Das eigene Gesetz leben

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Wer sein Leben in die Hand nimmt, darf zwei Dinge lernen: das In-die-Hand-Nehmen und das Loslassen. Tun und Sein, Verantwortung und Hingabe, Yin und Yang gehören zusammen. Harmonie ist nicht immer leicht, doch Leichtigkeit entsteht, wenn wir mit ihr gehen statt gegen sie. Vertrauen heißt nicht, alles laufen zu lassen, und Verantwortung bedeutet nicht, alles zu kontrollieren. Es ist eine innere Haltung, die beides verbindet. Ich sage: Die Liebe existiert. Sie liegt nicht im Außen, sondern im Inneren. Sie ist mehr Haltung als Gefühl. Statt Liebe könnte man auch Allmacht, Gott, Bewusstheit oder Sein sagen. Schwer greifbar wird sie dort, wo wir im Außen verhaftet sind und an äußeren Formen anhaften. Und doch gibt es einen Weg aus dieser Anhaftung. Die Buddhisten nennen ihn den achtfachen Pfad. Ich nenne ihn das Lernen und Lachen des Liebens hin zum Leben. Dieser Weg ist keine Kopfgeburt. Er ist eine Erfahrung, ein reines Sein, das das Denken hinter sich lässt und das Ego transzendiert. Er mündet schließlich im Selbstsein im Hier und Jetzt.

“Bäume sind für mich immer die eindringlichsten Prediger gewesen. Ich verehre sie, wenn sie in Völkern und Familien leben, in Wäldern und Hainen. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie einzeln stehen. Sie sind wie Einsame. Nicht wie Einsiedler, welche aus irgendeiner Schwäche sich davongestohlen haben, sondern wie große, vereinsamte Menschen, wie Beethoven und Nietzsche. In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin, sondern erstreben mit aller Kraft ihres Lebens nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen. Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner, starker Baum. … Wenn wir traurig sind und das Leben nicht mehr gut ertragen können, dann kann ein Baum zu uns sprechen: Sei still! Sei still! Sieh mich an! Leben ist nicht leicht, Leben ist nicht schwer. Das sind Kindergedanken. Laß Gott in dir reden, so schweigen sie. Du bangst, weil dich dein Weg von der Mutter und Heimat wegführt. Aber jeder Schritt und Tag führt dich neu der Mutter entgegen. Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir innen, oder nirgends.” (Hesse, 1984)

Ist Hesse Moralist? Ich denke nicht. Er mag Konzepte nutzen, aber Anschauungen beschreiben. So hier, “In ihren Wipfeln rauscht die Welt, ihre Wurzeln ruhen im Unendlichen; allein sie verlieren sich nicht darin…”. Hier liegt bereits eine Spannung, ich meine. Wurzeln im Unendlichen durch Loslassen, Vertrauen, Hingabe. Wipfeln im Rauschen der Welt durch Handeln, Verantwortung, Gestaltwerden. Der Baum ist nicht entweder Sein oder Tun. Er ist beides gleichzeitig, ohne darüber nachzudenken. Zwei Dinge zu lernen, findet hier ihre stille Entsprechung. Für Hesse ist es mehr Naturgesetz als Lernaufgabe. Der Baum hält nicht fest und er fällt nicht auseinander. Er steht. Leichtigkeit entsteht genau hier, nicht durch Mühelosigkeit, sondern durch Übereinstimmung mit dem eigenen Gesetz.

Das eigene Gesetz, jenseits von Ego und Anpassung, “…nur das Eine: ihr eigenes, in ihnen wohnendes Gesetz zu erfüllen, ihre eigene Gestalt auszubauen, sich selbst darzustellen.” Das ist kein narzisstisches Selbst, obwohl gerade dieses Konzept gefühlt heute in aller Munde ist. Es ist auch kein moralisches Ideal. Es ist das, was ich Haltung nenne. Nicht Gefühl, nicht äußere Norm, sondern ein inneres Maß, das nicht verhandelbar ist. Liebe ist mehr Haltung als ein Gefühl. Liebe ist kein Objekt, kein Gegenüber, kein Außen. Sie ist das Prinzip der inneren Stimmigkeit, aus dem Handeln überhaupt erst wahrhaft möglich wird. Darum ist diese Liebe auch verwandt mit dem, was ich Allmacht, Gott, Bewusstheit oder Sein nenne. Sie ist kein Inhalt, sondern eine Seinsweise.

“Sei still!” kann das Ende der Kopfgeburt sein. “Sei still! Sei still! Sieh mich an!”. Was könnte Hesse damit meinen? Vielleicht spricht hier kein sentimentaler Naturfreund, sondern ein radikaler Lehrer. Er entwertet unmittelbar das Denken, das bewerten, das vergleichen: “Leben ist nicht leicht, Leben ist nicht schwer. Das sind Kindergedanken.” Dieser Weg ist keine Kopfgeburt. Hesse fordert ein Schweigen des Denkens. Nicht, weil Denken falsch wäre, sondern weil es hier nicht weiterführt. “Laß Gott in dir reden, so schweigen sie.” Das ist keine religiöse Aufforderung. Es ist eine existentielle. Lass das innere Grundprinzip sprechen, dann verliert das Ich oder das Ego seine Herrschaft. Ich mag hier das Bild vom Transzendieren des Egos. Nicht durch Kampf, sondern durch Überflüssigwerden.

Die Heimat ist innen, der Ausstieg aus der Anhaftung. “Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir innen, oder nirgends.” Das ist nichts anderes als eine Absage an jede Form von äußerer Verhaftung bzw. Anhaftung. Nicht Besitz, nicht Ort, nicht Idee kann Heimat sein. Ob man ihn achtfachen Pfad nennt oder Lernen und Lachen des Liebens, es geht um das gleiche Loslassen von Projektionen. Heimat, wie Liebe, ist kein Ziel, sondern ein Zustand des Nicht-Suchens. Ein Ankommen, das nicht von außen kommt.

Lernen und Lachen ist wahrscheinlich meiner eigenen Herkunft geschuldet. Hesse bleibt ernst, fast feierlich. Ich möchte Leichtigkeit durch Übung und Humor. Ich kann es nicht leugnen, aber da spricht Feldenkrais aus mir heraus, aus jeder Pore. Der Baum bei Hesse lacht zwar nicht, aber er zweifelt auch nicht. Vielleicht ist es genau das, was wir heute lernen müssen, wieder so ernsthaft zu leben, dass wir uns das Lachen erlauben können.

Auch ein Baum kann den Weg beschreiben, im Hier und Jetzt, im Selbstsein, das nicht gemacht wird, sondern geschieht, wenn Handeln und Loslassen einander nicht mehr bekämpfen. Selbstfürsorge beginnt genau dort, wo ich aufhöre, mich zu formen, und beginne, mir selbst Raum zu geben, zu sein.

Literatur:

  • Hesse, Hermann (1984). Bäume. Frankfurt am Main: Insel Verlag

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