Warum wir optimieren – Ursachen & Wege zurück zur Selbstfürsorge (Teil 2)

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Selbstoptimierung wirkt heute beinahe selbstverständlich. Wir tracken unseren Schlaf, vergleichen Schrittzahlen, analysieren Konzentrationsphasen, quantifizieren Emotionen oder versuchen, immer effizienter zu arbeiten. Doch hinter diesem Trend steckt mehr als ein technischer Lifestyle. Für viele Menschen ist Selbstoptimierung zu einer Lebensführung geworden, die unmerklich immer mehr Raum einnimmt, oft auf Kosten echter Selbstfürsorge. Dieser Artikel greift den Faden des ersten Teils auf und beantwortet die Fragen: Warum sind wir so empfänglich für Optimierung? Welche gesellschaftlichen, psychologischen und technologischen Kräfte treiben uns? Und wie gelingt der Weg zurück zu einer gesund gelebten Selbstfürsorge?

Unsere heutige postmoderne Zeit beschenkte uns mit einer ordentlichen Position Geschwindigkeit. Dieser Geschwindigkeit verdanken wir es, dass wir in kürzeren Zeitspannen immer mehr erleben. Wir wechseln öfters den Partner über die Lebensspanne. Das gleiche gilt für die Beschäftigung, also den Beruf. Nach Hartmut Rosa (2013) scheitern Lebensentwürfe und auch Beziehungen an der immer schneller werdenden sozialen Geschwindigkeit, welche in einer Überforderung mündet, auf die so manch eine Person mit Depression reagiert. Das eine überstürzt das andere. Die Analyse stützt sich erneut auf die drei Basisquellen: Mau zur Quantifizierung des Sozialen, Dalski et al. zu kulturellen und sozialen Praktiken der Selbstoptimierung, und Greve zu psychologischen Selbstmodellen und ihrer Stabilisierung.

Makro-Ursachen: Die Gesellschaft als Motor der Selbstoptimierung

Mit der Quantifizierungsgesellschaft zeigt Steffen Mau eindrucksvoll, wie moderne Gesellschaften dazu tendieren, das Soziale in messbare Daten zu übersetzen: Rankings, Ratings, Scores, Benchmarking, algorithmische Autorität (Mau, 2017). Diese Prozesse erzeugen ein kulturelles Klima, in dem Zahlen zunehmend als objektiver gelten als subjektive Erfahrung. Drei Dynamiken wirken besonders stark:

  1. Vergleichsdispositive: Was messbar ist, wird vergleichbar, mit anderen, mit gestern, mit Idealwerten.
  2. Selbstüberwachung: Menschen übernehmen die Logiken äußerer Bewertungen in die eigene Lebensführung.
  3. Optimierungsdruck: Wenn überall Leistung gemessen wird, wirkt auch das eigene Selbst wie ein Projekt, das man „verbessern“ muss.

Mau beschreibt diese Entwicklung nicht moralisch, sondern strukturell: Menschen geraten in einen Sog, in dem Messbarkeit zur gesellschaftlichen Leitwährung wird. Dalski und Kolleg*innen erweitern die Analyse, mit ihrer neoliberalen Subjektivierung, indem sie den kulturellen Kontext betonen. Selbstoptimierung ist ein Produkt einer Gesellschaft, die das Individuum als unternehmerisches Selbst fasst, leistungsorientiert, flexibel, immer verfügbar (Dalski et al., 2022). Das führt zu drei Grundannahmen:

  1. Du bist für alles selbst verantwortlich.
  2. Du bist nie fertig.
  3. Du musst zeigen, dass du an dir arbeitest.

Gesellschaftliche Ideale von Produktivität, Fitness, Effizienz und psychischer Robustheit werden so zu subtilen Normen des guten Lebens.

Mikro-Ursachen: Psychologie der Selbstoptimierung

“Bekümmert dachte ich daran, wie kurz der Traum vom menschlichen Geist gewesen war. Dieser Geist hatte Selbstmord begangen. Unaufhaltsam hatte er zu immer mehr Wohlleben und Bequemlichkeit geführt, zu einer ausgewogenen Gesellschaft, deren Parole Sicherheit und Dauerhaftigkeit war, und er hatte sein Ziel erreicht - um am Ende das hier hervorzubringen. Irgendeinmal mußten Leben und Eigentum den Zustand ist absoluter Sicherheit erreicht haben. Der Reiche war seines Besitzes und seines Standes sicher; der Arbeiter seines Lebens und seines Arbeitsplatzes. Ohne Zweifel hatte es in dieser vollkommenen Welt weder ein Arbeitslosenproblem noch ungelöste soziale Fragen gegeben. Und eine Periode vollkommener Ruhe war gefolgt. Wir neigen dazu, das Naturgesetz zu übersehen, nach dem dauernde Veränderung, Gefahr und Bedrängnis die Voraussetzung für geistige Regsamkeit sind. Das Tier, das in vollkommenem Einklang mit seiner Umgebung lebt, ist ein vollkommener Mechanismus. Die Natur bedient sich erst dann der Intelligenz, wenn Gewohnheit und Instinkt nicht mehr ausreichend sind. Wo keine Veränderung und keine Notwendigkeit zur Veränderung bestehen, dort gibt es auch keine Intelligenz. Intelligenz entwickeln nur jene Lebewesen, die einer Vielfalt von Bedürfnissen und Gefahren ausgesetzt sind.” (Wells, 1997, S. 125 f.)

Wells liefert hier eine starke Gegenperspektive. Zu viel Sicherheit hemmt die Intelligenz und die Adaptivität. Das unterstützt die These, dass Optimierungsdruck und Suche nach Sicherheit ambivalente Folgen haben und erklärt, warum Menschen trotzdem zu Optimierung greifen.

Das Selbst sucht nach Greve Stabilität. Greve betont, dass das Selbst eine dynamische Struktur ist, die ständig nach Konsistenz strebt (Greve, 2018). Selbstoptimierung wird dann attraktiv, wenn innerpsychische Unsicherheiten oder Belastungen auftreten. Drei psychologische Funktionen stechen hier hervor:

  1. Kontrollgewinn: In einer unübersichtlichen Welt bietet Optimierung eine scheinbare Kontrolle: Wenn ich alles messe, kann ich alles beeinflussen. Ein Schein, aber ein wirkmächtiger.
  2. Selbststabilisierung: Tracking, Routinen und Regeln erzeugen verlässliche Strukturen. Das kann beruhigend wirken, aber auch rigide.
  3. Kompensation: Optimierung dient häufig der Abwehr unangenehmer Emotionen, wie Scham, Ohnmacht oder Selbstzweifel.

Greve nennt dies „Selbstimmunisierung“, der Versuch, das Selbst gegen Bedrohungen abzuschirmen. Selbstoptimierung schafft allerdings auch als eine Spiegelfunktion soziale Anerkennung: „Du bist diszipliniert“, „Du arbeitest an dir“, „Du bist ambitioniert.“ In einer Kultur, die Leistung mit Identität verschränkt, wird Optimierungsverhalten schnell zu einer Form sozialer Zugehörigkeit.

Technologie als Verstärker: Die Feedback-Maschine

Genau hier gehört die Einsicht, dass in der Informationsgesellschaft nicht Arbeitskraft, sondern Aufmerksamkeit die Währung ist. “Früher war die wichtigste Ressource für den Kapitalisten die Arbeitskraft, die er sich für billiges Geld nahm. Sie war nur ein Teilaspekt eines an sich ganzen Menschen, dessen Würde in dieser Ganzheit gründete. Heute in der Informationsgesellschaft, ist dieser Teilaspekt das Aufmerksamkeitspotential. Man macht Gewinne nicht mehr mit Fließbandarbeit, sondern mit Klicks.” (Florescu, 2018, S. 69)

Wearables, Gesundheits-Apps, Tracking-Systeme, algorithmische Coachings, all diese Technologien verstärken psychologische und gesellschaftliche Faktoren. Sie bieten zum einen permanente Rückmeldung, schon aufgrund der auffordernden Interface-Designs („Boost your score“). Durch Gamification-Elemente entstehen und werden soziale Vergleichsfunktionen verstärkt. Dalski et al. (2022) analysieren dies als Form technologischer Selbstführung. Die Maschine ersetzt zunehmend die innere Stimme. Mau (2017) nennt das die „Delegation von Urteilskraft“ an Algorithmen. Die Folge: Wir verlieren die Fähigkeit, unser Wohlbefinden ohne Zahlen einzuschätzen.

Warum wir optimieren: Eine Gesamtperspektive

Die drei Ebenen lassen sich in einer einfachen Formel zusammenfassen.

Unsichere Welt + messende Gesellschaft + psychisches Stabilitätsbedürfnis + verfügbare Technologie = perfekter Nährboden für Selbstoptimierung.

Wege zurück zur Selbstfürsorge

Wie gelingt die Rückkehr zu einer Selbstpraxis, die wieder an Bedürfnissen statt an Benchmarks orientiert ist? Fünf Wege haben sich als besonders hilfreich erwiesen. Ein erste hilfreiche Idee ist die der segmentierten Grenzen. Dalski et al. (2022) zeigen, dass Selbstoptimierung oft in Alltagsteile einsickert: Schlaf, Ernährung, Freizeit, Beziehungen werden plötzlich quantifiziert. Eine wirksame Gegenmaßnahme sind dedizierte optimierungsfreie Zonen. Machen wir dazu ein paar Beispiele: Keine Tracking-Geräte im Schlafzimmer; Kein Performance-Denken in Erholung und Freizeit; Keine Ziele für Meditation oder Yoga.

Ein weitere Form wäre Vermessungsfasten. Für Mau entsteht Freiheit dort, wo man sich den Blicken der Metriken entzieht. Ein Vermessungsfasten, ob für Tage oder Wochen, erlaubt es, die eigenen körperlichen Signale wieder ohne Daten zu spüren. Ich will ja nichts sagen, aber ich habe das bereits mehrere Male ausprobiert. Drei Tage komplettes Handyfasten, inkl. das Fasten sozialer sowie technischer Vergleiche, wirken fast wie Wunder. Probiere es gerne mal selbst aus.

Interozeptive Praxis statt digitale Rückmeldung. Damit meine ich Meditation, somatische Achtsamkeitsübungen, Feldenkrais, Bodenwahrnehmung. All das stärkt die subjektive Wahrnehmung von Bedürfnis, Erschöpfung, Bedürfnis nach Ruhe oder Nähe. Das ersetzt die Maske der Messbarkeit durch echte Resonanz.

Ich könnte aber auch Selbstfreundlichkeit kultivieren. Greve betont, dass Selbstregulation nicht aus härterer Kontrolle entsteht, sondern aus einer freundlichen Beziehung zum eigenen Selbst. Selbstfreundlichkeit ist die antidisziplinäre Form der Selbstführung. Sie sucht Kooperation statt Zwang. Mögliche Übungen, die ich bereits längere Zeit getestet habe, sowie unterrichtet habe: Selbstgespräche in Ich-Form statt Kommandos; Pausen als Ressource, nicht als Scheitern; Werteorientierung statt Zielorientierung.

Gemeinsame Räume schaffen würde für mich einen essentiellen letzten Punkt darstellen, wie der Weg hin zu liebevoller Selbstfürsorge aussehen könnte. Dieses Mal richtet sich der Fokus allerdings nach außen. Selbstfürsorge ist nicht nur individuell, sondern sozial. Gemeinschaften, in denen Leistung nicht die einzige Währung ist, erzeugen Räume, in denen Menschen sich auch ohne Optimierungsnachweis sicher fühlen können.

Langer bietet einen konstruktiven Blick: nicht nur Kontextwechsel, sondern Perspektivwechsel und Prozessfokus. Das ergänzt die Handlungsempfehlungen. Sie schreibt: “Changing contexts is only one path to innovation. Creating new categories, exploring multiple perspectives, and focusing on process all increase the possibility that a novel approach to a problem will be discovered.” (Langer, 1989, S. 139)

Kurzes Fallbeispiel zur Illustration

Anna beginnt aus gesundheitlichen Gründen mit Yoga. Bald trackt sie ihre Herzfrequenz, misst Trainingseinheiten, folgt einem Perfektionsideal. Entspannung wird Leistungsdisziplin. Erst als sie für zwei Wochen auf Tracking verzichtet, bemerkt sie: Ohne Zahlen fühlt sie sich freier, näher bei sich, spontaner. Sie etabliert anschließend drei optimierungsfreie Zonen: Wochenende, Schlaf, Erholung. Yoga wird wieder zu einer Praxis des Spürens, nicht des Steigerns. Dieses Beispiel zeigt, wie wenig es braucht, um die Richtung zu wechseln und wie viel Freiheit daraus entsteht.

Schluss

Selbstoptimierung ist kein persönliches Scheitern, sondern eine kulturelle Einladung, der wir beinahe automatisch folgen. Die gute Nachricht. Sie lässt sich bewusst unterbrechen. Selbstfürsorge ist kein Rückzug aus der Welt, sondern eine Rückgewinnung der Beziehung zu sich selbst. Eine Beziehung, die frei ist von Leistungspflicht und gerade dadurch nachhaltiger, menschlicher und echter.

Literatur:

  • Dalski, L., Flöter, K., Keil, L., Lohse, K., Sand, L., & Schülein, A. (Hrsg.). (2022). Optimierung des Selbst: Konzepte, Darstellungen und Praktiken. transcript Verlag.
  • Florescu, Catalin Dorian (2018). Die Freiheit ist möglich. Über Verantwortung, Lebenssinn und Glück in unserer Zeit. Wien: Residenz Verlag
  • Greve, W. (2018). Das Selbst: Psychologische Perspektiven. Universitätsverlag Hildesheim.
  • Langer, Ellen J. (1989). Mindfulness. Perseus Books: Cambridge
  • Mau, S. (2017). Das metrische Wir: Über die Quantifizierung des Sozialen. Suhrkamp.
  • Rosa, Hartmut (2013). Beschleunigung und Entfremdung. Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • Wells, H.G. (1997). Die Zeitmaschine. München: DTV

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