Manchmal gibt es Menschen, die uns sofort auf die Nerven gehen. Wir können kaum sagen, warum. Sie sind arrogant, kontrollierend, bedürftig, aufdringlich, egoistisch oder einfach komisch. Und manchmal stimmt unsere Wahrnehmung tatsächlich. Aber manchmal passiert noch etwas anderes. Wir sehen im anderen etwas, das wir in uns selbst nur schwer wahrnehmen können oder nicht wahrhaben wollen. Das nennt die Psychologie Projektion. Projektion ist ein psychischer Abwehrmechanismus. Eigene Gefühle, Wünsche, Impulse oder Persönlichkeitsanteile werden dabei, meist unbewusst, einer anderen Person zugeschrieben. Ich spüre beispielsweise meine eigene Wut kaum und erlebe stattdessen den anderen als besonders aggressiv. Ich möchte vielleicht selbst gesehen werden, empfinde aber den anderen als jemanden, der „ständig im Mittelpunkt stehen muss“. Das Entscheidende daran ist, dass die Wahrnehmung des anderen deshalb nicht automatisch falsch sein muss. Der andere kann tatsächlich aggressiv oder kontrollierend sein. Projektion bedeutet nicht, dass das, was ich sehe, frei erfunden ist. Sie bedeutet vielmehr, dass meine eigene innere Beteiligung an dem, was ich sehe, unbemerkt bleiben kann.
Projektion heißt nicht, dass ich sehe, was nicht da ist.
Sondern, dass ich nicht bemerke, was von mir in dem liegt, was ich sehe.
Wie wir die Welt und andere Menschen filtern
Vielleicht ist genau das der interessante Punkt. Wir nehmen die Welt nicht einfach wahr. Wir nehmen sie immer auch durch uns selbst wahr. Das gilt nicht nur für unsere Gefühle und Erfahrungen, sondern auch dafür, wie wir überhaupt verstehen, was wir wahrnehmen. Lakoff und Johnson haben darauf hingewiesen, dass unser Denken stark durch Metaphern geprägt ist, die aus unserer körperlichen Erfahrung hervorgehen. Abstrakte Erfahrungen werden dabei häufig über körperlich konkrete Erfahrungen verstanden. Wir sprechen beispielsweise davon, dass uns jemand „nahekommt“, uns „unter Druck setzt“, „über uns steht“ oder uns „zurückstößt“. Solche Formulierungen sind nicht bloß sprachliche Bilder. Sie zeigen, wie eng unser Denken mit unserer körperlichen Erfahrung verbunden ist (Lakoff & Johnson, 1999). Auch die Art, wie wir andere Menschen erleben, ist deshalb nicht völlig unabhängig von unseren bereits vorhandenen Vorstellungen und Erfahrungen. Wenn ich jemanden als „bedrohlich“, „kalt“, „aufdringlich“ oder „überheblich“ erlebe, beschreibe ich nicht nur eine Eigenschaft des anderen. Ich ordne meine Wahrnehmung zugleich in ein Bedeutungs- und Erfahrungssystem ein. Was ich wahrnehme, bekommt durch meine bisherigen Erfahrungen eine bestimmte Bedeutung.
An dieser Stelle wird die Philosophie von Emmanuel Levinas hochaktuell. Levinas weist darauf hin, dass wir den Anderen meist in unsere eigene Begriffswelt, in eine Art gedankliches System oder „Totalität“, einordnen wollen. Wir machen uns ein festes Bild von ihm, um ihn für uns greifbar und verstehbar zu machen. Doch der echte Andere entzieht sich dieser Aneignung. Für Levinas ist die Begegnung mit dem „Antlitz“ des Anderen eine Durchbrechung unserer Selbstbezogenheit. Das Antlitz des Gegenübers fordert uns heraus und lässt sich nicht einfach auf unsere eigenen Kategorien, Erwartungen oder Projektionen reduzieren. Wo die Projektion versucht, den anderen Menschen zum Spiegel des eigenen Ichs zu machen, erinnert Levinas daran, dass der Andere immer eine radikale Eigenständigkeit besitzt, die über unser inneres Bild von ihm hinausgeht. Auch die Art, wie wir andere Menschen erleben, ist deshalb nicht völlig unabhängig von unseren bereits vorhandenen Vorstellungen und Erfahrungen. Wenn ich jemanden als „bedrohlich“, „kalt“, „aufdringlich“ oder „überheblich“ erlebe, beschreibe ich nicht nur eine Eigenschaft des anderen. Ich ordne meine Wahrnehmung zugleich in ein Bedeutungs- und Erfahrungssystem ein. Was ich wahrnehme, bekommt durch meine bisherigen Erfahrungen eine bestimmte Bedeutung.
Schutzfunktion der Psyche und Gruppendynamiken
Projektion erfüllt zunächst eine sinnvolle Funktion. Sie schützt uns vor etwas, das innerlich schwer auszuhalten ist. Wenn Wut in meiner bisherigen Vorstellung von mir selbst keinen Platz hat, kann es leichter sein, einen wütenden Menschen außerhalb von mir zu erkennen, als die eigene Wut wahrzunehmen. Wenn Bedürftigkeit mit Schwäche verbunden wurde, kann es einfacher sein, andere als „klammernd“ zu erleben, als die eigene Sehnsucht nach Nähe zu spüren. So kann die Psyche ein stimmiges Selbstbild aufrechterhalten. Ich bin nicht aggressiv, du bist aggressiv. Ich bin nicht bedürftig, du klammerst. Ich bin nicht kontrollierend, du bist kontrollsüchtig. Das geschieht meistens nicht bewusst. Gerade deshalb ist Projektion so schwer zu erkennen. Dabei geht es nicht nur darum, unangenehme Gefühle von sich fernzuhalten. Menschen versuchen auch, ein bestimmtes Bild von sich selbst aufrechtzuerhalten. Was nicht zu diesem Selbstbild passt, kann schwieriger wahrzunehmen oder zu akzeptieren sein. Baumeister und Newman (1997) zeigen in diesem Zusammenhang, wie psychische Prozesse dazu beitragen können, widersprüchliche oder unerwünschte Aspekte des Selbst in eine stimmige Vorstellung von sich selbst einzuordnen. Ein Hinweis kann eine ungewöhnlich starke Reaktion sein. Ich beschäftige mich auffallend viel mit einer bestimmten Person. Ich ärgere mich immer wieder über dasselbe Verhalten. Ich entwickle ein sehr starres Bild und denke, „der ist einfach so“. Oder ich stelle fest, dass angeblich „alle anderen“ dieselbe problematische Eigenschaft haben. Dann kann es interessant werden, einen Schritt zurückzutreten. Nicht nur zu fragen, was mit dem anderen nicht stimmt, sondern auch, was eigentlich in mir passiert, wenn ich ihn so erlebe. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Es geht nicht darum, jede Wahrnehmung zu psychologisieren oder jede Kritik an anderen als Projektion abzutun. Es geht darum, die eigene Beteiligung an der Wahrnehmung mit einzubeziehen. Besonders deutlich wird das in Gruppen. Menschen bringen ihre Erwartungen, Bedürfnisse, Ängste und Beziehungserfahrungen mit in einen gemeinsamen Raum. Dadurch entstehen schnell Rollen und Dynamiken. Einer wird zum „Störenfried“, eine andere zur „Retterin“, jemand zum „Kontrollierenden“, jemand anderes zum „Außenseiter“. Manchmal beschreiben diese Zuschreibungen durchaus reale Verhaltensweisen. Gleichzeitig können sie durch die Wahrnehmungen und Erwartungen der Gruppe verstärkt werden. Das macht Gruppen so interessant. Sie können zu einer Art Spiegelraum werden. Und manchmal taucht gerade dort etwas auf, das wir von uns selbst noch nicht kennen. Vielleicht stört mich jemand, weil er sich etwas erlaubt, das ich mir selbst nicht erlaube. Vielleicht bewundere ich jemanden, weil er einen Anteil lebt, den ich bei mir zurückhalte. Vielleicht lehne ich jemanden ab, weil er mich mit einer Seite von mir konfrontiert, die ich lieber nicht sehen möchte. Das gilt übrigens nicht nur für negative Reaktionen. Auch Idealisierung kann mit Projektion verbunden sein. Ich kann einem Menschen Eigenschaften zuschreiben, die ich selbst gerne hätte oder in mir selbst noch nicht anerkenne. Der andere wird dann zur Projektionsfläche. Was passiert, wenn das über Jahre so bleibt? Hier wird es körperlich interessant. Man sollte allerdings vorsichtig sein. Nicht jede Projektion führt zu körperlichen Beschwerden, und körperliche Symptome lassen sich nicht einfach auf unverarbeitete psychische Konflikte zurückführen.
Die körperliche Ebene: Was im Nervensystem passiert
Wenn Menschen jedoch über lange Zeit bestimmte Gefühle, Bedürfnisse oder innere Konflikte vermeiden, kann diese Form der emotionalen Vermeidung mit einer dauerhaften Stressbelastung verbunden sein. Psychischer Stress beeinflusst das autonome Nervensystem, den Schlaf, die Muskelspannung, die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung körperlicher Signale. Hier ist auch die Perspektive von Stephen Porges interessant. In seiner Polyvagal-Theorie beschreibt er den autonomen Zustand als eine wichtige vermittelnde Größe dafür, wie wir Situationen wahrnehmen und auf sie reagieren. Derselbe äußere Reiz kann je nach autonomem Zustand ganz unterschiedlich erlebt werden. Aus einem Zustand von Sicherheit heraus kann eine Situation beispielsweise als herausfordernd, aber bewältigbar erscheinen. Befindet sich das Nervensystem dagegen bereits in einem Zustand von Bedrohung, können dieselben Signale als Gefahr interpretiert werden. Unsere Reaktion auf einen anderen Menschen entsteht damit nicht ausschließlich aus dem, was dieser Mensch tatsächlich tut. Sie hängt auch davon ab, in welchem körperlichen und emotionalen Zustand wir ihm begegnen (Porges, 2022).
Das ist für das Verständnis von Projektion interessant. Denn wenn mein Nervensystem bereits auf Bedrohung eingestellt ist, kann sich auch meine Wahrnehmung des Gegenübers verändern. Ich nehme möglicherweise schneller Kontrolle, Ablehnung, Aggression oder Zurückweisung wahr. Das bedeutet nicht, dass diese Wahrnehmung falsch ist. Es bedeutet, dass Wahrnehmung immer auch in einem bestimmten körperlichen Zustand stattfindet. Der andere ist also nicht nur das, was er tut. Er wird auch durch den Zustand wahrgenommen, in dem ich mich gerade befinde. Porges beschreibt dabei Gefühle von Sicherheit nicht lediglich als Gedanken oder bewusste Überzeugungen. Sie sind mit physiologischen Zuständen verbunden, in denen das autonome Nervensystem soziale Zugänglichkeit, Regulation und Erholung unterstützt. Umgekehrt können anhaltende Bedrohungszustände die Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Gefahren ausrichten und den Zugang zu regulierenden und sozialen Prozessen erschweren (Porges, 2022). Damit lässt sich auch die körperliche Seite dessen verstehen, was wir im Alltag häufig als „angespannt sein“, „auf der Hut sein“ oder „nicht abschalten können“ beschreiben. Der Körper ist dabei kein passiver Empfänger. Wenn ich beispielsweise immer wieder Wut wahrnehme, sie aber nicht als meine eigene emotionale Reaktion erkennen darf, kann die damit verbundene Aktivierung trotzdem körperlich spürbar werden. Vielleicht spanne ich unbewusst den Kiefer an. Vielleicht halte ich den Atem an. Vielleicht werde ich unruhig oder ziehe mich zurück. Vielleicht merke ich überhaupt nicht mehr, dass ich angespannt bin.
Das bedeutet nicht, dass meine Wut meine Nackenschmerzen verursacht. Es bedeutet vielmehr, dass psychische und körperliche Prozesse nicht unabhängig voneinander ablaufen. Was wir emotional wahrnehmen, vermeiden oder regulieren, beeinflusst auch unsere körperliche Regulation. Und umgekehrt beeinflusst unser körperlicher Zustand, was wir überhaupt wahrnehmen können. Gerade chronischer Stress kann dabei zu einem engeren Regulationsspielraum beitragen. Der Schlaf kann schlechter werden, die Muskelspannung kann zunehmen, die Aufmerksamkeit kann sich stärker auf mögliche Bedrohungen richten und der Zugang zu den eigenen Körper- und Gefühlszuständen kann schwieriger werden.
Vom Verurteilen zum Verstehen: Eine therapeutische Chance
Die eigentliche Frage ist deshalb weniger, welche Krankheit durch Projektion entsteht. Interessanter ist die Frage, was mit mir passiert, wenn ich bestimmte innere Erfahrungen dauerhaft nicht wahrnehmen darf. Vielleicht liegt hier auch eine therapeutische Chance. Wenn ich erkenne, dass meine Reaktion auf einen anderen Menschen möglicherweise etwas mit mir selbst zu tun hat, muss ich nicht sofort zu einer Erklärung kommen. Es reicht zunächst, neugierig zu werden. Was genau stört mich? Was fühle ich dabei? Wo spüre ich es im Körper? Welche Gedanken tauchen auf? Was würde ich dem anderen am liebsten vorwerfen? Und vielleicht die schwierigste Frage ist, ob ich dieses Verhalten, dieses Bedürfnis oder dieses Gefühl auch aus mir selbst kenne. Dabei geht es nicht darum, sich selbst die Schuld zu geben.
Projektion ist kein persönliches Versagen. Abwehrmechanismen haben eine Schutzfunktion. Sie entstehen nicht, weil wir falsch sind, sondern weil unsere Psyche versucht, mit inneren Erfahrungen zurechtzukommen. Der nächste Schritt besteht deshalb nicht darin, die Projektion gewaltsam loszuwerden. Es geht vielmehr darum, den eigenen Wahrnehmungsraum zu erweitern. Vielleicht kann ich meine Wut wahrnehmen, ohne aggressiv zu werden. Meine Bedürftigkeit, ohne mich dafür zu schämen. Meine Angst, ohne mich von ihr bestimmen zu lassen. Meinen Wunsch nach Anerkennung, ohne ihn dem anderen vorzuwerfen. Und vielleicht verändert sich dadurch auch meine Wahrnehmung des Gegenübers. Der andere muss dann nicht mehr die Funktion übernehmen, einen Teil von mir für mich zu tragen. Genau hier bekommt körperorientierte Arbeit eine besondere Bedeutung. Selbsterkenntnis findet nicht nur im Denken statt. Gefühle zeigen sich häufig auch als Veränderungen von Atmung, Muskeltonus, Herzschlag, Haltung, Bewegung und Aufmerksamkeit. Die Fähigkeit, solche Signale wahrzunehmen und mit ihnen in Kontakt zu bleiben, wird als Interozeption beschrieben. Das kann einen entscheidenden Unterschied machen. Zwischen einem inneren Impuls und einer automatischen Reaktion kann ein kleiner Zwischenraum entstehen. Ich bemerke etwas, ich spüre es, ich kann es einordnen und schließlich entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Vielleicht ist genau das ein Weg aus der Projektion. Nicht möglichst viel über den anderen herauszufinden, sondern wieder etwas mehr über sich selbst. Denn manchmal ist die Frage „Was stimmt mit dem anderen nicht?“ tatsächlich weniger interessant als die Frage „Was wird gerade in mir lebendig?“ Und manchmal reicht schon diese Frage, um aus einem vermeintlichen Problem mit dem anderen eine Möglichkeit zur eigenen Entwicklung zu machen.
Nicht alles, was uns an anderen stört, fasziniert oder irritiert, sagt etwas über uns aus. Aber manchmal lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Eine kleine polyvagale Übung für den Alltag: Vom Trigger zurück in die Sicherheit
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dich stark über jemanden ärgerst, getriggert bist oder gedanklich feststeckst („Der ist einfach so unmöglich!“), probiere für zwei Minuten folgende Übung, um dein Nervensystem aus der Abwehr zurück in die Eigenregulation zu begleiten:
- Orientierung im Raum (Ventraler Vagus-Reiz):
Löse den Blick von dem Menschen (oder dem gedanklichen Bild der Person). Blicke dich langsam im Raum um. Lasse deinen Kopf sanft von links nach rechts drehen und suche nach drei Dingen, die dein Auge angenehm oder beruhigend findet (z. B. eine Pflanze, ein Bild, warmes Licht). Das signalisiert deinem autonomem Nervensystem: „Ich bin im Hier und Jetzt sicher.“ - Physiologische Entlastung (Der lange Ausatem):
Atme tief durch die Nase ein und lasse den Atem mit einem hörbaren Seufzer oder einem sanften Summen durch den leicht geöffneten Mund ausströmen. Mache den Ausatem dabei bewusst etwas länger als den Einatem. Das verlangsamt die Herzfrequenz und regt die neuronale Bremse deines Nervensystems an. - Kontakt aufnehmen (Interozeption):
Lege eine Hand sanft auf das Brustbein oder auf den Bauch. Spüre die Wärme der Hand. Stelle dir nun nicht mehr die Frage „Was stimmt mit dem anderen nicht?“, sondern frage dich ganz leise: „Was genau spüre ich gerade in meinem Körper?“ „Welches eigene Bedürfnis braucht gerade Aufmerksamkeit?“ - Innehalten:
Bleibe für ein paar Atemzüge bei dieser Wahrnehmung. Du musst das Gefühl nicht sofort verändern oder auflösen. Es reicht, ihm den Raum zu geben, den es braucht.
Literatur:
- Lakoff, George & Johnson, Mark (1999). Philosophy in the flesh: The embodied mind and its challenge to Western thought. Basic Books.
- Levinas, Emmanuel (1969). Totality and infinity: An essay on exteriority. Duquesne University Press.
- Newman, L. S., Duff, K. J., & Baumeister, R. F. (1997). A new look at defensive projection: Thought suppression, accessibility, and biased person perception. Journal of Personality and Social Psychology, 72(5), 980–1001. https://doi.org/10.1037/0022-3514.72.5.980
- Porges, S. W. (2022). Polyvagal theory: A science of safety. Frontiers in Integrative Neuroscience, 16, 871227. https://doi.org/10.3389/fnint.2022.871227
Bilder:
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