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Rückfall als Prozess

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Eigentlich sind wir so programmiert, dass wir die Kapitäne unseres eigenen Schiffes sind. Wir entscheiden über den Kurs, wir setzen die Segel, wir bestimmen das Ziel. Doch was passiert, wenn das Steuer plötzlich klemmt? Wenn der Kapitän zwar laut „Stopp!“ ruft, das Schiff aber mit voller Kraft weiter auf den Eisberg zusteuert? Hier steht ein Mensch, der eigentlich schon lange nicht mehr will. Der Kopf sagt Nein, das Herz ist müde, aber die Sucht, dieser unsichtbare Mitbewohner, hat die Hausschlüssel gestohlen und die Schlösser ausgetauscht. Es ist die pure Paradoxie des Lebens. Der Mensch besitzt die Sucht nicht mehr, die Sucht besitzt den Menschen. Man fragt sich unweigerlich. Wo ist der Moment verloren gegangen, in dem man selbst noch das Sagen hatte? Was ist da in der Tiefe passiert, dass aus einem „Ich gönne mir das mal“ ein „Ich kann ohne das nicht mehr atmen“ wurde? Begeben wir uns auf die Suche nach dem Punkt, an dem die Kontrolle die Seiten gewechselt hat. Und dafür möchte ich auf die Implikationen des Marlatt-Modells für die Behandlung von THC- und Nikotinkonsum aufmerksam machen.

Der wiederholte Rückfall in substanzbezogenes Verhalten stellt eines der zentralen Probleme in der Suchtbehandlung dar. Insbesondere bei Substanzen wie Nikotin und Cannabis zeigt sich, dass viele Betroffene trotz klarer Änderungsmotivation nicht in der Lage sind, dauerhaft abstinent zu bleiben. Klassische Vorstellungen, den Rückfall als punktuelles Scheitern zu interpretieren, greifen zu kurz. Das kognitiv-behaviorale Rückfallmodell von Marlatt bietet eine differenziertere Perspektive. Rückfall wird nicht als isoliertes Ereignis verstanden, sondern als dynamischer, mehrstufiger Prozess, der durch das Zusammenspiel situativer, kognitiver und emotionaler Faktoren entsteht (Larimer et al., 1999; Hendershot et al., 2011). Ziel dieses Artikels ist es, auf Basis zentraler Arbeiten von Marlatt und Kolleg:innen zu analysieren, warum ein Mensch trotz Änderungswunsch weiter konsumiert und welche konkreten Interventionen sich daraus ableiten lassen.

Theoretische Grundlagen

Es spricht vieles für eine Abkehr vom Ereignismodell zugunsten eines Prozessmodells. Das Marlatt-Modell stellt einen grundlegenden Paradigmenwechsel dar. Rückfall ist kein einmaliger Kontrollverlust, sondern das Ergebnis einer Kette von Entscheidungen und Zuständen (Larimer et al., 1999). Diese Perspektive wird in neueren Arbeiten weiterentwickelt, die Rückfall als nicht-linearen, dynamischen Prozess verstehen, der durch kontinuierliche Interaktionen verschiedener Variablen geprägt ist (Collins et al., 2010).

Proximale und Distale Faktoren

Dabei gibt es proximale und distale Faktoren. Das ist ein zentrales Konzept in dem Marlatt-Modell. Proximale Faktoren sind unmittelbar wirksam. Diese Faktoren umfassen Hochrisikosituationen, Coping, Selbstwirksamkeit, Erwartungen und den Abstinenzverletzungseffekt. Distale Faktoren im Gegenzug sind eher wie Hintergrundvariablen. Dazu zählen unter anderem der Lebensstil, Stress, emotionale Belastung und aber auch scheinbar irrelevante Entscheidungen. Diese distalen Faktoren bereiten Rückfälle häufig lange im Voraus vor (Hendershot et al., 2011).

Nicht-Linearität

Aus einer dynamischen Systemperspektive sind Rückfälle nicht-linear. Auch kleine Veränderungen können große Effekte haben (= Tipping Points). Zudem entsteht Verhalten auch durch Rückkopplungsschleifen. Beispielsweise kann Stress zu erhöhtem Craving führen, was wiederum die Selbstwirksamkeit reduziert und maladaptives Verhalten verstärkt (Collins et al., 2010).

Der Rückfallprozess

Im Folgenden möchte ich den Rückfallprozess systematisch analysieren, mit besonderem Fokus auf die eingangs erwähnte Person, die regelmäßig THC und Nikotin konsumiert und aufhören möchte.

Phase 1: Verdeckte Vorbereitung

Der Rückfallprozess beginnt oft lange vor dem eigentlichen Konsum: steigender Stress, Vernachlässigung von Selbstfürsorge, zunehmende emotionale Belastung sowie „scheinbar irrelevante Entscheidungen“ (= SIC, seemingly irrelevant choices). Diese Phase ist besonders tückisch, da sie häufig unbewusst verläuft (Larimer et al., 1999). Ergänzend lässt sich diese Phase weiter differenzieren in eine distale Vorphase und eine beginnende Gewohnheitsverschiebung. Neben offensichtlichen Belastungen spielen auch subtile Veränderungen im Lebensstil eine Rolle: Schlafverschiebungen, reduzierte Erholung, soziale Rückzüge oder das Wiederaufsuchen früherer Konsumkontexte. Diese Faktoren erhöhen die Grundvulnerabilität, ohne dass bereits ein bewusster Konsumimpuls vorliegt. Für die betroffene Person bedeutet das. Der Rückfall beginnt nicht beim Griff zur Zigarette oder zum Joint, sondern bereits bei chronischer Überforderung, Schlafmangel oder sozialer Isolation. In dieser Phase entstehen zudem erste Rückkopplungsschleifen zwischen Stress, Emotionsregulation und Erwartungshaltungen an Substanzen.

Phase 2: Cue-Aktivierung und Hochrisikosituation

Eine Hochrisikosituation ist ein konkreter Auslöser, etwa negative Emotionen (Stress, Frustration), soziale Konflikte oder Umweltreize (z.B. Konsumkontexte). Empirisch zeigt sich, dass insbesondere negative Affekte starke Prädiktoren für Rückfall sind (Collins et al., 2010). Ergänzend ist hier entscheidend, dass Hochrisikosituationen nicht nur „äußere Ereignisse“ sind, sondern häufig durch automatisierte Cue-Reaktivität vorbereitet werden. Bestimmte Orte, Tageszeiten oder innere Zustände (z.B. Müdigkeit, Anspannung) aktivieren konditionierte Konsumnetzwerke, oft noch bevor eine bewusste Entscheidung entsteht. Damit verschiebt sich die Dynamik. Nicht die Situation allein ist kritisch, sondern ihre assoziative Kopplung an früheren Konsum.

Phase 3: Coping, Mikroentscheidung und Selbstwirksamkeit

In dieser Phase entscheidet sich der weitere Verlauf: effektives Coping —> Stabilität, ineffektives Coping —> erhöhtes Risiko. Selbstwirksamkeit spielt dabei eine Schlüsselrolle. Personen, die glauben, schwierige Situationen bewältigen zu können, haben ein signifikant geringeres Rückfallrisiko (Hendershot et al., 2011). Ergänzend tritt hier ein oft unterschätzter Mechanismus auf: die Mikroentscheidung im Sekundenbereich. Zwischen Impuls und Handlung entsteht ein kurzes kognitives Fenster, in dem sich das Verhalten entweder stabilisiert oder in Richtung Konsum verschiebt. Typische innere Prozesse sind Rechtfertigungen wie „nur heute“, „ich brauche das kurz“ oder „morgen höre ich wieder auf“. Diese sogenannten kognitiven Rationalisierungen dienen der Spannungsreduktion und markieren häufig den Übergang von Impuls zu Handlung.

Phase 4: Craving, Verzögerungsfenster und kognitive Verzerrungen

Das Verlangen (Craving) steigt an und wird begleitet von positiven Erwartungen („Das hilft mir jetzt“), selektiver Wahrnehmung und kurzfristigem Denken. Craving wird als dynamische, kontextabhängige Variable verstanden, die abrupt ansteigen kann (Collins et al., 2010). Wichtig ist hierbei die Ergänzung, dass Craving typischerweise wellenförmig verläuft. Es erreicht einen Peak und nimmt, sofern es nicht durch Verhalten verstärkt wird, oft wieder ab. Zwischen Impuls und Handlung liegt daher ein kritisches Verzögerungsfenster, in dem die Intensität des Cravings zwar hoch, aber nicht stabil ist. In diesem Fenster entscheidet sich häufig, ob ein Impuls in Verhalten umgesetzt wird oder nicht. Gerade bei Nikotin und THC ist dieser Prozess besonders relevant, da beide Substanzen kurzfristig stark verstärkende Effekte auf Stress- und Affektregulation haben.

Phase 5: Lapse (Ausrutscher)

Ein erster Konsum stellt noch keinen vollständigen Rückfall dar. Entscheidend ist die anschließende Bewertung. Ergänzend ist wichtig, den Lapse nicht als isoliertes Ereignis zu verstehen, sondern als Kontinuum innerhalb einer Konsumsession. Gerade bei THC kann bereits ein erster Zug eine Kaskade weiterer Konsumhandlungen auslösen, insbesondere wenn der Kontext (Ort, Stimmung, Verfügbarkeit) stabil bleibt. Entscheidend ist daher auch, ob ein Kontextwechsel stattfindet oder nicht.

Phase 6: Abstinenzverletzungseffekt (AVE)

Der Abstinenzverletzungseffekt beschreibt eine maladaptive Reaktion auf einen Ausrutscher: Schuld, Scham und Selbstabwertung. Diese Reaktion führt häufig zu weiterem Konsum und schließlich zum Rückfall (Hendershot et al., 2011). Ergänzend lässt sich der AVE als Identitätskonfliktprozess verstehen. Der Ausrutscher wird nicht nur als Verhalten bewertet, sondern als Beweis gegen die eigene Selbstdefinition („Ich bin jemand, der aufhört“). Diese kognitive Verschiebung verstärkt die Wahrscheinlichkeit eines Kontrollverlusts, da der ursprüngliche Abstinenzrahmen subjektiv als „gebrochen“ erlebt wird.

Phase 7: Rückfall und Re-Entry-Dynamik

Der Rückfall ist das Endprodukt eines Prozesses, nicht dessen Ausgangspunkt. Gleichzeitig wird betont, dass Rückfälle Teil des Lernprozesses sein können (Larimer et al., 1999). Ergänzend ist entscheidend, den Rückfall nicht als Endpunkt zu betrachten, sondern als Ausgangspunkt einer Re-Entry-Phase, die oft innerhalb der ersten 24–72 Stunden nach dem Konsum beginnt. In dieser Phase entscheidet sich, ob der Rückfall in einen stabilen Konsum übergeht oder eine schnelle Re-Stabilisierung der Abstinenz erfolgt. Typisch sind hier entweder Rückzug, erneute Konsumaktivierung und Habit-Reaktivierung oder kognitive Neubewertung, funktionale Analyse und erneute Selbstverpflichtung.

Diese Phase ist therapeutisch besonders bedeutsam, da hier die Dynamik entweder stabilisiert oder unterbrochen wird. Aus dem Modell ergeben sich mehrere zentrale Erklärungen:

  • Emotionale Dysregulation: Substanzkonsum dient oft der kurzfristigen Emotionsregulation. Negative Affekte sind einer der stärksten Rückfallprädiktoren (Collins et al., 2010).
  • Geringe Selbstwirksamkeit: Wiederholte Misserfolge führen zu der Überzeugung: „Ich schaffe das nicht“.
  • Konditionierte Reize: Orte, Situationen und Routinen lösen automatisiertes Konsumverhalten aus.
  • Dynamische Instabilität: Das Verhalten schwankt zwischen Abstinenz und Rückfallnähe. Kleine Veränderungen können das System kippen.
  • Fehlinterpretation von Ausrutschern: Der AVE verstärkt Rückfälle durch kognitive Verzerrungen.

Was ist konkret zu tun?

Auf Basis der Studien lassen sich evidenzbasierte Maßnahmen ableiten. Es fängt mit früher Intervention an (also die distale Ebene): Lebensstil stabilisieren, Stress reduzieren, soziale Unterstützung aufbauen. Ziel ist es die Grundvulnerabilität zu reduzieren (Hendershot et al., 2011).

Wie gehe ich mit Hochrisikosituationen um?

Trigger identifizieren, dann Notfallpläne entwickeln („Wenn X, dann Y“) und zusätzlich Exposition vermeiden oder strukturieren. Ein Coping-Training, in dem konkrete Verhaltensstrategien (z.B. Ortswechsel, Gespräche) oder kognitive Strategien („Ich halte das aus“) trainiert werden ist ein zentraler Schutzfaktor im Modell (Larimer et al., 1999). Die Emotionsregulation (Stressmanagement, Achtsamkeit, alternative Belohnungssysteme) darf dabei auch nicht fehlen. Sie kann dabei unterstützen, wie mit dem Craving umgegangen wird, wenn es zu „Urge Surfing“ kommt. Hier helfen Beobachtung statt Reaktion und eine zeitliche Distanzierung. Mit der kognitiven Umstrukturierung können Erwartungen an Substanzen hinterfragt werden und dysfunktionale Gedanken identifiziert werden.

Zum Umgang mit Ausrutschern ist zu sagen, dass AVE zu vermeiden, hilfreich ist. Genauso hilfreich ist eine funktionale Analyse statt Selbstverurteilung. Ein Ausrutscher kann sogar zur Stabilisierung beitragen, wenn er konstruktiv verarbeitet wird (Hendershot et al., 2011).

Integration: Ein systemischer Ansatz

Die zentrale Erkenntnis der neueren Forschung ist. Rückfallprävention bedeutet nicht nur Verhaltenskontrolle, sondern Systemstabilisierung. Das umfasst die emotionale Ebene, die kognitive Ebene, die soziale Ebene, die situative Ebene. Die Therapie muss daher dynamisch, individualisiert und prozessorientiert sein (Collins et al., 2010).

Fazit

Das Marlatt-Modell zeigt eindrücklich, warum ein Mensch trotz Änderungswunsch weiter konsumiert. Rückfall ist kein Zeichen mangelnden Willens, sondern das Ergebnis eines komplexen, dynamischen Prozesses. Die entscheidenden Hebel liegen in frühzeitiger Intervention, Stärkung von Coping und Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation und konstruktivem Umgang mit Ausrutschern. Damit wird deutlich: Der Weg aus der Abhängigkeit besteht nicht in der Vermeidung von Fehlern, sondern im kompetenten Umgang mit Risiko und Rückfallprozessen.

Literatur:

  • Collins, S. E., Witkiewitz, K., Kirouac, M., & Marlatt, G. A. (2010). Preventing Relapse Following Smoking Cessation. Current cardiovascular risk reports, 4(6), 421–428. https://doi.org/10.1007/s12170-010-0124-6
  • Hendershot, C. S., Witkiewitz, K., George, W. H., & Marlatt, G. A. (2011). Relapse prevention for addictive behaviors. Substance abuse treatment, prevention, and policy, 6, 17. https://doi.org/10.1186/1747-597X-6-17
  • Larimer, M. E., Palmer, R. S., & Marlatt, G. A. (1999). Relapse prevention. An overview of Marlatt's cognitive-behavioral model. Alcohol research & health : the journal of the National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, 23(2), 151–160.

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