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Seufzen physiologisch betrachtet

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Wir seufzen ständig, oft unbemerkt. Nach einem langen Tag. In stressigen Momenten. Oder wenn plötzlich Erleichterung eintritt. Doch was passiert dabei eigentlich im Körper? Und warum kann ein einzelner Seufzer unser Nervensystem spürbar verändern? Im folgenden Artikel beziehe ich mich auf die Studie von Severs, Vlemincx & Ramirez (2022). In Zapchen Somatics seufzen wir regelmäßig. Auch in Atemtrainings zur Beruhigung des Nervensystems seufzen wir. Bei Feldenkrais seufzen wir auch manchmal.

Die Studie beginnt mit einem zentralen Paradigmenwechsel. Atmung ist nicht nur Gasaustausch, sondern ein hochintegriertes System, das physiologische, emotionale und kognitive Zustände gleichzeitig reguliert. Ein sehr wichtiger Punkt hierbei ist die Bidirektionalität. Atmung ist bidirektional. Sie reagiert auf Emotionen (Angst, Stress, Freude). Sie beeinflusst diese Zustände aktiv. Unterschiedliche Atemmuster (normales Atmen, Seufzen, Keuchen) sind funktional unterschiedliche Verhaltensweisen. Diese Muster entstehen aus teilweise gleichen, aber unterschiedlich modulierten neuronalen Netzwerken.

Warum ist das therapeutisch bedeutsam?

Atmung ist ein direkter Zugang zum autonomen Nervensystem (ANS). Sie wirkt sowohl Bottom-up, also von Körper zu Psyche, sowie Top-down, d.h. die Atmung ist bewusst steuerbar und kann somit regulierend auf das Nervensystem wirken. Das Seufzen ist dabei kein zufälliges Nebenprodukt, sondern ein eigenständiger Regulationsmechanismus. Seufzen kann als „Reset-Mechanismus im Atemsystem“ verstanden werden, der direkt auf emotionale und physiologische Zustände wirkt.

The “sigh reflex” – Seufzen als lebenswichtiger Reflex

Seufzen wird in der Studie als Reflex beschrieben, der durch verschiedene Körpersignale ausgelöst wird. Physiologisch betrachtet ist Seufzen ein tiefer Atemzug mit mehr als doppelt so großem Volumen wie normale Atmung. Es verhindert einen Kollaps von Alveolen und stellt die Lungenelastizität wieder her. Was löst nun den Seufzer aus? Mechanisch betrachtet, kommt es zu einer Lungendehnung. Chemisch  betrachtet wird Seufzen durch einen Sauerstoffmangel (Hypoxie) und einem CO₂-Anstieg beeinflusst, allerdings nicht ausschließlich. Seufzen passiert auch ohne diese Signale. Es ist nicht nur reaktiv, sondern auch intrinsisch generiert.

Therapeutisch betrachtet ist Seufzen ein homöostatischer Reset. Es verbessert die Sauerstoffversorgung, reguliert CO₂ und stabilisiert das gesamte respiratorische System. Da Atmung eng mit dem ANS gekoppelt ist, bedeutet das, das Seufzen stabilisiert indirekt das autonome Nervensystem über die Körperphysiologie.

The origin of the sigh – Zentrale Entstehung im Gehirn

Hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Seufzen ist kein „größerer Atemzug“, sondern ein eigenständiges neuronales Programm. Es entsteht im Hirnstamm, speziell im präBötzinger-Komplex. Dieses Netzwerk erzeugt eine normale Atmung, das Seufzen und andere Atemmuster. Das gleiche Netzwerk kann verschiedene Atemmodi erzeugen. Seufzen hat aber eine eigene Rhythmik (alle paar Minuten) und eigene neuronale Mechanismen.

Besonders ist dabei aus neurophysiologischer Sicht, dass spezifische Ionenkanäle und Neurotransmitter unterschiedliche Modulation durch Serotonin, Noradrenalin und Acetylcholin erfahren. Das bedeutet, Seufzen ist ein eingebautes neurobiologisches Tool zur Zustandsveränderung. Es ist automatisch verfügbar, tief im Nervensystem verankert und schwer „abzustellen“. Seufzen ist ein evolutionär konservierter Mechanismus zur Selbstregulation, kein willkürliches Verhalten.

Sighs and arousal – Seufzen als Auslöser von Aktivierung

Seufzen ist eng gekoppelt an Arousal (Aktivierung des Nervensystems) und an Übergänge zwischen Zuständen: Schlaf → Wachheit, Ruhe → Aktivität. Ein Seufzer tritt häufig auf vor dem Aufwachen, bei Zustandswechseln und vor körperlicher Aktivierung. Bei Säuglingen ist Seufzen oft der Startpunkt eines Aufwachprozesses. Und hier ist auch die entscheidende Verbindung zum Überleben. Eine Hypoxie (Sauerstoffmangel) löst das Seufzen aus, dies führt zu einem Arousal. Neurobiologisch kommt es zu einer Aktivierung durch noradrenerge Systeme (z. B. C1-Neuronen) und zu einer Verbindung zu Stress- und Aktivierungssystemen.

Seufzen ist somit ein Schwellen-Mechanismus zwischen Zuständen. Es kann aus der Erstarrung durch Aktivierung herausführen. Es kann bei Untererregung regulierend eingreifen. Es kann bei einer Dysregulation einen Reset ermöglichen. Seufzen ist also nicht nur beruhigend, sondern auch aktivierend und reorganisierend. Das macht es so kraftvoll.

Sighing and the control of brain states – Regulation von Gehirnzuständen

Seufzen ist Teil eines Netzwerks zur Regulation globaler Gehirnzustände. Dafür sind zentrale Mechanismen ausschlaggebend. Es besteht eine direkte Verbindung zu dem Locus coeruleus (Noradrenalin) und dem Orexin-System (Wachheit, Motivation) und hat somit Einfluss auf Schlaf-Wach-Zyklen, Aufmerksamkeit sowie Stressreaktionen. Wie bereits beschrieben, Seufzen tritt vermehrt auf bei Zustandsübergängen, bei emotionalen Veränderungen und bei Stress.

Atmung erzeugt rhythmische Aktivität im Gehirn und diese beeinflusst die Wahrnehmung, Emotionen und Kognition. Seufzen wirkt wie ein „Neustart-Signal“ im Netzwerk, insbesondere auf der Emotionalen Dimension. Seufzen ist verbunden mit Stress, Angst, Frustration, Erleichterung und Freude. Seufzen ist eine Brücke zwischen Körper und Emotion.

Warum Seufzen das autonome Nervensystem reguliert?

Aus der Studie ergibt sich ein klares Gesamtbild. Wir haben einen physiologischen Reset. Es kommt zu einer Reinflation der Lunge, zu einer Optimierung von O₂/CO₂ und somit zu einer Stabilisierung der körperlichen Basis. Es kommt zu einer Aktivierung spezifischer Hirnstammnetzwerke und somit zu einem Umschalten zwischen Atemmodi und das hat Einfluss auf Neurotransmitter (Noradrenalin etc.). Die Zustandsregulation betrifft insbesondere Übergänge zwischen Aktivierung und Ruhe, sowie Schlaf und Wachheit. Durch die Kopplung an limbische Prozesse werden Ausdruck und Verarbeitung von Emotion erleichtert.

Seufzen ist ein multidimensionaler Regulationsmechanismus: körperlich (Lunge, Gase), neuronal (Hirnstamm, Neurotransmitter), autonom (Sympathikus/Parasympathikus), emotional (Stress, Erleichterung). Deshalb kann ein einfacher Seufzer Spannung lösen, Zustände verschieben und somit das Nervensystem erneu kalibrieren.

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