Die unsichtbare Grenze des Selbst – Wie unser Körper Nähe, Distanz und Schutz organisiert

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In meinem vorherigen Artikel über den peripersonalen Raum habe ich beschrieben, wie eng der unmittelbare Raum um unseren Körper mit unserer Selbstwahrnehmung, unserem Sicherheitserleben und unserer Beziehungsfähigkeit verbunden ist. Dabei ging es unter anderem um die Plastizität dieses Raumes, um die Bedeutung von Handlungskontrolle und um die Frage, wie multisensorische Wahrnehmung unsere körperliche Grenze zur Umwelt organisiert. Doch eine spannende Frage ist dabei noch offen geblieben: Wie hängen der Raum, in dem wir handeln können, und der Raum, in dem wir anderen Menschen begegnen, eigentlich zusammen? Ist die Distanz, die wir zu anderen Menschen herstellen, tatsächlich mit unserer körperlichen Reichweite verbunden? Und welche Rolle spielt dabei die multisensorische Verarbeitung? Eine Studie von Laurie Geers und Yann Coello (2023) liefert hierzu interessante Erkenntnisse. Unter dem Titel The relationship between action, social and multisensory spaces untersuchten die beiden Forschenden, wie der peripersonale Handlungsraum, der persönliche Schutzraum und der soziale Interaktionsraum miteinander zusammenhängen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass diese Räume zwar miteinander verbunden sind, aber keineswegs dasselbe darstellen.

Vier Räume rund um unseren Körper

Um die Ergebnisse zu verstehen, lohnt sich zunächst eine Unterscheidung zwischen vier verschiedenen Raumrepräsentationen.

  • Der peripersonale Handlungsraum (Reachable Space) bezeichnet den Bereich, den wir mit einer Bewegung erreichen können. Er ist darauf ausgerichtet, Handlungen vorzubereiten und auszuführen. Wenn wir beispielsweise nach einem Glas greifen, organisiert unser Nervensystem die räumlichen Informationen so, dass eine zielgerichtete Bewegung möglich wird.
  • Der Personal Space beschreibt dagegen den persönlichen Schutzraum. Er bezeichnet jene Distanz, bei deren Unterschreitung die Nähe eines anderen Menschen als unangenehm oder bedrohlich erlebt wird. Er hat damit eine defensive Funktion. Er schützt unsere körperliche Integrität und markiert eine Grenze, die andere nicht ohne Weiteres überschreiten sollten.
  • Der Interpersonal Space bezeichnet den Abstand, den wir bevorzugt zu anderen Menschen einnehmen, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Es geht also nicht um die Grenze, ab der Nähe unangenehm wird, sondern um jene Distanz, die wir für eine Begegnung als angenehm und passend empfinden.
  • Eine vierte Raumrepräsentation ist der Multisensory Integration Space. Er beschreibt den Bereich, in dem visuelle und taktile Informationen miteinander verknüpft werden. Wenn sich beispielsweise jemand unserem Körper nähert, kann das die Verarbeitung einer gleichzeitigen Berührung beeinflussen. Unser Nervensystem verarbeitet dann nicht einfach zwei voneinander unabhängige Sinneseindrücke, sondern setzt sie in Beziehung zueinander.

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Wir können etwas erreichen, ohne dass wir es bereits als angenehme Nähe erleben. Wir können eine Person in einer Distanz wahrnehmen, die für eine Begegnung passend ist, obwohl sie noch außerhalb unserer eigenen körperlichen Reichweite steht. Und wir können auf eine Annäherung multisensorisch reagieren, lange bevor eine tatsächliche Berührung möglich wäre.

Was die Studie von Geers und Coello herausgefunden hat

Geers und Coello (2023) untersuchten 50 Personen mit einem Durchschnittsalter von 22,6 Jahren. Die Teilnehmenden befanden sich in einer virtuellen Umgebung und sahen einen sich nähernden menschlichen Avatar, einen anthropomorphen Roboter oder eine zylinderförmige Lampe. In mehreren Aufgaben sollten sie jeweils angeben, wann sie das Objekt oder die Person mit der Hand erreichen könnten, wann die Distanz für eine Begegnung am angenehmsten wäre und ab wann die Annäherung unangenehm würde. Zusätzlich wurde die multisensorische Verarbeitung untersucht. Dafür erhielten die Teilnehmenden eine taktile Stimulation am Brustbein, während sich der visuelle Reiz auf sie zubewegte. Gemessen wurde, wie schnell sie auf die Berührung reagierten und in welcher Entfernung die visuelle Annäherung die taktile Verarbeitung erleichterte. Das Ergebnis war bemerkenswert: Die vier untersuchten Räume unterschieden sich deutlich in ihrer Ausdehnung. Der multisensorische Integrationsraum war mit durchschnittlich 127,40 cm am größten. Es folgte der Interaktionsraum mit 116,35 cm. Der Handlungsraum lag bei 91,36 cm und der persönliche Schutzraum bei 53,47 cm. Damit zeigte sich eine interessante räumliche Staffelung. Der Bereich, in dem wir eine multisensorische Verarbeitung der Annäherung beobachten können, reicht deutlich weiter als der Bereich, in dem wir tatsächlich handeln können. Auch der bevorzugte soziale Interaktionsabstand liegt außerhalb der eigenen körperlichen Reichweite. Unangenehm wurde die Nähe dagegen erst in einer deutlich geringeren Distanz.

Wichtig ist allerdings, diese Zahlen nicht als allgemeingültige menschliche Abstände zu verstehen. Sie beschreiben die Mittelwerte einer konkreten Versuchsanordnung mit virtuellen Reizen und einer jungen Stichprobe. Sie sind keine festen biologischen Grenzwerte. Noch aufschlussreicher waren die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Räumen. Der Handlungsraum korrelierte positiv sowohl mit dem persönlichen Schutzraum als auch mit dem sozialen Interaktionsraum. Menschen, die einen größeren Handlungsraum aufwiesen, hatten tendenziell auch einen größeren persönlichen Schutzraum und bevorzugten eine größere Distanz bei sozialen Begegnungen. Das spricht dafür, dass die sensomotorische Organisation unseres Körpers eine wichtige Bezugsgröße für die Regulierung sozialer Distanzen darstellt. Der Raum, in dem wir handeln können, beeinflusst offenbar auch, wie wir den Abstand zu anderen Menschen organisieren. Eine wichtige Annahme der Forschenden wurde dagegen nicht bestätigt: Der Handlungsraum und der multisensorische Integrationsraum korrelierten nicht miteinander. Obwohl beide mit dem peripersonalen Raum in Verbindung stehen, scheinen sie unterschiedliche Funktionen abzubilden. Multisensorische Integration ist demnach nicht einfach eine Eigenschaft des motorisch erreichbaren Raumes. Besonders interessant ist dabei ein weiterer Befund. Bei der Annäherung des menschlichen Avatars und des Roboters zeigte sich ein negativer Zusammenhang zwischen multisensorischem Integrationsraum und persönlichem Schutzraum. Personen, bei denen die multisensorische Verarbeitung bereits aus größerer Entfernung erleichtert wurde, tolerierten tendenziell eine größere Nähe. Die Forschenden vermuten, dass eine frühzeitige sensorische Verarbeitung möglicherweise eine bessere Vorbereitung auf den bevorstehenden Kontakt ermöglicht. Diese Interpretation ist allerdings noch hypothetisch und muss in weiteren Studien untersucht werden.

Nähe ist nicht nur eine Frage des Abstands

Was bedeuten diese Ergebnisse für unser Verständnis sozialer Beziehungen? Zunächst wird deutlich, dass Nähe nicht einfach durch eine bestimmte Anzahl von Zentimetern definiert werden kann. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Körper, Wahrnehmung, Handlungsmöglichkeiten und sozialem Kontext. Der peripersonale Handlungsraum scheint dabei eine Art räumlichen Referenzrahmen bereitzustellen. Geers und Coello (2023) beziehen sich in ihrer Diskussion auf die sogenannte Homeostatic Theory of Social Interaction von Coello und Cartaud (2021). Dieser Ansatz geht davon aus, dass der bevorzugte Abstand zwischen Menschen auf der körperlichen Repräsentation des eigenen Handlungsraumes aufbaut und um einen zusätzlichen Sicherheitsabstand ergänzt wird. Wir halten also nicht einfach einen bestimmten Abstand zu anderen Menschen ein, weil wir gelernt haben, dass dieser gesellschaftlich angemessen ist. Vielmehr ist unsere soziale Distanz auch körperlich organisiert. Unser Nervensystem bezieht die eigenen Handlungsmöglichkeiten und die erwarteten Konsequenzen einer Annäherung in die Regulierung des Abstandes ein. Dass sich der Handlungsraum tatsächlich auf soziale Distanzen auswirken kann, zeigen auch frühere Untersuchungen. Quesque et al. (2017) konnten beispielsweise nachweisen, dass die Verwendung eines längeren Werkzeugs nicht nur den wahrgenommenen Greifraum veränderte, sondern auch den bevorzugten Abstand zu einer anderen Person vergrößerte. Das ist bemerkenswert! Eine Veränderung unserer körperlichen Handlungsmöglichkeiten kann sich unmittelbar auf die Art auswirken, wie wir anderen Menschen begegnen. Nähe ist damit nicht ausschließlich ein psychologisches oder kulturelles Phänomen. Sie ist auch verkörpert.

Wenn der Schutzraum empfindlicher wird

Hier eröffnet sich eine interessante Perspektive für das Verständnis von Angst und traumatischen Erfahrungen. Menschen, die belastende oder bedrohliche Erfahrungen gemacht haben, berichten häufig von einer erhöhten Sensibilität gegenüber Annäherung. Manche reagieren besonders aufmerksam auf Bewegungen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Andere erleben Berührung als unangenehm oder benötigen deutlich mehr Abstand, um sich in einer Begegnung sicher zu fühlen. Die Studie von Geers und Coello untersucht zwar keine traumatisierten Menschen. Sie liefert deshalb keinen direkten Nachweis dafür, dass Trauma den peripersonalen Raum dauerhaft verändert. Allerdings lässt sich aus den Ergebnissen eine weiterführende Frage ableiten. Was geschieht mit der Organisation unseres Nahraums, wenn unser Nervensystem Annäherung überwiegend mit möglicher Gefahr verbindet? Frühere Untersuchungen zeigen, dass Angst und individuelle Unterschiede in der Ängstlichkeit mit der Wahrnehmung von Reichweite und sozialer Distanz zusammenhängen können (Iachini et al., 2015). Auch die Forschung zu spezifischen Ängsten, etwa vor Hunden, beschreibt eine adaptive Erweiterung des peripersonalen Raumes (Taffou & Viaud-Delmon, 2014).

Aus körperpsychotherapeutischer Perspektive ist das besonders interessant. Ein Mensch, der auf Annäherung mit erhöhter Alarmbereitschaft reagiert, erlebt möglicherweise nicht nur eine emotionale Belastung. Auch seine körperliche Orientierung im Raum, seine Bereitschaft zur Bewegung und seine Möglichkeiten, Kontakt zuzulassen, können davon betroffen sein. Der Schutzraum wird dann zu einem wichtigen Bestandteil des subjektiven Sicherheitserlebens. Dabei geht es nicht darum, möglichst viel Nähe herzustellen oder einen vermeintlich normalen Abstand wiederherzustellen. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Distanzen differenzieren zu können: Was ist für mich erreichbar? Was fühlt sich angenehm an? Wo beginnt Unbehagen? Und wann brauche ich mehr Abstand? Diese Fragen betreffen nicht nur unsere sozialen Beziehungen. Sie berühren auch unsere Selbstwahrnehmung und unsere Fähigkeit, eigene Grenzen wahrzunehmen und auszudrücken.

Was bedeutet das für die Körpertherapie?

Die Ergebnisse von Geers und Coello lassen sich mit einer zentralen Frage körpertherapeutischer Arbeit verbinden: Wie können Menschen ihre eigenen körperlichen Grenzen wieder differenzierter wahrnehmen und gestalten? In der Feldenkrais-Methode beispielsweise geht es nicht nur darum, Bewegungen effizienter auszuführen. Es geht auch darum, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, Unterschiede wahrzunehmen und neue Bewegungsoptionen zu entdecken. Wenn sich unser Handlungsraum verändert, kann sich möglicherweise auch unsere Wahrnehmung sozialer Distanzen verändern. Das bedeutet nicht, dass eine größere Bewegungsfreiheit automatisch zu mehr Nähe führt. Vielmehr könnte sie dazu beitragen, dass wir mehr Wahlmöglichkeiten erleben: auf andere zuzugehen, Abstand zu halten, uns zurückzuziehen oder eine Begegnung aktiv mitzugestalten. Auch die bewusste Exploration von Nähe und Distanz kann hier eine wichtige Rolle spielen. Wir können beispielsweise untersuchen, wie es sich anfühlt, wenn jemand näher kommt, wenn wir selbst einen Schritt zurücktreten oder wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper und seine räumliche Ausrichtung richten. Dabei ist entscheidend, dass die Person selbst die Kontrolle über die Annäherung behält. Gerade bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen sollte die Arbeit nicht darin bestehen, Schutzgrenzen zu überwinden. Vielmehr geht es darum, Selbstbestimmung und Handlungsmöglichkeiten erfahrbar zu machen. Eine weitere interessante Perspektive ergibt sich aus der multisensorischen Organisation des Nahraums. Unser Körper verarbeitet visuelle, taktile und andere sensorische Informationen nicht unabhängig voneinander. Die Wahrnehmung einer Annäherung kann bereits körperliche Reaktionen vorbereiten, bevor es überhaupt zu einer Berührung kommt. Das eröffnet einen Zugang zu körpertherapeutischer Arbeit, bei dem nicht nur die tatsächliche Berührung, sondern bereits die Wahrnehmung von Annäherung und Distanz berücksichtigt wird.

Fazit: Nähe braucht einen Körper, der wählen kann

Die Studie von Geers und Coello (2023) erweitert unser Verständnis des peripersonalen Raumes um eine wichtige soziale Dimension. Sie zeigt, dass der körperliche Handlungsraum, der persönliche Schutzraum und der soziale Interaktionsraum miteinander verbunden sind. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass multisensorische Verarbeitung einen eigenständigen räumlichen Bereich umfasst, der nicht einfach mit dem motorisch erreichbaren Raum gleichgesetzt werden kann. Damit wird eine zentrale Erkenntnis der Embodiment-Forschung greifbar. Unser Verhältnis zur Welt entsteht nicht unabhängig von unserem Körper. Wie wir handeln können, wie wir Nähe wahrnehmen und welche Distanz wir zu anderen Menschen bevorzugen, ist auch in unserer sensomotorischen Organisation verankert. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Einsichten für die körpertherapeutische Arbeit. Es geht nicht darum, Nähe um jeden Preis zu ermöglichen. Es geht darum, den eigenen Raum wahrzunehmen, ihn gestalten zu können und zwischen Kontakt und Rückzug zu wählen. Denn wirkliche Nähe entsteht nicht dort, wo Grenzen verschwinden. Sie entsteht dort, wo wir uns innerhalb unserer Grenzen begegnen können.

Literatur:

  • Coello, Y., & Cartaud, A. (2021). The interrelation between peripersonal action space and interpersonal social space: Psychophysiological evidence and clinical implications. Frontiers in Human Neuroscience, 15, Article 636124. https://doi.org/10.3389/fnhum.2021.636124
  • Geers, L., & Coello, Y. (2023). The relationship between action, social and multisensory spaces. Scientific Reports, 13, Article 202. https://doi.org/10.1038/s41598-023-27514-6
  • Graziano, M. S. A., & Gross, C. G. (1993). A bimodal map of space: Somatosensory receptive fields in the macaque putamen with corresponding visual receptive fields. Experimental Brain Research, 97, 1–?
  • Iachini, T., Ruggiero, G., Ruotolo, F., Schiano di Cola, A., & Senese, V. P. (2015). The influence of anxiety and personality factors on comfort and reachability space: A correlational study. Cognitive Processing, 16, 255–258.
  • Quesque, F., Ruggiero, G., Mouta, S., Santos, J., Iachini, T., & Coello, Y. (2017). Keeping you at arm's length: Modifying peripersonal space influences interpersonal distance. Psychological Research, 81(4), 709–720. https://doi.org/10.1007/s00426-016-0782-1
  • Rizzolatti, G., Scandolara, C., Matelli, M., & Gentilucci, M. (1981). Afferent properties of periarcuate neurons in macaque monkeys II. Visual responses. Behavioural Brain Research, 2, 147–163.
  • Taffou, M., & Viaud-Delmon, I. (2014). Cynophobic fear adaptively extends peri-personal space. Frontiers in Psychiatry, 5, Article 1.
  • Zanini, A., et al. (2021). Peripersonal and reaching space differ: Evidence from their spatial extent and multisensory facilitation pattern. Psychonomic Bulletin & Review, 28, 1894–1905.

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