Empathie als Selbstfürsorge

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Heute möchte ich über die Studie von Helen Riess und Gordon Kraft-Todd (2014) schreiben. Sie stellen ein praxisorientiertes Modell vor, mit dem Empathie durch bewusste Wahrnehmung und Gestaltung nonverbaler Kommunikation trainiert werden kann. Zudem kritisieren die Wissenschaftler, dass medizinische Kommunikation häufig darauf fokussiert, WAS Ärztinnen und Ärzte sagen, aber viel zu wenig darauf, WIE sie präsent sind. Dabei werden Emotionen vor allem über nonverbale Signale vermittelt (Mehrabian, 1972). Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder Tonfall beeinflussen Vertrauen, Therapietreue, Patientenzufriedenheit und sogar gesundheitliche Ergebnisse oft stärker als Worte. Empathie wird daher nicht als Persönlichkeitsmerkmal verstanden, sondern als erlernbare Fähigkeit, die auf der Wahrnehmung und angemessenen Beantwortung emotionaler Signale beruht. Nähern wir uns dem Ganzen mal Schritt für Schritt an.

Was ist Empathie?

Empathie ist eine Fähigkeit, Gefühle, Gedanken und Perspektiven anderer Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Man kann dies in Dimensionen unterscheiden. Da gäbe es die Emotionale Empathie, was einem Mitfühlen und emotionaler Resonanz gleichkommt. Die Kognitive Empathie bezieht sich mehr auf das Verstehen der Perspektive und Gedanken des Gegenübers. Soziale Empathie befasst sich mehr mit dem Wahrnehmen sozialer Kontexte, Rollen und Bedürfnisse.

Dabei ist es auch wichtig Empathie abzugrenzen zu Sympathie. Sympathie bedeutet, dass ich jemanden mag oder ihm positiv gegenüber eingestellt bin. Empathie hingegen setzt keine positive Beziehung voraus. Anders formuliert könnte ich sagen „Ich mag dich“ (= Sympathie) und „Ich verstehe dich“ (= Empathie). Dann wäre da auch das Mitleid. Mitleid bedeutet, dass das Leid des anderen mich berührt mich, dass ich seine Situation bedauere. Bei Mitleid werde ich selbst von deinem Leid erfasst. Dein Schmerz löst in mir ebenfalls Leid aus. Dabei entsteht oft ein Gefälle. Manchmal entsteht dabei sogar eine gewisse Hilflosigkeit oder Distanz. Die extreme Form davon wäre eine emotionale Verschmelzung. Das ist eine ungesunde Überidentifikation mit dem Leid anderer. Empathie demgegenüber bedeutet Verstehen ohne sich selbst zu verlieren. Jetzt gäbe da es noch das Mitgefühl (= Compassion). Empathie bedeutet, ich verstehe dein Erleben. Mitgefühl bedeutet, ich verstehe dein Erleben und wünsche, dass dein Leiden geringer wird. Mitgefühl enthält zusätzlich eine fürsorgliche Motivation.

Wie entsteht Empathie?

Empathie ist eine entwickelbare Kompetenz. Sie entsteht durch frühe Bindungserfahrungen, soziales Lernen und Vorbilder, Reflexion eigener Gefühle, Kommunikationstraining und Achtsamkeit, bzw. wiederholte empathische Praxis im Alltag. Empathie ist trainierbar. Neurobiologische Erkenntnisse zeigen, dass empathisches Verhalten durch Übung gestärkt werden kann.

Wie wirkt Empathie?

Empathisches Verhalten hat messbare positive Effekte. Das erste und für mich wichtigste wäre mehr Vertrauen und Sicherheit. Aber auch weniger Angst und Stress, was sich wiederum auf Vertrauen und Sicherheit auswirkt. Eventuell entsteht auch mehr Sinnhaftigkeit im Leben, und damit verbunden weniger Konflikte und bessere Beziehungen.

Ursachen mangelnder Empathie

Jetzt ist es allerdings so, dass in unserer patriarchalen neoliberalistischen Welt Empathie, na ja, nicht wirklich förderlich ist, denn Empathie ist hier Mangelware. Menschen zeigen in sozialen Gruppen im Wesentlichen zwei grundlegende Ziele.

  • Getting Ahead = Status, Einfluss, Kompetenz zeigen
  • Getting Along = Zugehörigkeit, Akzeptanz, gute Beziehungen aufbauen

Hu et al. (2019) führen zu diesen beiden Zielen ein weiteres mit ein, welches hier in dem Artikel eine größere Rolle spielt.

  • Getting Prosocial = Handeln zum Wohl anderer bzw. der Gruppe

In der Studie von Hu et al. (2019) wird Getting Ahead vor allem über die Facette Assertiveness (Durchsetzungsfähigkeit) der Extraversion erfasst. Menschen mit hohem Getting-Ahead-Verhalten treten selbstbewusst auf, äußern ihre Meinung, übernehmen Verantwortung, versuchen Einfluss zu gewinnen und werden häufig als kompetent wahrgenommen. Der Vorteil dabei. Sie werden leichter als informelle Führungspersonen wahrgenommen. Der Nachteil dabei. Zu viel Durchsetzungsfähigkeit wirkt dominant, arrogant oder selbstbezogen.

Getting Along wird in der Studie über die Facette Warmth (Wärme, Freundlichkeit) der Extraversion beschrieben. Menschen mit hohem Getting-Along-Verhalten sind freundlich, kooperativ, zugänglich, interessiert an anderen und schaffen Vertrauen. Sie werden von anderen gemocht. Zu viel Wärme kann dazu führen, dass Menschen weniger kompetent oder weniger führungsstark wahrgenommen werden.

Getting Prosocial beschreibt die prosoziale Motivation. Ich handle nicht nur für meinen eigenen Status (getting ahead) oder für soziale Akzeptanz (getting along), sondern weil ich möchte, dass andere Menschen und die Gruppe profitieren. Typische Merkmale dafür wären: Hilfsbereitschaft, Gemeinwohlorientierung, Kooperation, echtes Interesse am Erfolg der Gruppe. Wenn Menschen als prosozial motiviert wahrgenommen werden, akzeptieren andere deutlich mehr Durchsetzungsfähigkeit und mehr Wärme. Nach dieser Differenzierung mache ich jetzt mit der Verbindung zur Selbstfürsorge weiter.

Empathie erhalten: Selbstfürsorge als Schlüssel

Hier liegt für mich die Brücke. Empathie von außen bleibt nur erhalten, wenn das Individuum auch empathisch mit sich selbst umgeht. Dabei sind folgende Kompetenzen entscheidend: Selbstreflexion, Achtsamkeit, Grenzen setzen, Pausen und Regeneration und eine bewusste Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Emotionen. Ich möchte ja, dass das von Außen auch im Innen entsteht, also als Empathie für mich.

Selbstempathie: Die fehlende Hälfte der Empathie

In vielen Diskussionen wird Empathie ausschließlich auf andere Menschen bezogen. Das führt leicht zu einem Ungleichgewicht. Man versteht alle anderen, nur sich selbst nicht. Selbstempathie bedeutet: (1) die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie nicht sofort zu bewerten oder wegzudrücken, (2) die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, und (3) sich mit derselben Freundlichkeit zu begegnen, die man anderen entgegenbringt. Das ist keine Selbstbezogenheit, sondern eine Voraussetzung für stabile Fürsorge. Wer innerlich dauerhaft gegen sich kämpft, kann auf Dauer auch nach außen nicht offenbleiben. Die Psychologen Germer und Neff (2013) beschreiben Selbstmitgefühl als Kombination aus Selbstfreundlichkeit, gemeinsamer Menschlichkeit und Achtsamkeit. Kommen wir nun zum Kern dieses Artikels. Das Empathy Modell von Riess und Kraft-Todd

Das EMPATHY-Modell von Riess & Kraft-Todd

Das von Helen Riess und Gina Kraft-Todd entwickelte EMPATHY-Modell wurde ursprünglich für empathische Kommunikation im Gesundheitswesen konzipiert. Es beschreibt konkrete Verhaltensweisen, mit denen Empathie trainiert werden kann. Für meinen Artikel hier drehe ich die Wirkrichtung um. Ich wende das Modell nach innen. Aus Empathie für andere wird Selbstempathie als Praxis der Selbstfürsorge. Das Akronym EMPATHY bedeutet:

BuchstabeUrsprüngliche BedeutungSelbstempathische Übersetzung
EEye contactInnere Aufmerksamkeit: Ich wende mich mir selbst bewusst zu, statt mich abzulenken.
MMuscles of facial expressionKörperwahrnehmung: Ich nehme wahr, wie mein Körper Gefühle ausdrückt – Anspannung, Müdigkeit, Druck, Enge.
PPostureHaltung zu mir selbst: Begegne ich mir mit Härte oder mit Offenheit und Würde?
AAffectGefühle anerkennen: „Ich bin gerade traurig / überfordert / erschöpft“ – ohne Abwertung.
TTone of voiceInnerer Tonfall: Wie spreche ich innerlich mit mir? Kritisch, beschämend – oder freundlich und klar?
HHearing the whole personMich ganz hören: Nicht nur Leistung sehen, sondern auch Bedürfnisse, Grenzen, Ängste und Wünsche.
YYour responseFürsorgliche Antwort: Welche konkrete Handlung tut mir jetzt gut? Pause, Gespräch, Schlaf, Bewegung, Nein sagen?

Gehen wir mal auf die sieben Schritte im Detail ein.

E – Eye contact: Innere Aufmerksamkeit

Empathie beginnt mit Präsenz. Nach innen bedeutet das: Ich schaue nicht weg. Viele Menschen reagieren auf Stress mit Ablenkung, sei es Handy, Arbeit, Grübeln, Funktionieren. Selbstempathie beginnt damit, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Was ist gerade in mir los? Was fühle ich wirklich? Das ist der Moment des inneren Blickkontakts.

M – Muscles: Der Körper spricht zuerst

Gefühle zeigen sich körperlich oft früher als gedanklich. Mir ist es wichtig, die emotionale Wahrnehmung zu betonen. Das EMPATHY-Modell ergänzt dies durch die Aufmerksamkeit für nonverbale Signale. Selbstempathie fragt: Wo bin ich angespannt? Wie atme ich? Bin ich erschöpft, unruhig, wie abgeschnitten vom Körper? Der Körper ist kein Störfaktor, sondern ein Informationssystem.

P – Posture: Die Haltung zu sich selbst

Empathie zeigt sich auch in Haltung. Nach innen heißt das: Welche Grundhaltung habe ich mir selbst gegenüber? Viele Menschen behandeln sich innerlich härter als jeden anderen Menschen. Selbstempathie bedeutet, eine Haltung von Respekt und Würde einzunehmen: Auch ich darf begrenzt sein. Auch meine Bedürfnisse zählen. Das ist keine Schwäche, sondern psychische Stabilität.

A – Affect: Gefühle benennen statt bekämpfen

Die Forschung zeigt, dass Gefühle benennen sie bereits teilweise reguliert. Hierbei ist emotionale Bewusstheit wichtig. Riess und Kraft-Todd machen daraus eine konkrete Praxis. Statt dass ich mit mir so rede: „Ich darf nicht so empfindlich sein“, könnte ich auch folgendes sagen:„Ich bin gerade überfordert“ oder „Ich bin erschöpft und brauche Entlastung.“ Gefühle sind Daten, keine Defekte.

T – Tone of voice: Die Macht des inneren Dialogs

Der innere Tonfall entscheidet oft darüber, ob Selbstreflexion heilsam oder zerstörerisch wird. Vergleichen wir das mal. Ich könnte selbstkritisch mit mir sprechen, z.B. Du bist unfähig; Stell dich nicht so an; Du musst mehr leisten, oder selbstempathisch, z.B. Das war schwierig, und du hast dein Bestes versucht; Kein Wunder, dass dich das belastet; Was brauchst du, um wieder Kraft zu bekommen? Selbstempathie ersetzt Härte nicht durch Selbstmitleid, sondern durch klare Freundlichkeit.

H – Hearing the whole person: Sich selbst ganz hören

Oft funktionieren wir nur. Ganz nach dem Leistungsprinzip. Das EMPATHY-Modell erinnert daran, den ganzen Menschen wahrzunehmen. Nach innen bedeutet das folgendes: Ich bin nicht nur meine Produktivität. Ich habe auch Bedürfnisse nach Ruhe, Verbindung, Sinn, Sicherheit und Freude. Meine Grenzen sind reale Informationen, keine Charakterschwäche.

Y – Your response: Fürsorglich handeln

Empathie bleibt unvollständig ohne Antwort. Selbstempathie fragt deshalb am Ende: Welche konkrete Handlung ist jetzt fürsorglich und realistisch? Das kann alles Mögliche sein: eine Pause machen, Hilfe annehmen, eine Grenze setzen, früher schlafen, ein klärendes Gespräch führen, einen Termin absagen, oder einfach fünf Minuten bewusst atmen. Selbstempathie wird erst wirksam, wenn sie Verhalten verändert.

Schlussgedanke

Selbstempathie macht empathisch. Sie ersetzt Empathie nicht. Mitleid kann zu emotionaler Erschöpfung führen. Das EMPATHY-Modell liefert die praktische Methode, dieser Erschöpfung vorzubeugen. Wer sich selbst wahrnimmt und reguliert ist weniger reaktiv, kann besser zuhören, grenzt sich klarer ab, verliert sich weniger im Leid anderer und bleibt langfristig zugewandt statt zynisch. Anders gesagt: Selbstempathie ist keine Pause von der Fürsorge, sie ist ihre Grundlage.

Literatur:

  • Germer, C. K., & Neff, K. D. (2013). Self-compassion in clinical practice. Journal of clinical psychology, 69(8), 856–867. https://doi.org/10.1002/jclp.22021
  • Hu, J., Zhang, Z., Jiang, K., & Chen, W. (2019). Getting ahead, getting along, and getting prosocial: Examining extraversion facets, peer reactions, and leadership emergence. Journal of Applied Psychology, 104(11), 1369–1386. https://doi.org/10.1037/apl0000413
  • Mehrabian, A. (1972). Nonverbal Communication (1st ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781351308724
  • Riess, H., & Kraft-Todd, G. (2014). E.M.P.A.T.H.Y.: a tool to enhance nonverbal communication between clinicians and their patients. Academic medicine : journal of the Association of American Medical Colleges, 89(8), 1108–1112. https://doi.org/10.1097/ACM.0000000000000287

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