Inmitten von Stress, Hektik oder emotionaler Überforderung liegt eine oft unterschätzte Ressource direkt vor unserer Nase: unser Sehsinn. Die Art und Weise, wie wir sehen, wohin wir blicken, wie bewusst wir visuelle Eindrücke wahrnehmen, beeinflusst unser Nervensystem tiefgreifend. Wenn wir unseren Fokus gezielt auf das richten, was wir sehen, kann das einen beruhigenden Effekt auf unseren Körper und Geist haben. Diese Form der Sinneswahrnehmung aktiviert insbesondere den ventralen Ast des Vagusnervs, jenes Teils unseres parasympathischen Nervensystems, der für Verbindung, Beruhigung und Sicherheit zuständig ist. Das bedeutet: Wenn du in einer stressigen Situation bewusst schaust, nicht gehetzt oder ziellos, sondern mit offener, wertfreier Aufmerksamkeit, kann dein Körper beginnen, sich zu regulieren. Deine Atmung vertieft sich, der Herzschlag beruhigt sich, deine Gedanken werden klarer.
Diese Praxis ist einfach, aber nicht banal. Sie verlangt Präsenz. Und sie kann geübt werden, wie ein Muskel, der mit jeder Wiederholung stärker wird. Besonders in Momenten von emotionalem Stress oder Überforderung hilft sie dabei, im Hier und Jetzt anzukommen. Du brauchst keine perfekte Kulisse dafür. Ein Blick auf die schlichte Struktur eines Stuhls, das Spiel von Licht und Schatten auf einer Wand oder die Farben der Kleidung eines Menschen können ebenso wirken wie die Natur. Entscheidend ist nicht, was du siehst, sondern wie du siehst.
Was wäre, wenn dein Blick nicht nur beobachtet, sondern auch beruhigt? Anbei findest du eine kurze Übungsanleitung: Sehen zur Selbstregulation
Ziel dieser Übung ist es dir zu helfen, deine Aufmerksamkeit gezielt auf den Sehsinn zu richten. Das kann dein Nervensystem beruhigen und dir helfen, in stressigen Momenten zentriert zu bleiben. Die bewusste Fokussierung auf visuelle Reize aktiviert den ventralen Vagusnerv und wirkt regulierend auf das autonome Nervensystem. Sie fördert Selbstwahrnehmung und Präsenz.
- Wähle einen Moment – mit oder ohne Stress.
Du kannst diese Übung jederzeit machen: im Stau, nach einem Streit, beim Einschlafen, wenn du traurig bist oder einfach zwischendurch. - Nimm deinen aktuellen Zustand wahr.
Bevor du beginnst, frage dich:
- Was denke ich gerade?
- Was fühle ich?
- Wie spüre ich meinen Körper (z. B. Spannung, Wärme, Kälte)?
- Wie ist meine Atmung?
Wenn du möchtest, kannst du ein paar Stichworte dazu notieren (z. B. in ein Journal oder auf deinem Handy). - Fokussiere deinen Blick.
Lenke nun deine Aufmerksamkeit bewusst auf das, was du siehst. Lass deine Augen langsam durch den Raum oder die Umgebung wandern. Beobachte Farben, Formen, Größen, Strukturen. Sprich oder denke dabei einfache Sätze wie:
- Ich sehe eine orangene Wand.
- Ich sehe ein kleines Mädchen im blauen Kleid.
- Ich sehe eine gelbe Giraffe mit schwarzen Punkten.
- Ich sehe die Form der Bäume.
- Ich sehe die Spiegelung im Fenster.
Wichtig: Es geht nicht ums Bewerten, nur ums Wahrnehmen. - Beobachte, was sich verändert.
Nach etwa 1–2 Minuten richte deine Aufmerksamkeit wieder nach innen:
- Haben sich deine Gedanken verändert?
- Was fühlst du jetzt?
- Wie fühlt sich dein Körper an?
Auch hier kannst du wieder notieren oder einfach für dich still vergleichen:
Vorher – Nachher.
Tipp: Mach diese Übung häufiger, nicht nur in schwierigen Momenten, sondern auch im Alltag. Sie stärkt deine Fähigkeit, präsent zu bleiben und dich selbst zu regulieren. Dein Blick kann zu deinem inneren Anker werden.
Bilder:
- Foto von Paolo Chiabrando auf Unsplash

