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Atmen als Zugang zum Leben

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Atmen ist etwas ganz besonderes. Es hat doppelten Charakter. Ich atme und es passiert einfach so, die ganze Zeit und ich atme und achte darauf. Alan Watts (2000) bezieht sich auf Bogenschießen. Ich praktizierte dies für eine gewisse Zeit, ebenso Luftgewehrschießen über mehrere Jahre als ich noch ein Jugendlicher war. Beim Bogenschießen sowie beim Luftgewehrschießen bekommt die Atmung eine besondere Rolle. Die Verbindung von Atmung und die Ausrichtung der Wirbelsäule, der Hüftgelenke, des ganzen Körpers gehen eine Verbindung ein. So schreibt Watts, ein kräftige Atmung komme nicht durch Muskelkraft sondern durch Gravitation, durch Gewicht, welches wir spüren in Verbindung mit dem Boden.

Atmen kann eine enorme Kraft entfalten. Eine Kraft, die hinein ins Leben führen kann, sofern jemand sich darauf einlassen möchte. Eine Kraft, die zentriert im Strudel der alltäglichen Informationsflut. Eine Kraft, die beruhigt, in dem sie sich auf das Hier und Jetzt konzentriert. In diesem Bezug fallen mir die Zeilen von Byung-Chul Han, in der ein Loblied auf die Hoffnung singt.

“Wir hangeln uns von einer Krise zur nächsten, von einer Katastrophe zur anderen, von Problem zu Problem. Vor lauter Problemlösen und Krisenmanagement verkümmert das Leben: Es wird zum Überleben. Die kurzatmige Überlebensgesellschaft gleicht einem Kranken, der mit allen Mitteln versucht, den nahenden Tod abzuwenden. Doch erst die Hoffnung lässt uns jenes Leben zurückgewinnen, das mehr ist als das Überleben. Sie spannt den Horizont des Sinnenhaften auf, der das Leben wieder belebt und beflügelt. Sie schenkt Zukunft. Das weitverbreitete Klima der Angst erstickt jeden Keim der Hoffnung” (Han, 2024, S. 12).

So meine ich, lasst uns in die Tiefe atmen. Lasst uns langsam atmen und langsamer werden. Lasst uns durch eine tiefe langsame Atmung Abstand gewinnen. Später schreibt Han (2024), Angst, aus dem Althochdeutschen “angust”, bedeutet ursprünglich Enge und erstickt somit jede Weite und somit auch jede Perspektive. Genau diesen Abstand meine ich, Abstand vor der Enge. Diese Enge hat auch sehr viel mit der Atmung zu tun. Atme ich flach und nach oben, bekommt mein Blick eine gewisse Enge. Atme ich tief, langsam und entspanne mich hinein in die Ausatmung, kann dies den Blick weiten und vielleicht auch somit den Zugang zum Leben.

Atmen als Zugang zum Leben – Zwischen Überlebensmodus, Hoffnung und verkörperter Präsenz

Atmen ist etwas ganz Besonderes – ein Prozess, der sich jeder eindeutigen Einordnung entzieht. Es ist eine Tätigkeit und zugleich ein Geschehen. Es geschieht in uns – automatisch, rhythmisch, lebensnotwendig. Und doch können wir es auch willentlich beeinflussen. Diese doppelte Natur des Atmens – zwischen Geschehen und Handlung – macht es zu einem zentralen Zugang zur Erfahrung des eigenen Daseins. Alan Watts (2000) bringt dies in Verbindung mit dem Bogenschießen auf den Punkt: Es ist nicht Muskelkraft, die uns in der Atmung verankert, sondern das Spüren von Gewicht, von Gravitation, von Boden. Ausrichtung, Erdung, Sammlung – die Atmung stellt sich als Scharnier zwischen Körper, Raum und Aufmerksamkeit heraus.

Wenn wir uns der Atmung zuwenden, berühren wir zugleich die Grundlagen des Lebens. In östlichen Kulturen, etwa in China oder Indien, war das Wissen um die Bedeutung des Atems bereits vor der Entwicklung medizinischer Systeme wie der Akupunktur präsent. Atmen – oder „Atman“ im altindischen Sprachraum – wurde als Ausdruck des Göttlichen im Menschen verstanden. Es ist nicht nur eine biologische Funktion, sondern eine geistige und existentielle Bewegung: Einatmen als Zulassen, Ausatmen als Loslassen, die Atempause als Ausdruck des reinen Da-Seins.

Udo und Regina Derbolowsky (2005) beschreiben in ihrer umfassenden Arbeit zur Atmung die vielfältigen Dimensionen dieses Prozesses: biologisch, funktional, seelisch und spirituell. Sie betonen, dass Atmen Leben bedeutet, nicht nur im physiologischen, sondern auch im existenziellen Sinne. Atmen ist leiblich und leibhaftig: Wir haben nicht nur einen Körper, wir sind unser Körper. Wer sich aufrichtet, richtet sich selbst auf. Und genau hier liegt die Kraft der Atmung, in der Verbindung von Innen und Außen, von Selbst und Welt, von Schwere und Leichtigkeit.

Doch diese Verbindung ist in unserer heutigen Gesellschaft zunehmend gefährdet. Wie Byung-Chul Han (2024) beschreibt, leben wir in einem „kurzatmigen“ Zustand kollektiven Überlebens: „Wir hangeln uns von einer Krise zur nächsten, von einer Katastrophe zur anderen, von Problem zu Problem. [...] Das Leben wird zum Überleben.“ Diese Worte zeichnen ein erschreckendes Bild unserer Zeit: Die natürliche Atembewegung, Ausdruck von Verbundenheit mit dem Leben, wird überlagert von einem funktionalen, verkrampften Umgang mit der Welt – einer Daueraktivierung, die letztlich zur Erschöpfung führt.

Han verknüpft dies mit dem Begriff der Angst, dessen etymologische Wurzel im Althochdeutschen „angust“ auf Enge verweist. Angst verengt nicht nur unser Denken, sondern auch unseren Atemraum. Wo Angst dominiert, fehlt Weite – jene innere Öffnung, die Hoffnung, Sinn und Zukunft überhaupt erst ermöglicht. Atmen unter Angst ist ein Atmen im Alarmzustand: flach, hektisch, in der oberen Brust. Es ist ein Notfallatem – biologisch sinnvoll in der Bedrohung, aber zerstörerisch, wenn er zum Dauerzustand wird.

Gerade in Zeiten existenzieller Verunsicherung kommt der Atmung deshalb eine besondere Bedeutung zu: als Rückbindung an den Körper, an das Jetzt, an die grundlegende Sicherheit des Daseins. Die Atmung ist kein Mittel zum Zweck, sie ist kein optimierbares Werkzeug. Sie ist der Weg selbst. Wenn wir uns ihr zuwenden, geschieht etwas Einfaches und doch Großes: Wir kehren zurück – zu uns, zu unserer Leiblichkeit, zur Welt. In der bewussten Atmung verbinden sich vegetative Vorgänge – wie Gasaustausch, Zellatmung, Muskelsteuerung – mit einer inneren, gelebten Dimension: Wir spüren, dass wir leben.

Der erste Atemzug nach der Geburt ist eine Ganzkörpererfahrung, der erste Schrei Ausdruck unseres Eintritts in die Welt. Auch dieser Moment ist mehr als Biologie – es ist der Beginn unserer leiblichen Selbstständigkeit. Von da an begleitet uns der Atem durch alle Entwicklungsphasen unseres Lebens. Doch Entwicklungsstörungen – sei es durch Traumata, chronischen Stress oder gesellschaftliche Überforderung – wirken sich unmittelbar auf die Atmung aus. Sie wird flacher, schneller, fragmentierter – ein Spiegel verlorener Verbindung. Atmen als Bindung an das eigene Selbst und die Welt wird durch Angst, Kontrolle oder Anpassung gestört.

Die Praxis des bewussten Atmens stellt dem eine sanfte, aber kraftvolle Antwort entgegen. Nicht in Form von Leistung oder Zielorientierung, sondern in Form von Achtsamkeit und Präsenz. Wenn das Zwerchfell sich senkt und die Lungen sich füllen, wenn die Rippen sich heben und die Luft in uns einströmt – dann geschieht nicht nur Sauerstoffaufnahme. Dann geschieht auch Begegnung. Mit dem Leben selbst. Und mit dem, was in uns lebt.

Die funktionale und spirituelle Dimension der Atmung liegt darin, dass sie uns nichts aufzwingt, sondern uns einlädt. Einlädt, uns selbst wieder zum Freund zu werden. Einlädt, uns nicht als Objekt zu betrachten, das verbessert werden muss, sondern als lebendigen Organismus, der sich erinnern darf: an Vertrauen, an Geduld, an das tiefe Wissen, dass auch Pausen zum Leben gehören.

Am Ende könnte man sagen: Wer atmet, lebt. Doch genauer wäre vielleicht: Wer bewusst atmet, beginnt wirklich zu leben.

Literatur:

  • Derbolowsky, Udo & Derbolowsky, Regina (2005). Atem ist Leben. Germering: Psychopädica Verlag
  • Han, Byung-Chul (2024). Der Geist der Hoffnung. Wider die Gesellschaft der Angst. Berlin: Ullstein Verlag
  • Watts, Alan (2000). Still in the mind. An Introduction to Meditation. Novato, Kalifornien: New World Library

Bilder: