Im vorherigen Artikel habe ich mich der Frage gewidmet: Was bedeutet Heilung? Dabei ging es weniger um das Verschwinden von Symptomen oder die Rückkehr zu einem vermeintlich perfekten Zustand. Heilung wurde vielmehr als eine Bewegung beschrieben, hin zu mehr Ganzheit, zu mehr Beziehung mit uns selbst und zu einem Leben, in dem wir uns wieder näherkommen. Heilung bedeutet nicht, jemand anderes zu werden, sondern wieder in Kontakt mit dem Menschen zu treten, der unter unseren Schutzmechanismen, Anpassungen und Verletzungen immer vorhanden war. Sie entsteht nicht durch Selbstoptimierung, sondern durch Selbstbegegnung, durch die Fähigkeit, wahrzunehmen, anzunehmen und neue Möglichkeiten entstehen zu lassen. Dabei wurde folgendes deutlich. Heilung braucht bestimmte Bedingungen.
Sie braucht einen inneren Raum, in dem Erfahrungen auftauchen dürfen. Sie braucht Wahrheit, um zu erkennen, was wirklich ist. Sie braucht den Körper, weil nicht alles, was uns prägt, allein über Denken verändert werden kann. Und sie braucht Sicherheit, Verbindung und Vorstellungskraft, damit neue Erfahrungen von Lebendigkeit und Vertrauen entstehen können. Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet. Wie können wir solche Bedingungen in unserem Alltag schaffen? Genau hier beginnt Selbstfürsorge. Selbstfürsorge wird jedoch häufig missverstanden. In unserer Kultur wird sie oft mit Wellness, Entspannung oder kleinen Auszeiten verbunden. Ein Bad nehmen, spazieren gehen oder sich etwas Schönes gönnen kann wertvoll sein.
Heilende Selbstfürsorge geht jedoch tiefer. Sie ist nicht nur etwas, das wir tun, wenn wir erschöpft sind, sondern eine Art, mit uns selbst in Beziehung zu treten. Sie bedeutet, die Verantwortung für diese Beziehung zu übernehmen. Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen zu achten, den Körper ernst zu nehmen und uns auch in Momenten des Leidens oder Scheiterns mit Mitgefühl zu begegnen. Vielleicht ist Selbstfürsorge deshalb weniger eine Technik als eine innere Haltung. Ich bin es wert, dass ich mich wahrnehme. Ich bin es wert, dass ich mir zuhöre. Ich bin es wert, mich nicht nur dann anzunehmen, wenn alles funktioniert. Selbstfürsorge ist keine Belohnung nach getaner Arbeit. Sie ist die Grundlage, auf der Heilung stattfinden kann. Denn was Raum bekommt, kann sich verändern. Was wir wahrnehmen, können wir verstehen. Und was wir mit Sicherheit und Mitgefühl betrachten können, darf sich entwickeln. Heilende Selbstfürsorge bedeutet deshalb nicht, unser Leben perfekt zu machen. Sie bedeutet, eine Beziehung zu uns selbst aufzubauen, in der Veränderung möglich wird.
Heilende Selbstfürsorge braucht innere Qualitäten
Wenn Heilung keine Selbstoptimierung ist, sondern eine Rückkehr zu uns selbst, stellt sich die Frage: Welche Haltung brauchen wir, damit diese Rückkehr möglich wird? Der Arzt und Traumaforscher Gabor Maté beschreibt Heilung nicht als einen geradlinigen Prozess mit festen Schritten. Niemand kann einem anderen Menschen den Weg der Heilung vorgeben. Jeder Mensch muss seine eigene Bewegung finden. Dennoch gibt es bestimmte Qualitäten, die Heilung unterstützen können, innere Haltungen, die in vielen Menschen durch Verletzungen, Anpassung oder belastende Lebensbedingungen geschwächt wurden und wieder eingeladen werden möchten. Maté beschreibt diese Qualitäten als die „Four A’s“ und „Five Compassions“, in seinem Buch “the Myth of Normal” (2022). Sie sind keine Anleitung, die abgearbeitet werden muss. Vielmehr sind sie Orientierungspunkte auf dem Weg zurück zu mehr Ganzheit. Die vier A´s stehen für vier grundlegende Fähigkeiten: Authentizität, Agency, gesunde Aggression und Akzeptanz. Sie beschreiben die Beziehung zu uns selbst und unserer eigenen Lebendigkeit.
Die 4 A´s: Authentizität
Authentizität bedeutet, wieder in Kontakt mit dem zu kommen, was in uns wirklich vorhanden ist – mit unseren Bedürfnissen, Gefühlen und Werten. Viele Menschen verlieren diesen Kontakt, wenn sie früh lernen mussten, sich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen oder Sicherheit durch Selbstverleugnung herzustellen. Heilung beginnt dort, wo wir wieder wahrnehmen: Was fühlt sich für mich stimmig an? Was ist meine eigene Wahrheit? Maté schreibt, dass sich Authentizität nicht anstreben, sondern nur verkörpern lässt. Sie beginnt mit der Bereitschaft, uns selbst vollständig anzunehmen, auch die Anteile, die wir aus Angst vor Ablehnung lange verborgen haben. Je mehr wir unsere innere Wahrheit wahrnehmen, desto mehr entstehen neue Wahlmöglichkeiten. Wir müssen alten Mustern nicht länger automatisch folgen, sondern können bewusster entscheiden, wie wir handeln möchten. Die Abwesenheit von Authentizität zeigt sich häufig in Anspannung, Angst, Reizbarkeit, Bedauern, Erschöpfung oder Depression. Sie sind oft Hinweise darauf, dass wir gegen unsere eigene innere Wahrheit leben.
Agency (Handlungsfähigkeit)
Agency beschreibt die Fähigkeit, wieder Einfluss auf das eigene Leben zu erleben. Nicht im Sinne einer vollständigen Kontrolle über alle Umstände, sondern als Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Ich kann mich zu meinem Leben in Beziehung setzen. Ich kann wählen, wie ich mit dem umgehe, was mir begegnet. Agency könnte im Deutschen mit Handlungsfähigkeit übersetzt werden, was somit auch erklärt, warum eine eingeschränkte Handlungsfähigkeit, aufgrund von Armut, Ungerechtigkeit, Marginalisierung, oder inneren einschränkenden Glaubenssätzen, Stress erzeugt.
Anger (Wut)
Gesunde Aggression / Wut bezeichnet jene natürliche Kraft in uns, die unsere Grenzen schützt und uns erlaubt, ein klares Nein auszusprechen. Das Wort Aggression stammt vom lateinischen aggredi und bedeutet ursprünglich „auf etwas zuzugehen“. Gemeint ist also keine Gewalt oder Feindseligkeit, sondern die Fähigkeit, für sich selbst einzustehen und die eigene Integrität zu wahren. Viele Menschen haben jedoch früh gelernt, ihre Wut zu unterdrücken, weil ihre Bedürfnisse, ihr Widerstand oder ihre Gefühle unerwünscht waren. Andere erleben Wut nur in Form unkontrollierter Wutausbrüche. Maté betont, dass beides Ausdruck einer gestörten Beziehung zur eigenen Aggression ist. Gesunde Wut ist weder Unterdrückung noch blinde Rage. Sie ist eine ruhige, kraftvolle Energie, die uns signalisiert, dass eine Grenze überschritten wurde oder ein wichtiges Bedürfnis unbeachtet geblieben ist. Sie liefert uns wertvolle Informationen darüber, was für uns nicht stimmig ist, und ermöglicht es uns, bewusst zu entscheiden, wie wir darauf reagieren möchten.
Heilung bedeutet deshalb nicht, aggressiver zu werden, sondern diese lebensschützende Energie wieder wahrzunehmen und ihr einen angemessenen Ausdruck zu geben. Gesunde Wut ist immer eine Antwort auf den gegenwärtigen Moment. Sie schützt unsere Würde, wahrt unsere Grenzen und hilft uns, im Gleichgewicht mit uns selbst und anderen zu bleiben.
Akzeptanz
Akzeptanz bedeutet, die Realität des gegenwärtigen Moments anzuerkennen, ohne sich ihr passiv zu unterwerfen. Akzeptanz heißt nicht, alles gutzuheißen. Sie bedeutet, aufzuhören, gegen das zu kämpfen, was bereits geschehen ist, damit wir frei werden, bewusst mit dem umzugehen, was jetzt möglich ist. Akzeptanz bedeutet auch, das Unangenehme anzunehmen – Traurigkeit, Wut, Angst, Scham oder Widerstand – und zu erkennen, dass es in diesem Moment nicht anders ist. Für Maté richtet sich Akzeptanz jedoch nicht nur auf die äußere Realität, sondern auch auf uns selbst. Viele Menschen begegnen sich mit einer Härte, die sie keinem anderen Menschen entgegenbringen würden. Sie verurteilen sich für ihre Unsicherheit, ihre Erschöpfung oder ihre Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen. Heilung beginnt jedoch dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Anstatt uns für unsere Schutzmechanismen oder vermeintlichen Schwächen zu verurteilen, dürfen wir ihnen mit derselben Freundlichkeit und dem gleichen Mitgefühl begegnen, das wir einem Menschen entgegenbringen würden, der leidet.
Akzeptanz ist deshalb keine Resignation und keine Passivität. Sie ist vielmehr die Voraussetzung für Veränderung. Was wir verleugnen oder bekämpfen, können wir nicht verstehen. Erst wenn wir bereit sind, uns selbst und unsere Lebenswirklichkeit ehrlich und mitfühlend anzusehen, entstehen neue Handlungsmöglichkeiten. Akzeptanz bedeutet somit nicht, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Sie schafft vielmehr die Grundlage dafür, dass echte Veränderung überhaupt möglich wird.
Die 5 Ebenen der Compassion
Neben diesen vier A beschreibt Maté fünf Ebenen der Compassion, der Mitgefühlshaltung. Sie erweitern den Blick von der Beziehung zu uns selbst hin zur Beziehung mit unserem Leiden, unserer Geschichte und anderen Menschen.
- Die erste Ebene ist die gewöhnliche menschliche Compassion: die Fähigkeit, Leid wahrzunehmen und mit ihm in Beziehung zu bleiben.
- Die zweite ist die Compassion der Neugier und des Verstehens: nicht vorschnell zu bewerten, sondern nach dem Zusammenhang zu fragen, also neugierig zu sein für die Gründe, warum jemand oder eine Gruppe in diesem Leid steckt und gleichzeitig Verständnis dafür aufzubringen, dass gewisse Gründe dazu geführt haben.
- Die dritte ist die Compassion der Anerkennung: zu erkennen, dass wir alle Menschen mit Verletzungen, Widersprüchen und Bedürfnissen sind. In anderen Worten, ein Wahrnehmung und Anerkennen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.
- Die vierte ist die Compassion der Wahrheit: die Bereitschaft, auch schmerzhafte Realitäten anzusehen, weil wirkliche Heilung nur auf Ehrlichkeit entstehen kann.
- Die fünfte ist die Compassion der Möglichkeit: die Erinnerung daran, dass kein Mensch auf seine Vergangenheit, seine Symptome oder seine Schutzmechanismen reduziert werden kann.
Jetzt hat Gabor Maté in einem seiner früheren Bücher (2019) von sieben A´s gesprochen: Acceptance, Awareness, Anger, Autonomy, Attachment, Assertion, Affirmation. Die fehlenden A´s füge ich nun diesem Artikel noch bei.
Awareness (Bewusstheit)
Awareness (Bewusstheit) bedeutet weit mehr als Achtsamkeit im klassischen Sinn. Es geht um die Fähigkeit, die emotionale Wahrheit in uns selbst und anderen wahrzunehmen, auch dann, wenn sie im Widerspruch zu Worten oder äußeren Fassaden steht. Heilung beginnt dort, wo wir wieder lernen, unserer unmittelbaren Erfahrung mehr zu vertrauen als bloßen Erklärungen oder Geschichten. Dafür sind ein paar Dinge notwendig:
- Emotionale Wahrheit erkennen. Menschen senden ständig emotionale Signale über Stimme, Mimik, Körperhaltung und Präsenz. Awareness bedeutet, diese Signale wahrzunehmen und ihre Echtheit zu erkennen, anstatt sich ausschließlich von Worten leiten zu lassen.
- Den Kontakt zum eigenen inneren Erleben wiederfinden. Viele Menschen haben in ihrer Kindheit gelernt, ihre Intuition, Gefühle und Körperreaktionen zu unterdrücken, weil diese mit den Botschaften wichtiger Bezugspersonen kollidierten. Awareness bedeutet, diesen verlorenen Kontakt wiederherzustellen.
- Dem Körper zuhören. Der Körper reagiert oft früher als der Verstand. Stress zeigt sich beispielsweise durch Anspannung, Herzklopfen, Erschöpfung, Kopfschmerzen oder innere Unruhe. Symptome sind nicht nur Störungen, sondern Hinweise darauf, dass etwas in unserem Leben Aufmerksamkeit braucht.
- Inneren Signalen vertrauen. Heilung erfordert die Bereitschaft, den eigenen Empfindungen, Bauchgefühlen und körperlichen Reaktionen wieder mehr Vertrauen zu schenken als bloßen Rationalisierungen oder den Erwartungen anderer.
Bewusstheit ist eine Übung. Awareness entsteht nicht von selbst. Sie entwickelt sich durch regelmäßiges Innehalten und die Frage: Was nehme ich gerade wahr? Was fühle ich? Wo spüre ich es in meinem Körper? Awareness bedeutet, die emotionale und körperliche Wahrheit des gegenwärtigen Moments wahrzunehmen. Sie lädt uns ein, unserer inneren Erfahrung wieder zu vertrauen und den Körper nicht als Störfaktor, sondern als wichtigen Wegweiser auf dem Weg der Heilung zu verstehen.
Autonomie
Autonomie ist die Fähigkeit, ein eigenständiges Selbst zu entwickeln und aus einem inneren Zentrum heraus zu leben. Es geht nicht um Unabhängigkeit oder Egoismus, sondern um die Erfahrung. Mein Leben gehört mir. Ich darf wahrnehmen, was ich brauche, und entsprechend handeln. Zentral dabei ist folgendes:
- Ein gesundes Selbst braucht Grenzen. Autonomie entsteht dort, wo wir zwischen uns und anderen unterscheiden können. Wer keine klaren Grenzen entwickelt, verliert leicht den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen, Werten und Entscheidungen.
- Frühe Beziehungserfahrungen prägen unsere Autonomie. Kinder brauchen Bezugspersonen, die Schutz bieten und gleichzeitig die Entwicklung eines eigenständigen Selbst fördern. Werden Grenzen wiederholt verletzt oder entsteht eine starke Verstrickung mit den Bedürfnissen anderer, kann die Entwicklung von Autonomie erschwert werden.
- Mangelnde Autonomie erzeugt Stress. Wenn Menschen das Gefühl haben, ihr Leben nicht selbst gestalten zu können, entsteht oft chronischer Stress. Dieser kann sich in Anpassung, Hilflosigkeit, Rückzug, Widerstand oder selbstschädigendem Verhalten ausdrücken.
- Autonomie bedeutet innere Selbstbestimmung. Entscheidend ist nicht, ob wir alle äußeren Umstände kontrollieren können. Entscheidend ist, ob wir einen inneren Ort besitzen, von dem aus wir Entscheidungen treffen, Grenzen setzen und Verantwortung für unser Leben übernehmen können.
- Der Körper zeigt uns, wo Autonomie fehlt. Wenn wir unsere Bedürfnisse dauerhaft ignorieren, Konflikte vermeiden oder uns ständig anpassen, reagiert häufig der Körper. Symptome können dann als Hinweise verstanden werden, dass wichtige Grenzen oder Bedürfnisse übergangen werden.
- Heilung bedeutet, das eigene Selbst zurückzugewinnen. Wer lernt, seine Grenzen wahrzunehmen, Wünsche ernst zu nehmen und sich nicht ausschließlich über die Erwartungen anderer zu definieren, stärkt die Grundlage für psychische und körperliche Gesundheit.
Autonomie bedeutet, aus einem inneren Zentrum heraus zu leben. Sie entsteht durch die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Heilung erfordert deshalb nicht nur Mitgefühl, sondern auch die Rückgewinnung eines selbstbestimmten und klar abgegrenzten Selbst.
Attachment (Verbundenheit)
Attachment (Bindung oder Verbundenheit) beschreibt unser grundlegendes Bedürfnis nach sicheren, vertrauensvollen Beziehungen. In den frühen Bindungserfahrungen lernen wir, ob wir uns mit unseren Gefühlen zeigen dürfen, Unterstützung annehmen können und ob die Welt ein sicherer Ort ist. Diese Erfahrungen prägen nicht nur unsere Beziehungen, sondern auch unsere Gesundheit. Wichtig dabei ist hier folgendes:
- Heilung geschieht in Beziehung. Menschen sind soziale Wesen. Sichere Beziehungen vermitteln Schutz, regulieren Stress und schaffen einen Raum, in dem Entwicklung und Heilung möglich werden.
- Frühe Bindungen prägen unser Selbstbild. In den ersten Beziehungen lernen wir, ob unsere Bedürfnisse willkommen sind und ob wir liebenswert sind. Werden Nähe oder Gefühle wiederholt zurückgewiesen, entwickeln viele Menschen Schutzstrategien wie Rückzug, emotionale Distanz oder übermäßige Selbstständigkeit.
- Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Viele Menschen schützen sich vor Enttäuschung, indem sie niemanden an sich heranlassen. Heilung bedeutet jedoch, den Mut zu entwickeln, sich wieder zu öffnen und Unterstützung anzunehmen.
- Isolation belastet Körper und Psyche. Einsamkeit und fehlende emotionale Verbundenheit gehören zu den stärksten Risikofaktoren für psychische und körperliche Erkrankungen. Umgekehrt verbessern tragfähige Beziehungen häufig die Fähigkeit, mit Krankheit und Belastungen umzugehen.
- Hinter Rückzug liegt oft ein unerfülltes Bedürfnis nach Nähe. Wut, Bitterkeit oder emotionale Distanz verdecken häufig den tiefen Wunsch nach Verbindung. Werden diese Bedürfnisse erkannt und ernst genommen, entsteht Raum für echte Begegnung.
Heilung bedeutet, Verbindung wieder zuzulassen. Dazu gehört, den alten Glaubenssatz loszulassen, nicht liebenswert oder auf andere angewiesen sein zu dürfen. Verbundenheit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein menschliches Grundbedürfnis. Bindung bedeutet, sich sicher mit anderen Menschen verbunden zu fühlen. Heilung entsteht nicht nur durch die Beziehung zu uns selbst, sondern auch durch die Bereitschaft, Nähe, Unterstützung und Verletzlichkeit wieder zuzulassen. Denn wir heilen nicht ausschließlich in uns selbst, wir heilen auch in Beziehung.
Assertion (Selbstbejahung des eigenen Seins)
Assertion bedeutet mehr als Selbstbehauptung oder Durchsetzungsfähigkeit. Es ist die innere Erklärung, das Ich bin. Und ich darf so sein, wie ich bin. Unser Wert hängt nicht davon ab, was wir leisten, wie erfolgreich wir sind oder wie andere uns bewerten. Viele Menschen glauben, sie müssten ständig etwas tun oder erreichen, um wertvoll zu sein. Assertion erinnert daran, dass unser Dasein keiner Rechtfertigung bedarf. Der eigene Wert ist bedingungslos. Wir müssen unsere Existenz nicht durch Leistung, Anpassung oder Anerkennung verdienen. Unser Wert besteht unabhängig von unserer Geschichte, unseren Fähigkeiten oder den Erwartungen anderer. Identität geht tiefer als Handeln. Autonomie bedeutet, frei handeln zu können. Assertion geht einen Schritt weiter. Sie beschreibt die Freiheit, sich als Mensch anzunehmen, unabhängig davon, ob wir gerade handeln oder nicht.
Heilung entsteht nicht immer durch mehr Aktivität. Manchmal besteht sie gerade darin, den Drang loszulassen, ständig etwas tun, beweisen oder verändern zu müssen. Assertion bedeutet, den eigenen Wert nicht länger an Leistung oder Anerkennung zu knüpfen. Sie lädt uns ein, unsere Existenz nicht rechtfertigen zu müssen, sondern uns selbst als wertvoll anzuerkennen, einfach, weil wir sind.
Affirmation (Bejahung des Lebens)
Affirmation bedeutet, bewusst Ja zu dem zu sagen, was unser Leben nährt und ihm Sinn verleiht. Heilung entsteht nicht nur dadurch, Belastungen zu reduzieren, sondern auch dadurch, das zu fördern, was unsere Lebendigkeit, Kreativität und Verbundenheit stärkt. Die eigene Kreativität bejahen, bedeutet, sich auszudrücken. Jeder Mensch trägt einen inneren Impuls in sich, sich auszudrücken, sei es durch Schreiben, Kunst, Musik, Handwerk, Kochen, Gärtnern oder andere schöpferische Tätigkeiten. Diesem Impuls Raum zu geben, stärkt unsere Lebendigkeit und unterstützt Heilung.
- Sinn und Verbundenheit kultivieren. Menschen brauchen das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Diese Erfahrung kann sich in Spiritualität, Natur, Gemeinschaft oder einer tiefen Verbindung zum Leben ausdrücken. Das Erleben von Verbundenheit wirkt dem Gefühl von Isolation entgegen.
- Heilung braucht mehr als Problemlösung. Es genügt nicht, nur Schmerzen oder Symptome zu bearbeiten. Heilung bedeutet ebenso, das zu stärken, was Freude, Sinn, Hoffnung und Lebenskraft schenkt.
- Der Mensch ist mehr als Körper und Psyche. Maté betont, dass Gesundheit auf drei Säulen ruht: dem Körper, der Psyche und einer Erfahrung von Sinn oder spiritueller Verbundenheit. Werden eine oder mehrere dieser Ebenen dauerhaft vernachlässigt, gerät das innere Gleichgewicht aus der Balance.
Affirmation bedeutet, das Leben bewusst zu bejahen, durch Kreativität, Sinn und Verbundenheit. Heilung entsteht nicht allein durch das Lösen von Problemen, sondern ebenso durch die bewusste Hinwendung zu dem, was unsere Lebendigkeit nährt und unser Leben als sinnvoll erfahren lässt.
Fazit - Heilung beginnt mit einer neuen Beziehung zu uns selbst
Zusammen ergeben diese Qualitäten ein umfassendes Bild heilender Selbstfürsorge. Selbstfürsorge bedeutet nicht nur, etwas Angenehmes für sich zu tun. Sie bedeutet, eine Beziehung zu sich selbst aufzubauen, in der Wahrheit, Sicherheit, Mitgefühl und Entwicklung möglich werden. Heilung geschieht nicht, weil wir uns zwingen, anders zu werden. Sie geschieht, wenn wir Bedingungen schaffen, unter denen das, was in uns lebendig ist, wieder erscheinen darf. In seinem früheren Buch When the Body Says No beschreibt Gabor Maté (2019) sieben heilungsfördernde Qualitäten. Die 7 A's: Acceptance, Awareness, Anger, Autonomy, Attachment, Assertion und Affirmation. Fast zwanzig Jahre später verdichtet er dieses Modell in The Myth of Normal (2022) zu den 4 A's: Authenticity, Agency, Anger und Acceptance, ergänzt durch die Five Compassions. Die späteren vier A's ersetzen die früheren sieben jedoch nicht. Vielmehr bündeln sie deren Essenz und erweitern sie um eine stärker beziehungsorientierte und mitfühlende Perspektive.
| When the Body Says No (2003) | The Myth of Normal (2022) | Entwicklung |
| Acceptance | Acceptance | bleibt unverändert erhalten |
| Awareness | Authenticity | Bewusstheit wird Teil authentischer Selbstwahrnehmung |
| Anger | Anger | bleibt unverändert erhalten |
| Autonomy | Agency | wird zu Selbstwirksamkeit und bewusster Handlungsfähigkeit erweitert |
| Attachment | Five Compassions | Verbundenheit wird zu einer umfassenderen Haltung des Mitgefühls |
| Assertion | Authenticity + Agency | Selbstbejahung und Selbstausdruck werden integriert |
| Affirmation | Compassion of Possibility | die Bejahung des Lebens und menschlichen Potenzials wird in die Haltung des Mitgefühls eingebettet |
Unabhängig davon, ob wir den sieben oder den vier A's folgen, weisen sie alle in dieselbe Richtung. Heilung beginnt dort, wo wir den Kontakt zu uns selbst wiederfinden. Sie lädt uns ein, authentisch zu leben, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, unsere Grenzen zu schützen, uns selbst mit Mitgefühl zu begegnen und die Verbindung zu anderen Menschen sowie zu dem, was unserem Leben Sinn verleiht, wieder zu entdecken. Heilende Selbstfürsorge ist damit keine Methode und kein kurzfristiges Programm. Sie ist eine innere Haltung, eine Haltung, die uns Schritt für Schritt den Weg zurück zu uns selbst eröffnet.
Literatur:
- Maté, Gabor (2019). When the body says no. The cost of hidden stress. London: Penguin
- Maté, Gabor (2022). The myth of normal. Illness, health and healing in a toxic culture. London: Penguin
Bilder:
- Foto von Vije Vijendranath auf Unsplash

