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Wer heilt, hat Recht. Oder doch nicht?

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In diesem Artikel möchte ich über Heilung, Kausalität und die Geschichten, die wir uns darüber erzählen, schreiben. „Wer heilt, hat Recht.“ Ich habe diesen Satz schon so oft gehört. Von den unterschiedlichsten Menschen, innerhalb der Gesundheitsbranche genauso wie außerhalb. Und irgendwie hat er mich schon immer aufgestoßen. Ich sagte ihn manchmal sogar selbst. Aus Wut oder aus Ohnmacht, oder aus beiden zusammen. Der Satz hat etwas Verführerisches. Er reduziert erheblich. Was genau? Die Komplexität. Grundsätzlich sagt er ja etwas ganz Einfaches. Ein Mensch leidet. Er geht zu einem anderen Menschen – nennen wir ihn einmal Provider – und möchte etwas. Eine Linderung seines Leidens, eine Verringerung seiner Schmerzen, vielleicht Heilung. Und manchmal funktioniert das erstaunlich gut. Vielleicht sogar nach einer einzigen Behandlung. Aber genau hier beginnt mein Unbehagen. Denn nur weil nach einer Behandlung eine Verbesserung oder sogar eine Heilung eintritt, heißt das noch lange nicht, dass diese Behandlung allein dafür verantwortlich war. Das wäre ein ziemlich klassischer Kausalschluss. Es ist danach passiert, also ist es deswegen passiert. Aber so einfach ist der menschliche Körper nicht.

Vielleicht haben vorher schon andere Behandlungen stattgefunden. Vielleicht hat sich die Symptomatik ohnehin verändert. Vielleicht hat der Körper selbst einen Prozess eingeleitet. Vielleicht war die Behandlung tatsächlich entscheidend. Vielleicht war sie ein Faktor unter vielen. Vielleicht war es die Beziehung. Vielleicht die Aufmerksamkeit. Vielleicht die Erwartung. Vielleicht der richtige Zeitpunkt. Und vielleicht wissen wir es schlicht nicht. Das ist schwer auszuhalten. Menschen mögen Ursache und Wirkung. Wir mögen Geschichten, in denen etwas passiert, weil jemand etwas getan hat. Problem – Intervention – Lösung. Krankheit – Behandlung – Heilung. Das gibt uns Orientierung. Und genau hier wird es interessant.

George Lakoff und Mark Johnson (1980) haben gezeigt, dass Metaphern nicht bloß schmückende Bilder unserer Sprache sind. Sie strukturieren vielmehr, wie wir denken, wahrnehmen und handeln. Unser alltägliches Denken ist zu einem großen Teil metaphorisch organisiert. Eine solche metaphorische Struktur kann uns helfen, einen Ausschnitt der Wirklichkeit zu verstehen. Aber sie hat einen Preis. Indem sie etwas hervorhebt, lässt sie anderes leichter verschwinden. Lakoff und Johnson nennen genau dieses Prinzip „highlighting and hiding“. Vielleicht passiert genau das bei unserem Satz, “Wer heilt, hat Recht”. Er hebt den Heiler hervor. Und er lässt vieles andere verschwinden. Die Zeit. Die Vorgeschichte. Andere Interventionen. Die Beziehung. Die Aufmerksamkeit. Die Erwartungen des Menschen. Die natürlichen Schwankungen von Beschwerden. Und den Körper selbst. Aus einem komplexen Geschehen wird eine einfache Geschichte. Da ist ein kranker Mensch. Dann kommt ein Heiler. Der Heiler tut etwas. Danach geht es dem Menschen besser. Und schon haben wir einen Helden, den Heiler. Das Problem ist nicht, dass diese Geschichte immer falsch wäre. Das Problem ist, dass sie möglicherweise zu klein für die Wirklichkeit ist. Denn wir verwechseln dabei leicht drei verschiedene Dinge: (1) Etwas geschieht nach einer Intervention. (2) Etwas geschieht in Zusammenhang mit einer Intervention. (3) Etwas geschieht aufgrund dieser Intervention. Das sind drei unterschiedliche Aussagen. Und auch unsere Sprache macht es uns nicht unbedingt leichter. Lakoff und Johnson beschreiben, wie wir abstrakte Erfahrungen häufig als Dinge oder abgegrenzte Einheiten behandeln. Solche ontologischen Metaphern ermöglichen es uns, über komplexe Vorgänge zu sprechen, als wären sie eigenständige Objekte. Schau dir einmal an, wie wir über Heilung sprechen: „Die Behandlung hat Heilung gebracht“, „Er hat Heilung erfahren“, „Diese Methode heilt“, „Der Therapeut hat ihn geheilt“. Heilung erscheint plötzlich wie ein Ding. Etwas, das jemand besitzen, erzeugen oder übertragen kann. Der Heiler hat die Heilung. Der Patient bekommt sie. Die Methode liefert sie. Aber vielleicht ist Heilung gar kein Ding. Vielleicht ist sie ein Prozess. Ein Geschehen. Eine Veränderung in einem komplexen System. Dann wäre der Therapeut nicht mehr unbedingt die Ursache der Heilung, sondern ein Teil der Bedingungen, unter denen Heilung geschehen konnte. Das macht seine Arbeit nicht kleiner. Im Gegenteil. Ein guter Therapeut kann etwas Entscheidendes beitragen: Aufmerksamkeit, Sicherheit, Beziehung, Berührung, Bewegung, Wissen, Orientierung oder eine konkrete Intervention. Manchmal ist vielleicht genau das der entscheidende Impuls. Aber daraus folgt nicht automatisch: „Ich habe diesen Menschen geheilt.“ Vielleicht wäre eine andere Formulierung ehrlicher: „Ich war Teil eines Geschehens, in dem Heilung möglich wurde.“ Das ist weniger spektakulär. Aber vielleicht näher an der Wirklichkeit.

Und genau hier wird es auch bei selbsternannten Heilern schwierig. Wenn jemand einen Menschen behandelt und dieser Mensch danach gesund wird, kann das ein wunderbares Ereignis sein. Vielleicht war die Behandlung tatsächlich hilfreich. Vielleicht sogar entscheidend. Aber daraus folgt noch nicht, dass die Methode bei allen Menschen funktioniert. Und noch weniger folgt daraus, dass der Behandler die Heilung verursacht hat. Es kann ein glückliches Zusammentreffen gewesen sein. Der richtige Mensch. Der richtige Zeitpunkt. Die richtige Intervention. Die richtige Erwartung. Ein Körper, der ohnehin gerade dabei war, sich zu verändern. Vielleicht war es eine Kombination aus all dem. Das Ergebnis darf trotzdem wunderbar sein. Nur die Erklärung sollte kleiner bleiben als das Ergebnis. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir Demut brauchen. Denn „Wer heilt, hat Recht“ klingt zunächst wie ein Plädoyer für Erfahrung. In Wirklichkeit kann der Satz aber etwas anderes tun. Er kann die Komplexität des Geschehens nachträglich unsichtbar machen. Aus einem „Es ist besser geworden“ wird ein „Ich habe es besser gemacht.“ Aus einem „Vielleicht war ich beteiligt“ wird ein „Ich war die Ursache.“ Und aus einem einzelnen Menschen wird ein Beweis für eine Methode.

Vielleicht liegt darin aber noch ein anderes Problem, das über die Frage der Kausalität hinausgeht. Emmanuel Levinas (1969) hat mit seiner Philosophie der Alterität einen Gedanken formuliert, der hier interessant wird. Der andere Mensch geht niemals vollständig in dem auf, was ich über ihn weiß. Ich kann ihn beschreiben, untersuchen, diagnostizieren und behandeln. Ich kann Symptome benennen, Zusammenhänge erkennen und Hypothesen über seine Beschwerden bilden. Aber der Mensch selbst ist niemals vollständig in diesen Beschreibungen enthalten. Levinas nennt die Begegnung mit diesem Anderen das Antlitz. Mit Antlitz meint er nicht einfach das Gesicht als sichtbare Oberfläche, sondern die Weise, in der mir ein anderer Mensch begegnet, ohne sich vollständig in ein Bild, eine Kategorie oder eine Erklärung verwandeln zu lassen. Das Gesicht entzieht sich meiner Verfügung. Es überschreitet das Bild, das ich mir von ihm mache. Gerade darin liegt für Levinas die ethische Dimension der Begegnung. Der Andere ist nicht zuerst ein Gegenstand meines Wissens, sondern jemand, dem gegenüber ich in Verantwortung stehe. Übertragen auf die Gesundheitsarbeit bedeutet das etwas Entscheidendes. Der Mensch, der vor mir sitzt, ist nicht zuerst mein Patient. Er ist nicht sein Symptom, nicht seine Diagnose, nicht sein Nervensystem und auch nicht der Beleg dafür, dass meine Methode funktioniert. All das kann etwas über ihn aussagen. Aber nichts davon ist er vollständig. Vielleicht liegt genau hier eine Grenze des Bildes vom Heiler. Denn sobald ich glaube, einen Menschen geheilt zu haben, besteht die Gefahr, dass ich ihn zugleich in meine Geschichte über seine Heilung einordne. Ich werde zum Handelnden, er zum Empfänger. Ich kenne die Ursache, er erhält das Ergebnis. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich vom Menschen auf meine Intervention. Levinas würde diese Bewegung vermutlich nicht als bloßes Erkenntnisproblem beschreiben, sondern als ethisches. Der Andere darf nicht vollständig in meinem Wissen über ihn aufgehen. Seine Andersheit muss erhalten bleiben. In diesem Sinne ist der Mensch auch in der Gesundheitsarbeit immer mehr als der Fall, den ich verstehe. Vielleicht ist deshalb auch die Demut des Heilers nicht nur eine wissenschaftliche Tugend. Sie ist eine ethische. Ich kann etwas wissen über den Menschen, ohne zu glauben, ihn zu kennen. Ich kann eine Intervention anbieten, ohne zu behaupten, seine Heilung verursacht zu haben. Ich kann helfen, ohne mich selbst zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen. Vielleicht wäre dann auch eine andere Formulierung möglich: Ich heile diesen Menschen nicht. Ich begegne ihm. Ich höre zu. Ich biete etwas an. Ich begleite einen Prozess, dessen Verlauf ich nicht vollständig kontrollieren kann. Und vielleicht besteht gerade darin eine besondere Form von Professionalität, nämlich nicht weniger zu wissen, sondern zu wissen, dass mein Wissen den Menschen niemals vollständig umfasst.

Vielleicht sollten wir deshalb einen anderen Satz ausprobieren: Wer heilt, hat nicht automatisch Recht. Vielleicht hat er etwas beigetragen. Vielleicht war seine Intervention hilfreich. Vielleicht war sie sogar entscheidend. Aber zwischen Heilung und Erklärung der Heilung liegt ein Unterschied. Und vielleicht beginnt genau dort eine Haltung, die ich für Gesundheit viel wichtiger finde als den Anspruch, immer Recht zu haben: Neugier.

Vielleicht lässt sich diese Haltung mit einem Begriff von Shunryu Suzuki (1983) beschreiben: Beginner’s Mind – der Geist des Anfängers. Für Suzuki liegt darin eine besondere Offenheit. Der Anfänger weiß noch nicht genau, wie etwas ist, und gerade deshalb bleiben viele Möglichkeiten offen. Der Experte hingegen läuft Gefahr, nur noch das zu sehen, was er bereits zu wissen glaubt. „In the beginner’s mind there are many possibilities; in the expert’s mind there are few“, schreibt Suzuki. Vielleicht brauchen wir genau diese Haltung auch in der Gesundheitsarbeit. Nicht sofort entscheiden zu müssen. Das war es. Das hat geheilt. Das ist die Methode. Sondern noch einmal hinschauen. Was ist hier eigentlich geschehen? Was habe ich übersehen? Was könnte noch beteiligt gewesen sein? Neugier bedeutet dann nicht, möglichst schnell eine neue Erklärung zu finden. Sie bedeutet, die Möglichkeit auszuhalten, dass wir noch nicht wissen, was geschehen ist. Denn vielleicht ist Heilung nicht etwas, das jemand macht. Vielleicht ist Heilung etwas, das geschieht. Und wir können manchmal das Glück haben, daran beteiligt zu sein.

Bei Interesse kannst du gerne hier reinlesen:

Literatur:

  • Lakoff, George & Johnson, Mark (1980). Metaphors we live by. Chicago: University of Chicago Press
  • Levinas, Emmanuel (1969). Totality and infinity: An essay on exteriority. Duquesne University Press.
  • Suzuki, Shunryu (1983). Zen Mind, Beginner´s Mind. Informal Talks on Zen Meditation and Practice. New York: Weatherhill 

Bilder: