Was, wenn jede Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, nicht im Kopf beginnt, sondern im Körper? Was, wenn Narration weniger eine Entscheidung ist, sondern eine Form der Verkörperung, eine Art, wie unser Nervensystem den inneren Zustand sichtbarer macht? Die Polyvagal-Theorie beschreibt dies mit einem prägnanten Satz: “Story follows state.” Unsere Geschichten entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie folgen dem Zustand unseres autonomen Nervensystems. Erst fühlen wir, dann erzählen wir. Erst regulieren oder kämpfen wir und erst dann formen wir die Bedeutung dessen, was wir erlebt haben. An diesem Punkt wird es spannend, Susanne Langer ins Gespräch zu holen. Ich hatte das erste Mal Berührungspunkte mit Susanne Langer während meiner Feldenkrais Ausbildung in Seattle. Seitdem muss ich zugeben, dass ich begeistert von ihrer Philosophie bin.
Gefühl wird Form und jede Form ist Bedeutung
Die amerikanische Philosophin Susanne Langer (1942) schrieb, “Art is the objectification of feeling.” Gefühl wird Form, Gefühl wird Gestalt. Für Langer ist jedes Symbol, sei es ein Bild, ein Tanz, ein Satz, ein Ausdruck dessen, was wir innerlich erfahren, aber nicht direkt sagen können. Kunst stellt Gefühl in eine symbolische Ordnung, damit wir es überhaupt denken können. Übertragen auf Narration heißt das eventuell folgendes. Auch unsere Geschichten sind symbolische Formen. Sie sind Versuche, das, was in uns wirkt, wahrnehmbar zu machen. Langer unterscheidet hier noch weiter. Ein Signal lenkt unsere Aufmerksamkeit. Ein Symbol lässt uns eine Idee begreifen. Narration ist ein symbolisches Geschehen. Wir gestalten Bedeutungen, die über das unmittelbar Erlebbare hinausweisen. Mit der Polyvagal-Theorie könnte man hier folgendes ergänzen. Bevor wir symbolisieren, reagiert unser Körper. Er fasst das Gefühl, die Erregung in Sicherheit oder Unsicherheit zusammen. Die Geschichte folgt erst danach. Narration ist also nicht nur ein mentaler Akt. Sie ist eine Verkörperung von State in Form. Und das erinnert mich wieder an Susanne Langer.
Wenn jeder State seine eigene Story erzeugt
Ein reguliertes Nervensystem erschafft andere Geschichten als ein dysreguliertes Nervensystem. Das kennt jeder. Du auch!!! Im Zustand von Sicherheit klingt die Welt sinnvoll und wir finden uns wohl mit der noch ungeschriebenen Zukunft. Im Zustand von Angst oder sozialem Rückzug werden die inneren Erzählungen eng, bedrohlich, isoliert. Im Kampf-Modus erzählen wir uns heldenhafte, trotzige oder aggressive Geschichten. Wir glauben oft, diese Story sei objektiv wahr, doch Langer erinnert uns daran, dass Symbole Interpretationen sind, keine Tatsachenberichte. Philosophische Fragen betreffen die Interrelationen von Ideen; ihre Antworten sind Interpretationen statt faktischer Berichte. Die Geschichten, die wir über uns selbst konstruieren, sind keine reinen Berichte der Realität. Sie sind Interpretationen unserer States, eingebettet in ein Netzwerk von Bedeutungen. Oder ganz anders gesagt. Jede Geschichte ist ein Moment philosophischer Tätigkeit. Jede Geschichte ist ein Versuch, das Erlebte verstehbar zu machen.
Die menschliche Besonderheit: Wir wissen um unsere Sterblichkeit
Langer schreibt einen entscheidenden Gedanken. Nur ein Wesen, das symbolisch denken kann, kann die eigene Sterblichkeit begreifen. Unsere Fähigkeit zu symbolisieren, also zu erzählen, entsteht aus einer zutiefst menschlichen Erfahrung, nämlich dem Wissen, dass das Leben endlich ist. Dieses Wissen begleitet jeden Akt von Bedeutungsschaffung. Narration ist also nicht nur ein psychologisches Werkzeug. Sie ist ein existentielles Werkzeug. Dieses Werkzeug erlaubt uns, das Leben zu ordnen, dem Vergänglichen Form zu geben und inmitten von Unsicherheit Orientierung zu finden. Und hier stößt ihr Gedanke direkt auf die Polyvagal-Theorie. Ein Körper in Sicherheit kann Sterblichkeit annehmen. Ein Körper im Überlebensmodus kann sie nur abwehren. Unsere metaphysischen Weiten schrumpfen oder öffnen sich je nachdem, wie frei unser Nervensystem atmen kann.
Narration als Übergang von State zu Symbol
Wenn „story follows state“ stimmt und wenn, wie Langer sagt, Symbole Formen sind, durch die Gefühl sich ausdrückt, dann bewegt sich Narration zwischen zwei Welten: Die körperliche, vorsprachliche Welt der Empfindung und die symbolische, formgebende Welt der Bedeutung. In diesem Zwischenraum geschieht das eigentlich Menschliche. Die Transformation! Der Körper liefert das Rohmaterial, im Sinne von Spannung, Atem, Rhythmus, Sicherheit oder Bedrohung. Die Symbolfähigkeit verwandelt dieses Rohmaterial in Geschichte, Kunst, Philosophie, oder diesen Blogartikel. Narration wird damit zu einem somatisch-philosophischen Ereignis.
Was heißt das für uns, für unsere Entwicklung?
Wenn Geschichten sprachliche Ausdrucksformen unseres autonomen Nervensystems sind, dann bedeutet das mehrere Dinge. Narration ist niemals nur kognitiv. Sie ist verkörpert, zellulär, rhythmisch. Es gibt keine falschen Geschichten. Es gibt nur Geschichten, deren State unbemerkt bleibt. Heilung geschieht nicht über Storytelling allein, sondern über Veränderungen des States, die neue Geschichten überhaupt erst möglich machen. Das deckt sich mit vielen körperorientierten und künstlerischen Ansätzen. Erst wenn sich etwas in der Physiologie löst, entsteht Raum für neue Bedeutung. Susanne Langer würde vielleicht sagen. Neue Symbole brauchen neue Formen, und neue Formen brauchen neue Empfindungen. Und polyvagal betrachtet. Neue Empfindungen brauchen Sicherheit.
Neue Fragen, neue Welt
Wenn wir neues Wissen wollen, brauchen wir eine ganze Welt neuer Fragen, so Langer. Vielleicht lautet eine dieser neuen Fragen heute: Was erzählt mein Körper und wie wird daraus Bedeutung? Eine weitere könnte sein: Welche Geschichten würden entstehen, wenn mein Nervensystem sich sicher genug fühlte, andere Formen zuzulassen? Narration wird dann zu einer Praxis der Bewusstheit, der Verkörperung und der existentiellen Neugier. Ein Zusammenspiel aus Philosophie und Physiologie, aus Symbolkraft und somatischer Wahrheit.
Abschließend
Vielleicht ist Narration genau dort am kraftvollsten, wo Langers Philosophie und die Polyvagal-Theorie einander berühren. Gefühl sucht Form. Der Körper ist die erste Bühne. Sicherheit ist der Boden, auf dem Bedeutung wachsen kann. Und jede Geschichte, die entsteht, ist ein Versuch, das Leben tiefer zu verstehen, von innen nach außen, vom State zum Symbol, vom Gefühl zur Welt.
Literatur:
- Langer, S. K. (1942). Philosophy in a new key: A study in the symbolism of reason, rite, and art. Harvard University Press.
Bilder:
- Foto von Angel Balashev auf Unsplash

