Lesezeit: 3 Minuten


veröffentlicht am: 6. Oktober 2017

Feldenkrais und Atmung

Dieser Artikel beinhaltet eine Audiolektion, welche sich am Ende des Artikels befindet. Bitte lese Dir dazu zuerst den Artikel komplett durch, um einen Einblick und ein höheres Verständnis zu bekommen. Im Anschluss wünsche ich viel Erfolg, Spaß und neue Erkenntnisse mit der Audiolektion.

Heute möchte ich ein paar Zeilen über die Atmung schreiben. In einem meiner letzten Artikel “Der Kolibri liebt Reversibilität” erwähnte ich bereits die vier Feldenkrais-Prinzipien. Wenn alle vier Prinzipien zeitgleich anwesend sind, so macht dies laut Moshé Feldenkrais eine gute Handlung aus. Hier noch einmal die vier Prinzipien:

  • Abwesenheit von Anstrengung
  • Abwesenheit von Widerstand
  • Anwesenheit von Reversibilität
  • Anwesenheit einer ununterbrochenen Atmung

Sobald wir den Atem anhalten, entweder bei einer Bewegung oder der Haltung selbst, ist dies ein Zeichen für eine nicht effiziente Handlung. Hier würde ich auf jeden Fall noch eines unterscheiden. Hebe ich z.B. ein sehr schweres Gewicht, renne ich dem Bus hinterher oder trage schwere Einkaufstaschen in den zehnten Stock, so wird sich notwendigerweise meine Atmung der Tätigkeit anpassen. Das ist auch ganz in Ordnung. Ich frage mich eher, wie ich atme wenn ich alltägliche leichte Tätigkeiten ausführe? Übernehme ich auch bei leichten Tätigkeiten die Atmung, die ich beim Heben eines schweren Gewichts anwende? In anderen Worten, halte ich ab und zu die Atmung an, ohne es zu bemerken, z.B. beim Lesen eines Buches oder beim Denken über ein vor kurzen geführtes Gespräch? Wie oft passiert mir das und wann bemerke ich es? Vielleicht liegt es auch daran, das die Passage des Buches sehr schwer zu verstehen war und dass das vor kurzen geführte Gespräch ein ungutes Gefühl hinterlassen hat. Ich stelle bei mir selbst fest, das alleine das Nachdenken über emotional behaftete Themen den Atemrhythmus ändern kann. Dies merke ich jedoch immer in Nachhinein. Dann, im Nachhinein, mit diesem neuen Bewusstsein kann ich nun aktiv an den Gedankenmustern und der Atmung arbeiten. Denn es besteht hier mehr Zusammenhang, mehr als man anfänglich denken möge. Denken, fühlen, handeln und atmen sind in jeder Sekunde miteinander verbunden und sei es nur durch die vorübergehende Abwesenheit einer der vier Tätigkeiten.

Wenn ich jetzt die Prinzipien einer guten Handlung nur auf die Atmung anwende, könnte ich den folgenden Satz schreiben. Eine gelingende Handlung ist dadurch gekennzeichnet, jede beliebige Bewegung auszuführen, ohne den Atem willentlich oder unwillentlich dafür zu unterbrechen. Wie oben schon erwähnt, merke ich meine Art und Weise des Atmens immer im Nachhinein. In unserer Bewegung befinden sich sehr häufig Abweichungen. Sollten diese Abweichungen nicht allzu groß sein, so stellt dies keinen Störfaktor dar. Übersteigen diese jedoch eine gewisse Schwelle, so könnten diese parasitären Bewegungen, so drastische Einschnitte beim Ausführen einer Tätigkeit hinterlassen, das keines der vier Prinzipien mehr anwesend ist. In diesem Fall hilft es sehr die Geschwindigkeit zu reduzieren, die Handlung für einen Moment zu unterbrechen und sich nur auf die Atmung zu konzentrieren. Die Atmung kommt nie alleine.

Die Atmung steht in fester Verbindung mit der Bewegung. Die Bewegung ist auch abhängig vom Skelett und dieses menschliche Skelett hat eine sehr interessante Bauweise, eine vertikale Bauweise, der Schwerkraft entgegengesetzt. Das Skelett macht es uns nicht gerade leicht, die Atmung perfekt zu organisieren, sofern wir nicht zuerst das Skelett mit seinem neuromuskulären System dem Schwerefeld entsprechend zweckmäßig organisieren. Ändere ich nun regelmäßig meine Bewegungen hin zu einer besseren Organisation, hin zu Leichtigkeit, habe ich es leichter auch meine Atmung zu ändern. Was auch immer ich lerne, das Gelernte hat sehr viel mit Selbstregulation zu tun. Selbstregulation kann als Verständnis gegenüber den eigenen Bedürfnissen verstanden werden. Wenn es Zeit ist zu ruhen, so ruhe ich. Wenn es Zeit ist aktiv zu sein, so bin ich aktiv, mache einen Spaziergang. Du magst jetzt folgenden Einwand haben. Ich kann nicht immer das tun wonach mir der Kopf oder das Gefühl steht. Ich sage, das mag ja sein, dennoch hält mich diese Tatsache, wenn es denn eine ist, nicht davon ab, an meiner Selbstregulation, an meiner neuromuskulären Selbstorganisation und meiner Atmung zu arbeiten.

Gerade wenn ich nach einer Feldenkrais Lektion ruhe, hat mein Nervensystem Zeit die geprobten Bewegungen zu verarbeiten und zu integrieren. Diese Zeit, in der ich ruhe, hilft mir, mein Selbstbild näher kennenzulernen. Atmen ist Bewegung, geprägt von emotionaler und körperlicher Anstrengung. Plötzlich auftretende starke Reize halten den Atem an. Dies weiß ich nun nicht nur intellektuell sondern auch in einer verkörperten Art und Weise. Die anschließende Lektion besteht darin die Atmung in verschiedenen Positionen näher kennenzulernen. Vorab möchte ich Dir noch folgende Sätze mit auf den Weg geben:

  1. Alle Bewegungen sind gut, wie auch alle Wege des Atmens gut sind, sofern sie den Bedürfnissen einer Person entsprechen.
  2. Immer in der gleichen Art und Weise zu atmen, ist nicht natürlich sondern zwanghaft.
  3. Dein Brustkorb hat eine Vorder- und Rückseite, eine rechte und linke Seite und ein Dach oben sowie ein Fundament unten. Alle Seiten nehmen an der Atmung teil.
  4. Nur die Erfahrung lehrt dich, das es egal ist, ob die Brust gehoben ist oder nicht, die Atmung kann dennoch ununterbrochen geschmeidig weiterlaufen.

Nun viel Vergnügen mit der Audiolektion. Welche der vier genannten Punkte sind Dir während oder nach der Lektion besonders aufgefallen? Ich freue mich über Deine Ideen und Kommentare.

 

2 Kommentare

  1. Masha

    Hallo Christian! Danke für eine ungewöhnliche Lektion. Ich habe vieles über mich gelernt und ein Paar „Momente“ gespürt, wo es bei mir noch hackt, teils sehr schmerzhaft. Linker Arm über den Kopf, rechte Beckenhälfte in der Luft (sehr wenig) und da tat es unter dem Schulterblatt enorm weh….
    Im Stehen und Gehen atmen und zwar bewusst – wow, neue Erfahrung. Ich atme definitiv rechts betont (schon wieder linke Seite nicht so gut)
    Wenn ich in der Bauchlage atme, hier hatte ich ein Aha-Effekt – verlängert sich mein Bein NUR, wenn ich in den Bauch einatme, was ja an sich nachvollziehbar ist. Atme ich eher in den Brustkorb, verkürzt es sich. Tja, ich übertrage das dann ins Gehen und sehe, dass wenn ich ohne Zwerchfell atme, verhält sich mein Körper suboptimal. Noch ein Grund zur Zwerchfellatmung 🙂

    Danach war ich gross und entspannt. Merci beaucoup!

    10. Oktober 2017

  2. Christian Rabhansl

    Hi Masha,
    Danke für deine Infos.

    – Beim nächsten Mal probiere mal den linken Arm weiter unten abzulegen. Gleiche Bewegung im Hüftgelenk. Beobachte die Änderung.
    – Die Ausatmung in der Bauchlage ist sehr interessant, kombiniert mit Einatmung in den Brustkorb oder in den Bauchraum. Es ergeben sich unterschiedlich Züge und Schübe in den Beinen. Einatmung in den Bauch – Gefühl das die Fußrücken zu mir kommen. Einatmung in den Brustkorb – Gefühl das die Fußrücken ein minimales Stück wegrutschen.
    – Was du auch mal vergleichen kannst ist, wie lange du jeweils einatmest und ausatmest und vor allem, wie sich das während der Lektion ändert. Speziell später im Vierfüßlerstand.

    10. Oktober 2017

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