Fasziniert zog mich der Bericht des Soziologen Helmut Dubiel über seine Parkinsonerkrankung in den Bann. Herr Dubiel beschreibt in seinem Buch den Weg in die Krankheit, die Schwierigkeiten diese Krankheit zu akzeptieren, sowie der zu der Zeit absonderliche Umgang medizinischer Sicht mit der Krankheit. Dreizehn Jahre begleitet ihn diese Erkrankung. Die Sonde in seinem Kopf ermöglicht ihn die Entscheidung zwischen Sprechen oder Gehen. Das Leben erscheint doch, vor dem Hintergrund dieser Kondition, anders. Es lädt ein zum philosophischen Dialog mit sich selbst.

“Ich denke, dass die Uhr eines gelungenen Lebens zwei Zeiten anzeigt: die eines unweigerlichen biologischen Verfalls und die einer wider den Uhrzeigersinn laufende Entdeckung der eigenen Identität. Wer der Versuchung widersteht, sich selbst gleich zu bleiben, kann verrückte Erfahrungen machen: Hemmungen werden abgebaut, Scheuklappen fallen, vordem Wichtiges wird unwichtig, früher Unwichtiges wird zentral. Aber eine solche Leichtigkeit fällt einem nicht in den Schoß. Der Traurige muss im Laufe seines Lebens so viel reales Unglück erfahren haben, dass dessen Summe dem Maß seines schon immer mitgebrachten Unglücks entspricht. Dann erst zerbricht die Membran, die den Traurigen an der volle Teilhabe am Leben hindert, und setzt ein Glück frei, das für die vorgängige Leidensgeschichte entschädigt” (Dubiel, 2006, S. 39)

Diese zerbrochene Membran scheint es zu schaffen die Traurigkeit durch eine Freisetzung des Glücks zu transformieren, welches immer in Retrospektive das Leiden ins Leben hinein rettet. Ein Mensch will leben, doch irgendwie scheint es damit gar nicht so leicht zu sein. Manchmal entsteht Leiden, das kann kurz anhalten oder auch länger dauern. Wenn es jedoch nicht mehr erträglich ist, ist der Wunsch da es zu ändern. Der Mensch will leben und der Weg dahin gestaltet sich als interessant, spannend und auch herausfordernd. Für den Weg zum Leben, habe ich das Wort Lieben gewählt. Für mich bedeutet es, das der Weg zum Leben über das Lieben führt. Und Lieben bezieht sich für mich auf das Selbst im Hier und Jetzt. Es geht darum Selbst zu sein im Hier und Jetzt. Das nenne ich Selbstentwicklung. Jetzt ist es allerdings so, dass diese drei Bereiche nicht hermetisch voneinander getrennt sind, sondern fließend miteinander in Wechselbeziehung stehen. Es gibt nicht den einen Startzustand den wohldefinierten Endzustand, sondern alles konvergiert hin Richtung Entwicklung. Diese Entwicklung ist geprägt von der Ermöglichung immer neuer Räume.

Fließende Wechselbeziehung scheint dem noch derzeitigen Zeitgeist von Trennung zu widersprechen. So schreibt Dubiel (2006, S. 30), “Magisch ist eine Einstellung zur Welt, welche sich der in der Moderne verbreiteten Trennung von Subjekt und Objekt verweigert.”

Diese Trennung von der Dubiel spricht, erinnerte mich an die Gedanken von Jean Gebser, deutsch-schweizerischer Philosoph, einer der ersten kulturwissenschaftlich orientierten Bewusstseinsforscher, welcher in seinen Arbeiten ein Entwicklungsmodell des menschlichen Bewusstseins geschaffen hat. Der Mensch ein komplexes Wesen, so komplex, dass es in seiner Ganzheit schwer von einem Einzelwesen umgriffen werden könnte, so komplex, dass ein klares Schema hilfreich erscheinen kann, einen Blickwinkel zu erweitern, welcher die Gegenwart, als auch die Zukunft als zuträglicher gestalten lässt. Gebser (2008) spricht von fünf Stufen der Entwicklung. 

Archaisches Bewusstsein als erste Stufe

Das archaische Bewusstsein stellt ein Ursprungsbewusstsein dar. Jean Gebser drückt es mit einem Wort aus, ein Paradieszustand. In diesem Paradieszustand ist der Mensch eingeschlossen. Es findet sich keine Differenzierung, sondern der Mensch ist eins mit Kosmos, eins mit Allem. Bezugnehmend auf Dschuang Dsi, der da sagte, dass die Menschen der früheren Zeiten traumlos schliefen, um damit zu behaupten, dass es noch kein Spiegelbewusstsein gab, dass es noch keine Reflektion gab. Alles war mit Allem verbunden. Der Mensch dieser Zeit kannte keine Unterscheidung. Ein Spiegelbewusstsein würde genau dieser Unterscheidung zu Grunde liegen. Dann kam laut Gebser die erste Mutation, es traten neue Fähigkeiten in Erscheinung. Der archaische Mensch bildete noch eine Identität mit allem. Dies ist beim magischen Menschen nicht mehr der Fall.

Magisches Bewusstsein als zweite Stufe

Der magische Mensch bildet zwar keine Identität mehr, jedoch eine Unität, eine Verbindung mit all dem den Menschen umgebenden. Sein Bewusstsein ist noch im Schlafe gefangen. Jean Gebser bringt dies mit dem Wurzelbereich einer Pflanze in Verbindung. Im Wurzeldunkel, zumal es unter der Erde liegt, spielt sich das magische Leben ab. Dieser Mensch ist noch gänzlich in der Natur eingebettet, nimmt aber jetzt erste Anläufe sich dieser gegenüberzustellen. Die noch nicht vorhandene Fähigkeit zum Schlussfolgern und Herstellen von Kausalbeziehungen weicht noch einer Unität. Für den magischen Menschen finden die Dinge gleichzeitig statt. Auf dieser Bewusstseinsstufe wird Schlechtes meist dem Außen zugeschrieben und Gutes meist dem eigenen Verdienst. Dabei wird allerdings vergessen dass abträgliche Erlebnisse in einer größeren Konstellation bedingt sind, dass es also eine Wechselbeziehung zwischen Innen und Außen gibt. Dem sei beigemessen, dass Handlungsfähigkeit noch nicht gelebt wird, sondern aufgrund des Schlafbewusstseins ein eher rezeptiver Modus das Leben prägt. Sinnbildlich für die rezeptive Orientierung sei das Ohr genannt, welches empfängt, hört, bzw. Dinge geschehen lässt. Diese noch Ichlosigkeit des Menschen begründet auf dieser rezeptiven Einstellung. Das Kindesalter ist gezeichnet durch einen weiteren Übergang, eine weitere Mutation, vom Magischen hin zum Mythischen. 

Mythisches Bewusstsein als dritte Stufe

Während Träume beim Archaischen abwesend waren, bildet sich hier ein erstes Traumbewusstsein. Die Unität des magischen Menschen weicht einer Polarität des mythischen Menschen. Es gibt ein Hier und ein Dann. Zum erste Mal nimmt der mythische Mensch einen Zeitablauf wahr und daran auch teil. Es verhält sich wie mit einer Münze. Wir sehen immer nur die eine Seite, doch wissen wir von der anderen Seite. Die Abwesenheit ist keine wahre Abwesenheit, denn sie ist durch die Anwesenheit der anderen Seite immer auch anwesend, auch wenn nicht wahrnehmbar. Dies kommt sehr gut in dem Yin und Yang Prinzips von Dschuang Dsi zur Geltung. Das Ganze besteht nun aus dem Sichtbaren und dem Nicht-Sichtbaren, welche sich immer ergänzen. Hier kann der Mensch unterscheiden zwischen Himmel und Erde, zwischen Tag und Nacht. Es ist die Welt des Glaubens. Nun kam es zu einem weiteren Sprung, bzw. einer weiteren Mutation. Diese vollzog sich ca. 500 v. Chr. und ist bis heute noch vorherrschend. Das mythische weicht nun dem mentalen rationalen Bewusstsein.

Mental Rationales Bewusstsein als vierte Stufe

Hier erwacht der Mensch und zum ersten Mal zu einem Tagesbewusstsein. Der magische Mensch war noch mehr der Gemeinschaft zugeordnet, auch wenn er dies nicht bewusst erfasste. Der mythische Mensch lebte auch im Wir und war sich dessen bewusst. Allerdings war sein Ich noch nicht erwacht, was für den mentalen Bereich nicht mehr stimmt. Die Ichfindung ist Bestandteil dieser Phase und ermöglichte, was wir heute Philosophie und Wissenschaft nennen. Der Mensch redet nun mit dem Mitmenschen in Dialogform. Dies bezeugen erste Texte ca. 500 v. Chr. Zudem bekommt der Mensch ein immer mehr zunehmendes Raumbewusstsein. Die Welt ist nun eine vorgestellte Welt, eine gedachte Welt.

Die Griechen schafften dafür vier Grundlagen, welche alle wieder erweitert wurden und somit heute nur noch teilgültig sind. Die euklidische Geometrie wurde heute in eine nichteuklidische Geometrie überführt, welche z.B. den Ultraschall ermöglichte und leider auch die Atombombe. Die demokratische Atomlehre wurde heute durch Quantenphysik ersetzt, welche besagt, dass eben das Atom nicht der letzte Baustein der Welt ist. Die aristotelische Logik, welche darauf beruht, dass es ein Drittes nicht gibt, ebnete den Weg für den Dualismus, dem Entweder-Oder Denken. Dieses Entweder-Oder Denken könnte glatt als Regression gegenüber Sowohl-Als-Auch Denken des Mythischen Bewusstseins gesehen werden. Die aristarchische Lehre der Heliozentrik löste einst die ptolemäische Geozentrik ab und wird nun vom azentrischen Weltbild abgelöst, demnach die Sonne nicht mehr den Mittelpunkt darstellt, sondern nur Mittelpunkt in unserer Galaxie. Was dahinter kommt ist entweder endlich oder unendlich. Das sind die beiden Formen der Azentrik. 

So fragte sich Gebser, wo denn da noch Halt sei, wenn alle Gewissheiten mit immer neuen Erkenntnissen, wie Staub auf einmal weggewischt scheinen. Seine Antwort, “wir werden gezwungen, die Sicherheit, die wir während langer Zeit verloren hatten, wieder in uns selbst zu entdecken und nicht in den rationalen Denkgerüsten und Vorstellungen, die wir vor uns aufbauten und die uns einen nur fragwürdigen Halt gegeben haben”. (Gebser, 2008, S. 28)

Diese Sicherheit, welche es gilt, wieder in uns selbst zu entdecken, ist Teil und Aufgabe der Lebensgestaltung und umso mehr auch davon abhängig, wer einer ist, denn manch ein Mensch ist mehr dem mythischen, der andere mehr dem rationalen verhaftet. Wir stehen also in einer Zeitperiode, in welcher sich wieder ein Sprung andeutet. Eine Mutation. Diese Mutation geht mit einer Integration einher.

Integrales Bewusstsein als fünfte Stufe

Es grenzt an eine Forderung des Lebens, alles was ist zu integrieren. Jean Gebser macht hier einen entscheidenden Punkt. Ich schrieb vorher, ob es nicht ein Rückschritt wäre, von Stufe 3 auf 4, vom Mythischen zum Mentalen, vom Sowohl-Als-Auch Denken zum Entweder-Oder Denken. Man möge dies denken, doch verhält es sich eher so, um mit dem Bild der Leiter zu sprechen, dass ein Mensch sofern er auf die Leiter steigt, diese bis zum Ende gehen muss, um sie dann hinter sich zu lassen. Na ja, muss das Muss denn sein? Das Muss muss nicht sein, doch es darf. Die Entscheidung liegt wieder einmal beim Einzelwesen. Ein Durcharbeiten des Entweder-Oder und ein tieferes Verstehen des Sowohl-Als-Auch, sowie eine bedingungslose Akzeptanz der Tatsache, das beide Sichtweisen nebeneinander stehen dürfen, ebnet hier den Weg für ein integrales Bewusstsein.

Braucht es das Integrale?

Einst waren wir ichlos, das magische Bewusstsein, dann waren wir wirkhaft, das mythische Bewusstsein, dann wurden wir ichhaft, das mentale Bewusstsein. Ist es nicht so, dass gerade heute viele Probleme Beziehungsprobleme sind. Beziehungsproblem sind nicht nur im Außen verordenbar. Sie bestehen auch im Inneren. Ach, zwei Seelen sitzen in meiner Brust. Ich denke, es sind mehr als zwei und sie sitzen im Gehirn. Diese Harmonie der inneren Stimmen wäre ein Anfang. Dieser Anfang kann aber nicht ohne das Außen gemacht werden, denn das Innere bedingt das Außen und vice versa. Schließlich sind wir ja keine Solipsisten. Diese Ich-Überbetonung, von der Gebser spricht, darf gerne einen weiteren Weg einnehmen: von der Ichlosigkeit zur Ichhaftigkeit zur Ichfreiheit. Es schreit förmlich nach einer Flexibilität der Anwendung aller drei Zustände, sowie eine friedliche Integration aller drei Zustände. Diese Flexibilität sowie die Integration trägt doch zu einem gewissen Teil zur menschlichen Würde und zum menschlichen Glück bei. Helmut Dubiel hat dies in den letzten Zeilen seines Buch, für mich, sehr schön zum Ausdruck gebracht. 

“Alle wichtigen Entscheidungen des Lebens sind in ihren Voraussetzungen wie in ihren Folgen zu komplex, um dem Bewusstsein des Handelnden gänzlich gegenwärtig zu sein. Das sollte unseren Narzissmus in keine Weise kränken. Im Gegenteil. Das Wissen um die Offenheit des Lebens, die Ahnung, dass hinter der nächsten Bergkette, hinter der nächsten Wegbiegung noch ein unbekanntes Land liegt, ist eine der Bedingungen des Glücks.” (Dubiel, 2006, S. 142)

Nicht im Außen herumfuhrwerken, sondern die Reise ins Innere auf uns nehmen, uns selbst justieren, zentrieren, oder in Ordnung bringen, scheint auch mir ein erster, und wenn nicht überhaupt der wichtigste Schritt, gen Integrität zu sein.

Literatur:

  • Dubiel, Helmut (2006). Tief im Hirn. München: Verlag Antje Kunstmann GmbH
  • Gebser, Jean (2008). Einbruch der Zeit. Schaffhausen: Novalis Verlag

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