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Die Rückkehr zum Eigenwesen

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Die Rückkehr zum Eigenwesen. Neulich Abend dachte ich an meine Ausbildung zum Feldenkrais Lehrer in Seattle. Wir befassten und damals mit Maurice Merleau-Ponty und Edmund Husserl, beides Philosophen. Da kam mir der Begriff wieder: Eigenwesen. Das Wesen, das im Raume erscheint. Aber da bin ich ja nicht alleine, im Raum. Da sind noch andere Eigenwesen. Wie der Mensch sich im Anderen begegnet und im Selbst gründet, ist für mich eine sehr spannende Angelegenheit. Wir sind keine Mollusken, sondern soziale Tiere. Soziale Tiere leben nicht alleine. Was könnte das jetzt mit Abgrenzung zu tun haben? Neugierig geworden???

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des menschlichen Daseins, dass wir uns selbst erst dort zu verlieren beginnen, wo wir am stärksten nach uns greifen. Je mehr wir versuchen, ein Bild von uns zu halten, desto mehr entgleitet uns das, was wir eigentlich sind: das lebendige, atmende, fühlende Sein, das sich nicht festhalten lässt wie ein Gegenstand, sondern nur erfahren werden kann, als Bewegung, als Resonanz, als Offenheit. Der Mensch ist, um es phänomenologisch zu sagen, kein Ding unter Dingen, sondern ein Werdendes, ein Sich-enthüllendes. Er existiert nicht an sich, sondern in der Weise seines Bezogenseins: zur Welt, zu anderen, zu sich selbst. Und genau darum geht es in diesem Artikel: um die Rückkehr zum Eigenwesen, jenem inneren Ort, an dem Selbstbezug und Weltbezug keine Gegensätze mehr sind, sondern ein gemeinsamer Atem.

Das Selbst als Ereignis

Es wird vom Menschen als einem Wesen gesprochen, das nicht „vorhanden“ ist, sondern sich „ereignet“. Das Selbst ist kein Besitz, kein Kern, kein stabiler Punkt. Es ist ein Entwurf, ein Sich-ins-Offene-stellen. Wir werden nicht, was wir sind, indem wir uns behaupten, sondern indem wir uns sein lassen. Das bedeutet: Selbstkontakt entsteht nicht aus Kontrolle, sondern aus Entblößung. Aus der Bereitschaft, sich dem Eigenen zu stellen, der inneren Bewegung, dem Bedürfnis, der Angst, der Sehnsucht. Ein Selbst, das sich nicht bewegt, ist kein Selbst, sondern ein Abbild.

Die Entfremdung: Wenn wir uns zu Objekten machen

Was den Menschen am tiefsten verwundet, ist selten Schmerz. Es ist Objektivierung, jenes stille Zerbrechen, wenn wir uns selbst nur noch als Funktion erleben: leistend, reagierend, angepasst, erklärt. Der Mensch verliert seine Subjektivität, wenn er sich selbst in die Logik von Nutzen und Zweck presst. Er wird Werkzeug. Und das Werkzeug kennt kein Bedürfnis, nur Einsatz. So entsteht Entfremdung nicht durch Weltfeindlichkeit, sondern durch Selbstvergessenheit: durch den Verlust des inneren Anspruch. Der Anspruch ist, gehört zu werden.

Die Phänomenologie der Rückkehr: Den eigenen Grund berühren

Husserl forderte, dass wir zu den Sachen selbst zurückkehren sollen. Für die Innenwelt bedeutet das: zu den Phänomenen des Erlebens, zu dem, was sich zeigt, wenn wir uns nicht mehr verstellen. Das Selbst zeigt sich nicht, wenn wir es definieren, sondern wenn wir es zulassen. Eine tiefe Wahrheit liegt darin. Wir spüren uns nicht, weil wir denken, sondern weil wir sein dürfen. Was zeigt sich, wenn wir die Aufmerksamkeit nach innen richten? Vielleicht eine leise Unruhe. Vielleicht ein Bedürfnis nach Pause. Vielleicht ein Impuls zu weinen. Vielleicht eine Sehnsucht nach Berührung. All das sind keine Störungen. Sie sind Selbstoffenbarungen. Der Mensch ist die Stätte, an der Sein fühlbar wird.

Der Andere als Spiegel und Schwelle

Nichts erschüttert uns so sehr wie der Blick eines anderen Menschen, der uns wirklich sieht. In diesem Blick verlieren wir die Möglichkeit, uns vor uns selbst zu verstecken. Denn der Andere ruft das hervor, was wir im Innersten sind. Der Andere ist nicht Bedrohung, er ist Schwelle. In der dialogischen Philosophie nach Martin Buber würde man sagen: Ich werde zum Ich erst im Du. Nicht, weil das Du mich definiert, sondern weil es mich ruft. Der Andere ruft mein Eigenstes hervor, indem er es anspricht. Je mehr ein Mensch uns glaubt, desto mehr werden wir durch seinen Blick zum Möglichsten unseres Wesens. Es ist ein merkwürdiges Gesetz: Wir kehren zu uns selbst zurück durch die Beziehung. Die Innenseite des Selbst ist ein Resonanzraum.

Bedürfnis, Welt und Sein

Der Mensch ist in einer Spannung geboren zwischen Bedürftigkeit und Autonomie. Bedürfnis ist nicht Mangel, sondern das Zeichen der Beziehungshaftigkeit des Daseins. Wir sind angewiesen, verwiesen, verflochten. Bedürfnisse zeigen nicht Schwäche, sie zeigen Weltbezug. Sie sagen: „Ich kann nur sein, wenn ich berührt werde.“ Und doch streben wir nach Selbstständigkeit, nach einer Form von Eigenheit, in der wir nicht zerfallen, wenn der Andere sich abwendet. Die Kunst besteht darin, nicht zwischen Abhängigkeit und Autonomie zu wählen, sondern die Spannung zu halten. Denn genau dort, in dieser lebendigen Differenz, entsteht das, was wir Selbst nennen.

Innere Freiheit: Wenn das Selbst nicht mehr fliehen muss

Freiheit ist kein Zustand. Sie ist die Fähigkeit, dem Eigenen nicht mehr auszuweichen. Wir werden frei, wenn wir aufhören, die inneren Regungen zu verraten. Wenn wir uns nicht mehr zum Objekt unserer Anforderungen machen. Wenn wir sagen können: „Ich fühle, also bin ich.“ „Ich brauche, also existiere ich.“ „Ich bin verwundbar, also bin ich Mensch.“ Die größte Unfreiheit entsteht dort, wo wir uns selbst beschämen. Die größte Freiheit dort, wo wir sagen dürfen: „So bin ich jetzt.“

Rückkehr ins Eigenwesen

Um die Rückkehr einzuleiten, braucht es keine großen Rituale. Nur ein Innehalten. Ein Wahrnehmen. Was zeigt sich jetzt, nicht gestern, nicht morgen? Ein Beschreiben. Ohne Urteil, nur Benennung. Druck, Wärme, Angst, Sehnsucht, Müdigkeit. Ein Anerkennen. Es ist da, weil ich da bin. Es gehört zum Vollzug meines Seins. Ein Antworten. Nicht mit Analyse, sondern mit einer Geste der Fürsorge: Atmen. Wasser trinken. Abstand. Nähe. Pause. Das Selbst entsteht nicht durch Kampf. Es entsteht durch Antwort.

Schluss

Das Selbst kann als stiller Ursprung des Lebendigen scheinen. Wir kommen nicht zu uns, indem wir uns optimieren. Wir kommen zu uns, indem wir uns empfangen. Der Mensch ist nicht abgeschlossen. Er ist ein Offenes. Ein Gespräch zwischen Innen und Außen. Ein Ort, an dem Welt und Leben sich begegnen und durchdringen. Wenn wir unsere Bedürfnisse wieder hören, unsere Grenzen spüren, unser Wesen nicht länger verstecken, dann kehren wir zurück zu dem, was wir immer waren. Ein Mensch, der im Anderen sich findet, und im Eigenen sich gründet. Ein Mensch, der nicht Objekt ist, sondern Geschehen. Ein Ereignis des Lebendigen.

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