Im Eingangsartikel “Was ist Interozeption?” schrieb ich bereits über dieses interessante Wort Interozeption. Der Artikel hatte das Ziel, sich diesem Begriff anzunähern, zu erklären, was darunter zu verstehen ist. In einem Wort dreht es sich dabei um die Innenwahrnehmung. Die Außenwahrnehmung wäre unter anderem Sehen und Hören. Die Innenwahrnehmung wäre die Wahrnehmung von körperlichen Empfindungen. Wir sprechen hier noch nicht von Emotionen. Emotionen, autonome Zustände, Propriozeption, Exterozeption und die Interozeption haben sehr viel mit der gegenwärtigen Erfahrung und dem Fühlen zu tun. Die Emotion ist dabei allerdings nachgelagert. Vorher waren Körperzustände. Und dann wären wir wieder bei der Interozeption. Jetzt ist es so, dass dieses Wort in der Wissenschaft zwar bekannt ist, aber im allgemeinen Sprachgebrauch ist es noch nicht wirklich angekommen. Das möchte ich gerne ändern. Und, es ist auch so, dass manche Wissenschaftler gerne mehr Differenzierung in den Begriff reinbringen möchten. Darum geht es hier, in diesem Artikel. Fangen wir am Anfang an.
Was ist das jetzt noch mal genau, diese Interozeption?
Der Neurowissenschaftler Bud Craig (2002) definiert Interozeption als den Sinn für den physiologischen Zustand des Körpers. Nach Craig bildet Interozeption die neurobiologische Grundlage dafür, dass wir überhaupt fühlen, wie es uns im Moment geht. Das gilt für subjektive Gefühle, emotionale Zustände und letztlich auch Selbstwahrnehmung. Die Insula, spielt dabei eine zentrale Rolle. Also, Interozeption ist der Sinn für den physiologischen Zustand des Körpers. Und wie lässt sich das jetzt differenzieren?
Das ursprüngliche dreidimensionale Modell
Die Wissenschaftler Murphy, Catmur und Bird (2019) kritisieren das ursprüngliche Modell und schlagen vor näher drauf einzugehen, wie man es messen kann und was genau gemessen wird. Das neue Modell soll differenzierter erfassen, welche Aspekte der Interozeption bei verschiedenen klinischen Störungen gestärkt oder beeinträchtigt sind. Dadurch könnten klinisch relevante Unterschiede besser erkannt und gezielter untersucht werden. Die Unterteilung des ursprünglichen Modells nach Garfinkel et al. (2015) wäre:
- Interozeptive Genauigkeit (interoceptive accuracy). Das ist die tatsächliche Fähigkeit, Körpersignale korrekt wahrzunehmen. Das wird gemessen durch objektive Tests, sprich Herzschläge.
- Interozeptive Sensibilität (interoceptive sensibility). Das ist die subjektive Einschätzung einer Person darüber, wie gut sie ihren Körper wahrnimmt, gemessen durch einen Selbstbericht (Porges Body Perception Questionnaire - BPQ), oder Vertrauensbewertungen während einer Aufgabe zur interozeptiven Genauigkeit.
- Interozeptive Bewusstheit (interoceptive awareness). Hier handelt es sich um eine metakognitive Fähigkeit. Diese Fähigkeit beschreibt, wie gut die subjektive Einschätzung mit der tatsächlichen Wahrnehmungsleistung übereinstimmt. Also die Beziehung zwischen Interozeptiver Genauigkeit und Interozeptiver Sensibilität.
Insbesondere kritisieren die Autoren den Begriff der interozeptiven Bewusstheit (interoceptive awareness). Im bisherigen Modell werde dabei nicht klar unterschieden zwischen der subjektiv eingeschätzten Genauigkeit der Körperwahrnehmung (Wie gut glaube ich, meinen Körper wahrzunehmen?) und der Aufmerksamkeit auf Körpersignale (Wie stark richte ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper?). Beides werde im bisherigen Modell teilweise unter derselben Kategorie der „interoceptive awareness“ zusammengeführt, obwohl es sich nach Ansicht der Autoren um unterschiedliche psychologische Prozesse handelt. Die beiden häufig verwendeten Maße der interozeptiven Sensibilität, Fragebögen und Vertrauensbewertungen, korrelieren meist nicht miteinander und zeigen unterschiedliche Beziehungen zur interozeptiven Genauigkeit. Während Vertrauensbewertungen manchmal mit der tatsächlichen Wahrnehmungsleistung zusammenhängen, tun Fragebogenmaße wie der BPQ dies meist nicht. Dies spricht dafür, dass interozeptive Sensibilität und interozeptive Genauigkeit unterschiedliche Konstrukte sind. Ergo, Aufmerksamkeit auf Körpersignale ist nicht dasselbe wie die Fähigkeit, Körpersignale korrekt wahrzunehmen oder die eigene Wahrnehmungsleistung realistisch einzuschätzen. Deshalb schlagen die Autoren vor, Aufmerksamkeit und Genauigkeit theoretisch und methodisch klar voneinander zu trennen.
Ein neues 2x2 Modell
Darum schlagen sie statt des alten 3D-Modells ein 2×2-Modell vor. Dieses trennt, was gemessen wird, also Genauigkeit und Aufmerksamkeit sowie wie gemessen wird, objektiv und subjektiv. Dadurch entstehen vier verschiedene Bereiche der Interozeption statt drei. Das bisherige Modell differenziert nicht sauber genug zwischen Aufmerksamkeit auf Körpersignale und tatsächlicher Wahrnehmungsgenauigkeit. Dadurch werden verschiedene interozeptive Prozesse theoretisch und klinisch vermischt. Hier mal eine Übersicht der 2x2 Anpassung:
Faktor 1: Was wird gemessen?
- Genauigkeit (accuracy) bezeichnet das Ausmaß, in dem die interozeptive Wahrnehmung eine wahrheitsgetreue Abbildung des tatsächlichen Zustands des Körpers darstellt,
- während Aufmerksamkeit (attention) das Ausmaß beschreibt, in dem interozeptive Signale Gegenstand der Aufmerksamkeit sind.
Faktor 2: Wie wird gemessen?
- Objektive Messung versus
- Subjektiv (Selbstbericht)
| Genauigkeit - Leistung Also objektive Leistung bei Aufgaben Gemessen durch Herzschläge zählen und Herzschlagerkennung | Aufmerksamkeit - Leistung Also objektiv gemessene Aufmerksamkeit zu interozeptiven Signalen Gemessen durch Erfahrungsstichprobenmethode |
| Genauigkeit - Glaubenssätze Also Selbstberichte über die Genauigkeit der interozeptiven Wahrnehmungen Gemessen mit IAS - Interoceptive Accuracy Scale; Beispielitem: Ich kann immer genau wahrnehmen, wenn mein Herz schnell schlägt. Und ICQ - Interoceptive Confusion Questionnaire; Beispielitem: Ich bin sehr empfindsam gegenüber Veränderungen meiner Herzfrequenz. | Aufmerksamkeit - Glaubenssätze Also Selbstberichte bezüglich der Aufmerksamkeit interozeptiver Signale Gemessen mit BPQ - Porges Body Perception Questionnaire; Beispielitem: In den meisten Situationen bin ich mir bewusst, wie stark mein Herz schlägt. |
Dieses 2×2-Modell unterscheidet zwei Formen metakognitischer Interozeption:
- Wie gut subjektive und objektive interozeptive Genauigkeit übereinstimmen.
- Wie gut subjektive und objektive interozeptive Aufmerksamkeit übereinstimmen.
Die Autoren weißen darauf hin, dass bestehende Studien, die subjektive Aufmerksamkeit mit objektiver Genauigkeit vergleichen, trotzdem sinnvoll bleiben und klinisch relevant sind.
Fazit
Interozeption beschreibt unseren Zugang zur inneren Welt des Körpers. Die aktuelle Forschung zeigt zunehmend, dass es dabei nicht nur darum geht, ob wir unseren Körper wahrnehmen, sondern auch wie wir ihm Aufmerksamkeit schenken und wie zutreffend diese Wahrnehmung tatsächlich ist. Die vorgeschlagene Differenzierung hilft, die verschiedenen Facetten der Innenwahrnehmung besser zu verstehen und eröffnet neue Perspektiven für Forschung, Therapie und die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Erleben.
Literatur:
- Craig A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature reviews. Neuroscience, 3(8), 655–666. https://doi.org/10.1038/nrn894
- Garfinkel, S. N., Seth, A. K., Barrett, A. B., Suzuki, K., & Critchley, H. D. (2015). Knowing your own heart: distinguishing interoceptive accuracy from interoceptive awareness. Biological Psychology, 104, 65–74. https://doi.org/10.1016/j.biopsycho.2014.11.004
- Murphy, J., Catmur, C., & Bird, G. (2019). Classifying individual differences in interoception: Implications for the measurement of interoceptive awareness. Psychonomic bulletin & review, 26(5), 1467–1471. https://doi.org/10.3758/s13423-019-01632-7
Bilder:
- Foto von mali desha auf Unsplash

