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Stretching ist nicht immer die Lösung

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Kaum eine Praxis ist so tief im kollektiven Körperverständnis verankert wie das Dehnen. Ob nach langem Sitzen, vor dem Sport oder bei Verspannungen, Stretching gilt als naheliegende, einfache Antwort. Doch ein genauerer Blick auf die wissenschaftliche Datenlage und neurophysiologische Zusammenhänge zeigt folgendes. So eindeutig ist die Sache nicht. In vielen Fällen greift Stretching zu kurz und kann unter Umständen sogar kontraproduktiv sein.

Die intuitive Logik und ihre Grenzen

Nach längerer Inaktivität fühlt sich der Körper steif an, Muskeln wirken verkürzt. Dehnen scheint hier sinnvoll. Es verschafft kurzfristig Erleichterung, verbessert subjektiv die Beweglichkeit und kann helfen, Spannungsgefühle zu reduzieren. Doch diese Logik hat Grenzen. Stretching kann nicht kompensieren, was durch stundenlanges Sitzen, schlechte Haltung oder einseitige Belastung entsteht. Wer strukturelle oder koordinative Probleme ausschließlich durch Dehnen zu lösen versucht, behandelt meist nur das Symptom und nicht die Ursache.

Ein hartnäckiger Mythos: Stretching schützt vor Verletzungen

Lange galt Stretching vor sportlicher Aktivität als unverzichtbar. Heute zeigen zahlreiche Studien. Es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass statisches Dehnen vor dem Sport das Verletzungsrisiko reduziert. Im Gegenteil, unmittelbar vor intensiven Belastungen kann es die Muskelkraft und Explosivität sogar verringern. Effektiver ist ein spezifisches Aufwärmen: langsame, kontrollierte Bewegungen, die das Nervensystem auf die bevorstehende Belastung vorbereiten.

„No pain, no gain“ – ein gefährliches Missverständnis

Die Vorstellung, dass Dehnen schmerzhaft sein müsse, um wirksam zu sein, ist nicht nur überholt, sondern potenziell schädlich. Intensive Dehnung kann Mikroverletzungen im Gewebe verursachen. Die kurzfristige Erleichterung entsteht oft durch Endorphine. Sie überdecken jedoch mögliche Schäden. Langfristig kann dies zu Vernarbungen führen, die die Beweglichkeit eher verschlechtern.

Was Stretching tatsächlich verändert

Die Forschung zeigt, dass Stretching die Muskeln oft nicht signifikant verlängert. Stattdessen erhöht sich vor allem die Toleranz gegenüber Dehnung. Was bedeutet das? Der Körper wird nicht unbedingt beweglicher, er wird lediglich unempfindlicher gegenüber dem Spannungsgefühl. Das erklärt, warum viele Menschen trotz regelmäßigen Dehnens dauerhaft verspannt bleiben.

Wenn Dehnen schadet

In bestimmten Situationen kann Stretching sogar kontraproduktiv sein. Das ist unter anderem der Fall bei akuten Verletzungen, aber auch bei Muskelkater. Hier helfen weniger statisch gehaltene Dehnübungen, sondern mehr andere Anwendungen, wie z.B. ein warmes Bad oder eine Massage. Vor explosiven Belastungen ist es abzuraten, zu dehnen. Auch bei Hypermobilität dreht sich die Welt nicht ums Stretching, sondern mehr um den Aufbau von Kraft in den spezifischen Gelenken. Und auch bei nervalen Reizungen ist gezielte, sanfte Bewegung meist die bessere Alternative.

Das eigentliche Problem: Steuerung statt Struktur

Ein zentraler Perspektivwechsel entsteht, wenn man versteht, Muskelspannung ist selten ein rein mechanisches Problem. Muskeln werden nicht einfach „zu kurz“. Sie werden vom Nervensystem reguliert. Ein zentraler Befund aus der neurowissenschaftlichen Schmerzforschung unterstreicht diese Perspektive. Schmerz entsteht nicht direkt im Gewebe, sondern ist das Ergebnis einer Bewertung im Gehirn. G. Lorimer Moseley und Herta Flor (2012) zeigen in ihrer Arbeit, dass Schmerz eine bewusste Erfahrung ist, die auf einer Interpretation sensorischer Signale beruht, abhängig davon, wie gefährlich das Gehirn eine Situation einschätzt. Was bedeutet das nun? Der Körper reagiert nicht auf die Realität der Gewebe, sondern auf eine bewertete Realität. Spannung, Schutzreflexe und auch Schmerz sind somit Ausdruck eines regulierenden Systems und nicht einfach mechanische Konsequenzen verkürzter Strukturen.

Mit zunehmender Dauer von Beschwerden kann sich dieses System sogar verändern. Es kommt zu Anpassungen im Nervensystem, die die Empfindlichkeit erhöhen und dazu führen, dass Spannung und Schmerz leichter ausgelöst werden, selbst ohne entsprechende Gewebeschädigung. Chronische Spannung ist oft eine Schutzreaktion. Das Gehirn erhöht den Muskeltonus, um Stabilität zu schaffen oder potenzielle Gefahr zu vermeiden. Wird in diesen Schutzmechanismus hineingedehnt, reagiert der Körper mit Gegenwehr, etwa durch den Dehnreflex. Auch das Nervengewebe spielt eine Rolle. Wird ein Nerv gereizt, kann Dehnen die Symptome verstärken, statt sie zu lösen.

Wissenschaftliche Perspektive: Bewegung ist mehr als Mechanik

Diese Sichtweise wird auch durch aktuelle Forschung gestützt. Eine Literaturübersicht von Paolucci et al. (2019), die verschiedene Rehabilitationsansätze bei chronischen Rückenschmerzen analysierte, kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Bewegungstherapien sind grundsätzlich wirksam, doch nicht alle Ansätze wirken auf die gleiche Weise. Besonders interessant ist, dass Methoden wie Pilates, die McKenzie-Methode oder auch Feldenkrais nicht nur Schmerzen reduzieren, sondern auch psychologische Faktoren, Körperwahrnehmung und Funktion verbessern. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass rein mechanische Ansätze wie isoliertes Stretching zwar Teil vieler Programme sind, aber nicht als alleinige Lösung überzeugen. Die Autoren betonen zudem die Bedeutung eines biopsychosozialen Ansatzes. Schmerz entsteht nicht nur im Gewebe, sondern wird durch Wahrnehmung, Erfahrung und neuronale Verarbeitung geprägt.

Wer nur am Muskel zieht, ignoriert das System, das ihn steuert. Diese Sicht wird durch neurowissenschaftliche Arbeiten (Moseley & Flor, 2012) weiter vertieft. Forschungen zeigen, dass sich bei chronischen Schmerzen die Repräsentationen des Körpers im Gehirn verändern können. Bereiche, die für Wahrnehmung und Bewegung zuständig sind, reorganisieren sich und diese Veränderungen korrelieren mit der Intensität des Schmerzes. Bemerkenswert ist dabei, dass Schmerz zunehmend unabhängiger von der ursprünglichen Gewebesituation werden kann. Er kann wandern, sich ausbreiten oder durch Reize ausgelöst werden, die ursprünglich nichts mit der Verletzung zu tun hatten. Das erklärt, warum rein mechanische Interventionen wie Stretching oft ins Leere laufen. Sie adressieren nicht die Ebene, auf der das Problem tatsächlich organisiert ist. Auch die Evidenz zur Feldenkrais-Methode fügt sich in dieses Bild ein. Es kommt zu Verbesserungen in funktionellen Fähigkeiten wie Gleichgewicht und Koordination, insbesondere in älteren Populationen. Auffällig ist dabei, dass die Effekte populationsübergreifend auftreten und nicht an spezifische Diagnosen gebunden sind. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass Feldenkrais nicht auf ein einzelnes Gewebe oder Symptom wirkt, sondern auf grundlegende Prozesse der Bewegungsorganisation und des Lernens (Hillier & Worley, 2015).

Feldenkrais: Umorganisation statt Dehnung

Hier setzt die Feldenkrais-Methode an, mit einem grundlegend anderen Verständnis von Bewegung. Wenn sich Schmerz und Spannung auf der Ebene neuronaler Repräsentationen organisieren, wird verständlich, warum Ansätze wirksam sind, die genau dort ansetzen. Methoden, die Wahrnehmung, Bewegungsvorstellung und differenzierte sensorische Erfahrung einbeziehen, können diese Repräsentationen verändern und damit auch Schmerz und Spannung beeinflussen (Moseley & Flor, 2012). Anstatt Muskeln mechanisch zu verlängern, arbeitet Feldenkrais mit dem Nervensystem. Durch langsame, bewusste Bewegungen wird die Wahrnehmung verfeinert und die Bewegungsorganisation verbessert. Der Fokus liegt nicht auf dem Erreichen äußerer Endpositionen, sondern auf: Leichtigkeit, Differenzierung und Reduktion unnötiger Spannung. Diese Arbeit nutzt die Neuroplastizität des Gehirns. Neue Bewegungsmuster entstehen nicht durch Kraft, sondern durch Wahrnehmung.

Diese Perspektive wird durch die aktuelle Studienlage gestützt. Die systematische Übersichtsarbeit von Hillier und Worley (2015) zeigt, dass die Feldenkrais-Methode insbesondere Funktionen wie Gleichgewicht, Koordination und Bewegungseffizienz verbessern kann. Gleichzeitig finden sich keine konsistenten Hinweise darauf, dass diese Effekte durch strukturelle Veränderungen, etwa eine Verlängerung von Muskeln, erklärbar wären. Vielmehr deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Feldenkrais über einen Lernprozess wirkt: durch die Verfeinerung von Wahrnehmung, die Reduktion unnötiger Anstrengung und die Entwicklung effizienterer Bewegungsstrategien.

Warum wirkt das oft nachhaltiger? Spannung wird nicht „weggezogen“, sondern überflüssig gemacht. Das fördert Beweglichkeit. Beweglichkeit entsteht ja durch bessere Koordination, d.h. der Körper organisiert sich effizienter. Auch fasziale Zusammenhänge werden ganzheitlich einbezogen. Statt einzelne Muskeln zu isolieren, wird der Körper als vernetztes System verstanden.

Ein Perspektivwechsel

Stretching ist nicht grundsätzlich falsch. Aber es ist oft nicht die Antwort auf die Frage, die der Körper stellt. Die entscheidende Verschiebung lautet nicht: Wie weit kann ich dehnen? sondern: Wie organisiere ich Bewegung so, dass Spannung überflüssig wird? Oder anders gesagt: Stretching zieht am Symptom. Feldenkrais verändert das System. Und genau darin liegt der Unterschied.

Literatur:

  • Hillier, S., & Worley, A. (2015). The effectiveness of the feldenkrais method: a systematic review of the evidence. Evidence-based complementary and alternative medicine : eCAM, 2015, 752160. https://doi.org/10.1155/2015/752160
  • Moseley GL, Flor H. (2012). Targeting Cortical Representations in the Treatment of Chronic Pain: A Review: A Review. Neurorehabilitation and Neural Repair. 2012;26(6):646-652. doi:10.1177/1545968311433209
  • Paolucci, T., Attanasi, C., Cecchini, W., Marazzi, A., Capobianco, S. V., & Santilli, V. (2018). Chronic low back pain and postural rehabilitation exercise: a literature review. Journal of pain research, 12, 95–107. https://doi.org/10.2147/JPR.S171729

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