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Bevor der Körper Nein sagt

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Krankheit ist selten der Anfang unseres Leidens. Sie ist meist das letzte und lauteste Signal eines Körpers, der uns schon lange zuvor auf etwas aufmerksam machen wollte. Heilung beginnt deshalb nicht erst dann, wenn Symptome auftreten, sondern bereits in dem Moment, in dem wir lernen, die leiseren Botschaften unseres Körpers und unserer Gefühle wahrzunehmen. Im Folgenden möchte ich auf ein Kapitel in Gabor Matés Buch (2022) eingehen. Das Kapitel trägt die Überschrift “before the body says no”.

Persönlichkeit als Anpassung

Was wir gewöhnlich unsere Persönlichkeit nennen, ist nicht unser wahres Wesen. Sie beschreibt vielmehr die Art und Weise, wie wir gelernt haben, in unserer Umwelt zu überleben. Wir verwechseln häufig unsere Anpassungsstrategien mit unserer Identität. Wir halten uns für den Menschen, der immer stark sein muss, allen gefallen möchte, Verantwortung übernimmt oder keine Schwäche zeigen darf. Diese Eigenschaften mögen lange Zeit hilfreich gewesen sein. Sie definieren jedoch nicht, wer wir im Kern sind. Heilung bedeutet deshalb nicht, eine neue Persönlichkeit zu entwickeln, sondern zu erkennen, dass wir mehr sind als unsere gewohnten Rollen und Verhaltensmuster. Unsere Persönlichkeit entwickelt sich aus dem Zusammenspiel von Temperament, Familie und Kultur. Viele ihrer Anteile spiegeln unsere eigentlichen Bedürfnisse wider, andere entstehen als Schutzstrategien. Wer als Kind nur dann Liebe erhielt, wenn er funktionierte, entwickelt vielleicht Perfektionismus. Wer wenig Sicherheit erlebte, versucht später alles zu kontrollieren. Andere lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, Konflikte zu vermeiden oder ständig für andere da zu sein. Diese Muster waren einst sinnvolle Überlebensstrategien. Als Erwachsene engen sie uns jedoch oft ein und entfernen uns von unserem authentischen Selbst. Das Ziel von Heilung ist daher nicht, die Persönlichkeit abzulegen, sondern ihre automatische Steuerung zu lockern. Erst dann entsteht wieder Zugang zu unseren eigentlichen Bedürfnissen, Gefühlen und Stärken. Auch wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren, verschwindet unser authentisches Wesen nie vollständig. Es spricht weiterhin durch den Körper. Anhaltende Erschöpfung, Verspannungen, Schmerzen oder innere Unruhe können Hinweise darauf sein, dass wir gegen unsere eigenen Bedürfnisse leben. Der Körper bewahrt die Erinnerung an das, was wir verdrängt haben. Heilung beginnt, wenn wir seine Sprache wieder lernen. Die Entfremdung von uns selbst ist kein individuelles Scheitern. Unsere Leistungsgesellschaft belohnt Anpassung häufig stärker als Authentizität. Viele Menschen lernen früh, Erwartungen zu erfüllen, statt ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Deshalb ist der Weg zurück zu sich selbst nicht nur eine persönliche Aufgabe, sondern Teil einer universellen menschlichen Erfahrung.

Heilung beginnt mit mitfühlender Selbstbefragung

Ein Schritt besteht darin, sich selbst neugierig statt wertend zu begegnen. Gabor Maté nennt diese Haltung Compassionate Inquiry  (mitfühlende Selbstbefragung). Dabei geht es nicht darum, schnelle Antworten zu finden oder sich selbst zu analysieren. Entscheidend ist die Bereitschaft, offen zu fragen. Diese Fragen eröffnen einen Raum, in dem Verständnis an die Stelle von Selbstkritik tritt. Mitgefühl bedeutet dabei nicht, sich ständig gut zu fühlen. Es ist eine Haltung der Freundlichkeit gegenüber allem, was auftaucht, auch gegenüber Angst, Scham oder Selbstablehnung. Selbstkritik wird nicht bekämpft, sondern neugierig erforscht. Genau dort beginnt Heilung. Nicht indem wir gegen uns kämpfen, sondern indem wir verstehen, warum wir geworden sind, wie wir geworden sind. Gabor Maté empfiehlt, sich regelmäßig, idealerweise einmal pro Woche, Zeit für eine schriftliche Selbstreflexion zu nehmen. Entscheidend ist dabei nicht die Dauer, sondern die Kontinuität. Wenn bereits der Gedanke an diese Übung Widerstand auslöst oder scheinbar keine Zeit vorhanden ist, lohnt es sich, genau diesen Widerstand neugierig zu erforschen. Häufig schützen uns solche Ausreden davor, unangenehmen Gefühlen, Enttäuschungen oder Veränderungen zu begegnen. Diese Reaktionen sollten nicht bewertet, sondern mit Offenheit betrachtet werden. Die Übung wird am besten handschriftlich und an einem ruhigen Ort durchgeführt. Das Schreiben fördert den Kontakt zu den eigenen Gedanken und Gefühlen und macht persönliche Entwicklungen über die Zeit sichtbar. Der wichtigste Grundsatz lautet. Begegne dir selbst mit neugieriger Aufmerksamkeit statt mit Selbstkritik. Heilung entsteht nicht durch Druck oder Disziplin, sondern durch regelmäßige, mitfühlende Selbsterforschung.

Frage 1: Wo sage ich nicht Nein?

Die erste Frage lautet: In welchen wichtigen Bereichen meines Lebens sage ich nicht Nein, obwohl ich innerlich Nein empfinde? Gemeint sind dabei nicht einzelne Ausnahmen oder bewusste Entscheidungen, anderen zu helfen. Es geht vielmehr um wiederkehrende Muster, in denen wir unsere eigenen Bedürfnisse, Grenzen oder Gefühle regelmäßig übergehen. Ein inneres Nein kann sich auf vielfältige Weise zeigen: Wir übernehmen zusätzliche Aufgaben, obwohl wir erschöpft sind. Wir stimmen einer Bitte zu, obwohl wir eigentlich Ruhe brauchen. Wir vermeiden Konflikte, sagen unsere ehrliche Meinung nicht oder stellen die Bedürfnisse anderer dauerhaft über unsere eigenen. Nach außen sagen wir Ja, innerlich empfinden wir jedoch Nein. Besonders häufig zeigen sich diese Muster im Beruf und in engen Beziehungen. Entscheidend ist dabei weniger, ob wir tatsächlich Nein sagen, sondern wie leicht oder schwer uns das fällt. Fällt es uns schwer, Grenzen zu setzen? Sagen wir nur zögerlich Nein, entschuldigen uns dafür oder plagen uns anschließend mit Schuldgefühlen? Nicht jedes Ja ist problematisch. Ein bewusst gewähltes Ja aus Mitgefühl oder Verantwortung unterscheidet sich grundlegend von einem Ja, das aus Angst vor Ablehnung, Schuldgefühlen oder dem Wunsch entsteht, es allen recht zu machen. Heilung beginnt dort, wo wir lernen, diesen Unterschied wahrzunehmen und unser inneres Nein wieder ernst zu nehmen.

Frage 2: Welche Folgen hat es, wenn ich nicht Nein sage?

Die zweite Frage lautet: Welche Auswirkungen hat es auf mein Leben, wenn ich meine eigenen Grenzen regelmäßig übergehe? Die Folgen zeigen sich meist auf drei Ebenen: körperlich, emotional und zwischenmenschlich. Körperlich kann sich ein dauerhaft unterdrücktes Nein unter anderem in Erschöpfung, Schlafstörungen, Verspannungen, Kopf- oder Rückenschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder einer erhöhten Infektanfälligkeit ausdrücken. Der Körper beginnt auszudrücken, was wir selbst nicht aussprechen. Emotional entstehen häufig Gefühle wie Traurigkeit, Angst, innere Leere oder der Verlust von Freude und Lebendigkeit. Zwischenmenschlich entwickelt sich nicht selten Groll oder Resignation gegenüber den Menschen, für die wir unsere eigenen Bedürfnisse zurückgestellt haben. Paradoxerweise führt das Schweigen über unsere Grenzen oft genau zu der Distanz, die wir eigentlich vermeiden wollten. Schließlich lohnt sich noch eine weitere Frage: Was geht mir dadurch im Leben verloren? Wer sich selbst dauerhaft zurücknimmt, verzichtet häufig auf Freude, Spontaneität, Selbstachtung, Lebendigkeit und persönliche Entwicklung. Heilung beginnt, wenn wir erkennen, dass ein ausgesprochenes Nein nicht gegen andere gerichtet ist, sondern ein Ja zu uns selbst sein kann. 

Frage 3: Welche Signale meines Körpers übersehe ich?

Die dritte Frage lautet: Welche Botschaften meines Körpers habe ich bisher übersehen oder ignoriert? Während die vorherige Frage von den eigenen Verhaltensmustern ausgeht, beginnt diese beim Körper. Körperliche Beschwerden können Hinweise darauf sein, dass wir unsere eigenen Grenzen und Bedürfnisse über längere Zeit missachtet haben. Deshalb lohnt es sich, den Körper regelmäßig bewusst wahrzunehmen. Erschöpfung, Kopfschmerzen, Verspannungen, Magenbeschwerden oder andere anhaltende Symptome sind nicht nur körperliche Phänomene, sondern können Ausdruck eines unausgesprochenen inneren Neins sein. Anstatt sie ausschließlich zu bekämpfen, können wir uns fragen: Worauf möchte mich mein Körper aufmerksam machen? Vielen Menschen fällt diese Form der Selbstwahrnehmung schwer, weil sie sich so sehr mit ihren Rollen und Aufgaben identifizieren, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse kaum noch spüren. Der Körper übernimmt dann die Aufgabe, auf das hinzuweisen, was unser bewusster Verstand übergeht. Wer lernt, diese Signale frühzeitig ernst zu nehmen, kann oft verhindern, dass der Körper immer lautere Warnsignale senden muss.

Frage 4: Welche Überzeugungen stehen hinter meinem fehlenden Nein?

Die vierte Frage lautet: Welche Geschichte erzähle ich mir, die es mir so schwer macht, Nein zu sagen? Hinter jedem wiederkehrenden Verhaltensmuster stehen oft tief verwurzelte Überzeugungen über uns selbst. Sie wirken so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Typische Glaubenssätze lauten: Ich muss stark sein. Ich darf niemanden enttäuschen. Ich bin nur liebenswert, wenn ich für andere da bin. Meine Bedürfnisse sind weniger wichtig. Es ist egoistisch, Nein zu sagen. Solche Überzeugungen entstehen häufig in der Kindheit und dienten ursprünglich dazu, Zugehörigkeit, Sicherheit oder Anerkennung zu erhalten. Im Erwachsenenalter führen sie jedoch oft dazu, dass wir unsere eigenen Grenzen dauerhaft missachten. Hilfreich ist deshalb die Frage: Was muss ich über mich selbst glauben, damit ich meine eigenen Bedürfnisse immer wieder übergehe? Oft zeigt sich dabei, dass wir mit uns selbst deutlich strenger umgehen als mit anderen. Was wir einem Freund selbstverständlich zugestehen würden, Grenzen zu setzen oder Nein zu sagen, erlauben wir uns selbst nicht. Heilung beginnt, wenn wir diese alten Geschichten erkennen und hinterfragen. Denn nicht die Überzeugungen selbst sind unsere Identität, sondern erlernte Schutzstrategien, die wir heute nicht mehr in gleicher Weise brauchen.

Frage 5: Wo habe ich diese Überzeugungen gelernt?

Die fünfte Frage lautet: Woher stammen die Überzeugungen, die mein Verhalten bis heute prägen? Unsere grundlegenden Glaubenssätze entstehen nicht zufällig. Sie entwickeln sich in den frühen Beziehungen zu unseren Bezugspersonen und sind eng mit den Erfahrungen unserer Kindheit verbunden. Kinder beziehen das Verhalten ihrer Eltern fast immer auf sich selbst. Sind Bezugspersonen überfordert, emotional nicht verfügbar oder selbst belastet, entstehen leicht Überzeugungen wie: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich muss mich anpassen. Ich darf keine Umstände machen. Diese Schlussfolgerungen dienten einst dazu, Nähe und Sicherheit zu erhalten, auch wenn sie objektiv nicht zutrafen. Der Blick in die Vergangenheit dient dabei nicht dazu, Schuldige zu suchen oder in alten Verletzungen stecken zu bleiben. Er hilft vielmehr zu verstehen, wie unsere heutigen Muster entstanden sind. Dieses Verständnis eröffnet die Möglichkeit, sich von ihnen zu lösen und neue, gesündere Wege im Umgang mit sich selbst zu entwickeln.

Frage 6: Wo habe ich mein inneres Ja überhört?

Die sechste Frage lautet: Wo habe ich mein inneres Ja unterdrückt? Heilung bedeutet nicht nur, ein authentisches Nein auszusprechen, sondern auch dem zu folgen, was in uns lebendig werden möchte. Welche Wünsche, Interessen oder kreativen Impulse habe ich aus Angst, Pflichtgefühl oder dem Wunsch nach Anerkennung zurückgestellt? Vielleicht gibt es etwas, das schon lange nach Ausdruck sucht, ein kreatives Projekt, eine Veränderung, mehr Spiel, Ruhe oder Verbundenheit. Oft verhindern alte Glaubenssätze, dass wir diesem inneren Ja folgen: Ich habe dafür keine Zeit. Ich bin nicht gut genug. Das ist egoistisch. Zuerst müssen die anderen kommen. Wer seinem inneren Ja dauerhaft keinen Raum gibt, verliert oft den Kontakt zu Lebendigkeit, Freude und Sinn. Umgekehrt kann gerade der Ausdruck dessen, was in uns entstehen möchte, zu einer wichtigen Quelle von Gesundheit und Heilung werden. Die Frage lautet daher nicht nur: Wovon möchte ich mich lösen?, sondern auch: Wofür möchte ich mein Leben öffnen?

Abgrenzung bedeutet, die eigene Geschichte neu zu erzählen

Abgrenzung beginnt nicht mit einem ausgesprochenen Nein. Sie beginnt viel früher, in der Bereitschaft, die eigene innere Erfahrung überhaupt wahrzunehmen. Jede der sechs Fragen von Gabor Maté lädt dazu ein, den Kontakt zu sich selbst wiederherzustellen: zu den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen, Grenzen und Wünschen. Sie führen uns Schritt für Schritt von der automatischen Anpassung zurück zu unserem authentischen Selbst. Dabei erzählen wir uns ständig Geschichten über uns selbst. Wir glauben, stark sein zu müssen, niemanden enttäuschen zu dürfen oder nur dann wertvoll zu sein, wenn wir für andere da sind. Solange diese Geschichten unbewusst bleiben, bestimmen sie unser Verhalten. Wir sagen Ja, obwohl wir Nein meinen. Wir unterdrücken unsere Lebendigkeit und verlieren den Kontakt zu dem, was uns wirklich entspricht. Doch unser Körper hört nicht auf zu erzählen. Er wird zum Erzähler der Geschichte, die wir selbst nicht aussprechen. Verspannungen, Erschöpfung, Schmerzen oder innere Unruhe sind oft keine zufälligen Störungen, sondern Ausdruck einer Lebensgeschichte, die nach Aufmerksamkeit verlangt. Der Körper wird zur Narration dessen, was keine Worte finden konnte. Heilung bedeutet deshalb, diese Geschichte nicht länger unbewusst vom Körper erzählen zu lassen, sondern sie bewusst neu zu schreiben. Jedes ehrlich ausgesprochene Nein ist ein Satz dieser neuen Geschichte. Jedes authentische Ja fügt ein weiteres Kapitel hinzu. Abgrenzung ist damit weit mehr als eine Kommunikationsstrategie. Sie ist Ausdruck einer neuen Beziehung zu uns selbst – einer Beziehung, in der wir nicht länger gegen unseren Körper leben, sondern mit ihm. Vielleicht muss der Körper dann immer seltener für uns Nein sagen, weil wir gelernt haben, unsere eigene Stimme rechtzeitig zu hören.

Literatur:

  • Maté, Gabor (2022). The myth of normal. Illness, health and healing in a toxic culture. London: Penguin

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