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Interozeption, Agency und das bewusste Fühlen

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Agency – auf Deutsch Urheberschaft – beschreibt das Gefühl, das eigene Leben mitgestalten zu können. Es bedeutet, nicht nur zu reagieren, sondern innerlich zu wissen: Ich bin beteiligt. Ich habe Einfluss. Diese Fähigkeit beginnt im Körper. Genauer gesagt: mit der Interozeption.

Was ist Interozeption noch mal?

Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung innerer Körperzustände, z.B. Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Wärme oder Enge im Brustraum. Der Neurowissenschaftler A. D. Craig beschreibt Interozeption als den „Sinn für den physiologischen Zustand des Körpers“. Nach seiner Forschung ist sie kein Nebensystem, sondern ein eigenständiges Sinnessystem, vergleichbar mit Sehen oder Hören. Craig (2003) konnte zeigen, dass Körperzustände über spezielle Nervenbahnen ins Gehirn geleitet werden und vor allem in der Insula verarbeitet werden. Die hintere Insula registriert zunächst rohe Körperdaten. Weiter vorne, in der anterioren Insula, werden diese Signale integriert und mit Bedeutung versehen. Dort entsteht nach Craig das, was wir als subjektives Körpergefühl erleben, ein fortlaufendes inneres „So fühlt sich mein Körper gerade an“. Und genau dieses kontinuierliche Körpergefühl bildet die Grundlage unseres Selbstempfindens. Je bewusster wir diese inneren Signale wahrnehmen können, desto größer ist unser Spielraum zur Selbstregulation. Denn erst wenn wir spüren, was in uns vorgeht, können wir verstehen, warum wir etwas fühlen und entsprechend handeln.

Doch gerade nach traumatischen Erfahrungen kann dieser Zugang eingeschränkt sein. Wie Bessel van der Kolk (2014) beschreibt, erleben viele Betroffene ein inneres „Bombardement“ an bedrohlichen Körperempfindungen. Um sich zu schützen, lernen sie, diese Wahrnehmungen abzuspalten oder zu betäuben. Der Kontakt zum Inneren wird reduziert und damit auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Hier hilft die Forschung von Joseph LeDoux (2000) zu verstehen, wie aus Körperreaktionen bewusste Gefühle werden.

Emotion ist nicht gleich Gefühl

LeDoux unterscheidet klar zwischen Überlebensschaltkreisen, also automatischen, unbewussten Schutzreaktionen und bewussten Gefühlen, also dem innerlich erlebten „Ich habe Angst“ oder „Ich bin traurig“. In seinen Studien zur Furchtkonditionierung zeigte er, dass ein potenziell bedrohlicher Reiz sehr schnell über die Amygdala verarbeitet wird. Diese aktiviert unmittelbar körperliche Reaktionen: Herzklopfen, Muskelanspannung, veränderte Atmung. Das passiert blitzschnell und unbewusst. Wichtig bei dieser Erkenntnis ist. Die Amygdala erzeugt nach LeDoux nicht das bewusste Gefühl von Angst. Sie organisiert eine Schutzreaktion des Körpers. Das bewusste Gefühl entsteht erst später, wenn höhere Hirnareale diese körperlichen Veränderungen wahrnehmen, interpretieren und in Beziehung zum eigenen Selbst setzen.

Wie wird aus einer Reaktion ein Gefühl?

Hier kommt der mediale präfrontale Cortex (mPFC) ins Spiel. Dieser Bereich des Gehirns ist beteiligt an Selbstbezug („Was bedeutet das für mich?“), Bewertung innerer Zustände, Emotionsregulation und Integration von Körperwahrnehmungen. Nach LeDoux entsteht ein bewusstes Gefühl in mehreren Schritten:

  1. Ein Reiz aktiviert die Amygdala.
  2. Der Körper reagiert.
  3. Diese körperlichen Veränderungen werden im Gehirn repräsentiert.
  4. Höhere kortikale Bereiche – unter anderem der mPFC – integrieren diese Informationen in ein Selbstmodell.

Erst dann entsteht das bewusste Erleben: „Ich habe Angst.“ „Ich bin traurig.“ „Ich fühle mich berührt.“ Ohne diese bewusste Integration bleibt es bei einer körperlichen Reaktion, ein Überlebensprogramm läuft ab, aber es wird nicht als persönliches Gefühl erlebt.

Interozeption als Brücke zur Selbstwahrnehmung

Hier schließt sich der Kreis zur Interozeption. Interozeption ermöglicht es, die körperlichen Signale überhaupt wahrzunehmen. Beteiligt sind unter anderem die Insula (wichtig für Körperbewusstsein), der anteriore cinguläre Cortex und der mediale präfrontale Cortex. Wenn wir lernen, nach innen zu spüren, stärken wir diese Netzwerke. Dadurch wird es wahrscheinlicher, dass körperliche Reaktionen nicht nur automatisch ablaufen, sondern bewusst integriert werden. Mit anderen Worten. Ohne Selbstwahrnehmung bleibt es bei: „Mein Körper reagiert.“ Mit Selbstwahrnehmung wird daraus: „Ich spüre Angst und ich kann mit ihr umgehen.“

Abschließend bedeutsam

Heilung geschieht nicht dadurch, dass Schutzreaktionen unterdrückt werden. Sie geschieht dadurch, dass körperliche Zustände bewusst wahrgenommen und in das Selbst integriert werden. Interozeption stärkt den Selbstkontakt. Selbstkontakt stärkt Regulation. Regulation stärkt Agency. In diesem Sinne verbindet sich die traumatherapeutische Perspektive von Van der Kolk mit der neurowissenschaftlichen Theorie von LeDoux. Nicht die Reaktion selbst ist das Problem, sondern der fehlende bewusste Zugang zu ihr. Und genau hier beginnt die Rückkehr zur Urheberschaft.

Literatur:

  • Craig A. D. (2003). Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Current opinion in neurobiology, 13(4), 500–505. https://doi.org/10.1016/s0959-4388(03)00090-4
  • LeDoux J. E. (2000). Emotion circuits in the brain. Annual review of neuroscience, 23, 155–184. https://doi.org/10.1146/annurev.neuro.23.1.155
  • Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation.
  • Van der Kolk, B. A. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.

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