Manchmal sind wir körperlich anwesend und fühlen uns trotzdem nicht wirklich da. Wir funktionieren, nehmen unsere Umgebung wahr und erledigen, was zu tun ist. Und doch kann sich das eigene Erleben merkwürdig fern oder unwirklich anfühlen. Umgekehrt kann ein schneller Herzschlag beunruhigen, begeistern oder kaum auffallen. Das körperliche Signal allein erklärt noch nicht, wie wir uns fühlen. Wie entsteht also unser subjektives Erleben? Warum fühlt sich eine Situation wirklich an, warum erleben wir unseren Körper als unseren eigenen – und weshalb können sich diese Erfahrungen verändern? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Anil Seth, Keisuke Suzuki und Hugo Critchley in ihrer 2012 veröffentlichten theoretischen Arbeit zum interozeptiven Predictive Coding. Ihr Ansatz verbindet die Wahrnehmung innerer Körperzustände mit der Frage, wie unser Gehirn Vorhersagen bildet und daraus ein Gefühl von Gegenwärtigkeit entstehen kann. Die Studie liefert keine abschließende Erklärung des Bewusstseins. Sie eröffnet aber eine interessante Perspektive darauf, wie Körper, Vorhersage und subjektives Erleben zusammenwirken.
Welche Frage wollen die Autoren beantworten?
Die Autoren beschäftigen sich mit einem grundlegenden, im Alltag oft übersehenen Phänomen, dem Gefühl, dass wir selbst und die Welt um uns herum wirklich, unmittelbar und gegenwärtig sind. Das klingt zunächst selbstverständlich. Wir sehen einen Raum, hören Geräusche, spüren unseren Körper und nehmen an, dass wir uns in dieser Situation befinden. Doch dieses Erleben kann sich verändern, obwohl unsere Sinnesorgane weiterhin Informationen liefern. Die Autoren unterscheiden deshalb zwei miteinander verbundene Fragen:
- Presence – Gegenwärtigkeit: Warum fühlt sich die eigene Person und die Welt real und unmittelbar an?
- Agency – Handlungserleben: Warum erleben wir unsere Bewegungen und Handlungen als selbst verursacht?
Beide Phänomene sind verwandt, aber nicht identisch. Ich kann beispielsweise eine Bewegung bewusst ausführen und wissen, dass ich sie selbst verursacht habe, mich dabei jedoch innerlich unwirklich oder von mir selbst distanziert fühlen. Umgekehrt kann eine virtuelle Umgebung real erscheinen, obwohl ich nur begrenzte Kontrolle über sie habe.
Was bedeutet „Gegenwärtigkeit“ hier genau? Die Autoren meinen nicht einfach, aufmerksam zu sein, sich zu konzentrieren oder bewusst im gegenwärtigen Moment zu leben. Gemeint ist vielmehr das grundlegende subjektive Erleben, dass das eigene Selbst und die wahrgenommene Welt tatsächlich existieren und unmittelbar erfahrbar sind. Sie betrachten dieses Erleben als eine strukturelle Eigenschaft des Bewusstseins. Es prägt, wie real eine Erfahrung erscheint, nicht nur, welchen Inhalt sie hat. Zwei Menschen können also denselben Raum sehen und dieselben Geräusche hören. Dennoch kann sich dieser Raum für den einen lebendig und unmittelbar, für den anderen merkwürdig fern oder unwirklich anfühlen.
Die theoretischen Grundlagen
Das Modell verbindet vier zentrale Forschungsbereiche.
- Interozeption: die Wahrnehmung des inneren Körpers
Interozeption bezeichnet die Verarbeitung von Informationen über den physiologischen Zustand des Körpers. Dazu gehören beispielsweise Herzschlag, Atmung, Kreislauf, Temperatur und Signale aus den inneren Organen. Diese Informationen stehen in engem Zusammenhang mit dem Erleben von Gefühlen und körperlichen Zuständen. Der Körper ist demnach nicht nur ein Objekt, das wir von außen wahrnehmen, sondern eine Quelle fortlaufender Signale, die unser subjektives Erleben mit prägen. - Die anteriore Insula: Körperinformation und subjektives Erleben
Die anteriore Insula, ein Bereich der Großhirnrinde, steht im Zentrum des vorgeschlagenen Modells. Sie wird mit der Verarbeitung interozeptiver Informationen, der Integration verschiedener Signale und dem bewussten Erleben emotionaler Zustände in Verbindung gebracht. Die Autoren betrachten sie als einen möglichen Ort, an dem vorhergesagte und tatsächlich eintreffende Körpersignale miteinander verglichen werden. Sie behaupten allerdings nicht, dass Gegenwärtigkeit ausschließlich in diesem Hirnareal entsteht. - Predictive Coding: Wahrnehmung als Vorhersageprozess
Das Gehirn verarbeitet nach diesem Ansatz nicht nur eingehende Informationen. Es erzeugt fortlaufend Erwartungen darüber, welche Sinnes- und Körpersignale eintreffen sollten. Diese Erwartungen werden mit den tatsächlichen Signalen verglichen. Abweichungen erzeugen sogenannte Vorhersagefehler (prediction errors), die wiederum die weitere Verarbeitung beeinflussen. - Handlungserleben, virtuelle Realität und Dissoziation
Die Autoren beziehen Befunde zum Erleben selbst verursachter Handlungen, zu virtuellen Umgebungen sowie zu Depersonalisation und Derealisation ein. Diese Forschungsfelder sind auf unterschiedliche Weise hilfreich. Virtuelle Realität untersucht, wie Gegenwärtigkeit entstehen kann; Dissoziation zeigt, wie sich das Gefühl von Wirklichkeit und Selbstzugehörigkeit verändern kann.
Predictive Coding: Wie aus Körpersignalen Erleben entsteht
Um das Modell zu verstehen, müssen wir drei Dinge auseinanderhalten:
- Das Gehirn erzeugt eine Vorhersage.
- Der Körper liefert tatsächliche Signale.
- Das Gehirn verarbeitet die Übereinstimmung oder Abweichung zwischen beidem.
Das gilt nach dem Modell sowohl für die äußere Wahrnehmung und das Handlungserleben als auch für die Wahrnehmung des inneren Körpers. Stell dir vor, du bemerkst plötzlich, dass dein Herz schneller schlägt. Das Herzklopfen ist zunächst eine körperliche Information. Es legt aber nicht eindeutig fest, wie du dich fühlen wirst oder welche Bedeutung du der Situation gibst. Dein Herz schlägt schneller. Interozeptive Informationen über den veränderten Zustand gelangen in die Verarbeitung. Das Gehirn verarbeitet das Signal im Zusammenhang mit bisherigen Erfahrungen, aktuellen Erwartungen und dem jeweiligen Kontext. Das Herzklopfen kann beispielsweise als beunruhigend, aufregend oder körperlich anstrengend erlebt werden. Der Körperzustand ist dabei nicht der einzige Faktor; entscheidend ist auch seine Einbettung in den jeweiligen Wahrnehmungs- und Vorhersageprozess. Dieses Beispiel veranschaulicht den theoretischen Ansatz. Es ist kein einzelner Versuch aus der Studie. Die Autoren knüpfen damit an frühere Emotionstheorien an: an James und Lange, die die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen für Gefühle hervorhoben, sowie an Schachter und Singer, die die Bedeutung der kognitiven Interpretation körperlicher Erregung betonten. Sie gehen einen Schritt weiter. Im Predictive-Coding-Modell werden nicht erst fertige Körpersignale wahrgenommen und anschließend interpretiert. Vielmehr beeinflussen Vorhersagen bereits, wie körperliche Informationen verarbeitet werden und welches subjektive Gefühl entsteht. Die Autoren bezeichnen diese Perspektive als eine Form von interoceptive inference – interozeptivem Schlussfolgern.
Was ist ein Vorhersagefehler?
Ein Vorhersagefehler ist die Abweichung zwischen einem erwarteten und einem eintreffenden Signal. Wenn du beispielsweise erwartest, dass dein Herz nach einer kurzen Pause wieder ruhiger schlägt, es aber weiterhin schnell schlägt, entspricht das Signal möglicherweise nicht deiner Erwartung. Das Gehirn muss diese Abweichung verarbeiten. Dabei kommt es nicht nur darauf an, ob eine Abweichung besteht, sondern auch darauf, wie zuverlässig die jeweilige Vorhersage und das eintreffende Signal eingeschätzt werden. Hier kommt ein wichtiger Begriff ins Spiel: Präzision. Präzision bezeichnet in diesem Modell vereinfacht die eingeschätzte Zuverlässigkeit einer Information. Ein Signal, dem viel Präzision zugeschrieben wird, erhält mehr Gewicht als eines, das als unzuverlässig gilt. Die subjektive Wahrnehmung hängt somit nicht nur davon ab, welche Informationen eintreffen, sondern auch davon, wie stark das Gehirn ihnen im Verhältnis zu seinen Erwartungen vertraut.
Die zentrale These: Gegenwärtigkeit durch passende interozeptive Vorhersagen
Jetzt kommen wir zum eigentlichen Kern. Nach dem vorgeschlagenen Modell entsteht das Gefühl von Gegenwärtigkeit, wenn informative Vorhersagen über den inneren Körper mit den eintreffenden Körpersignalen hinreichend gut zusammenpassen. Die Vorhersagen stammen dabei aus einem dynamischen Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Umwelt. Sie beziehen sich auf Signale, die durch autonome Regulation und körperliche Reaktionen auf äußere Ereignisse entstehen. Gegenwärtigkeit bedeutet im Modell nicht, dass überhaupt keine Vorhersagefehler vorhanden sein dürfen. Es geht darum, dass die relevanten Signale und Vorhersagen so aufeinander abgestimmt sind, dass verbleibende Abweichungen ausreichend verarbeitet werden können. Ein völliges Fehlen von Signalen wäre nicht dasselbe wie ein sinnvoller Abgleich zwischen Vorhersage und tatsächlichem Körperzustand. Das Modell beschreibt damit keinen starren Ruhezustand, sondern einen fortlaufenden Prozess. Wir bewegen uns, reagieren auf unsere Umgebung, verändern unseren Atem, erleben emotionale Reaktionen und regulieren unseren Körper. Gleichzeitig aktualisiert das Gehirn seine Erwartungen. Gegenwärtigkeit entsteht nach diesem Ansatz aus dem Zusammenspiel dieser Prozesse.
Die zwei Komponenten des Modells: Presence und Agency
Die Autoren modellieren zwei miteinander verbundene Systeme. Komponente 1, Agency, ist das Gefühl, selbst zu handeln. Das System erzeugt motorische Signale und Vorhersagen darüber, welche Sinnesfolgen die eigene Handlung haben sollte. Anschließend werden diese Erwartungen mit den eintreffenden Informationen verglichen. Komponente 2, Presence, ist das Gefühl, selbst und die Welt wirklich zu erleben. Das System verarbeitet interozeptive Vorhersagen und Körpersignale, die unter anderem mit autonomen Körperreaktionen zusammenhängen.
- Agency: Warum fühlt sich eine Handlung selbst verursacht an?
Wenn du deinen Arm hebst, erzeugt dein Gehirn nicht nur den Bewegungsbefehl. Es sagt auch voraus, welche sensorischen Folgen die Bewegung haben sollte. Du erwartest beispielsweise, dass sich deine Schulter bewegt, sich die Stellung deines Arms verändert und bestimmte propriozeptive Signale auftreten. Passen die tatsächlichen Rückmeldungen hinreichend gut zu diesen Vorhersagen, unterstützt das dein Gefühl, die Bewegung selbst verursacht zu haben. Dieses Prinzip geht auf sogenannte Vergleichermodelle des Handlungserlebens zurück. Die Studie integriert diese Modelle in ihren eigenen Ansatz. Sind die Vorhersagen dagegen unpräzise oder passen sie nicht angemessen zu den eintreffenden Signalen, kann das Erleben der Urheberschaft beeinträchtigt werden. Die Autoren beziehen diese Überlegung unter anderem auf Störungen des Handlungserlebens bei Schizophrenie. Das bedeutet nicht, dass jede Abweichung pathologisch ist; entscheidend ist die spezifische Art und Ausprägung der Störung. - Presence: Warum fühlt sich die eigene Erfahrung real an?
Die Presence-Komponente betrifft nicht primär die Frage, ob du eine Handlung verursacht hast. Sie betrifft die subjektive Wirklichkeit deiner Erfahrung. Das Modell nimmt an, dass informative interozeptive Vorhersagen und tatsächliche Körpersignale dazu beitragen, dass sich die eigene Person und die Welt unmittelbar und real anfühlen. Der Körper liefert dabei nicht einfach eine zusätzliche Information neben anderen. Seine Signale wirken an dem Prozess mit, durch den eine Situation überhaupt als eigene, gegenwärtige Erfahrung erlebt wird.
Die beiden Komponenten beeinflussen sich gegenseitig. Die Autoren ordnen Agency in ihrer konkreten Modellversion hierarchisch oberhalb von Presence an. Das Handlungssystem erzeugt demnach auch Vorhersagen über die interozeptiven Folgen von Handlungen. Diese beeinflussen die weitere Verarbeitung im Presence-System. Die Autoren halten außerdem fest, dass Agency und Presence weder notwendigerweise gemeinsam auftreten noch einander vollständig erklären. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Veränderungen des Handlungserlebens das Gefühl von Gegenwärtigkeit beeinflussen können. Das ist eine wichtige Differenzierung. Das Gefühl, etwas selbst zu tun, und das Gefühl, wirklich da zu sein, hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.
Die Rolle der anterioren Insula
Die anteriore Insula (AIC) ist der zentrale neuroanatomische Bezugspunkt des Modells. Die Insula liegt tief in der Großhirnrinde und ist an verschiedenen Prozessen beteiligt, die Körperzustände, Emotionen und bewusste Wahrnehmung miteinander verbinden. Die Autoren greifen insbesondere auf Forschung zurück, die eine Verbindung zwischen interozeptiver Verarbeitung und subjektivem Gefühlserleben nahelegt. Warum ist das für das Modell bedeutsam? Die Wahrnehmung eines Körperzustands und das bewusste Erleben dieses Zustands sind nicht zwangsläufig dasselbe. Ein physiologischer Prozess kann stattfinden, ohne dass wir ihn klar wahrnehmen oder emotional einordnen können. Die Autoren vermuten, dass die anteriore Insula an der Verarbeitung von Vorhersagen über innere Körperzustände und den dazugehörigen Vorhersagefehlern beteiligt ist. Sie könnte somit eine wichtige Rolle dabei spielen, wie physiologische Signale zu subjektiv erlebten Gefühlen und einem Gefühl von Gegenwärtigkeit beitragen.
Ein wichtiger Unterschied: Körpersignal, Körperwahrnehmung und Gefühl
Diese drei Ebenen sollten nicht gleichgesetzt werden:
- Physiologischer Zustand: Das Herz schlägt schneller.
- Interozeptive Verarbeitung: Das Nervensystem verarbeitet Informationen über den Herzschlag.
- Subjektives Erleben: Der Zustand wird beispielsweise als beängstigend, angenehm, neutral oder schwer einzuordnen erlebt.
Das sind keine vollständig voneinander getrennten Vorgänge. Sie verdeutlichen vielmehr, dass ein physiologisches Ereignis nicht automatisch ein bestimmtes bewusstes Gefühl hervorbringt. Das Modell setzt genau an dieser Verbindung an. Die anteriore Insula ist dabei ein wichtiger Kandidat, aber kein isolierter Schalter für Emotion, Körperbewusstsein oder Gegenwärtigkeit. Die Autoren beziehen ausdrücklich weitere Hirnregionen und hierarchische Verarbeitungsprozesse ein.
Depersonalisation und Derealisation: Wenn das Selbst oder die Welt unwirklich erscheinen
Ein besonders interessanter Teil der Studie betrifft die Frage, wie sich das Modell auf veränderte Formen des Wirklichkeitserlebens anwenden lässt. Die Autoren betrachten Depersonalisation und Derealisation als klinisch relevante Phänomene, bei denen das Gefühl von Gegenwärtigkeit beeinträchtigt sein kann.
Depersonalisation: Die eigene Person oder die eigenen mentalen Vorgänge können sich fremd, distanziert oder unwirklich anfühlen. Betroffene beschreiben mitunter, sich selbst wie von außen zu beobachten. Das kann mit einer veränderten Wahrnehmung des Körpers und einem verminderten Zugang zum eigenen emotionalen Erleben einhergehen.
Derealisation: Die Umgebung kann fremd, fern oder unwirklich erscheinen, obwohl die Person grundsätzlich weiß, dass sie tatsächlich existiert. Das subjektive Gefühl von Realität verändert sich also, ohne dass dies zwangsläufig mit einer falschen Überzeugung über die objektive Wirklichkeit verbunden ist.
Diese Unterscheidung ist klinisch wichtig. Ein verändertes Gefühl von Wirklichkeit bedeutet nicht automatisch, dass jemand den Bezug zur Realität im Sinne einer Psychose verloren hat. Depersonalisation und Derealisation können bei unterschiedlichen Belastungs- und Krankheitsbildern auftreten und müssen im jeweiligen Kontext beurteilt werden.
Wie erklären Seth und Kollegen diese Phänomene?
Die Autoren schlagen vor, dass bei Depersonalisation und Derealisation die interozeptiven Vorhersagen möglicherweise nicht ausreichend präzise sind. Das ist eine Hypothese des Modells, keine abschließend bestätigte Erklärung der Störung. Der entscheidende Gedanke lautet: Wenn das Gehirn Körperzustände nicht in einer Weise vorhersagt und verarbeitet, die ein kohärentes subjektives Erleben unterstützt, könnte das Gefühl von Selbstzugehörigkeit und Wirklichkeit beeinträchtigt werden. Die Autoren beziehen sich dabei auch auf frühere bildgebende Untersuchungen, in denen bei Menschen mit Depersonalisationsstörung eine verringerte Aktivierung der anterioren Insula bei der Betrachtung unangenehmer Bilder beobachtet wurde. Sie interpretieren diese Befunde im Zusammenhang mit der Hypothese einer veränderten interozeptiven Vorhersageverarbeitung. Wichtig ist die Einschränkung. Eine verringerte Aktivierung in einer bestimmten Hirnregion beweist nicht, dass unpräzise Vorhersagen die Ursache der Störung sind. Ebenso wenig lässt sich aus diesem Befund allein eine individuelle Diagnose ableiten.
Angst und emotionale Taubheit: Zwei unterschiedliche Muster
Die Autoren diskutieren einen interessanten Gegensatz zwischen Angst und Depersonalisation. In früheren Modellen wurde Angst mit verstärkten interozeptiven Vorhersagefehlern in Verbindung gebracht. Die Autoren greifen diese Annahme auf und stellen ihr eine mögliche Erklärung der Depersonalisation gegenüber.
Muster A: Angst — Hypothese: erhöhte Vorhersagefehler — Körperliche Veränderungen können stark ins Bewusstsein treten und als bedeutsam oder bedrohlich erlebt werden. Wenn die Vorhersage- und Verarbeitungsprozesse nicht ausreichend mit den eintreffenden Signalen übereinstimmen, könnte dies zu einer anhaltenden Verstärkung körperbezogener Alarmreaktionen beitragen.
Muster B: Depersonalisation — Hypothese: unpräzise interozeptive Vorhersagen — Statt einer ausgeprägten, differenzierten Verarbeitung innerer Signale könnte die Verarbeitung weniger präzise sein. Das Modell verbindet dies mit einer möglichen Abschwächung des emotionalen Erlebens und einem verminderten Gefühl von Wirklichkeit.
Beide Muster sind theoretische Deutungen der Autoren. Sie sind keine diagnostischen Kriterien und beschreiben nicht zwangsläufig alle Menschen mit Angst oder Depersonalisation. Der Unterschied ist bemerkenswert. Ein intensives Erleben körperlicher Signale und ein vermindertes Gefühl von Körperlichkeit oder Wirklichkeit könnten unterschiedliche Formen einer gestörten Abstimmung zwischen Vorhersagen und Körpersignalen darstellen. Die Studie legt damit nahe, emotionale Übererregung und emotionale Taubheit nicht einfach als entgegengesetzte Mengen derselben Eigenschaft zu betrachten. Sie könnten mit unterschiedlichen Veränderungen in der Verarbeitung interozeptiver Informationen zusammenhängen.
Körperwahrnehmung, visuelle Informationen und die Gummihand-Illusion
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Zusammenspiel von Interozeption und äußerer Wahrnehmung. Die Autoren gehen davon aus, dass das Erleben des eigenen Körpers nicht allein aus inneren Körpersignalen hervorgeht. Es wird auch durch visuelle, taktile und propriozeptive Informationen beeinflusst. Ein bekanntes Beispiel ist die Gummihand-Illusion. Bei diesem Experiment wird die echte Hand einer Versuchsperson aus dem Blickfeld verborgen und eine künstliche Hand sichtbar platziert. Werden die echte und die künstliche Hand zeitlich passend berührt, können manche Personen die künstliche Hand teilweise als zum eigenen Körper gehörig erleben.


Das zeigt, dass das Körpererleben durch die Integration verschiedener Informationsquellen beeinflusst werden kann. Die Autoren beziehen sich außerdem auf Befunde, nach denen die Anfälligkeit für die Gummihand-Illusion mit der interozeptiven Sensitivität zusammenhängen kann. In der von ihnen zitierten Untersuchung bestand ein negativer Zusammenhang zwischen der Herzschlagwahrnehmungsleistung und der Anfälligkeit für die Illusion. Die Befunde sprechen für eine mögliche Wechselwirkung zwischen innerer Körperinformation und äußerer multisensorischer Information. Sie belegen jedoch nicht, dass eine einzelne interozeptive Fähigkeit das Körpererleben insgesamt bestimmt.
Was bedeutet das für das Modell? Das Körpererleben ist demnach weder ausschließlich eine Folge innerer Signale noch lediglich eine Interpretation dessen, was wir sehen. Vielmehr können unterschiedliche Informationsquellen miteinander konkurrieren, sich gegenseitig bestätigen oder unterschiedlich gewichtet werden. Diese Perspektive ist für die Embodiment-Forschung besonders relevant. Das Gefühl, im eigenen Körper zu sein, könnte mit davon abhängen, wie das Gehirn Informationen über den Körper, die Umgebung und die Folgen eigener Handlungen zusammenführt.
Dopamin und die Gewichtung von Vorhersagen
Die Autoren beziehen auch dopaminerge Signalprozesse ein. Dopamin wird in der Forschung unter anderem mit Belohnungslernen, Vorhersagefehlern und der Verarbeitung bedeutsamer Informationen in Verbindung gebracht. Die Studie greift theoretische Arbeiten auf, in denen dopaminerge Aktivität zur Erklärung der Gewichtung von Vorhersagefehlern herangezogen wird. Im vorliegenden Modell ist die Präzision von Vorhersagen entscheidend. Das Gehirn muss nicht nur Unterschiede zwischen Erwartung und tatsächlichem Signal registrieren, sondern auch einschätzen, wie verlässlich diese Informationen sind. Die Autoren diskutieren, ob dopaminerge Mechanismen an dieser Gewichtung beteiligt sein könnten und wie Störungen solcher Prozesse das Handlungserleben oder die Wahrnehmung von Wirklichkeit beeinflussen könnten. Daraus sollte man allerdings nicht ableiten, dass Dopamin allein das Gefühl von Gegenwärtigkeit erzeugt oder dass Depersonalisation schlicht ein Dopaminproblem sei. Der Artikel entwickelt ein mehrstufiges Modell, in dem verschiedene neuronale Systeme und Informationsprozesse zusammenwirken.
Wie lässt sich das Modell empirisch überprüfen?
Ein großer Teil des Artikels widmet sich der Frage, wie sich die vorgeschlagene Theorie experimentell testen ließe. Das ist ein wesentlicher Punkt, denn die Autoren formulieren nicht nur eine Erklärung, sondern leiten daraus konkrete Forschungsfragen ab. Welche Untersuchungen schlagen sie vor? Im Bereich der Virtuellen Realität: Wie verändern sich Gegenwärtigkeit und Handlungserleben, wenn visuelle Rückmeldungen oder Handlungsmöglichkeiten verändert werden? Die Autoren verweisen unter anderem auf bereits vorliegende Befunde aus Virtual-Reality-Experimenten. In einer Untersuchung mit einer virtuellen Achterbahnfahrt war das berichtete Gegenwärtigkeitserleben mit Aktivität in einem verteilten Netzwerk von Hirnregionen verbunden, darunter auch der anterioren Insula. Andere Untersuchungen zeigten, dass die wahrgenommene Kontrolle über Ereignisse in einer virtuellen Umgebung das berichtete Gefühl von Gegenwärtigkeit verstärken kann. Diese Ergebnisse sind mit dem Modell vereinbar. Sie beweisen aber nicht, dass interozeptives Predictive Coding allein für die beobachteten Effekte verantwortlich ist.
Wie misst man überhaupt, ob sich ein Mensch wirklich gegenwärtig fühlt? Die Autoren diskutieren mehrere Möglichkeiten: Fragebögen, Verhaltensaufgaben, physiologische Messungen und Veränderungen im Erleben virtueller Umgebungen. Keine dieser Methoden erfasst das Phänomen vollständig. Ein Mensch kann sich beispielsweise subjektiv sehr präsent fühlen, ohne sich in einer Aufgabe besonders gut zu verhalten. Umgekehrt kann eine Person eine Aufgabe erfolgreich lösen, ohne dass sich die Umgebung für sie besonders real anfühlt. Deshalb schlagen die Autoren vor, unterschiedliche Messverfahren zu kombinieren.
Was bedeutet die Studie für Embodiment und körperorientierte Arbeit?
An dieser Stelle wird das Modell besonders anschlussfähig für die Frage, wie Körperwahrnehmung, Bewegung, Atmung und emotionale Regulation zusammenwirken. Ich möchte dabei ausdrücklich zwischen den Aussagen der Studie und möglichen praktischen Ableitungen unterscheiden. Die folgenden Überlegungen sind Anwendungen des theoretischen Modells, keine Wirksamkeitsnachweise für bestimmte therapeutische Verfahren.
Körperwahrnehmung ist mehr als das Registrieren von Empfindungen. Ein verbreitetes Verständnis von Körperwahrnehmung lautet. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Körper und nehme wahr, was dort geschieht. Das ist sinnvoll, bildet den Ansatz der Autoren aber nur teilweise ab. Nach dem Modell hängt das subjektive Erleben auch davon ab, welche Signale erwartet werden und wie diese Erwartungen mit der tatsächlichen Körperinformation zusammenpassen. Zwei Menschen können beispielsweise ihren Herzschlag bemerken und dennoch etwas sehr Unterschiedliches erleben. Einer empfindet ihn als neutral, ein anderer als beunruhigend. Dabei können physiologische Unterschiede, Erwartungen, Kontext und weitere Faktoren eine Rolle spielen. Für die Praxis ergibt sich daraus eine interessante Frage: Wie kann ein Mensch lernen, Körperempfindungen differenzierter wahrzunehmen, ohne sie sofort als Gefahr, Überforderung oder etwas anderes bewerten zu müssen? Das ist eine mögliche therapeutische Fragestellung, die sich aus dem Modell ableiten lässt. Sie wird durch den Artikel allein nicht als wirksame Intervention bestätigt.
Bewegung könnte die Vorhersagbarkeit des eigenen Körpers erfahrbar machen. Bewegung erzeugt fortlaufend sensorische Rückmeldungen. Wenn du beispielsweise langsam einen Arm hebst, kannst du Veränderungen in Muskelspannung, Gelenkstellung, Atmung und Gleichgewicht wahrnehmen. Die tatsächlichen Folgen deiner Bewegung können mit deinen Erwartungen verglichen werden. Du kannst bemerken, ob eine Bewegung leichter, schwerer, anders oder weniger kontrolliert ausfällt als erwartet. Das passt konzeptionell zum Zusammenspiel von Agency und sensorischer Rückmeldung, das die Autoren beschreiben. Für körperorientierte Verfahren wie Feldenkrais könnte daraus eine interessante Perspektive entstehen. Nicht nur die Bewegung selbst, sondern auch das Erkennen ihrer Folgen wird zum Gegenstand des Lernens. Allerdings untersucht Seth und Kollegen Feldenkrais nicht. Die Übertragung ist daher eine theoretische Anschlussmöglichkeit, keine Aussage über eine nachgewiesene Wirkungsweise der Methode.
Atmung als Zugang zu interozeptiver Information. Die Atmung ist besonders interessant, weil sie sowohl automatisch als auch willentlich beeinflusst werden kann. Du atmest, ohne jeden Atemzug bewusst steuern zu müssen. Gleichzeitig kannst du deine Atmung verändern, etwa indem du langsamer ausatmest oder die Atembewegung bewusster wahrnimmst. Damit verbindet die Atmung physiologische Rückmeldungen mit dem Erleben eigener Handlungsmöglichkeiten. Im Sinne des Modells lässt sich fragen: Welche Körperempfindungen erwarte ich, wenn ich meine Atmung verändere? Welche Veränderungen nehme ich tatsächlich wahr? Wie beeinflussen diese Empfindungen mein Erleben der Situation? Erlebe ich die Atembewegung als selbstbestimmt, angenehm, ungewohnt oder anstrengend? Die Studie zeigt nicht, dass eine bestimmte Atemtechnik die Gegenwärtigkeit verbessert. Sie liefert aber einen theoretischen Rahmen, um die Verbindung von Körperzustand, Handlungserleben und subjektivem Gefühl zu untersuchen.
Interozeption bedeutet nicht, möglichst viel im Körper zu spüren. Eine wichtige praktische Konsequenz ist, dass mehr Körperwahrnehmung nicht automatisch besser sein muss. Wenn jemand jede Veränderung des Herzschlags als Gefahr deutet, kann eine verstärkte Konzentration auf den Körper unter Umständen auch die Aufmerksamkeit auf bedrohlich erlebte Signale erhöhen. Die Autoren diskutieren gerade im Zusammenhang mit Angst, dass eine verstärkte Verarbeitung interozeptiver Vorhersagefehler mit belastendem Erleben verbunden sein könnte. Daraus folgt für eine mögliche therapeutische Anwendung: Es geht nicht ausschließlich darum, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Ebenso wichtig könnte sein, wie die Person die wahrgenommenen Signale einordnet, wie sicher sie sich in der Situation fühlt und ob sie ihre Aufmerksamkeit flexibel zwischen Körper und Umwelt bewegen kann. Auch das ist eine aus dem Modell abgeleitete Überlegung, keine direkt geprüfte Behandlungsempfehlung.
Die Grenzen der Studie
Die Studie ist theoretisch interessant, aber ihre Aussagekraft muss sorgfältig eingeordnet werden. Sie entwickeln ein gemeinsames neurokognitives Modell, das Interozeption, Vorhersageprozesse, Emotion, Handlungserleben und Gegenwärtigkeit miteinander verbindet. Dabei benennen sie mögliche neuronale Mechanismen und leiten überprüfbare Forschungsfragen ab. Es ist keine experimentelle Studie, die sämtliche Bestandteile des Modells in einem einzigen Versuchsaufbau prüft. Es beweist weder, dass die anteriore Insula der alleinige Ort von Gegenwärtigkeit ist, noch dass bestimmte interozeptive Vorhersagefehler Depersonalisation verursachen. Die Autoren integrieren bestehende empirische Befunde und theoretische Ansätze. Manche Komponenten ihres Modells werden durch verwandte Forschung gestützt, andere bleiben Hypothesen, die gezielter geprüft werden müssen. Ein weiterer Punkt ist die Komplexität des Gegenwärtigkeitserlebens. Visuelle, auditive, taktile, propriozeptive und interozeptive Informationen wirken zusammen. Auch Aufmerksamkeit, Kontext, Erwartungen und weitere neuronale Prozesse sind beteiligt. Das Modell ist deshalb als ein Erklärungsansatz zu verstehen, nicht als vollständige Theorie des Bewusstseins.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess. Das Gehirn verarbeitet nicht einfach eingehende Informationen, sondern nutzt Vorhersagen, um sie einzuordnen.
- Der Körper ist an unserem emotionalen Erleben beteiligt. Körpersignale und Vorhersagen über diese Signale tragen dazu bei, wie wir uns fühlen.
- Handlungserleben und Gegenwärtigkeit hängen zusammen. Das Gefühl, eine Handlung selbst zu verursachen, und das Gefühl, selbst und die Welt wirklich zu erleben, beeinflussen sich gegenseitig, bleiben aber unterscheidbar.
- Die anteriore Insula ist ein wichtiger Kandidat im Modell. Sie könnte an der Verarbeitung interozeptiver Vorhersagen und ihrer Abweichungen beteiligt sein. Das Modell setzt jedoch ein verteiltes neuronales Netzwerk voraus.
- Das Modell eröffnet neue Forschungsfragen. Virtuelle Realität, manipuliertes physiologisches Feedback und neurophysiologische Messungen können helfen, die Zusammenhänge zwischen Körperwahrnehmung, Handlungserleben und Gegenwärtigkeit genauer zu untersuchen.
Fazit: Wie entsteht das Gefühl, wirklich da zu sein?
Die Studie von Seth, Suzuki und Critchley eröffnet eine spannende Perspektive auf unser Erleben. Was wir wahrnehmen, hängt nicht allein davon ab, welche Signale unser Körper und unsere Umwelt liefern. Auch unsere Erwartungen beeinflussen, wie wir diese Signale verarbeiten und welche Bedeutung sie für uns bekommen. Vereinfacht lässt sich dieser Prozess so beschreiben: Körperzustand und Signale → Vorhersagen und Erwartungen → Wahrnehmung und Gefühl → Handlung und neue Erfahrung. Dabei handelt es sich nicht um eine lineare Abfolge, sondern um einen fortlaufenden Prozess wechselseitiger Beeinflussung. Für die körperorientierte Arbeit ist dieser Gedanke besonders interessant. Bewegung und Atmung ermöglichen es uns, Veränderungen wahrzunehmen, Erwartungen zu überprüfen und neue Erfahrungen mit dem eigenen Körper zu machen. Ob und unter welchen Bedingungen daraus bestimmte Lern- oder Regulationsprozesse entstehen, muss allerdings gesondert untersucht werden. Für mich liegt die zentrale Frage deshalb nicht nur darin, was wir wahrnehmen, sondern auch, wie unser Erleben entsteht. Was verändert sich, wenn wir unseren Körper anders wahrnehmen, eine Bewegung variieren oder einer Empfindung begegnen, ohne sie sofort einordnen zu müssen? Vielleicht beginnt genau dort eine neue Erfahrung: nicht indem wir die Wirklichkeit einfach anders denken, sondern indem wir entdecken, wie wir sie erleben.
Literatur:
- Seth, A. K., Suzuki, K., & Critchley, H. D. (2012). An interoceptive predictive coding model of conscious presence. Frontiers in Psychology, 2, Article 395. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2011.00395
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