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Spielen statt funktionieren? Was das Spielsystem mit ADHS zu tun hat

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Was wäre, wenn wir bei ADHS nicht nur darüber nachdenken würden, wie wir Aufmerksamkeit verbessern, Impulse kontrollieren und Verhalten regulieren können? Was wäre, wenn wir uns stattdessen fragen würden, welche Erfahrungen Menschen brauchen, damit genau diese Fähigkeiten wachsen können? Der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp stellte 2007 eine bemerkenswerte Hypothese auf. Möglicherweise hängt die Zunahme von ADHS-Diagnosen bei Kindern auch damit zusammen, dass natürliche Gelegenheiten zum freien sozialen Spiel immer seltener werden. Seine Überlegung verschiebt den Blick weg von einer rein defizitorientierten Betrachtung und hin zu den Entwicklungsbedingungen des Gehirns. Spiel ist für Panksepp kein überflüssiger Zeitvertreib. Es ist ein biologisch verankertes Bedürfnis und ein wichtiger Erfahrungsraum für die Entwicklung sozialer und emotionaler Fähigkeiten. Was bedeutet das für ADHS? Und was können wir daraus für unseren Alltag mitnehmen?

Das Gehirn braucht Spiel – nicht nur Beschäftigung

Panksepp beschreibt in seiner Theorie der affektiven Neurowissenschaft verschiedene grundlegende emotionale Systeme, die allen Säugetieren gemeinsam sind. Dazu gehören unter anderem SEEKING (Neugier und Erkundung), CARE (Fürsorge), PANIC (Trennungsstress und Bindungssuche) und PLAY (Spiel und soziale Freude). Diese Systeme sind keine fertigen sozialen Kompetenzen. Sie bilden vielmehr eine biologische Grundlage, auf der sich durch Erfahrungen soziale Fähigkeiten entwickeln können. Besonders interessant ist dabei das PLAY-System. Es motiviert uns, mit anderen in Kontakt zu treten, uns körperlich auszuprobieren, miteinander zu rangeln, zu lachen und die eigenen Möglichkeiten zu entdecken. Kinder lernen im Spiel weit mehr als die Regeln eines Spiels. Sie erfahren, wie viel Kraft angemessen ist, wann ein Gegenüber eine Grenze setzt, wie sich Konflikte lösen lassen und wie man nach einer Auseinandersetzung wieder zueinanderfindet. Dabei entsteht ein Wechselspiel aus Erregung und Regulation. Wir werden lebendig, gehen in Kontakt, überschreiten vielleicht eine Grenze und lernen, unser Verhalten wieder anzupassen. Spiel schafft damit einen Erfahrungsraum, in dem soziale und emotionale Fähigkeiten nicht nur erklärt, sondern unmittelbar erlebt werden. Panksepp vermutet, dass genau diese Erfahrungen für die Entwicklung des sozialen Gehirns und insbesondere der regulatorischen Funktionen des Frontalhirns wichtig sind. Seine Hypothese: Je mehr Kinder Gelegenheit zu natürlichem sozialem Spiel bekommen, desto besser können sich jene Fähigkeiten entwickeln, die später helfen, Impulse zu kontrollieren, Aufmerksamkeit auszurichten und das eigene Verhalten flexibel zu steuern.

Was Spiel mit ADHS zu tun hat

Bei ADHS stehen häufig Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Handlungsplanung und emotionaler Selbstregulation im Vordergrund. Diese Fähigkeiten werden unter dem Begriff der exekutiven Funktionen zusammengefasst. Panksepp stellt nun eine interessante Verbindung her: Das soziale Spiel könnte ein natürlicher Entwicklungsraum für genau diese Funktionen sein. Besonders das körperbetonte Spiel, das sogenannte Rough-and-Tumble Play, interessiert ihn. Gemeint sind spielerisches Raufen, Toben, gegenseitiges Jagen und Rangeln. Dabei geht es nicht um tatsächliche Aggression, sondern um eine körperliche Auseinandersetzung, die von gegenseitiger Freude und sozialer Abstimmung getragen wird. Kinder müssen dabei ständig regulieren: Wie viel Kraft setze ich ein? Wann muss ich aufhören? Wie reagiert mein Gegenüber? Wann wird aus Spaß Ernst? Und wie finden wir wieder in ein gemeinsames Spiel? Das sind komplexe Anforderungen. Sie verbinden körperliche Aktivierung mit Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und sozialer Orientierung. Panksepp verweist hierzu auf tierexperimentelle Untersuchungen. Ratten, die in ihrer Entwicklung ausreichend Gelegenheit zum sozialen Spiel hatten, zeigten später bessere Fähigkeiten zur Verhaltensregulation. In einem Tiermodell mit ADHS-ähnlichen Auffälligkeiten konnten spielbasierte Interventionen bestimmte Probleme der Impulskontrolle reduzieren. Daraus entwickelt er die sogenannte Play Deprivation Hypothesis: Wenn das natürliche Bedürfnis nach Spiel über längere Zeit nicht ausreichend befriedigt wird, fehlen wichtige Entwicklungserfahrungen. Die nicht ausgelebt werdenden Spielimpulse könnten sich dann in anderen Situationen bemerkbar machen – beispielsweise dort, wo Bewegung und spontane Aktivität unerwünscht sind. Panksepp sieht deshalb auch die Entwicklung moderner Kindheit kritisch: weniger freies Spiel, weniger körperliche Bewegung, mehr strukturierte Beschäftigung und frühzeitige Anforderungen an kognitive Leistung. Wichtig ist allerdings: Damit ist nicht bewiesen, dass mangelndes Spielen ADHS verursacht. ADHS ist eine komplexe neuroentwicklungsbedingte Störung mit genetischen und neurobiologischen Einflussfaktoren. Panksepp erweitert die Perspektive um einen möglichen Einfluss der Entwicklungsumwelt.

Spiel verändert das Gehirn

Besonders spannend wird Panksepps Argumentation, wenn er die neurobiologischen Auswirkungen des Spielens betrachtet. Spiel ist nicht nur eine psychologische Erfahrung. Es geht mit messbaren Veränderungen im Gehirn einher. Eine von ihm zitierte tierexperimentelle Untersuchung von Gordon und Kollegen (2003) zeigt beispielsweise, dass soziales Spiel bei Ratten die Expression des Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) erhöhen kann. BDNF ist ein Wachstumsfaktor, der unter anderem für neuronale Entwicklung, Plastizität und Lernprozesse bedeutsam ist. Panksepp beschreibt darüber hinaus Untersuchungen, in denen spielerische Aktivität mit Veränderungen der Genexpression in verschiedenen Hirnregionen in Verbindung gebracht wurde. Das ist deshalb interessant, weil es Spiel als einen möglichen Einflussfaktor auf neurobiologische Entwicklungsprozesse sichtbar macht. Erfahrungen hinterlassen Spuren. Sie können beeinflussen, welche neuronalen Prozesse aktiviert und welche Verbindungen gestärkt werden. Für die Entwicklung exekutiver Funktionen ist dabei insbesondere das Frontalhirn bedeutsam. Es unterstützt uns dabei, Handlungen zu planen, Impulse zu hemmen, unterschiedliche Informationen zusammenzuführen und unser Verhalten an wechselnde Situationen anzupassen. Spiel könnte diese Entwicklung unterstützen, weil es genau jene Situationen schafft, in denen solche Fähigkeiten gebraucht werden. Dabei geht es nicht um ein isoliertes Training einzelner Funktionen. Es geht um eine ganzheitliche Erfahrung: Körperliche Aktivität, emotionale Beteiligung, soziale Rückmeldung und die Möglichkeit, selbst Entscheidungen zu treffen. Spiel verbindet Bewegung, Emotion, Wahrnehmung und Beziehung. Gerade darin liegt seine besondere Qualität.

Was bedeutet das für Menschen mit ADHS?

Panksepps Arbeit richtet sich in erster Linie auf die Entwicklung von Kindern. Dennoch lässt sich daraus eine interessante Perspektive für Menschen mit ADHS jeden Alters ableiten. Denn Spiel hört nicht mit der Kindheit auf. Auch Erwachsene brauchen Erfahrungen, die nicht ausschließlich auf Leistung, Zielerreichung und Kontrolle ausgerichtet sind. Vielleicht kennst du das: Der Alltag besteht aus Aufgaben, Terminen, Verpflichtungen und dem Versuch, die eigene Aufmerksamkeit zusammenzuhalten. Du möchtest etwas erledigen, verlierst dich unterwegs in anderen Gedanken, schiebst Dinge auf oder ärgerst dich über deine Impulsivität. Irgendwann wird der Versuch, dich selbst zu kontrollieren, selbst zur Belastung. Hier kann Spiel eine andere Erfahrung ermöglichen. Es geht darum, Tätigkeiten zu finden, bei denen du nicht ständig funktionieren musst. Tätigkeiten, die Neugier wecken, Freude machen und dich in eine unmittelbare Auseinandersetzung mit deiner Umgebung bringen. Das kann Tanzen sein, Improvisation, gemeinsames Musizieren, Tischtennis, spielerische Bewegung, Klettern, ein Gesellschaftsspiel oder einfach das gemeinsame Herumalbern mit anderen Menschen. Entscheidend ist weniger die Aktivität selbst als die Qualität der Erfahrung:

  • Neugier statt Leistungsdruck: Du darfst etwas ausprobieren, ohne vorher wissen zu müssen, was dabei herauskommt.
  • Bewegung statt Stillhalten: Dein Körper darf aktiv sein. Bewegung wird nicht als Störung betrachtet, sondern als Teil deiner Erfahrung.
  • Kontakt statt Rückzug: Im gemeinsamen Spiel entstehen soziale Erfahrungen, die nicht ausschließlich über Sprache und bewusste Kontrolle vermittelt werden.
  • Flexibilität statt Perfektion: Du darfst Fehler machen, Regeln verändern und neue Wege ausprobieren.
  • Freude statt Selbstoptimierung: Nicht jede Aktivität muss einem Entwicklungsziel dienen. Manchmal ist es wertvoll genug, einfach Freude zu erleben.

Das bedeutet nicht, dass Spiel eine ADHS-Behandlung ersetzt. Es bedeutet vielmehr, dass wir neben den notwendigen Strategien zur Alltagsbewältigung auch die Ressourcen berücksichtigen sollten, die durch Freude, Bewegung und soziale Interaktion entstehen können. Vielleicht ist eine der wichtigsten Fragen deshalb nicht nur: Wie kann ich meine Aufmerksamkeit besser kontrollieren? Sondern auch: Wo in meinem Leben gibt es ausreichend Raum für Neugier, Lebendigkeit und Spiel?

Weniger Kontrolle, mehr Lebendigkeit

Panksepp fordert mit seiner Arbeit einen Perspektivwechsel. Er plädiert dafür, Kindern wieder mehr natürliche Spielräume zu ermöglichen. Er nennt sie Play Sanctuaries: geschützte Orte, an denen Kinder frei miteinander spielen, sich körperlich ausprobieren und soziale Erfahrungen sammeln können – begleitet von Erwachsenen, die bei Bedarf Orientierung geben, ohne das Spiel ständig zu kontrollieren. Dahinter steckt ein grundlegender Gedanke: Entwicklung braucht nicht nur Anleitung und Struktur. Sie braucht auch Freiheit, Beziehung und eigene Erfahrung. Für Menschen mit ADHS kann diese Perspektive entlastend sein. Vielleicht geht es nicht immer darum, sich noch besser zu organisieren, noch mehr Disziplin aufzubringen oder die eigenen Impulse stärker zu kontrollieren. Vielleicht geht es manchmal auch darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Selbstregulation leichter entstehen kann. Spiel bietet dafür einen besonderen Erfahrungsraum. Wir bewegen uns, nehmen wahr, reagieren, stimmen uns auf andere ab und erleben uns selbst nicht nur als jemanden, der etwas leisten muss. Vielleicht ist Spielen eine der unterschätzten Möglichkeiten, wieder mehr mit sich selbst und anderen in Verbindung zu kommen. Nicht, weil wir damit alle Schwierigkeiten lösen. Sondern weil Lebendigkeit, Freude und soziale Verbundenheit keine Belohnung sind, die wir uns erst nach erledigter Arbeit verdienen müssen. Sie gehören zu den Bedingungen eines erfüllten Lebens.

Literatur:

  • Gordon, N. S., Burke, S., Akil, H., Watson, S. J., & Panksepp, J. (2003). Socially induced brain “fertilization”: Play promotes brain derived neurotrophic factor expression. Neuroscience Letters, 341(1), 17–20.
  • Panksepp, J. (2007). Can PLAY diminish ADHD and facilitate the construction of the social brain? Journal of the Canadian Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 16(2), 57–66.

Bilder: