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Warum Nein eine klare Aussage ist

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Ja, du liest richtig. Nein ist eine klare Aussage, sehr klar! Doch manchmal sagen wir es trotzdem nicht. Woran kann das wohl liegen? Es gibt Worte, die in ihrer Kürze eine ganze Welt enthalten. „Nein“ ist eines von ihnen. Es ist so schlicht wie ein Kieselstein und zugleich so schwer wie ein Felsblock. Ein Nein ist eine Grenze. Eine Selbstbehauptung. Ein Akt der Freiheit. Und, wie Erich Fromm (1966) sagen würde, ein Ausdruck unserer Fähigkeit, uns selbst zu besitzen, statt besessen zu werden. Doch die moderne Gesellschaft hat uns eine paradoxe Haltung gelehrt. Wir sehnen uns nach Authentizität, und gleichzeitig fürchten wir die Unannehmlichkeiten, die entstehen könnten, wenn wir sie leben. Wir wollen frei sein und zugleich nicht auffallen. Sozialpsychologische Forschung unterscheidet zwischen informationalem Einfluss, also dem Wunsch, Recht zu haben und normativem Einfluss, dem Wunsch, gemocht und akzeptiert zu werden (Deutsch & Gerard, 1955). Gerade der normative Einfluss erklärt, warum Menschen selbst dann zustimmen, wenn sie innerlich zweifeln. In Aschs (1956) Konformitätsexperimenten, bei denen Versuchspersonen die Länge von Linien einschätzen sollten und sich dabei einer offensichtlich falschen Mehrheitsmeinung gegenübersahen, schlossen sie sich in 36,8 % der Fälle der Mehrheit an. Wir möchten also Grenzen setzen und gleichzeitig niemanden enttäuschen. So entsteht eine Kultur, in der das Wort „Nein“ zwar jedem Menschen zur Verfügung steht, aber von den wenigsten gebraucht wird.

Die stille Selbstentfremdung

Fromm (1999) sprach von der Entfremdung des modernen Menschen, der Tendenz, sich selbst wie ein Objekt zu behandeln, das funktionieren und gefallen soll. In diesem Zustand wird das Nein zu einem Risiko. Ein Mensch, der Nein sagt, könnte unsozial erscheinen, unbequem, nicht mehr so leicht integrierbar. Und so wird das Ja zu einer Art sozialer Währung, mit der wir Zugehörigkeit erkaufen. Doch jede Währung hat ihren Preis. Das zu schnelle Ja beginnt das eigene Selbst zu zersetzen. Man geht fremd, nicht mit einer anderen Person, sondern mit den Ansprüchen anderer anstatt den eigenen Bedürfnissen. Ein Mensch, der reflexhaft „Ja“ sagt, sagt vor allem eines: „Ich habe mich selbst noch nicht vollständig erkannt oder anerkannt.“

Die Mikro-Tricks der sozialen Welt

Es ist kein Zufall, dass es uns so schwer fällt, ein klares Nein auszusprechen. Die meisten sozialen Systeme – Familien, Teams, Partnerschaften – haben gelernt, subtile Mechanismen einzusetzen, um Kooperation zu sichern. Viele davon sind nicht bösartig. Sie sind einfach menschlich. Und doch wirken sie. Fromm (1999) hätte sie als Manifestationen unserer sozialen Charakterorientierungen beschrieben. Muster, die wir unbewusst übernehmen, um in einer Umgebung zu funktionieren. Hier sind die sechs häufigsten:

  1. Die Lob-Falle

    Wer nach Anerkennung hungert, wird sie teuer bezahlen. Das Lob wird zum Köder, eine sanfte Verführung, die eine Gegenleistung erwartet. „Du machst das immer so gut …“ klingt nach Wertschätzung, ist aber oft nichts anderes als ein höflich verpackter Impuls: „Sag Ja.“ Viele soziale Interaktionen beruhen auf dem Prinzip der Reziprozität. Wir fühlen uns verpflichtet, Gefälligkeiten zu erwidern. Ein Lob kann dadurch unbewusst als soziale Vorleistung wirken, die ein „Ja“ wahrscheinlicher macht. Strategien wie die Foot-in-the-Door-Technik zeigen, dass Menschen eher zustimmen, wenn sie bereits zuvor eine kleine Zustimmung gegeben haben, aus dem Bedürfnis nach Selbstkonsistenz (Cialdini, 2008).

  2. Die Zeit-Falle

    „Es geht ganz schnell.“ Die Welt drängt zum Tempo, und wer mithalten will, opfert bereitwillig Minuten, Stunden, manchmal ganze Tage. Das Ja entsteht hier nicht aus Großzügigkeit, sondern aus der Angst, als träge oder unkollegial zu gelten.

  3. Die Hilfs-Falle

    Wer gelernt hat, Liebe durch Nützlichkeit zu verdienen, wird immer verfügbar sein. Die Nachfrage nach Hilfe wird zur Bestätigung des eigenen Wertes. Doch kein Ja kann ein Selbstwertgefühl heilen, das auf Dienstbarkeit basiert.

  4. Die Angst-Falle

    Was geschieht, wenn ich Nein sage? Werde ich ausgeschlossen? Ein Nein rüttelt an gesellschaftlichen Bindungen. Deshalb fürchten wir es. Doch wer aus Angst Ja sagt, sagt Ja zu einer Welt, in der er selbst keinen Platz haben darf. Die Soziometer-Theorie geht davon aus, dass unser Selbstwertgefühl ein inneres Messinstrument für soziale Zugehörigkeit ist (Leary et al., 1995). Wird Zugehörigkeit bedroht, etwa durch die Angst vor Ablehnung, sinkt das momentane Selbstwertgefühl. Ein „Nein“ kann deshalb psychologisch wie ein Risiko erscheinen. Es bedroht nicht nur die Beziehung, sondern unser inneres Gefühl von Wert.

  5. Die Verantwortungs-Falle

    „Du musst helfen – für das Team!“ Verantwortung ist etwas Heiliges. Aber sie wird zur Falle, wenn sie nur verteilt wird, um jene auszunutzen, die am wenigsten Nein sagen können.

  6. Die Gewohnheits-Falle

    Wer oft Ja gesagt hat, wird als verfügbar kategorisiert. Systeme gewöhnen sich an das Muster schneller als der Mensch selbst. Suchst du schon nach dem Nein, oder sucht das System bereits nach deinem nächsten Ja?

Warum wir in die Fallen tappen

Die Antwort liegt im Herzen der humanistischen Psychologie. Der Mensch will gesehen, gehört, gebraucht werden. Doch es macht einen großen Unterschied, ob er gebraucht wird, weil er wertvoll ist, oder benutzt wird, weil er verfügbar ist. Unsere Fallen sind nicht nur Schwächen, sondern Überlebensmuster. Das Selbstaufwertungsmotiv beschreibt die Tendenz, Informationen so zu verarbeiten, dass das Selbst in einem positiven Licht erscheint (Sedikides & Strube, 1997). Zustimmung kann in diesem Sinne eine Strategie sein, um sich als kooperativ, hilfsbereit oder wertvoll zu erleben, selbst wenn dies langfristig dem eigenen Wohlbefinden schadet. Sie sind der Preis, den wir für ein Gefühl von Zugehörigkeit gezahlt haben. Aber dieser Preis ist zu hoch. Ein Mensch, der nie Nein sagt, verliert den Kontakt zu seinem eigenen Zentrum. Diese Dynamik betrifft nicht nur unser Verhalten, sondern auch die Struktur unseres Selbst. Nicht das gesamte Selbstkonzept ist jederzeit aktiv, sondern das sogenannte Arbeitsselbst, der jeweils situationsabhängige Aspekt unseres Selbst (Morf & Koole, 2014). Wenn wir wiederholt aus Anpassung handeln, kann sich ein Arbeitsselbst stabilisieren, das primär auf soziale Erwartungen reagiert statt auf innere Bedürfnisse. Der Mensch lebt daher nicht mehr aus sich, sondern von außen her.

Der erste Schritt zur Freiheit

Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Bindung, sondern die Fähigkeit, sich selbst zu wählen. Ein Nein ist genau das. Es ist die Wahl für sich selbst. Der Moment, in dem wir zum Subjekt unseres eigenen Lebens werden. Ich habe da mal ein paar Fragen für dich notiert. Lasse diese mal auf dich wirken und beobachte, was in dir erscheint.

  • Welche dieser Fallen erkennst du in deinem Verhalten?
  • Gegenüber welchen Menschen tust du dich besonders schwer?
  • Welche Falle wird oft aktiviert?
  • Und: Was glaubst du, versprichst du dir davon?

Es genügt, diese Fragen ehrlich zu beantworten. Damit alleine beginnt schon die innere Arbeit. Denn der Weg zur Abgrenzung startet nicht mit dem ersten Nein, sondern mit dem ersten Blick nach innen.

Literatur:

  • Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs, 70, 70.
  • Cialdini, R. B. (2008). Influence: Science and practice. Boston, MA: Allyn & Bacon.
  • Deutsch, M., & Gerard, H. B. (1955). A study of normative and informational social influences upon individual judgment. Journal of Abnormal and Social Psychology, 51, 629–636.
  • Fromm, Erich (1966). Die Furcht vor der Freiheit. Berlin: Deutsche Buch Gemeinschaft
  • Fromm, Erich (1999). Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Band II Gesamtausgabe. Analytische Charaktertheorie. Stuttgart: DTV
  • Leary, M. R., Tambor, E. S., Terdal, S. K., & Downs, D. L. (1995). Self‐esteem as an interpersonal monitor: The sociometer hypothesis. Journal of Personality and Social Psychology, 68, 518–530.
  • Morf, C. C., & Koole, S. L. (2014). Das Selbst. In K. Jonas, W. Stroebe & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsychologie (S. 141–195). Berlin: Springer.
  • Sedikides, C., & Strube, M. J. (1997). Self‐evaluation: To thine own self be good, to thine own self be sure, to thine own self be true, and to thine own self be better. In M. P. Zanna (Ed.), Advances in experimental social psychology (Vol. 29, pp. 209–269). San Diego, CA: Academic Press.

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