ über Zeichen wie Bauchgrummeln, Erröten oder Schwitzen etc.
Beginn des 20. Jahrhunderts definierte Sherrington (1948) zunächst allein die Viszerozeption, die Wahrnehmung der Organtätigkeiten, also Eingeweide- und Gefäßsensibilität, als Interozeption. Heute unterscheidet man zwischen der Propriozeption der Lage und Bewegung des Körpers im Raum, auch Tiefensensibilität genannt, und der Interozeption als der Gesamtheit der von der Propriozeption unterschiedenen Innenwahrnehmung (Craig, 2008). Damasio (2000) benannte drei große Systeme von Körpersignalen, die der Information über die Innenwelt dienen. Das innere Milieu und die Viszera stellen das erste System dar. Hier sprechen wir von der Interozeption. Das vestibuläre System und den Bewegungsapparat, alias der propriozeptive oder kinäs- thetische Sinn, stellen das zweite System dar. Das dritte System ist das des Feintastsinns, das über Sensoren in der Haut arbeitet. Craig (2002) definiert die Interozeption als Sinn für die physiologische Verfassung des Körpers, das wäre im Drei-Ebenen-Modell die vegetative Ebene.
Porges (2011) beschreibt in seiner Arbeit zur Polyvagal-Theorie explizit, dass der Vagusnerv überwiegend afferent (ca. 80 %) organisiert ist. Das nutzt er als Argument dafür, dass das Gehirn primär Informationen aus dem Körper empfängt, bevor es regulierend eingreift. Afferent und efferent beschreiben die Richtung, in die Nervenimpulse im Körper weitergeleitet werden. Afferente Nervenbahnen bringen Informationen aus dem Körper zum Gehirn. Efferente Nervenbahnen senden Befehle vom Gehirn in den Körper. So auch Dr. Oliver G. Cameron, Psychiater in Ann Arbor, Michigan. Zur Interozeption gehört die Vielfalt der afferenten Informationen aus allen Bereichen des Körpers, seien sie neuromuskulärer, gastrointestinaler, kardiovaskulärer, taktiler, respiratorischer, endokriner, chemischer oder osmotischer Art (Cameron, 2001). Die Sinnesrezeptoren dieses Systems, z.B. Wärmerezeptoren in der Haut, Schmerzrezeptoren, Rezeptoren in den Muskeln oder Drucksensoren in den Blutgefäßen, reagieren auf Temperatur, Druck, Schmerz, Juckreiz, Muskelspannung und Empfindungen aus den inneren Organen (Fogel, 2009).
Erinnere dich mal an einen Horrorfilm. Ist er dir unter die Haut gegangen? Das was da unter die Haut geht, ist deine Innenwahrnehmung. Das interozeptive System informiert dich über den Zustand der glatten Muskeln in den Viszera wie im Darm oder über die tieferen Schichten der Haut, in denen Veränderungen in den Blutgefäßen registriert werden. Informationen aus den inneren Organen werden zuerst im Hirnstamm gesammelt, genauer im sogenannten Nucleus tractus solitarius. Von dort aus werden sie an andere Bereiche des Gehirns weitergeleitet, zum Beispiel an die Amygdala und an das Frontalhirn. So können Signale aus dem Körper unsere Gedanken und unsere Gefühle beeinflussen.
Das interozeptive System arbeitet nicht nur über Nervenbahnen, sondern auch über Hormone. Es sammelt Informationen sowohl über elektrische Signale im Nervensystem als auch über chemische Botenstoffe im Körper. All diese inneren Wahrnehmungen zusammen geben unserem Erleben eine persönliche Färbung. Sie bilden die Grundlage unserer Stimmung und unserer Gefühle. Oft zeigen sie sich zunächst als diffuse Körperempfindungen, ein Druck im Bauch, ein warmes Gefühl in der Brust oder ein Kloß im Hals, und lassen uns spüren, ob sich etwas gut oder unangenehm anfühlt. So bekommt die Bewertung „angenehm“ oder „unangenehm“ eine körperliche Basis. Auch deutlich erkennbare Gefühle wie Ärger oder Angst sind mit inneren Körpersignalen verbunden, etwa wenn uns etwas „auf den Magen schlägt“ oder „das Herz stehen bleibt“. Ohne diese Innensignale könnten wir unsere Emotionen kaum wahrnehmen oder einordnen. Wer den Kontakt zu diesen inneren Empfindungen verliert, verliert oft auch die Orientierung für eigene Bedürfnisse. Interozeptive Signale sind Impulse zur Veränderung, sie zeigen an, dass etwas stimmig ist oder dass etwas angepasst werden möchte.
Diana Fosha (2001) hebt in ihrer Arbeit zur dyadischen Affektregulation hervor, dass diese inneren Zustände nicht nur individuell entstehen, sondern im Kontakt mit einem anderen Menschen reguliert und transformiert werden können. In sicherer Beziehung werden körperlich gespürte Emotionen – selbst intensive oder schmerzhafte – gemeinsam gehalten, verarbeitet und in etwas Integrierbares verwandelt. Das bedeutet: Interozeption ist nicht nur ein innerer Prozess, sondern eingebettet in Beziehung. Unsere Fähigkeit, unsere Gefühle im Körper wahrzunehmen und zu regulieren, entwickelt sich wesentlich im emotionalen Austausch mit anderen.
Interozeption ist damit weit mehr als ein neurobiologischer Begriff. Sie ist die leise, oft überhörte Sprache unseres Körpers. In ihr verbinden sich Nervensystem, Emotion und Beziehung. Wenn wir lernen, diese innere Stimme wieder wahrzunehmen, entsteht Orientierung: Was brauche ich? Was fühlt sich stimmig an? Was nicht? Über die bewusste Hinwendung nach innen wird Selbstregulation möglich und zugleich Beziehungsfähigkeit. Denn wie Fosha zeigt, werden Gefühle nicht nur im Körper gespürt, sondern im Kontakt verwandelt. Interozeption ist somit ein Schlüssel zur Selbstverbindung, zur emotionalen Klarheit und zu lebendiger Resonanz mit der Welt.
Literatur:
- Cameron O. G. (2001). Interoception: the inside story. a model for psychosomatic processes. Psychosomatic medicine, 63(5), 697–710. https://doi.org/10.1097/00006842-200109000-00001
- Craig A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature reviews. Neuroscience, 3(8), 655–666. https://doi.org/10.1038/nrn894
- Craig, A. D. (2008). Interoception and emotion: A neuroanatomical perspective. In M. Lewis, J. M. Haviland-Jones, & L. F. Barrett (Eds.), Handbook of emotions (3rd ed., pp. 272–292). The Guilford Press.
- Damasio, A. R. (2000). Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München: List.
- Fogel, A. (2009). The Psychophysiology of Self-Awareness. Rediscovering the Lost Art of Body Sense. New York: Norton
- Fosha D. (2001). The dyadic regulation of affect. Journal of clinical psychology, 57(2), 227–242. https://doi.org/10.1002/1097-4679(200102)57:2<227::aid-jclp8>3.0.co;2-1
- Geuter, U. (2015). Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. Berlin: Springer.
- Geuter, U. & Schrauth, N. (2001). Emotionen und Emotionsabwehr als Körperprozess. Psychotherapie Forum, 9, 4–19.
- Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation.
- Sherrington, C. S. (1948). The Integrative Action of the Nervous System. Cambridge, England: University Press.
- Siegel, Daniel J. (2012). Mindsight. Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation. München: Goldmann
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