Menschsein. Es hat viel mit den Körper zu tun, auch mit dem Kopf. Aber, ich denke, ein Verstehen kann auch zwischen den Körpern entstehen. Wenn wir über das Denken sprechen oder an soziale Intelligenz denken, denken wir meistens an das Gehirn. Genauer gesagt, denken wir eventuell an mentale Prozesse, Analysen, Einsichten, Vorstellungen etc. Lass uns mal anders anfangen. Mit einer Frage. Was wäre, wenn soziale Kognition, also unser Verstehen von uns selbst und anderen, gar nicht primär im Kopf stattfindet, sondern im Körper?
Die Kognitionswissenschaftlerin Jessica Lindblom (2020) formuliert in ihrem Artikel eine kraftvolle These: Der Körper ist soziale Kognition. Er ermöglicht sie nicht nur. Er bringt sie hervor.
In meiner Arbeit mit Menschen, sei es über Bewegung (Feldenkrais), Atem (z.B. kohärentes Atmen), Berührung (Polyvagal), Wahrnehmung oder somatische Präsenz, erlebe ich genau das. Der Körper denkt. Der Körper versteht. Der Körper verbindet.
Wahrnehmen ist Handeln – nicht Beobachten
Wir nehmen die Welt nicht passiv wahr, wie eine Kamera ein Bild aufnimmt. Wahrnehmung ist ein Tun. Wir tasten mit dem Blick, wir lauschen mit einer Haltung, wir nehmen Kontakt mit der Welt auf. Das enaktive Verständnis besagt folgendes. Wir bringen die Welt im Tun hervor. Wenn wir etwas ansehen, bewegen wir Kopf, Augen, Atem. Wenn wir jemandem zuhören, lehnen wir uns vor, öffnen Brustraum, geben Präsenz. Wenn wir Angst haben, zieht sich der Körper zurück und die Welt wird klein. Wahrnehmung und Handlung sind untrennbar. Und dadurch entsteht etwas Entscheidendes.
Soziale Beziehung findet zwischen den Körpern statt
Wir verstehen andere Menschen nicht, indem wir im Kopf Modelle oder Theorien über sie bilden. Wir verstehen andere, weil unsere Körper miteinander arbeiten. Das tun sie durch Rhythmus, durch Resonanz, durch Spannung und Lösung, durch kleine Bewegungen, durch Atem, durch Mikrogesten und vor allem auch durch gegenseitige Regulation. Dort, zwischen uns, entsteht soziale Intelligenz.
Das ist Intersubjektivität und zwar nicht als Konzept, sondern als Feld. Es ist der Moment, in dem du spürst, dass jemand bei dir ist. Der Moment, in dem Blickkontakt Wärme erzeugt. Der Moment, in dem ein Atemzug die Atmosphäre im Raum verändert.
Embodiment als Schlüssel zu Verbundenheit
Wenn wir den Körper einbeziehen, wird er fühlbarer. Das Denken wird klarer. Der Kontakt wird echter. Die Beziehung wird weicher. Und dadurch kann Sicherheit entstehen. Das Nervensystem reguliert sich nicht nur über Worte. Es reguliert sich über Körper lesen, Körper spüren, Körper antworten. Das entspricht auch der Polyvagal-Theorie. Unsere Fähigkeit zur Verbindung hängt nicht davon ab, was wir denken, sondern aus welchem körperlichen Zustand heraus wir denken.
Was heißt das für persönliche Entwicklung?
Wenn wir den Körper einladen, passiert etwas Wesentliches. Wir spüren Grenzen klarer. Bedürfnisse werden deutlicher. Das macht etwas. Der Kontakt zu uns und anderen wird lebendiger. Alte stressbesetzte Muster beginnen sich zu lösen. Sicherheit entsteht nicht im Kopf, sondern im Körper. Der Körper ist nicht die Hülle des Denkens. Er ist der Raum, in dem Denken, Fühlen und Beziehung überhaupt erst möglich werden.
Wir denken nicht über die Welt. Wir denken mit der Welt
Lindbloms Arbeit zeigt, dass soziale Kognition nie isoliert geschieht. Nie alleine. Nie „im Kopf“. Sie entsteht in Bewegung, in Kontakt, im Atem, in Resonanz. Oder anders gesagt: Wir werden Menschen durch andere Menschen. Und diese Mensch-Werdung ist verkörpert.
Literatur:
- Lindblom J. (2020). A Radical Reassessment of the Body in Social Cognition. Frontiers in psychology, 11, 987. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.00987
Bilder:
- Foto von azad pirayandeh auf Unsplash

