Wie formen emotionale Konzepte unsere Wahrnehmung? Was macht dies wiederum mit der Brille, mit der wir die Welt betrachten, also mit unseren Wahrheiten und welcher Weg entsteht letztlich daraus? Ich möchte in dem Artikel auf eine interessante Studie eingehen, die beschreibt, wie es von der physikalischen Erregung zur subjektiven Realität kommt. Dazu stelle ich als erstes mal die Theorie vor.
Die Theorie: Der Conceptual-Act-Ansatz nach Lisa Feldman Barrett
Über Jahrzehnte hinweg dominierte in der Emotionspsychologie die Auffassung, dass Emotionen wie Angst, Wut oder Trauer sogenannte Natural Kinds (natürliche Kategorien) seien. Dieser traditionellen Sichtweise zufolge sind Emotionen angeborene, fest verdrahtete Programme im Gehirn, die durch spezifische Reize ausgelöst werden und automatisierte Verhaltens- sowie Physiologiemuster nach sich ziehen. Das Conceptual Act Model (Modell des konzeptuellen Akts) von Lisa Feldman Barrett und Kristen A. Lindquist bricht radikal mit dieser Vorstellung. Es ordnet sich in die Tradition psychologischer Konstruktionsmodelle ein. Die Grundannahme lautet: Eine Emotion ist kein elementarer, unzerlegbarer Baustein des Geistes, sondern ein psychologisches Ereignis, das im Augenblick seines Entstehens aus zwei grundlegenderen Komponenten konstruiert wird:
- Core Affect (Kernaffekt): Ein grundlegender, kontinuierlicher und neurophysiologisch verankerter Zustand. Er lässt sich primär auf zwei Dimensionen beschreiben: Valenz (angenehm vs. unangenehm) und Arousal (hohe vs. niedrige physiologische Erregung). Der Kernaffekt selbst ist noch keine spezifische Emotion.
- Konzeptuelles Wissen über Emotionen (Conceptual Knowledge): Das durch Erfahrung, Sprache und Kultur erworbene Wissen darüber, was Kategorien wie „Angst“, „Wut“ oder „Freude“ bedeuten.
Wie aus den Komponenten eine Emotion entsteht (Der konzeptuelle Akt)
Im Prozess der blitzschnellen, automatischen Kategorisierung bringt das Gehirn diese beiden Elemente zusammen, vergleichbar mit den Zutaten in einem Rezept. Der ungerichtete, rein körperliche Kernaffekt (z. B. eine unangenehme, hohe physiologische Erregung im Körper) wird mit dem im Gedächtnis verfügbaren Konzept von „Angst“ verknüpft. Durch diese kognitive Verschmelzung erhält die reine Körperempfindung schlagartig eine Bedeutung. Das Gehirn interpretiert das innere Signal als Beweis dafür, dass die Situation gefährlich ist. Erst durch diesen Akt der Bedeutungszuschreibung entsteht aus dem körperlichen Affekt und dem mentalen Konzept die konkrete, bewusste Emotion (oder ein weltfokussiertes Erleben wie „Die Welt ist bedrohlich“).
Das Modell unterscheidet zudem die Ausrichtung des Prozesses:
- Selbstfokussierte Emotion (Self-focused): Der Kernaffekt wird der eigenen Person zugeschrieben („Ich habe Angst“, „Ich bin wütend“).
- Weltfokussierte Emotion (World-focused): Der Kernaffekt wird als Eigenschaft der Umwelt wahrgenommen. Bei unangenehmer, hoher Erregung und aktiviertem Angst-Konzept wird die Umwelt als bedrohlich und unsicher wahrgenommen (z. B. Auslösen von Risikoaversion).
Die empirische Untersuchung
Um nachzuweisen, dass weltfokussierte Angst tatsächlich erst durch das Zusammenspiel von ungerichtetem Kernaffekt und leicht zugänglichem Emotionswissen entsteht, führten Lindquist und Barrett (2008) eine experimentelle Studie durch. Führt das Zusammentreffen eines unangenehmen, hoch-erregten Kernaffekts mit einem kognitiv geprimten Angst-Konzept dazu, dass die Versuchspersonen die Welt als bedrohlicher wahrnehmen und risikoscheuer handeln? An der Studie nahmen 108 Studierende teil. Die Versuchsleiter kombinierten zwei experimentelle Faktoren (2 × 3 Design):
- Priming des Emotionswissens (3 Bedingungen):
- Angst-Prime: Betrachtung eines Fotos zweier Männer, bei dem die Vp eine Geschichte über die Person mit leicht ängstlicher Gestik schrieb.
- Wut-Prime: Ausarbeitung einer Geschichte über die Person mit leicht verärgerter Gestik.
- Neutraler Prime: Betrachtung eines beschneideten, emotional neutralen Ausschnitts desselben Fotos (Geschichte über Bäume in Neuengland). - Induktion des Kernaffekts (Continuous Music Technique, 2 Bedingungen):
- Unangenehm / hohe Erregung: Hören von evokativer Musik bei gleichzeitigem Imaginieren eines unangenehmen Szenarios.
- Neutraler Affekt: Hören neutraler Musik und Imaginieren eines neutralen Szenarios. - Messung der weltfokussierten Angst:
- Als Indikator für weltfokussierte Angst diente die Risikoaversion (gemessen über den Activity Rating Questionnaire mit 50 hypothetischen Risikoverhalten, z. B. Binge-Drinking, Radfahren ohne Helm).
Die Ergebnisse bestätigten die Hypothese eindeutig. Versuchspersonen, bei denen das Angst-Konzept geprimt wurde und die in einen unangenehmen, hoch-erregten Affektversetzt wurden, zeigten eine signifikant höhere Risikoaversion als alle anderen Gruppen. Personen mit Angst-Prime, aber neutralem Affekt, zeigten keine erhöhte Risikoaversion. Die Gruppe mit Wut-Prime und unangenehmem Affekt zeigte ebenfalls keine erhöhte Risikoaversion. Dies bewies, dass nicht jede negative Stimmung zu Risikoaversion führt, sondern spezifisch die Konstruktion von Angst.
Was bedeutet das nun konkret für uns, wenn wir im Alltag von dem Gefühl der Angst überrollt werden? Wenn Emotionen keine festen „Gefühlsautomaten“ sind, sondern blitzschnell im Gehirn aus körperlicher Erregung und erlerntem Wissen konstruiert werden, verlieren sie ihren starren Charakter. Das bedeutet vor allem eines. Wir sind unserer Angst nicht hilflos ausgeliefert. Ob in beruflichen Veränderungsprozessen oder bei alltäglichen Herausforderungen, wer versteht, wie das Gehirn aus einem neutralen Körperzustand eine bedrohliche Welt konstruiert, kann diesen Kreislauf unterbrechen. Das folgende Selbstprotokoll bietet Ihnen einen praktischen Werkzeugkasten, um eigene Angsterlebnisse zu dekonstruieren und neu zu steuern.
Das Angst-Selbstprotokoll
Wenn du im Alltag oder Beruf immer wieder von dem Gefühl der Angst überrollt wirst, neigt das Gehirn dazu, Situationen rasch als bedrohlich einzustufen. Die gute Nachricht aus der modernen Emotionsforschung (u. a. nach Lisa Feldman Barrett) ist: Du bist deiner Angst nicht hilflos ausgeliefert. Angst ist kein fester „Gefühlsautomat“, der dich unbemannt überfällt; sie wird in Sekundenschnelle von deinem Gehirn aus körperlichen Signalen und erlernten Konzepten konstruiert. Mit diesem Selbstprotokoll kannst du diesen Konstruktionsprozess Schritt für Schritt anhalten, analysieren und verändern.
Schritt 1: Die körperliche Basis dekonstruieren („Granularität“)
- Häufig betiteln wir einen unruhigen oder hoch-aktivierten Körperzustand sofort pauschal als „Angst“. Der erste Schritt ist die Entkopplung von Körperreaktion und Etikett.
- Frage an mich selbst: Was spüre ich in diesem Moment rein physikalisch in meinem Körper, völlig frei von dem Wort „Angst“?
- Beispiele: Pochen im Brustkorb, flache Atmung, Muskelanspannung, Wärme im Gesicht, ein beschleunigter Puls.
- Erkenntnis: Diese körperliche Aktivierung ist zunächst einmal nur neutrales Feedback meines Körpers (ein hoher Kernaffekt) und bedeutet nicht automatisch, dass die Welt um mich herum brennt.
Schritt 2: Das Konzept neu etikettieren (Reframing)
- Da dein Gehirn automatisch nach Erklärungen für deine körperliche Erregung sucht, kannst du ihm bewusst ein anderes, hilfreigeres Konzept anbieten.
- Reframing-Frage: Muss diese körperliche Anspannung (z. B. vor einer Präsentation oder einem schwierigen Gespräch) zwingend „Angst vor dem Scheitern“ bedeuten?
- Alternative Etiketten: Wie fühlt es sich an, wenn ich diese Energie stattdessen als „Fokussierung“, „Handlungsbereitschaft“ oder „pure Energie für die anstehende Aufgabe“ interpretiere?
Schritt 3: Den weltfokussierten Blick überprüfen
- Wenn das Angst-Konzept aktiv ist, neigt unser Gehirn dazu, die Umwelt als unsicher oder feindselig einzustufen (was zu starker Risikoaversion und Vermeidung führt).
- Realitäts-Check: Ist die Situation oder das Projekt vor mir objektiv lebensgefährlich – oder interpretiert mein Gehirn meine innere Anspannung gerade fälschlicherweise als Beweis dafür, dass die Welt bedrohlich sei?
- Selbstbeobachtung: Welche Beweise habe ich dafür, dass die Umwelt in diesem Moment tatsächlich eine Bedrohung darstellt?
Schritt 4: Den emotionalen Wortschatz erweitern (Emotional Granularity)
- Je differenzierter Sie Ihre inneren Zustände benennen können, desto präziser kann Ihr Gehirn arbeiten, anstatt pauschal den Alarmknopf „Angst“ zu drücken.
- Differenzierungs-Übung: Wenn ich das diffuse Gefühl genauer betrachte, handelt es sich vielleicht gar nicht um reine Angst?
- Checkliste für Zwischendurch: Ist es eher eine akute Überforderung? ...gesunde Aufregung? ...körperliche Erschöpfung? ...eine tiefe Vorfreude oder ein Respekt vor der Wichtigkeit der Aufgabe? ...oder schlicht Ungeduld?
- Fazit für den Alltag: Jedes Mal, wenn du lernst, feiner zu unterscheiden, durchbrichst du das alte Muster. Das „Angst-Monster“ verliert seinen starren Charakter, weil du erkennst: Körperliche Erregung + Konzept = erlebte Bedrohung. Wenn du das Konzept veränderst, verändert sich dein gesamtes Erleben.
Fazit: Vom Opfer der Gefühle zum Gestalter der eigenen Wirklichkeit
Die Erkenntnisse der modernen Emotionsforschung, angeführt von Lisa Feldman Barrett und Kristen A. Lindquist, entlarven die Vorstellung von Emotionen als starre, unbemannt überfallende Naturgewalten als Irrglauben. Angst ist kein unantastbares „Monster“, das fest in unserer Biologie verdrahtet ist und uns steuert. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines blitzschnellen, alltäglichen Alchemieprozesses. Unser Gehirn nimmt neutrales körperliches Feedback (den Kernaffekt) und gießt es mithilfe unseres gelernten Wissens und unserer Sprache in die Form einer konkreten Bedrohung. Das bedeutet im Umkehrschluss eine enorme Freiheit. Wer den Code seiner Emotionen versteht, hält auch den Schlüssel zu ihrer Veränderung in der Hand. Das Selbstprotokoll ist dabei kein starres Werkzeug, sondern eine Einladung zur inneren Forschungsreise. Jedes Mal, wenn wir innehalten, den reinen Körperzustand von der Bewertung trennen, den Wortschatz verfeinern oder den weltfokussierten Blick hinterfragen, durchbrechen wir das alte Programmierungsraster. Wir wandeln uns von Getriebenen unseres Körpers zu bewussten Gestaltern unserer eigenen Realität. Denn die Brille, durch die wir die Welt betrachten, haben wir im Augenblick ihres Entstehens selbst mitaufgesetzt und genau deshalb können wir sie jederzeit auch wieder wechseln.
Literatur:
- Lindquist, K. A., & Barrett, L. F. (2008). Constructing emotion: The experience of fear as a conceptual act. Psychological Science, 19(9), 898–903. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02174.x
Bilder:
- Foto von Samuele Macauda auf Unsplash

