Genau das meine ich damit. Wenn du morgen aufstehst, wenn du abends schlafen gehst, was erzählst du dir dann? Was wäre, wenn die Geschichte, die du dir jeden Morgen und jeden Abend, dein Leben lang, über dich erzählt hast, gar nicht die ist, die dich wirklich trägt? Was wäre, wenn das Problem nicht deine Vergangenheit ist, sondern die Art und Weise, wie du sie erzählst? Viele Menschen tragen Narrative in sich, die sie nie selbst gewählt haben. Ich spreche hier aus eigener Erfahrung. Narrative aus frühen Verletzungen, stille Entwertungen, Scham, Verlust, Brüche. Oft werden diese Erlebnisse unbewusst zu einem inneren Drehbuch, das uns dann etwas einflüstert. So entstehen Glaubenssätze wie, “ich kann das nicht”, “ich bin nicht genug”, “das Leben ist einfach Scheiße”, etc.
Ich kenne das. Manche nennen es Lebensgeschichten. Das hört sich so statisch an. So umveränderbar. Doch das ist es nicht. Es ist ein Narrativ. Und Narrative sind veränderbar. Das sind sie wirklich. Und genau deswegen, weil diese Narrative veränderbar sind, schauen wir uns mal eine Studie dazu an. Na ja, vielleicht nicht gerade deswegen, aber sinnvoll könnte es schon sein…
Die Studie
Die Psychologen Jonathan Adler und sein Team (2015) wollten wissen, ob die Art und Weise, wie wir unsere Lebensgeschichte erzählen, einen langfristigen Einfluss auf unsere mentale Gesundheit hat? Um das herauszufinden, analysierten sie in zwei großen Langzeitstudien mehrere hundert Lebensgeschichten. Da waren konkrete Episoden wie Hochpunkte, Tiefpunkte, Wendepunkte oder gesundheitliche Krisen. Anschließend verfolgten sie dieselben Menschen über mehrere Jahre und maßen regelmäßig ihre psychische und körperliche Gesundheit.
Sie suchten in den Erzählungen nach vier wiederkehrenden Themen:
- Agency – Erlebe ich mich als handlungsfähig oder ausgeliefert?
- Communion – Bin ich verbunden mit anderen oder isoliert?
- Redemption – Wird etwas Negatives am Ende zu etwas Gutem?
- Contamination – Wird etwas Positives am Ende durch Negatives verdorben?
Diese vier Motive gelten als Grundbausteine menschlicher Narration und sie prägen, wie wir unser Leben sehen.
Was die Studie herausgefunden hat
Die Ergebnisse sind bemerkenswert klar. Fassen wir mal wirklich kurz zusammen. Der erste Punkt beschreibt das Gefühl der subjektiven Urheberschaft oder Handlungskontrolle, also das Empfinden, selbst der Urheber der eigenen Handlungen zu sein und diese Handlungen sowie deren Konsequenzen in der Welt steuern zu können. Menschen, die ihre Geschichte agentischer erzählen, behalten oder verbessern ihre psychische Gesundheit über Jahre hinweg. Und hier kommt der eigentliche wichtige Punkt!!! Selbst wenn objektiv schwierige Umstände vorlagen, eine schwere Krankheit, ein Verlust, oder eine sehr schwere Kindheit, ging es denjenigen langfristig besser, die sich selbst im Leben als handelnd, gestaltend oder zumindest lernend beschrieben.
Narrative, die ein Redemption-Muster enthalten, unterstützen psychische Gesundheit. Das ist so etwas ähnliches wie eine Erlösung. Eine Erfahrung beginnt dunkel, endet aber mit einem Sinn, einer Einsicht oder einem Wachstum. Das muss kein Hollywood-Happy-End sein. Es reicht, wenn du dir sagst, das es hart war. Wenn du es wirklich verstanden hast, kognitiv, emotional, somatisch, dann wirkt es. Davon rede ich immerzu. Die in der Studie auch.
Achtung, jetzt wird es gefährlich. Contamination-Geschichten sind ein Risiko für die Psyche. Wenn Menschen erzählen, wie etwas Gutes verdorben wurde, z.B. ein glückliches Ereignis, das ins Negative kippt, dann geht ihre mentale Gesundheit in den folgenden Jahren tendenziell nach unten. Also, bitte frage dich mal, ob du dich eventuell in deiner Negativ-Geschichte suhlst. Wirklich, frage dich dies mal. Ich weiß, die Frage tut unglaublich weh, aber sie kann dir einen anderen Weg aufzeigen.
Besonders stark wirken diese Muster bei negativ gefärbten Erlebnissen. Adler et al. fanden, dass wie wir über unsere schweren Kapitel sprechen, seien es Gesundheitseinbrüche, Verluste, Brüche, sagt mehr über unsere zukünftige psychische Gesundheit aus als jede andere Art Geschichte. Ich möchte noch mal betonen. Contamination against purification. Purification (im Deutschen bedeutet das Reinigung) schlägt contamination (Verunreinigung) um Weiten!!!
Körperliche Gesundheit beeinflusst diese Effekte kaum. Objektive Diagnosen oder körperliche Beschwerden spielten eine erstaunlich geringe Rolle. Entscheidend war nicht, was Menschen erlebt hatten, sondern wie sie es erzählten. Mit anderen Worten, Narration ist kein Kommentar über das Leben, sie ist ein psychologischer Wirkfaktor.
Was bedeutet das für dich?
Und, können wir Narrative wirklich verändern??? Ja und das ist der faszinierendste Teil. Narrative Identität ist ein Prozess. Sie ist nicht festgeschrieben. Und Adler et al. zeigen eindrucksvoll, dass wenn du beginnst, deine Geschichte anders zu erzählen, beginnt sich dein Leben anders zu entfalten. Das heißt nicht, Erlebnisse schönzureden oder Trauma zu relativieren, sondern zu lernen, wie du bedeutungsvoll erzählst. Damit meinen die nicht verzerrt, sondern bewusst. Ich gebe dir mal ein paar Beispiele:
- Von „Ich war ausgeliefert“ zu „Ich habe überlebt“ (Agency). Das Ereignis bleibt dasselbe. Aber die Bedeutung ändert sich und damit dein inneres Selbstbild.
- Von „Es hat mich zerstört“ zu „Es hat mich verwandelt“ (Redemption). Nicht durch Magie, oder irgendwelche Heilrituale über Nacht, sondern durch Reflexion. Durch das Finden eines inneren Fadens, der vom Anfang zum Ende führt.
- Von „Ich war allein“ zu „Ich habe Unterstützung gesucht“ (Communion). Der Fokus verschiebt sich vom Mangel zur Fähigkeit, Bindung aufzubauen.
- Von „Es wurde alles schlimmer“ zu „Es wurde schwer und ich fand Wege damit zu leben“ (keine Contamination). Das Negative bleibt benannt, aber es verschlingt nicht mehr das Ganze.
Diese kleinen narrativen Verschiebungen haben, laut Adler et al., langfristige Effekte auf mentale Gesundheit, selbst über viele Jahre hinweg.
Fusion mit deinen ursprünglichen Gedanken
Dein eigenes Leben zurückzuerobern, indem du dein Narrativ bewusst angehst. Die Forschung zeigt, dass dies nicht nur eine poetische Metapher ist, sondern ein messbarer Prozess psychischer Gesundheit. Du kannst verborgene Skripte erkennen (z. B. „Ich bin nicht genug“). Du kannst destruktive Muster und alte Kapitel umschreiben. Du kannst neue Bedeutungen finden, die dich nicht klein machen, sondern wachsen lassen. Deine Narben können zu Ressourcen werden. In der Psychotraumatologie nennen wir das übrigens Posttraumatisches Wachstum. Und du kannst täglich eine neue Version deiner Geschichte leben. Na ja, vielleicht nicht täglich, aber wenn es wirklich an der Zeit ist. Deine Vergangenheit prägt dich, aber sie schreibt nicht deine Zukunft. Ok, das wiederhole ich noch einmal. Bitte langsam lesen. Deine Vergangenheit prägt dich, aber sie schreibt nicht deine Zukunft. Was du heute aus ihr machst, zählt.
Fazit
Dein Leben ist ein Buch und du bist nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die Erzählerin.
Wie du erzählst, bestimmt, wie du dich fühlst.
Wie du dich fühlst, bestimmt, wie du handelst.
Und wie du handelst, bestimmt, wie dein Leben weitergeht.
Das nächste Kapitel ist leer.
Du hältst den Stift in der Hand.
Die Frage ist nur: Welche Geschichte erzählst du dir?
Literatur:
- Adler, J. M., Turner, A. F., Brookshier, K. M., Monahan, C., Walder-Biesanz, I., Harmeling, L. H., Albaugh, M., McAdams, D. P., & Oltmanns, T. F. (2015). Variation in narrative identity is associated with trajectories of mental health over several years. Journal of Personality and Social Psychology, 108(3), 476–496. https://doi.org/10.1037/a0038601
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