„Ich kann einfach nicht abschalten.“ Diesen Satz höre ich immer wieder von Menschen, die unter Schlafproblemen leiden. Manche erzählen, dass sie nachts plötzlich ihren Herzschlag spüren, jede Muskelspannung bemerken oder ihre Atmung beobachten. Der Körper, der tagsüber meist ganz selbstverständlich funktioniert, scheint nachts plötzlich sehr präsent zu werden. Das hat mich zu einer Frage geführt: Was hat Schlaf eigentlich mit Interozeption zu tun, also mit der Wahrnehmung und Verarbeitung innerer Körpersignale? Eine interessante Antwort darauf liefert eine Studie von Wei und Kolleg aus dem Jahr 2016.
Was ist Interozeption?
Interozeption bezeichnet die Verarbeitung von Signalen aus dem Inneren unseres Körpers: Herzschlag, Atmung, Temperatur, Hunger, Durst oder andere körperliche Zustände. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Interozeption ist nicht dasselbe wie bewusste Körperwahrnehmung. Unser Gehirn verarbeitet fortlaufend körperliche Signale, auch wenn wir sie gar nicht bewusst bemerken. Genau das macht die Frage nach Schlaf so interessant. Denn beim Einschlafen verändert sich unsere Aufmerksamkeit. Die Außenwelt verliert an Bedeutung, während innere Vorgänge stärker in den Vordergrund treten. Mit geschlossenen Augen entsteht gewissermaßen ein stärker nach innen gerichteter Zustand. Was aber, wenn das Gehirn die inneren Signale gerade dann nicht ausreichend ausblendet oder an Bedeutung verlieren lässt?
Was passiert bei Schlaflosigkeit?
Wei et al. untersuchten 32 Menschen mit Insomnie und verglichen sie mit 32 gesunden Kontrollpersonen. Dabei interessierte sie insbesondere, wie das Gehirn auf Herzschläge reagiert. Dafür verwendeten sie das sogenannte Heartbeat-Evoked Potential (HEP). Mit dieser EEG-Methode lässt sich untersuchen, wie das Gehirn auf einen einzelnen Herzschlag reagiert. Menschen mit Insomnie zeigten eine stärkere späte frontale HEP-Reaktion, besonders bei geschlossenen Augen. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf eine erhöhte neuronale Verarbeitung interozeptiver Signale. Das bedeutet allerdings nicht einfach, dass Menschen mit Schlafproblemen ihren Körper besser spüren. Bei Insomnie kann eine erhöhte zentrale Verarbeitung interozeptiver Signale auftreten, möglicherweise verbunden mit einer verminderten Anpassung oder Inhibition gegenüber fortlaufenden Körpersignalen. Die Autoren diskutieren dafür unter anderem drei mögliche Mechanismen: excessive processing, deficient inhibition und deficient adaptation. Das Gehirn nimmt die Signale also möglicherweise nicht einfach besser wahr. Es lässt sie stärker in die weitere Verarbeitung einfließen.
Wenn der Herzschlag plötzlich wichtig wird
Stell dir vor, du liegst nachts im Bett. Du bemerkst: „Mein Herz schlägt ziemlich stark.“ Das ist zunächst nur eine Körperempfindung. Doch daraus kann schnell eine ganze Geschichte entstehen: „Warum schlägt mein Herz so stark?“ „Ich bin schon wieder wach.“ „Morgen bin ich völlig fertig.“ „Hoffentlich schlafe ich jetzt endlich.“ Aus einem körperlichen Signal wird ein kognitiv-emotionales Ereignis. Und jetzt beginnt möglicherweise ein Kreislauf: Körpersignal → Aufmerksamkeit → Bedeutung → Aktivierung → noch mehr Körpersignale Plötzlich werden Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Wärme, Kälte oder innere Unruhe beobachtet. Der Körper wird zum Gegenstand einer permanenten Kontrolle. Und genau diese Kontrolle kann das Einschlafen erschweren.
Das Problem ist vielleicht nicht der Körper, sondern die Aufmerksamkeit
Wei et al. bringen ihre Ergebnisse unter anderem mit dem sogenannten Salience Network in Verbindung. Vereinfacht gesagt hilft dieses Netzwerk dabei, zu bestimmen, welche Informationen gerade wichtig genug sind, um unsere Aufmerksamkeit zu beanspruchen. Wenn diese Filterung weniger gut funktioniert, könnten auch Signale, die normalerweise einfach im Hintergrund bleiben, stärker ins Bewusstsein oder in die weitere Verarbeitung gelangen. Ein normaler Herzschlag wird dann nicht mehr einfach nur verarbeitet. Er wird beobachtet. Vielleicht bewertet. Vielleicht kontrolliert. Und schließlich bekommt er eine Bedeutung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ So kann aus einem eigentlich harmlosen körperlichen Vorgang eine zusätzliche Aktivierung entstehen.
Deshalb nicht einfach: Spüre deinen Körper!
Das ist auch therapeutisch interessant. Wenn jemand bereits nachts seinen Herzschlag, seine Atmung und jede kleine Veränderung im Körper überwacht, wäre die Aufforderung „Schließe die Augen und spüre ganz genau deinen Herzschlag.“ nicht unbedingt hilfreich. Denn dadurch könnte genau das verstärkt werden, was ohnehin schon passiert: Körpersignal → fokussierte Aufmerksamkeit → erhöhte Bedeutung. Die entscheidende Frage lautet deshalb für mich nicht: Wie kann ich meinen Körper noch besser spüren? Sondern: Wie kann ich meinen Körper wahrnehmen, ohne ihn ständig überwachen, bewerten oder verändern zu müssen? Das ist ein großer Unterschied.
Wahrnehmen, ohne etwas tun zu müssen
Eine mögliche Übung besteht deshalb nicht darin, die Aufmerksamkeit ausschließlich nach innen zu richten. Vielleicht bemerkst du für einen Moment eine Empfindung im Körper. Und dann gleichzeitig einen Punkt im Raum. Einen Klang. Die Unterlage unter deinem Körper. Vielleicht wieder eine körperliche Empfindung. Dann wieder etwas außerhalb. Innen – außen – innen – außen. Die Aufmerksamkeit wird beweglich. Der Körper muss nicht zum einzigen Beobachtungsobjekt werden. Ebenso wichtig kann sein, die Empfindung nicht verändern zu müssen. Du musst deinen Herzschlag nicht beruhigen. Du musst deine Atmung nicht vertiefen. Du musst dich nicht entspannen. Und du musst jetzt auch nicht einschlafen. Du darfst einfach bemerken: „So fühlt sich mein Körper gerade an.“ Damit wird Wahrnehmung von Kontrolle entkoppelt.
Nicht weniger Körperwahrnehmung, sondern weniger Kontrolle
Vielleicht lässt sich der therapeutische Gedanke deshalb so zusammenfassen. Nicht weniger Körperwahrnehmung, sondern weniger kontrollierendes Monitoring der Körperwahrnehmung. Denn Schlaf lässt sich nur begrenzt erzwingen. Wer unbedingt einschlafen möchte, beginnt häufig irgendwann zu überprüfen, ob er schon müde genug ist. Bin ich schon entspannter? Schlägt mein Herz ruhiger? Bin ich schon müde? Warum schlafe ich immer noch nicht? Und ausgerechnet der Versuch, Schlaf herzustellen, hält die Aufmerksamkeit wach.
Aber nicht jede Schlafstörung sieht gleich aus
Aus der Studie von Wei et al. lässt sich nicht ableiten, dass alle Menschen mit Schlafproblemen zu viel Körperwahrnehmung haben. Die Untersuchung war relativ klein, umfasste 32 Personen mit Insomnie und war querschnittlich angelegt. Sie kann deshalb keine Ursache-Wirkungs-Beziehung nachweisen. Auch bleibt offen, ob eine erhöhte körperliche Aktivierung zu einer verstärkten Verarbeitung interozeptiver Signale führt oder umgekehrt. Menschen können außerdem ganz unterschiedliche Beziehungen zu ihrem Körper haben. Manche überwachen jede kleine Veränderung. Andere bemerken erst sehr spät, dass sie angespannt sind. Und wieder andere spüren ihren Körper durchaus, interpretieren jede Empfindung aber sofort als Warnsignal: „Mein Herz rast, irgendetwas stimmt nicht.“ Deshalb geht es therapeutisch nicht um ein allgemeines Mehr oder Weniger an Interozeption. Es geht um die Beziehung zu dem, was wir wahrnehmen.
Wahrnehmung → Bedeutung → Orientierung → Handlung → Erfahrung
Genau hier finde ich ein Modell hilfreich, das sich auch auf viele andere körperpsychotherapeutische Prozesse übertragen lässt:
Wahrnehmung: Was spüre ich tatsächlich? „Mein Herz schlägt schneller.“
Bedeutung: Was mache ich daraus? „Ich werde wieder nicht schlafen können.“
Orientierung: Ist dieses Signal tatsächlich eine Gefahr oder zunächst einmal ein körperlicher Zustand? „Mein Körper ist aktiviert. Das ist unangenehm, aber nicht automatisch gefährlich.“
Handlung: Muss ich etwas verändern? „Vielleicht muss ich meinen Herzschlag gar nicht kontrollieren.“
Erfahrung: Was geschieht, wenn ich die Empfindung da sein lasse? Vielleicht entsteht eine neue Erfahrung: Ich kann wach sein und trotzdem sicher sein. Und vielleicht auch: Mein Körper muss nicht ruhig sein, damit ich mich sicher fühlen kann.
Was bedeutet das für die Therapie?
Bei einer chronischen Insomnie ersetzt körperorientierte Arbeit natürlich keine evidenzbasierte Insomniebehandlung. Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I) gehören weiterhin zu den zentralen Behandlungsmöglichkeiten. Körperorientierte Ansätze können jedoch eine interessante Ergänzung sein, insbesondere dort, wo Hyperarousal, körperliches Monitoring und der Versuch, den eigenen Zustand kontrollieren zu müssen, eine Rolle spielen. Dann könnte es weniger darum gehen, noch mehr Körperwahrnehmung zu erzeugen. Sondern darum, zu spüren, ohne zu überwachen. wahrzunehmen, ohne sofort zu bewerten. zu bemerken, ohne etwas verändern zu müssen. zwischen innen und außen wechseln zu können. und dem Körper wieder etwas Eigenständigkeit zu erlauben. Vielleicht ist das eine der interessantesten Perspektiven auf Interozeption und Schlaf. Nicht der wahrgenommene Körper hält uns wach. Vielleicht hält uns manchmal der Versuch wach, den wahrgenommenen Körper kontrollieren zu müssen. Und genau hier beginnt für mich eine spannende Verbindung zwischen Interozeption, Embodiment und körperorientierter Psychotherapie.
Literatur:
- Wei, Y., Ramautar, J. R., Colombo, M. A., Stoffers, D., Gómez-Herrero, G., van der Meijden, W. P., Te Lindert, B. H., van der Werf, Y. D., & Van Someren, E. J. (2016). I Keep a Close Watch on This Heart of Mine: Increased Interoception in Insomnia. Sleep, 39(12), 2113–2124. https://doi.org/10.5665/sleep.6308
Bilder:
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