Zufriedenheit – und was ihr im Weg steht

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Vielleicht willst du einfach nur leben, wirklich leben. Seit ich ca. 20 bin, will ich das. Spüren, dass mein Leben meins ist. Doch genau das fühlt sich manchmal überraschend schwer an. Immer wieder taucht Unzufriedenheit auf. Mal kurz, mal anhaltend, oft diffus. Könnte es an Verbindung fehlen, zu mir selbst, zur Welt, zum eigenen Leben. Eine konstante Unzufriedenheit hält manchen Menschen auf Trapp, insbesondere im Wegrennen vor sich selbst. Das kenne ich nur zu gut. Du auch? Die zentrale Frage für mich ist, bzw. war immer: Warum entsteht Unzufriedenheit und warum flüchten wir so oft vor uns selbst? Beides Tendenzen, die sich gegenseitig verstärken. Wenn es jedoch nicht mehr erträglich ist, ist der Wunsch da es zu ändern. Und genau darin liegt eine Spannung: Wir wollen leben, aber der Weg dahin ist nicht glatt. Er ist interessant, ja, aber auch widersprüchlich. Schauen wir genauer hin. Ich möchte gerne eingangs auf Byung-Chul Han eingehen, der mir da eine interessante Perspektive anbietet.

Byung-Chul Han (2023) spricht in diesem Zusammenhang von einer Krise der Narration, in der das Leben nicht mehr als zusammenhängende Geschichte empfunden, sondern nur noch als Abfolge einzelner Episoden erlebt wird. Das könnte erklären, warum manche Menschen sich innerlich entfremden und in Aktivismus flüchten. Es fehlt die Erzählung, die Sinn stiftet und Orientierung gibt. Diese Krise der Narration hat mich schon echt getroffen. Doch vorab, lass uns mal ansehen, was Zufriedenheit eigentlich ist.

Was ist eigentlich Zufriedenheit?

Zufriedenheit ist ein subjektives Wohlgefühl, das entsteht, wenn das gelebte Leben mit den eigenen Erwartungen oder Bedürfnissen in Einklang steht. Diese Definition entspricht weitgehend dem Konzept der Lebenszufriedenheit, wie es Ed Diener und Kollegen beschrieben haben. Sie verstehen Lebenszufriedenheit als eine kognitive Einschätzung des eigenen Lebens im Sinne einer bewertenden Haltung gegenüber dem eigenen Dasein (Diener, Emmons, Larsen & Griffin, 1985). Es handelt sich um eine positive Bewertungsemotion, oft geprägt durch Akzeptanz, Dankbarkeit und innere Ruhe. Sie kann unterschieden werden in momentane Zufriedenheit (Zustand) und Lebenszufriedenheit (dauerhafte Haltung).

Warum haben manche viel davon, andere wenig?

Es gibt Innere Faktoren, wie z.B. Persönlichkeitsstruktur, Selbstannahme, Resilienz, Wertebewusstsein und äußere Faktoren, wie z.B. Soziales Umfeld, ökonomische Sicherheit, körperliche Gesundheit. Beide Faktoren wirken immer auf einen Menschen ein. Viele Menschen verhindern Zufriedenheit durch ständigen Vergleich, unerreichbare Ziele oder das Streben nach äußerem Erfolg. Glaubenssätze wie "Ich bin nicht gut genug" oder "Ich brauche mehr" blockieren dauerhaftes Wohlbefinden. In seinen Studien zeigte Diener, dass stabile Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion und ein geringes Maß an Neurotizismus signifikant mit höherer Lebenszufriedenheit korrelieren – wobei soziale Beziehungen und Selbstwahrnehmung als vermittelnde Faktoren fungieren (Diener et al., 1999).

Ist Zufriedenheit ein Zufallsprodukt?

Ich würde Nein sagen. Zufriedenheit ist meist das Ergebnis bewusster innerer Ausrichtung und nicht bloß glücklicher Umstände. Dauerhafte Zufriedenheit ist kein Zufallsprodukt. Zwar beeinflussen äußere Umstände unser Empfinden, doch entscheidend sind mentale Haltungen, innere Klarheit und emotionale Gewohnheiten. Auch Diener betont, dass subjektives Wohlbefinden nicht ausschließlich durch äußere Umstände bestimmt wird, sondern stark durch Einstellungen, Zielklarheit und emotionale Gewohnheiten geprägt ist. Menschen mit klaren Werten und positiven sozialen Bindungen zeigen in seinen Studien durchgehend höhere Zufriedenheitswerte (Diener & Seligman, 2004). Daniel Kahneman und Angus Deaton (2010) zeigen in einer vielzitierten Studie, dass zwar ein höheres Einkommen die allgemeine Lebenszufriedenheit steigert, das momentane tägliche Wohlbefinden jedoch nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau zunimmt. Ab etwa 75.000 US-Dollar pro Jahr vergrößert mehr Geld nicht unbedingt das unmittelbare Glück oder die Reduktion von Stress. Das bedeutet, dass äußere Faktoren wie Geld zwar zur Lebensbewertung beitragen, für das tägliche Erleben von Zufriedenheit jedoch innere Prozesse und Haltungen entscheidender sind.

Ist Zufriedenheit eine Einstellung, ein Wert oder ein Bedürfnis?

Zufriedenheit ist eine Einstellung (bewusste Lebenshaltung), ein Wert (etwas, das angestrebt wird) und ein psychologisches Bedürfnis (nach innerem Gleichgewicht). Sie ist eingebettet in Selbstwirksamkeit, Autonomie und Sinnorientierung.

Wie vermeide ich Zufriedenheit?

Durch ständiges Streben nach MEHR, chronischen Vergleich, Perfektionismus, Nicht-Akzeptanz der Gegenwart und eine Fremdausrichtung (Leben nach Erwartungen anderer). Auch digitale Reizüberflutung und Multitasking können inneres Gleichgewicht verhindern.

Wie stelle ich Zufriedenheit her?

Durch Achtsamkeit, Dankbarkeit, bewusste Lebensführung im Einklang mit eigenen Werten. Praktisch wäre das etwas wie ein Dankbarkeitstagebuch bzw. den Fokus auf das Wesentliche zu legen, sich mehr um sich zu kümmern sowie Selbstakzeptanz, aber auch das Loslassen von Kontrolle. Zufriedenheit entsteht im Hier und Jetzt, nicht in der Zukunft.

Wie kann ich Zufriedenheit konservieren?

Durch regelmäßige Reflexion, bewusste Routinen, Pflege sozialer Beziehungen und innere Stabilität. Wie ein Garten braucht Zufriedenheit regelmäßige Pflege, Aufmerksamkeit und Resilienz gegenüber Stürmen. Auch Krisenkompetenz hilft, Zufriedenheit trotz äußeren Herausforderungen aufrechtzuerhalten. Das mit dem Konservieren hat Carol Raff echt gut auf den Punkt gebracht.

Die sechs Dimensionen des psychologischen Wohlbefindens nach Carol Ryff

Wenn wir Zufriedenheit nicht als flüchtiges Gefühl, sondern als tief verankerten Zustand begreifen wollen, lohnt sich ein Blick auf die Forschung der Psychologin Carol Ryff. In einem einflussreichen Artikel (Ryff & Keyes, 1995) formuliert sie ein sechsdimensionales Modell des psychologischen Wohlbefindens, das über herkömmliche Glücks- oder Zufriedenheitsmessungen hinausgeht. Ryff unterscheidet klar zwischen subjektivem Wohlbefinden (z. B. Lebenszufriedenheit, positive Affekte) und einem eudaimonischen Verständnis von Wohlbefinden, also einem Leben, das in Einklang mit dem innersten Selbst, mit Werten und Entwicklungspotenzial steht. Die sechs Dimensionen, die sie identifiziert, lassen sich als orientierende Koordinaten betrachten, nicht als Ziele, die man einmal erreicht und dann abhaken kann, sondern als dynamische Entwicklungsfelder, die kontinuierlich kultiviert werden wollen:

  • Selbstakzeptanz

    Ryff betont, dass echte psychische Gesundheit nicht ohne ein tiefes Einverständnis mit der eigenen Biografie möglich ist. Selbstakzeptanz bedeutet, sich mit den eigenen Licht- und Schattenseiten zu versöhnen, ohne sich zu verleugnen oder ständig verbessern zu müssen. Menschen mit hoher Selbstakzeptanz erkennen ihre Fehler, ohne sich dafür grundlegend abzulehnen, und sehen ihre Vergangenheit als Teil ihrer Identität, nicht als Makel.

  • Positive Beziehungen zu anderen

    Ein zentrales Merkmal psychischen Wohlbefindens ist laut Ryff die Fähigkeit, stabile, liebevolle und authentische Beziehungen zu führen. Das umfasst Empathie, Vertrauen, Nähe, aber auch die Fähigkeit zur Abgrenzung. Menschen mit hohem Wohlbefinden sind in der Lage, sowohl Intimität zuzulassen als auch Autonomie zu wahren. Sie investieren in Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit beruhen, statt in Abhängigkeit.

  • Autonomie

    Autonomie meint bei Ryff nicht egozentrische Selbstbezogenheit, sondern die Fähigkeit, innere Überzeugungen gegen äußeren Druck aufrechtzuerhalten. Es geht darum, eigene Werte zu leben, auch wenn diese nicht dem Mainstream entsprechen. Autonome Menschen lassen sich nicht leicht durch soziale Erwartungen manipulieren, sondern entwickeln ein eigenes inneres Navigationssystem.

  • Umweltkontrolle

    Dieser Aspekt beschreibt die Fähigkeit, das eigene Umfeld aktiv zu gestalten. Wer sich selbstwirksam erlebt, also als Gestalter:in statt bloß als Reagierende:r, stärkt damit sein psychisches Wohlbefinden. Das kann bedeuten, das soziale Umfeld bewusst zu wählen, die eigene Wohn- oder Arbeitssituation zu verändern oder auch äußere Herausforderungen kreativ zu bewältigen. Ryff betont, dass Umweltkontrolle nicht absolute Kontrolle meint, sondern die Fähigkeit zur Anpassung und Einflussnahme.

  • Sinn im Leben

    Ein zentrales Element des eudaimonischen Wohlbefindens ist die Erfahrung, dass das eigene Leben eine Richtung, einen tieferen Sinn hat. Ryff hebt hervor, dass Menschen mit einem klaren Lebenssinn auch in schwierigen Zeiten resilienter bleiben. Der Sinn muss dabei nicht heroisch oder weltverändernd sein, es reicht ein innerer Kompass, eine Ahnung davon, wofür man morgens aufsteht. Gerade in Übergangsphasen, in Krisen oder nach Verlusten stellt sich die Frage nach dem Lebenssinn oft neu und eröffnet Entwicklungspotenzial.

  • Persönliches Wachstum

    Ryffs sechste Dimension betont, dass psychisches Wohlbefinden eng mit dem Gefühl verbunden ist, sich weiterzuentwickeln. Menschen, die sich als wachsend erleben, sei es emotional, kognitiv, sozial oder spirituell, berichten über mehr Lebenszufriedenheit und Vitalität. Persönliches Wachstum bedeutet, offen für neue Erfahrungen zu bleiben, über sich selbst hinauszuwachsen und auch schwierige Erfahrungen als Lernchancen zu begreifen.

Ein dynamisches Modell statt eines Endzustands

Ryffs Modell ist kein statischer Zielkatalog, sondern ein dynamischer Prozessrahmen. Die sechs Dimensionen bedingen und beeinflussen einander. Wer etwa mehr Selbstakzeptanz entwickelt, kann oft auch tiefer in Beziehungen gehen; wer einen Lebenssinn erlebt, wird mit Rückschlägen anders umgehen. Gerade in Phasen innerer oder äußerer Instabilität kann dieses Modell helfen, Orientierung zu finden, indem man sich fragt: Wo bin ich im Moment im Ungleichgewicht? Welche Dimension ruft gerade nach Aufmerksamkeit?

Zufriedenheit ist mehr als Glück. Sie ist ein seelisches Gleichgewicht, das auf tiefer Selbstverbindung, Beziehungsfähigkeit, innerer Freiheit und Entwicklungsbereitschaft beruht. Ryffs sechs Dimensionen des psychologischen Wohlbefindens bieten eine tragfähige Landkarte auf dem Weg dorthin. Wenn wir Ryffs Dimensionen als Kompass verstehen, wird deutlich, wie weit das rastlose Tun vieler Menschen davon entfernt ist. Statt Selbstakzeptanz dominiert Selbstoptimierung. Statt Sinn: ständiges Tun.

Was passiert, wenn Zufriedenheit fehlt? Viele flüchten sich dann in Aktivismus.

Wenn ein Mensch nicht zufrieden ist, kann es dazu führen, sich in Aktivismus zu stürzen. Ich meine damit geschäftig zu werden, nicht stehen bleiben zu wollen, immer etwas zu tun, in anderen Worten, vor sich wegzurennen. Warum tut dieser Mensch dies, was wären die Alternativen, gibt es kurzfristige und auch längerfristige Lösungen? Das möchte ich nun ein wenig näher ansehen. Ein Mensch, der sich in ständiger Aktivität verliert, um innerer Unzufriedenheit zu entkommen, zeigt ein typisches Fluchtverhalten, das in der Psychologie als Eskapismus bezeichnet wird. Dieses Verhalten dient oft dazu, unangenehme Gefühle oder Probleme zu vermeiden, kann jedoch langfristig zu weiteren Belastungen führen. Dieners Forschung zeigt, dass das Streben nach kurzfristigem Glück, etwa durch Konsum oder ständige Ablenkung, langfristig nicht zu höherem Wohlbefinden führt. Stattdessen sind sinnstiftende Beziehungen, Selbsttranszendenz und authentische Lebensführung entscheidend (Diener et al., 2018).

Warum flieht ein Mensch in Aktivismus?

Flucht in Aktivismus oder ständige Beschäftigung kann verschiedene Ursachen haben. Die Vermeidung unangenehmer Gefühle steht sehr weit oben. Anstatt sich mit inneren Konflikten auseinanderzusetzen, lenken sich Menschen durch Aktivität ab. Dann wäre da die Angst vor Stillstand. Ruhephasen könnten dazu führen, dass verdrängte Gedanken und Gefühle an die Oberfläche kommen. Und diese Angst ist mit Kontrolle verbunden. Die Suche nach Kontrolle durch ständige Aktivität. Damit versuchen manche, ein Gefühl der Kontrolle über ihr Leben zu bewahren. In einer Gesellschaft, in der die Logik des Immer-Mehr und Immer-Weiter dominiert, wird der Stillstand als Bedrohung empfunden. Han (2023) spricht hier von einer Positivgesellschaft, die das Leben auf Produktivität reduziert und damit die Fähigkeit zur Kontemplation und zum Erzählen verliert.

Was wären die Alternativen?

Anstatt vor sich selbst wegzulaufen, können folgende Strategien helfen. Du könntest Achtsamkeit üben, d.h. sich bewusst mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen, ohne sie zu bewerten. Selbstreflexion, sich fragen, was man wirklich will und welche Bedürfnisse hinter dem Fluchtverhalten stehen. Und natürlich professionelle Hilfe suchen, denn Therapeuten können dabei unterstützen, tiefere Ursachen zu erkennen und zu bearbeiten.

Gibt es kurzfristige und längerfristige Lösungen?

Kurzfristige Lösungen sind eher noch ein Bewusstes Innehalten, d.h. sich Zeit nehmen, um zur Ruhe zu kommen und die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Im besten Falle, diese dann auch festhalten mit einem Tagebuch. Tagebuch führen, d.h. Gedanken und Gefühle sortiert aufschreiben, um Klarheit zu gewinnen.

Längerfristige Lösungen laufen wirklich auf Therapie hinaus. Langfristige Begleitung kann helfen, Muster zu erkennen und zu verändern. Der Dauerbrenner ist der Aufbau stabiler Beziehungen, denn vertrauensvolle Beziehungen können Halt geben und das Bedürfnis nach Flucht reduzieren.

Ganz eng verbunden mit diesen Gedanken, sind jedoch auch die Gedankengänge zur Vermeidung. Die Frage, was ich eventuell vermeiden möchte, in meinem Leben, ist eine harte Frage aber auch eine sehr gute Frage.

Was vermeide ich in meinem Leben?

Vermeidungsverhalten zeigt sich oft darin, dass man unangenehme Gefühle, Aufgaben oder Entscheidungen meidet. Typische Beispiele sind:

  • Entscheidungsvermeidung: Aufschieben wichtiger Entscheidungen aus Angst vor den Konsequenzen.
  • Konfliktvermeidung: Ausweichen von Auseinandersetzungen, um unangenehme Emotionen zu vermeiden.
  • Herausforderungsvermeidung: Meiden von Situationen, die Anstrengung oder das Risiko des Scheiterns beinhalten.
  • Vermeidung von Unannehmlichkeiten: Aufschieben unangenehmer Aufgaben wie Arztbesuche oder schwierige Gespräche.

Diese Verhaltensweisen können kurzfristig Erleichterung bringen, langfristig jedoch zu Stress und weiteren Problemen führen. Vermeidung kann auch Ausdruck einer kulturellen Erschöpfung sein. Wenn, wie Han (2023) schreibt, das Erzählen als Form der Selbstvergewisserung verschwindet, verlieren wir auch den Zugang zu jenen inneren Räumen, in denen wir Schmerz, Angst oder Unklarheit begegnen könnten.

Welche Situationen lösen Unbehagen in mir aus?

Unbehagen entsteht häufig in Situationen, die mit Angst, Unsicherheit oder negativen Erfahrungen verbunden sind. Soziale Interaktionen produzieren Unbehagen. Angst vor Ablehnung oder Kritik kann dazu führen, dass man soziale Situationen meidet. Herausforderungen haben sehr oft mit einem Leistungsanspruch zu tun. Dann münden sie in Überforderung. Überforderung oder die Angst zu versagen können dazu führen, dass man neue Aufgaben oder Verantwortungen meidet. Erinnerungen an Traumata können ganz erheblich dazu beitragen. Bestimmte Orte oder Situationen können Erinnerungen an traumatische Erlebnisse hervorrufen und somit Unbehagen auslösen. Das Erkennen dieser Auslöser ist ein wichtiger Schritt zur Bewältigung von Vermeidungsverhalten. Nach meiner Meinung der erste Schritt.

Welche Aktivitäten nutze ich, um mich abzulenken?

Zur Ablenkung von unangenehmen Gefühlen oder Situationen greifen viele Menschen zu verschiedenen Aktivitäten, wie:

  • Medienkonsum: Übermäßiges Fernsehen, Streaming oder Social Media Nutzung.
  • Essen oder Shopping: Emotionales Essen oder impulsives Einkaufen als kurzfristige Befriedigung.
  • Arbeit oder Sport: Sich in Arbeit oder exzessiven Sport stürzen, um sich abzulenken.
  • Aber auch Kreative Tätigkeiten: Malen, Musizieren oder Schreiben können sowohl als gesunde Ausdrucksformen als auch als Fluchtmechanismen dienen.

All diese Punkte sind mir persönlich bekannt. Es ist jedoch wichtig zu reflektieren, ob diese Aktivitäten zur Verarbeitung von Emotionen beitragen oder lediglich der Vermeidung dienen. Han (2023) beschreibt treffend, wie sich unsere Aufmerksamkeit zersplittert. Statt narrativer Tiefe erleben wir eine Informationsflut, die uns rastlos und oberflächlich zurücklässt. Das Leben wird nicht mehr erzählt, sondern konsumiert, häufig in Form digitaler Fragmentierung.

Was würde passieren, wenn ich mich meinen Gefühlen stelle?

Sich den eigenen Gefühlen zu stellen kann zunächst unangenehm sein, bietet jedoch langfristige Vorteile. Es kommt zu einer emotionalen Verarbeitung. Das bewusste Erleben und Akzeptieren von Gefühlen ermöglicht deren Verarbeitung. Das hilft dabei Vermeidungsverhalten zu reduzieren. Durch das Konfrontieren von Ängsten können diese an Intensität verlieren. Dies führt auch zu einer Stärkung der Resilienz. Der Umgang mit schwierigen Emotionen fördert die psychische Widerstandsfähigkeit. Schließlich kommt es zu einer Verbesserung der Lebensqualität. Langfristig führt das Akzeptieren und Verarbeiten von Gefühlen zu mehr innerer Ruhe und Zufriedenheit. Han (2023) ruft dazu auf, das Schweigen und die Stille wieder wertzuschätzen, nicht als Leere, sondern als Raum, in dem neue Erzählungen und damit auch Selbstverhältnisse entstehen können. Wie auch Ed Diener betont, ist Zufriedenheit kein bloßes Nebenprodukt des Glücks, sondern das Resultat einer bewussten Lebensgestaltung, die von Sinn, sozialen Bindungen und innerer Übereinstimmung geprägt ist. Der Weg zur Zufriedenheit führt nicht über das Vermeiden von Gefühlen, sondern über deren Integration in eine sinnvolle Lebensnarration.

Schluss

Zufriedenheit ist nichts Statisches. Sie entsteht nicht durch Vermeidung, sondern durch Hinwendung zu sich selbst, zu anderen, zum Leben. Vielleicht liegt darin das eigentliche Abenteuer des Lebens: nicht im Wegrennen, sondern im Ankommen. Vielleicht ist es gerade jetzt an der Zeit, innezuhalten. Nicht um produktiver zu werden. Sondern um dich selbst wieder zu spüren. Zufriedenheit beginnt nicht mit Tun. Sie beginnt mit Erlauben.

Literatur:

  • Diener, E., Emmons, R. A., Larsen, R. J., & Griffin, S. (1985). The Satisfaction With Life Scale. Journal of Personality Assessment, 49(1), 71–75. https://doi.org/10.1207/s15327752jpa4901_13
  • Diener, E., Suh, E. M., Lucas, R. E., & Smith, H. L. (1999). Subjective well-being: Three decades of progress. Psychological Bulletin, 125(2), 276–302. https://doi.org/10.1037/0033-2909.125.2.276
  • Diener, E., & Seligman, M. E. P. (2004). Beyond money: Toward an economy of well-being. Psychological Science in the Public Interest, 5(1), 1–31. https://doi.org/10.1111/j.0963-7214.2004.00501001.x
  • Diener, E., Oishi, S., & Tay, L. (2018). Advances in subjective well-being research. Nature Human Behaviour, 2, 253–260. https://doi.org/10.1038/s41562-018-0307-6
  • Han, Byung-Chul (2023). Die Krise der Narration. Berlin: Matthes & Seitz
  • Kahneman, D., Krueger, A. B., Schkade, D., Schwarz, N., & Stone, A. A. (2006). Would you be happier if you were richer? A focusing illusion. Science (New York, N.Y.), 312(5782), 1908–1910. https://doi.org/10.1126/science.1129688
  • Ryff, C. D., & Keyes, C. L. M. (1995). The structure of psychological well-being revisited. Journal of Personality and Social Psychology, 69(4), 719–727.

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