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Wie’s sich anfühlt – ein Nachmittag auf der Wiese

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Manchmal tut es gut, einfach liegen zu bleiben – auf einer Wiese, im eigenen Zimmer oder mitten im inneren Chaos. In einem stillen Moment zwischen Schulstress, Liebeskummer und dem Gefühl, überall gleichzeitig sein zu müssen, entdecken zwei Jugendliche etwas Unerwartetes: ihren eigenen Körper als Kompass. In diesem Gespräch zwischen Lisa und Tim geht es nicht um Lösungen, sondern ums Spüren. Darum, wie sich Angst, Enge oder auch Nähe im Körper zeigen – und wie achtsames Wahrnehmen zu einem echten Anker werden kann. Eine kleine Geschichte über Embodiment, Freundschaft und den Mut, sich selbst wieder zu fühlen.

Szene: Ein sonniger Nachmittag. Tim und Lisa liegen auf einer leicht schrägen Wiese hinter der Schule. Der Unterricht ist aus. Sie schauen in den Himmel, auf ein paar ziehende Wolken. Ihre Rucksäcke liegen achtlos im Gras, ein Apfel halb gegessen.

Lisa: (leise) Boah, mein Bauch zieht schon wieder. Immer wenn ich an die Matheklausur denke. Ich könnte kotzen.

Tim: Kenn ich. Ich träum schon wieder von diesen Prüfungsräumen, du weißt schon, diese mit Neonlicht und dem Ticken der Uhr … als würde alles in mir enger werden.

Lisa: Wie so ein Knoten, oder? Ich hab das richtig körperlich. Als würde sich mein Brustkorb zusammenziehen. Aber komisch: Ich merk das erst, wenn ich mal still liege. Wie jetzt.

Tim: Ja, krass. Wenn man’s nicht wegdrückt, sondern einfach liegen bleibt, kommt da so was wie ... ein Echo aus dem eigenen Inneren. Hast du das auch?

Lisa: Ja. Voll. Ich glaub, wir spüren das sonst nicht, weil wir dauernd am Rennen sind. WhatsApp, Insta, Spotify, Hausaufgaben, Drama, alles gleichzeitig. Ich hab manchmal das Gefühl, ich hab gar keinen Platz in mir für mich selbst.

Tim: Wie so ein besetzter Raum. Manchmal fühl ich mich wie 'n Zuschauer in meinem eigenen Leben. Und dann kommt FOMO, als würd ich überall dabei sein müssen, weil ich innen nix fühl.

Lisa: Und dann ist da noch Ben. Seit er mit dieser Jana rumhängt, ist mein Herz so … schwer. Ich tu zwar cool, aber in echt spür ich richtig, wie sich mein Magen zusammenzieht, als hätte ich Steine geschluckt.

Tim: Krass. Ich kenn das. Mein Ex hat sich auch einfach aus dem Staub gemacht. Ich dachte, ich bin cool damit – aber wenn ich ehrlich bin: Ich atme seitdem flach. Richtig flach. Als würd ich mich selbst klein machen. Nur fällt’s mir meist erst auf, wenn ich so dalieg wie jetzt.

Lisa: Vielleicht ist genau das das Ding. Sich selbst wieder spüren. Ich mein: Ich hab neulich was gelesen – über Körperwahrnehmung. Dass man lernen kann, wieder von innen mitzubekommen, was mit einem los ist. Nicht im Kopf, sondern ... so echt, im Körper.

Tim: Du meinst wie so 'ne Art inneres Radar?

Lisa: Ja genau. Wenn ich zum Beispiel diesen Kloß in der Brust wahrnehme, ohne gleich was damit zu machen … dann verändert sich was. Einfach nur hinschauen, wie er sich anfühlt, ob er eng ist, warm oder kalt, ob er wandert.

Tim: Ich hab das mal mit meinem Atem probiert. Ich lag im Bett und hab nur gespürt, wie der Atem kommt und geht. Erst war’s wie durch ein Nadelöhr. Dann irgendwann, ganz langsam, ist er tiefer geworden. Plötzlich war da auch ein Impuls … ich wollte plötzlich schreien. Aber ich hab nur geseufzt. 

Lisa: Ja! Und manchmal … reicht genau das. Einfach mal seufzen. Oder die Schultern lockern. Oder wahrnehmen: „Ich hab Angst.“ Nicht gleich mutig sein müssen.

Tim: Ich frag mich: Warum lernen wir sowas nicht in der Schule? Stattdessen pauken wir die Binomischen Formeln, aber niemand zeigt uns, wie man mit sich selbst klarkommt.

Lisa: Vielleicht sollten wir unsere eigene Schule aufmachen. Fach: „Selbstspüren 101“. Erste Stunde: „Wo in deinem Körper fühlst du, was gerade los ist?“

Tim: Zweite Stunde: „Wie atmet dein Körper, wenn du dich sicher fühlst?“; Dritte Stunde: „Was brauchst du jetzt – wirklich?“

Lisa: Das wär was. Ich glaub, das ist keine Esoterik. Das ist pure Überlebenskunst. Ich mein, wenn ich weiß, wie sich Angst in mir anfühlt, kann ich auch anders mit ihr umgehen.

Tim: Statt Panik zu kriegen, weil sie da ist, könnte ich sagen: „Ah, da ist sie wieder. Hallo Angst.“ Und dann mal schauen: Wie fühlt sie sich diesmal an? Wo sitzt sie? Was braucht sie?

Lisa: Und das gilt ja auch für schöne Sachen. Wenn ich mich zum Beispiel verbunden fühle – wie jetzt mit dir hier – dann wird’s in mir weich. Mein Atem wird runder. Ich merke das nicht im Kopf. Ich merk’s … hier. (Sie legt ihre Hand auf den Bauch.)

Tim: Ich auch. Und weißt du was? Vielleicht ist genau das unser Anker. Nicht, dass alles perfekt ist. Sondern dass wir merken, wenn’s zu viel wird. Und dann bewusst atmen. Spüren. Und uns gegenseitig daran erinnern.

Lisa: Genau. Spüren statt scrollen. Atmen statt bewerten. Einfach da sein. So wie jetzt.(Eine Weile sagen beide nichts. Die Wolken ziehen weiter. Es ist still. Friedlich.)

Schlussgedanke

Dieser Dialog zeigt, wie Achtsamkeit und Körperwahrnehmung in alltagsnahen Gesprächen Eingang finden können. Nicht als Technik, sondern als Haltung. Lisa und Tim geben ein Beispiel dafür, wie Jugendliche sich gegenseitig in ihrer Selbstanbindung unterstützen und embodimentbasiertes Wissen lebendig verkörpern.

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