Tagged: Zapchen

Zapchen Somatics, jenseits von Richtig und Falsch

Featured Image

Ach, wie schön es war. Wieder einmal in Berlin, im Lotos Vihara Zentrum, mit Marlies Winkler. Drei Tage Zapchen. Es sind viele Tränen geflossen – und das war auch gut so. Ich bin zutiefst dankbar für diese Erfahrung. Genau: für diese Erfahrung. Denn ich erfahre etwas, jenseits vom Denken. Das Denken kommt danach.

Ich versuche, Worte zu finden. Ich sagte zu einer Teilnehmerin neben mir: „Worte … es ist so schwer. Wie soll ich das in Worte fassen? Wir reden zu viel.“ Wir mussten beide grinsen. Und genau darum soll es heute gehen: um Worte, um Richtig und Falsch – und um die Tendenz, warum dieses Denken gerade bei mir sehr zu bröckeln beginnt.

Als ich mein Abitur nachholte, hatte ich zwei Wahlfächer: Philosophie und Psychologie. Damals dachte ich tatsächlich einmal an den Magister. Tja, dazu kam es dann doch nicht. Aber die Philosophie brachte mich schon immer zum Staunen. Das Richtig und das Falsch könnten ihren Ursprung vielleicht bei den Griechen haben, bei Platon und Aristoteles. Logisch betrachtet formalisierte Aristoteles das Richtig und das Falsch. Er nannte es Identität und meinte damit, dass A gleich A ist, also A = A. In anderen Worten: A kann nicht Nicht-A sein. Das mag alles sinnvoll sein, vor allem in der Wissenschaft, denn dort wollen wir überprüfen, ob Hypothesen der Realität standhalten. Logisch ist das schlüssig. Doch wie sieht es ontologisch aus? Ontologie kann als die Lehre vom Sein verstanden werden – oder genauer: von den Möglichkeiten und Bedingungen des Seienden. Nun ließe sich behaupten, der Dualismus habe dort begonnen. Nun ja, vielleicht dort – und an mehreren anderen Orten.

Fast 2000 Jahre später griff René Descartes diesen Dualismus erneut auf. Er unterschied zwischen dem Geist als res cogitans, also etwas Denkendes, und dem Körper als res extensa, etwas Ausgedehntes. Doch er tat noch etwas anderes: Wahrheit befand sich für ihn im Kopf, im Denken, genauer gesagt in klaren und deutlichen Ideen. Falsch wird es dort, wo Sinnesempfindungen und Affekte ins Spiel kommen – und die sitzen nun einmal im Körper. Der Körper wird damit zum Gegenpol des Geistes. Zu etwas Irritierendem. Zu etwas, das täuschen kann. Vielleicht sogar zu etwas Falschem? Man könnte daraus schließen, dass hier eine Entwicklung angestoßen wurde, die wir heute in der Selbstoptimierung wiederfinden: Der Geist entscheidet, was richtig und falsch ist. Wie sich der Körper dabei fühlt, scheint nebensächlich. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Und schließlich gibt es da noch Immanuel Kant. Ihm ging es weniger um das Sein als um das Sollen. Sollen heißt bei Kant: Vernunft, Pflicht und Moral. Und natürlich gibt es hier ein Richtig und ein Falsch. Dies gipfelt im kategorischen Imperativ: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Und was ist, wenn meine Maxime beinhaltet, dass andere Menschen leiden dürfen? Was bedeutet das dann für die Allgemeingültigkeit? Bei Kant begegnet uns diese innere Instanz, dieser innere Richter. Ich nenne ihn einmal den inneren Kritiker. Ein Leben als Moralapostel kann sehr anstrengend sein – nicht nur für einen selbst, sondern auch für die Mitmenschen, denen dieser Apostel täglich auf die Nerven geht. Wo bleiben hier Resonanz und Leiblichkeit? Das war eine rhetorische Frage.

Doch es gab auch andere Denker. Hegel zum Beispiel. Für ihn war der Dualismus selbst das Problem. Er wollte ihn aufheben – zugunsten der Dialektik. Diese dialektische Logik beschreibt, dass es nicht bei einer These und ihrer Antithese bleibt, sondern zu einer Aufhebung kommt. Und diese Aufhebung ist spannend. Sie bedeutet Transformation. Wahrheit ist nun nicht mehr strikt, nicht mehr dual, sondern prozessual. Sie ergibt sich in der Erfahrung. Wahrheit entsteht in der Wirklichkeit, im Erleben – weniger im Denken, weniger im Urteil. Das lässt sich als ein erster Schritt hin zu einem entwickelnden, sich bewegenden Denken verstehen.

Später, an der Universität, wählte ich Soziologie als Nebenfach. Und dort begegnete mir Michel Foucault. Ihn interessierte weniger die Logik von richtig und falsch als die Frage nach Macht. Wer entscheidet eigentlich, was richtig und was falsch ist? Und hier wird es wirklich spannend. Denn wenn wir über Richtig und Falsch sprechen, müssen wir auch darüber sprechen, woher diese Kategorien kommen und welchen Ursprung sie haben. Nicht umsonst gibt es Institutionen, die pathologisch von normal trennen, gesund von krank oder richtig von falsch. Aus foucaultscher Perspektive ist Dualismus etwas Disziplinierendes, etwas Normierendes – und damit eine Einladung zu Selbstoptimierung und Gehorsam zugleich. Vielleicht bin ich genau deshalb so berührt von Zapchen.

Zapchen versteht den Menschen nicht als Denk-Objekt, das bewertet werden muss – oder das selbst bewertet. Denn was geschieht, wenn ich bewerte? Ich trenne. Und mit Trennen meine ich: Ich entferne mich von der unmittelbaren Erfahrung im Hier und Jetzt. Ich setze etwas oben drauf – als würde ich die Erfahrung nicht wirklich reinlassen. Als stünde sie draußen, während ich sie von außen betrachte. Richtig und Falsch greifen hier nicht. Sie beschreiben nicht den Prozess, den ich im Zapchen Somatics erlebe – nicht den Prozess, den ich an diesem Wochenende gespürt habe. Jenseits dieser Dualismen erlebe ich mich als ganz, als mit mir verbunden und als mit anderen verbunden. Ich erlebe Resonanz durch das Summen. Ich erlebe Pulsation durch das Jiggeln. Und ich erlebe vor allem eines: Emotionen dürfen da sein. Wut, Traurigkeit, Angst. Und ich mache die Erfahrung, dass ich sie regulieren kann, wenn ich möchte. Der Körper spricht nicht in richtig oder falsch. Er antwortet. Er reguliert. Er pulsiert.

Denn Wahrheit entsteht im Körper, nicht im Urteil. Die Zapchen-Übungen sind erstaunlich einfach und zugleich unglaublich basal. Sie sprechen den Körper direkt an. Nicht umsonst heißt die Methode „Nachhausekommen“. Genau das fühle ich – wieder einmal. Ein wunderschönes Gefühl. Der entscheidende Punkt ist: Nicht der Kopf, nicht Verstand oder Vernunft entscheiden, sondern der Körper selbst. Er reagiert von allein, sofern er in einen Zustand von Sicherheit eingeladen wird – und damit auch in einen Zustand von Wohlbefinden. Diese beiden stehen nicht hierarchisch zueinander, sondern bedingen sich gegenseitig.

Wenn wir heute von Heilung sprechen, besonders im therapeutischen Kontext, dann findet diese Heilung in der Resonanz statt. Nicht im Urteilen. Nicht in noch so brillanten Erkenntnissen. Bitte nicht falsch verstehen: Erkenntnisse sind wertvoll. Sie sind wie Wege. Aber Wege entstehen im Gehen – in der Erfahrung, in der Erfahrung von Resonanz.

An diesem Wochenende haben wir viel gejiggelt. Jiggeln bringt die Körperflüssigkeiten in Bewegung. Es entsteht Pulsation. Und aus dieser Pulsation kann Resonanz entstehen – in mir und mit anderen. Manchmal entsteht daraus eine Träne. Eine Träne aus Freude, aus Lebendigkeit. Danach ein Nickerchen. Ein Loslassen. Ein Sich-Niederlassen auf den Boden. Ein Sich-Einlassen. Wohlwollend. Wo waren in diesen Momenten die Dualismen? Sie waren einfach nicht mehr da. Stattdessen war Akzeptanz da. Ein Seufzen. Ein Wegdösen. Und ein Aufwachen. Danach war es anders. Ruhiger. Friedlicher. Liebevoller.

Der Fokus verschiebt sich weg von der Frage, ob etwas richtig oder falsch ist, hin zu einem erlaubenden Erleben von Erfahrung. Das Nickerchen war so etwas wie die Krönung dieses Prozesses. Und diese Krönung hat einen Namen: Integration. Integration von einem neuen Erfahrungsraum. Ich weiß nicht, was du jetzt denkst oder fühlst. Für mich blockiert Dualismus oft Resonanz. Richtig und Falsch machen mich – und vielleicht auch den anderen – zum Objekt. Reife beginnt dort, wo sich Urteil in Wahrnehmung verwandelt, wo das Entweder-oder dem Sowohl-als-auch weicht und wo Beziehung wichtiger wird als Bewertung.

Bilder: